Wenn die Berliner „mit viel Knusper“ essen

Die Sache mit den Bratwürsten gestaltete sich etwas schwierig. Vor der Eröffnung des Berliner Bratwursthäusle, die jetzt eineinhalb Jahre zurückliegt, hatte man sich gerade vom namensgebenden Gericht des Gasthauses viel versprochen. Das müsste doch bei den Hauptstädtern gut ankommen, lautete die Vermutung. Besonders dann, wenn die Würste auf einem verglasten Showgrill mitten im Gastraum brutzeln.

Doch ganz so einfach war es nicht. Zwar werden die Bratwürste durchaus bestellt, aber viel besser läuft das Schäufele. Darauf seien Berliner und Touristen regelrecht versessen, weiß Geschäftsführerin Eileen Thornhill zu berichten. Auf Anhieb können sich die Besucher zwar unter dem etwas seltsamen Wort nichts vorstellen, aber die Chefin erklärt dann geduldig, dass es sich um „ein riesengroßes Stück von der Schulter vom Schwein mit ganz viel Knusper“ handelt. Das überzeugt.

„Um Gottes Willen“ rufen viele, wenn das Gericht auf den Tisch komme, sagt Eileen Thornhill. So groß haben sie sich das Schäufele dann doch nicht vorgestellt, zumal es mit 11,90 Euro inklusive Kloß für Berliner Verhältnisse nicht allzu teuer ist. Sehr oft müssen die Köche die Reste, die die Gäste nicht geschafft haben, einpacken. Das ist dann zu Hause gleich das nächste Mittag- oder Abendessen.

Das Bratwursthäusle liegt im teuren, von vielen früheren Westdeutschen bewohnten Viertel Prenzlauer Berg, genauer: in der Sredzkistr. 30. Die Firma Tucher hat die Wirtschaft mit viel Holz und mit Schildern wie „Albrecht-Dürer-Platz“ und „Hauptmarkt“ möglichst originalgetreu gestaltet. Es soll eine Art Nürnberger Botschaft in Berlin sein – Oberbürgermeister Ulrich Maly und etliche Abgeordnete waren schon da.

Der Prenzlauer Berg und speziell diese Ecke ist aber für die Gastronomie nicht ganz unproblematisch. Es gibt nicht so viel Laufkundschaft wie in Mitte oder am Ku´damm. Außerdem wohnen hier viele junge Akademiker mit Kindern, die derzeit eher in Richtung vegetarisches oder veganes Essen orientiert sind. Da kann man mit sauren Zipfeln nicht unbedingt punkten, weswegen als Alternative in der Regel ein Fischgericht angeboten wird. Im Sommer können die Gäste an Tischen draußen vor dem Wirtshaus sitzen. Uwe Siegemund, der gemeinsam mit seiner Frau Eileen Thornhill das Bratwursthäusle betreibt, überlegt sogar, einen kleinen Maibaum aufstellen zu lassen. Lokalkolorit ist immer gut. Die Konkurrenz schläft nicht in Berlin, wo so gut wie jede Regionalküche der Erde angeboten wird.

Immerhin zwei Kabinettsmitglieder Angela Merkels waren schon hier: Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, den der fränkische Gasthausexport als Fürther besonders interessiert haben dürfte, und Arbeitsministerin Andrea Nahles. Viele Gäste haben irgendeine Verbindung zu Franken. Entweder haben sie mal in Nürnberg oder Erlangen gearbeitet oder Verwandte leben dort.

Eine Frage ist noch offen: Warum eigentlich gehen die Bratwürste nicht ganz so gut wie erwartet? Darauf hat Eileen Thornhill längst eine Antwort gefunden. Der Berliner sei es eben gewohnt, Würste im Gehen zu essen, auf der Straße. Und davon sei er nicht so leicht abzubringen. In Sachen Sturheit gleichen sich Franken und Berliner.