Geheime Orte in Berlin (13): Besuch im Nürnberger Eck. Wer hat an der Uhr gedreht?

Wer hier eine Übernachtung bucht, der bucht im Grunde gleich eine Zeitreise von gut 90 Jahren mit.

Die Frühstückspension „Nürnberger Eck“ – eines der früher typischen, jetzt selten gewordenen Berliner Etagenhotels – existiert seit den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und manches hat sich seitdem gar nicht verändert. Weder wurde eine Wellnessabteilung eingebaut noch hängen an den Decken Lampen von Stardesignern. Blumentapeten, Stuck, Dielenböden und hohe Räume bestimmen das Erscheinungsbild. Die Ausstattung stammt komplett aus dem vergangenen Jahrhundert, die modernen Zimmertelefone und ein paar andere Kleinigkeiten ausgenommen.

Jedes der acht Zimmer (Preis pro Doppelzimmer mit Dusche und WC etwa 90 Euro) hat seinen eigenen Stil – mit Möbeln aus den 30er, 50er, 60er Jahren. Den Aufwand, diese Stücke zu erhalten, sollte man nicht unterschätzen, sagt Betreiberin Helga Baalmann. Denn „alt“ könne sehr schnell auch „schmuddelig“ bedeuten, wenn man sich nicht darum kümmere. Der Eigentümerin würde das natürlich niemals einfallen, denn „ich betrachte die Zimmer als meine Kinder“. Und so wie Kinder unterschiedliche Zuneigung brauchen („Mal machen sie Freude, mal machen sie Sorgen“), so hat auch Helga Baalmann eine besondere Beziehung zu jedem Raum.

Die Chefin kann praktisch kein Zimmer betreten, ohne irgendetwas gerade zu rücken oder kritisch in eine Ecke zu blicken. Sie ist Generaldirektorin, Buchhalterin, Hausdame und Frühstückschefin in einer Person. Viele Gäste kennt sie seit Jahren. Wem der Stil der Hauses zusagt, der kommt immer wieder. Inzwischen, so glaubt sie, erkennt sie schon beim Erstkontakt am Telefon, ob sich jemand im Nürnberger Eck wohl fühlt oder nicht.

Der Gymnasiallehrerin war ihr Beruf zu langweilig geworden, weswegen sie sich in den 70er Jahren mit einer Bekannten dafür entschied, die Künstlerpension zu betreiben. Inzwischen macht sie das alleine. Bei den Vorbesitzern handelte es sich um ein Artistenpaar, das sich zur Ruhe gesetzt und sein Geld in die Pension investiert hatte. Da konnte es schon vorkommen, dass der Chef erst mal mit den Brötchenkörben jonglierte, bevor er das Frühstück servierte. In diesem Punkt konkurriert Helma Baalmann – bei aller Wertschätzung der Geschichte des Hauses – nicht mit ihm.

Einer der Stammgäste in früheren Jahren war der Schauspieler Gert Fröbe. Immer wenn er in Berlin zu drehen hatte, kam der Filmstar (bekannteste Rolle: „Goldfinger“ im James Bond) ins Nürnberger Eck. Er wurde wie ein Familienmitglied behandelt. Zwar ist Fröbe schon seit 25 Jahren tot. Doch sollte er heute die Frühstückspension betreten, er würde mühelos sein ehemaliges Zimmer wiedererkennen. Seit seinem letzten Besuch hat sich nicht sehr viel verändert.