Ich liebe Berlin, aber „Meesta“ kann ich bald nicht mehr hören

Der Berliner hat viele angenehme Eigenschaften. Er ist nicht auf Äußerlichkeiten aus. Er gönnt dem anderen das, was er besitzt. Und er weiß die Natur mehr zu schätzen als manch einer, der mitten in ihr wohnt. Aber eine Sache macht mich verrückt am Berliner.

Er neigt dazu, sich bei jeder Gelegenheit in die Gespräche fremder Menschen einzumischen und Belehrendes von sich zu geben. Ein klassisches Beispiel erlebten wir im letzten, sehr kalten Winter. Wir waren zu dritt am Kurfürstendamm im Kino gewesen. Beim Herausgehen fröstelte es uns etwas. Also sprachen wir untereinander darüber, wie kalt es geworden sei. Wir zogen unsere Mäntel an.

Und dann passierte es: Ein Mann, den wir bisher gar nicht beachtet hatten, trat auf uns zu. Mit folgenden Worten: „Jestatten Se die Frage. Was machen’se eigentlich, wenn’s richtig Winter is?“ Peinlich berührt schwiegen wir. Erstens, weil uns keine witzige Antwort einfiel. Zweitens, weil wir der Meinung waren, dass den Kerl unsere Kleidersitten rein gar nichts angehen. Selbst wenn wir mitten im Sommer im lawinensicheren Schneeoverall durch Berlin laufen würden, wäre es unsere Privatangelegenheit.

Ich behaupte mal: Der Franke, der Hamburger, der Oberpfälzer, der Thüringer würde so etwas nie machen. Selbst wenn er sich Hundert mal darüber wundert, was – in seinen Augen – jemand komisches anstellt. Wenn man den anderen nicht kennt, dann denkt man sich seinen Teil, hält aber den Mund. Außer, jemand benimmt sich wirklich daneben oder man will ihm etwas nettes sagen.

So etwas wie die Mantel-Geschichte kann einem in Berlin gut und gerne mehrfach hintereinander passieren. An der Kasse in der Buchhandlung lässt einem der Nachbar ungefragt wissen, dass man dieses Buch vielleicht besser nicht kaufen sollte. Und ein Jogger erhält von kugelrunden Spaziergängern schon mal den Tipp, dass er anders laufen müsste, um wirklich erfolgreich zu sein.

Das schlimmste: Häufig werden solche Anmerkungen mit der  Formulierung „Meister“ bzw. „Meesta“ eingeleitet. Da weiß ich schon gleich, was danach kommen wird. Eine Belehrung natürlich. Manchmal sagt man bei der Gelegenheit auch „Junger Mann“ zu mir. Das müsste mir zwar eigentlich schmeicheln, aber seit ich beobachtet habe, dass auch Mittsiebziger mit „Junger Mann“ tituliert werden, bin ich nicht mehr ganz so stolz darauf.

1 Kommentar in “Ich liebe Berlin, aber „Meesta“ kann ich bald nicht mehr hören

Kommentare geschlossen.