Zu Besuch bei Toten (8): Heinrich von Kleist

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Es dauert ein wenig, von Berlins touristischer Mitte an den Kleinen Wannsee zu kommen. Und es kann fast noch einmal so lange dauern, bis man dort,  hinter Bäumen versteckt, ein kleines, von einem schmiedeeisernen Zaun eingefriedetes Grundstück mit Grabstein findet. Das liegt unter anderem an der miserablen Beschilderung. Einige Nachbarn haben sich bereits erbarmt und selbst ein provisorisches Hinweisschild angebracht.

Dann aber sind wir endlich angekommen am berühmtesten Grab der Hauptstadt  – und zugleich an einem der kleinsten Berliner Friedhöfe. Hier sind nämlich nur zwei Menschen begraben: Der Dichter Heinrich von Kleist und seine Freundin Henriette Vogel. Am Nachmittag des 21. November 1811 spazierten die beiden an den kleinen Wannsee, ließen sich von Bediensteten einer nahen Wirtschaft einen Tisch bringen, tranken unter freiem Himmel Kaffee. Dann erschoss  Heinrich von Kleist zunächst seine krebskranke Gefährtin und dann sich selbst.Sie wurden gleich hier bestattet, weil man Selbstmörder damals nicht auf einem kirchlichen Friedhof aufnehmen wollte.

Noch heute rätseln Kleist-Freunde und Forscher darüber, warum es so weit kommen musste mit einer der genialsten deutschen Dichter. War es ein Akt der Verzweiflung wegen seiner schriftstellerischen Misserfolge? War es sein immer wieder geäußerter Lebensüberdruss? In jedem Falle war es eine höchst dramatische  Inszenierung.  Seine eigenen letzte Worte an die Lieblingsschwester lauteten so:

An Fräulein Ulrike von Kleist Hochwohlgeb. zu Frankfurt a. Oder.

Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen anderen, meine teuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. Laß sie mich, die strenge Äußerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist, laß sie mich zurücknehmen; wirklich, Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß.

Stimmings bei Potsdam
d. – am Morgen meines Todes.
Dein
Heinrich.

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Loriot – das Grab mit den gelben Quietsche-Entchen

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3 Kommentare in “Zu Besuch bei Toten (8): Heinrich von Kleist

  1. Das freut mich, vielen Dank! Beim Blog ist ja der Vorteil (manchmal auch der Nachteil), dass man immer alles finden und nachlesen kann.

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