Der Nürnberger bleibt gern daheim

Die gebürtigen Berliner sind in ihrer Stadt schon lange nicht mehr die Hausherren. Sie stellen nur noch knapp die Hälfte der 3,6 Millionen Einwohner. Der Rest sind Zuwanderer aus Deutschland und aus dem Rest der Welt. Das erklärt auch, warum der Berliner Dialekt gar nicht mehr so oft zu hören ist.

 

Schon vor der Wiedervereinigung zog es viele Menschen hierher – in das alte West-Berlin. Das waren zum Teil Individualisten, die den Inselcharakter der Stadt schätzten, aber auch junge Männer, die auf diese Weise dem Wehrdienst entkamen. Andere ließen sich von der üppigen Wirtschaftsförderung anlocken.

 

Nachdem Berlin wieder Hauptstadt wurde, kamen sie erst recht in Scharen. Sie fanden einen Job als Kulturschaffende, Parlaments- und Regierungsmitarbeiter, Lobbyisten und Journalisten oder sie studierten hier. Selbst unter jungen Israelis gilt Berlin als ein Ort, an dem man gerne mal ein paar Jahre seines Lebens verbringen kann – und das trotz der dramatisch belasteten Vergangenheit und der weiten Entfernung.

 

Der Abstand zwischen „Ureinwohnern“ und Zugewanderten wird aktuellen Prognosen zu Folge noch stark zunehmen. Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) rechnet damit, dass Berlin in zehn Jahren insgesamt vier Millionen Bürger haben könnte, und da sind nicht einmal alle Flüchtlinge eingerechnet, die noch kommen werden. Wo diese 400.000 Neuzugänge wohnen sollen, das kann im Moment noch niemand beantworten. Erst allmählich ziehen privater und sozialer Wohnungsbau etwas an.

 

Angesichts der starken Zuwanderung stellt sich natürlich die Frage, woher denn eigentlich all diese Neu-Bürger stammen. Die Tageszeitung Berliner Morgenpost hat eine interaktive Karte entwickelt („Zugezogenen-Atlas“), auf der man das Stadt für Stadt nachvollziehen kann. Die erstaunliche Erkenntnis daraus: Nürnberg ist deutlich unterrepräsentiert.

 

Aus der fränkischen Metropole hat es 3622 Frauen und Männer nach Berlin verschlagen. Das klingt erst einmal gar nicht so schlecht. Damit liegt Nürnberg aber nur auf Platz 57 der Herkunftsstädte. Dabei ist es doch in der Rangliste der deutschen Großstädte die Nummer 14. Nürnberg liegt vor dem vietnamesischen Hanoi (23 Menschen weniger) und dem badischen Karlsruhe (drei Menschen mehr).

 

Der Nürnberger scheint gerne daheim zu bleiben, anders ist das kaum zu erklären. Erheblich kleinere deutsche Städte wie Bielefeld (328.000 Einwohner), Kassel (192.000) und Heidelberg (150.000) haben für mehr Zustrom nach Berlin gesorgt. An der Entfernung kann es auch nicht liegen, denn selbst aus Freiburg – exakt am anderen Ende der Republik gelegen – stammen mehr Neu-Berliner als aus Nürnberg. Dabei sind es von Freiburg in die Hauptstadt knapp doppelt so viele Kilometer wie aus Nürnberg.

 

Auch das Ausland schlägt die fränkische Metropole. Es gibt in der deutschen Hauptstadt mehr Menschen, die aus Breslau, Teheran, Beirut und Istanbul hierher gezogen sind, als solche, die in Nürnberg geboren wurden. Auf den ersten drei Plätzen stehen übrigens Hamburg, Dresden und Leipzig. Dass unmittelbar danach Leipzig und Potsdam folgen, ist wohl am ehesten mit der Nachbarschaft dieser Städte zu erklären.

 

Nimmt man allerdings ganz Mittelfranken zusammen, dann sehen die Zahlen wieder besser aus. Der Regierungsbezirk dürfte an die Hauptstadt knapp 10.000 Menschen abgegeben haben. Dazu tragen neben Nürnberg in erster Linie Erlangen (1458 Auswanderer) und Fürth (603) bei, aber auch kleinere Gemeinden wie Forchheim (222) und Schwabach (141) sind noch ganz ordentlich vertreten.