Wo liegt das Atlantis der Kaffeehaus-Kultur? In Berlin.

Ich hatte in den vergangenen Jahren nicht allzu oft Anlass, folgenden Satz zu schreiben: Rolf Hochhuth hat Recht. Zu nörgelig wirkte vieles auf mich, was der weltweit bekannte Dramatiker („Der Stellvertreter“) so von sich gab. Doch jetzt ist es so weit! Ich stimme Herrn Hochhuth zu 100 Prozent zu.

Der Schriftsteller beschwerte sich kürzlich in einer seiner typischen Aufreger-Attacken darüber, wie schlecht es um die Berliner Kaffeehaus-Kultur bestellt sei. Das legendäre, vor etlichen Jahren in einen Neubau verlegte  Kaffeehaus Kranzler„Wenn man einen klo-kleinen Lift besteigt, kann man unter dem Dach noch ein Stück Torte kaufen„, sagt der Schriftsteller. Das Operncafé im Prinzessinnenpalais Unter den Linden? Seit Ende letzten Jahres geschlossen. Das Möhring am Gendarmenmarkt, in dem früher Helmut Kohl das eine oder andere Törtchen aß? Gibt´s dem Namen nach noch, ist aber mit gänzlich anderem Publikum an den Potsdamer Platz umgezogen.

Das deutlich kleinere Wien (1,7 zu 3,5 Millionen Einwohnern) hat vermutlich die zehn- bis 20fache Zahl an reizvollen Kaffeehäusern zu bieten. Rolf Hochhuth merkt in seinem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister an, dass „das zivilisatorische Niveau einer bedeutenden Metropole“ von ihren Cafés mindestens ebenso abhänge wie von Theatern und Opernhäusern. Er geißelt den Mietwucher, der in Berlin die traditionsreichen Häuser vertrieben habe. Mit Tee, Kaffee und Kakao könne man offensichtlich nicht genug Geld verdienen, um sich an attraktiven Orten zu halten. Nun sieht Hochhuth den Berliner Senat in der Pflicht, zumindest im ehemaligen, immer noch leer stehenden Operncafé für einen passenden Nachfolger zu sorgen.

Ob mit oder ohne Senatsgeld – solche Zitate wie das nachfolgende wollen wir künftig auch wieder über Berliner Kaffeehäuser lesen: „Wenn ich nicht zu Hause bin, bin ich im Hawelka. Wenn ich nicht im Hawelka bin, dann bin ich auf dem Weg ins Hawelka.“ (Alfred Schmeller, Kunsthistoriker und Museumsdirektor, *1920 in Erlangen / +1990 in Wien). Aus dem Hawelka stammen übrigens auch die Buchteln auf dem Foto.

EBENFALLS ZUR KAFFEEKULTUR: ADIEU GABBUDSCHINO, CIAO LADDEMAGGIADO!

3 Kommentare in “Wo liegt das Atlantis der Kaffeehaus-Kultur? In Berlin.

  1. Hallo Harald,
    ja, ja, in Wien bauen die Leute Häuser um ihre Kaffeemaschine um das jahrhundertealte Kulturgetränk in Ruhe und mit Bedacht genießen zu können.
    Bei uns saufen die Leute das Zeug aus dem Pappbecher und panschen auch noch Unmengen „flavour“ rein. Hauptsache „To go“.

    Von wem das Zitat ist? Von mir.

    Mit stets leckerem Gruß aus Nürnberg
    Peter

  2. Lieber Peter – ein wahres Wort. Zum Glück gibt es in Berlin noch die beiden großen Einstein-Häuser. Die retten den letzten Rest der Kaffeehauskultur. Herzliche Grüße aus Berlin, Harald

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