Zu Besuch bei Toten (7): E.T.A. Hoffmann

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann hätte sich bestimmt darüber gefreut: Als ich – fast auf den Tag genau 190 Jahre nach seinem Tod – sein Grab auf dem Friedhof der Jerusalem- und Neuen Kirche in Berlin-Kreuzberg suche und es partout nicht finden kann, da taucht plötzlich, wie vom Himmel gefallen, ein älterer Herr zwischen den Gräberreihen auf. Etwas unheimlich die Sache, weil es schon auf den Abend zu geht.

Ob er mir helfen könne, frage ich. Ich sei auf der Suche nach dem Grab des bekannten Schriftstellers E.T.A. Hoffmann. –  „Hoffmann? Meinen Sie den Gespenster-Hoffmann?“ sagt er,  führt mich zu dem Grab und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen ist.

So etwas hätte zu den Geschichten des gebürtigen Königsbergers, späteren Bambergers und Berliners gepasst. Ob „Der Sandmann“, „Das Fräulein von Scuderi“, „Die Serapionsbrüder“ oder „Klein Zaches, genannt Zinnober“, immer spielt bei Hoffmann das Wunderliche, das Irrlichternde, das Märchenhafte, das Überraschende eine Rolle. Das konnte in der deutschen Literaturgeschichte niemand so gut wie er. Deswegen lag meine geheimnisvolle Friedhofs-Bekanntschaft mit der Bezeichnung „Gespenster-Hoffmann“ gar nicht so falsch.

Der erste Gedanke für jeden, der dann endlich vor dem Grabstein steht: Da stimmt doch etwas nicht. Statt „E.T.A.“ ist da als Vorname „E.T.W.“ in den Stein gemeißelt. Schuld daran waren die preußischen Behörden, die es durchaus nicht dulden wollten, dass Hoffmann mit seinem selbst gewählten dritten Vornamen „Amadeus“ (aus Verehrung für Mozart) unter die Erde gebracht wurde, sondern die darauf bestanden, dass sein dritter Taufname „Wilhelm“ verwendet wurde.

Mit behördlichen Kleinlichkeiten, privaten Rechtsstreitigkeiten und Geldnot hatte E.T.A. Hoffmann bis zum Ende seines Lebens zu kämpfen. Er war einfach zu unberechenbar, zu schillernd, auch zu frech um in die damalige Zeit zu passen. Auf so viele Berufe und Leidenschaften, wie er sie hatte, bringt es heute eine ganze Abiturklasse nicht: Königlicher Kammergerichtsrat, Komponist, Kapellmeister, Schriftsteller, Zeichner, Musikkritiker, Karikaturist…  Goethe schätzte ihn nicht. Kein schlechtes Zeichen, denn bei den Guten (Heinrich von Kleist, Franz Schubert) vertat sich Goethe oft.

Und das Grab im Jahre 191 nach dem Tod? Eine eher triste Sache. Der Stein ist schlecht zu entziffern, der einzige Schmuck ist ein wuchernder Boden-Efeu. Drei Blumenvasen aus Plastik werden allerdings vorrätig gehalten, falls doch mal ein(e) Verehrer(in) vorbei schauen sollte.

PASSEND ZUM THEMA: MEINE BESUCHE BEI BERLINER TOTEN:

Loriot – das Grab mit den gelben Quietsche-Entchen

Marlene Dietrich – eine Diva im Reihengrab

Bertolt Brecht – der größere Grabstein für den Dichter, der kleinere für die Frau

Rio Reiser – ein Grab wie ein Souvenirladen

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Gemeinschaftsgrab für Obdachlose – wenigstens den Namen mit in den Tod nehmen

 

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