Zu Besuch bei Toten (12): Theodor Fontane

 

Irgendwo da unten liegt er. Und zwar seit 116 Jahren. Doch den exakten Standort der sterblichen Überreste von Theodor Fontane kennt niemand. Kein Friedhofswärter, kein Archivar, kein Vermessungsbeamter. Denn der Friedhof II der Französischen Gemeinde zu Berlin wurde in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges schwer bombardiert und dabei regelrecht umgepflügt. Aber trotzdem gibt es heute ein Fontane-Grab.

Besucher werden es gar nicht bemerken, dass hier etwas nicht stimmt. Für sie sieht das – nachgebaute – Doppelgrab von Theodor und Emilie Fontane so aus, als ob nie etwas daran verändert worden wäre. Es ist bestens gepflegt. Die Grabsteine sind blank poliert. Sogar ein Grablicht hat jemand angezündet.

Dem bekanntesten Schriftsteller Berlins und Brandenburgs ist auf dem Friedhof an der Liesenstraße eine besondere Ehre zuteil geworden. Er hat eine eigene kleine Gedenkstätte erhalten. In dem Raum wird auf Leuchtsäulen erklärt, welch ein vielseitiger Mann Theodor Fontane war – als studierter und praktizierender Apotheker, als Romanautor („Effi Briest“, „Der Stechlin“), als Journalist und als Reiseschriftsteller („Wanderungen durch die Mark Brandenburg“).

Allzu viele Besucher verirren sich nicht in diese Gegend, die ein wenig abseits der Touristenströme liegt. Während des Kalten Krieges lag der Friedhof im Niemandsland und war kaum zugänglich. Vom Bahnhof Friedrichstraße aus sind es drei Kilometer, die wenig attraktive Chausseestraße entlang.  Aber wer diesen ruhigen Ort einmal entdeckt hat, der bleibt gerne auch länger, wie ein Eintrag im Gästebuch beweist: „Nur durch Zufall bin ich auf diesen Friedhof gekommen. Ich bin hier seit über zwei Stunden unterwegs und genieße die Ruhe hier, da lese ich das Schild an der Tür. Theodor Fontane, ein großer Mann – ich bin stolz, sagen zu können, dass ich hier war.“

PASSEND ZUM THEMA: MEINE ANDEREN BESUCHE BEI BERLINER TOTEN:

Ferdinand Sauerbruch – ein Grabstein ohne Doktor, Professor, Chefarzt

Loriot – das Grab mit den gelben Quietsche-Entchen

Marlene Dietrich – eine Diva im Reihengrab

Bertolt Brecht – der größere Grabstein für den Dichter, der kleinere für die Frau

Rio Reiser – ein Grab wie ein Souvenirladen

Robert Koch – im eigenen Büro begraben

Gemeinschaftsgrab für Obdachlose – wenigstens den Namen mit in den Tod nehmen

E.T.A. Hoffmann – Gespenstisches vom Herrn Kammergerichtsrat

Heinrich von Kleist – gestorben am Wannsee, begraben am Wannsee

Willy Brandt – ein Grab mit Sitzbank für Verehrer