Dienstag, Dezember 7th, 2010 von Harald Baumer

Ich habe den Duft der Revolution gerochen

Wenn es bereits das Geruchs-Internet gäbe, wäre die Sache bedeutend einfacher. Dann müsste ich nur sagen: Riechen Sie doch selbst. So aber muss ich mich anstrengen. Also: Wie riecht das, was ich mir heute gegen 14 Uhr im Berliner Nobelkaufhaus “Quartier 206″ auf  den Rücken meiner linken Hand gesprüht habe. Süßlich, ein wenig wie Biomülltonne im Sommer. Auch Verbrennungsgeruch ist im Spiel. Anfangs kaum erträglich, nach einer halben Stunde habe ich mich daran gewöhnt.

Mein Selbstversuch galt einem Parfüm namens “Revolution”. Entworfen hat es die New Yorker Künstlerin Lisa Kirk. In der Originalversion gibt es drei Varianten: Platinum (36.000 Euro), Gold (21.000 Euro) und Silber (2700 Euro). Die Flakons ähneln einer Rohrbombe und wurden von einer Goldschmiedin entworfen. Für alle, die nicht so viel Geld haben, gibt es die Molotow-Cocktail-Version für rund 50 Euro. Die verkauft sich angeblich ganz gut.

Was das ganze soll? Lisa Kirk hatte die Idee noch in der Ära des US-Präsidenten George W. Bush. Da gefiel ihr manches nicht und sie dachte “Wenn man schon keine Revolution anstacheln kann, dann soll man sie wenigstens riechen können.” Die Konzeptkünstlerin befragte Revolutionäre, wie Revolution denn ihrer Meinung nach rieche. Sie tat sich mit einer professionellen Parfumeurin zusammen. Am Ende wurde der Geruch von Tränengas, Blut, Urin, Rauch, brennenden Reifen und Schweiß nachgebildet.

Ganz so schlimm kann es aber nicht sein. Ich bin anschließend U-Bahn gefahren. Niemand hat mich seltsam angesehen oder ist von mir abgerückt.


Kategorie: Stadtleben
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4 Kommentare

Dezember 7, 2010
Werner Motzet

>>Ganz so schlimm kann es aber nicht sein. Ich bin anschließend U-Bahn gefahren. Niemand hat mich seltsam angesehen oder ist von mir abgerückt.<<
Oder es ist noch viel schlimmer? Dass der Geruch so viel Angst verbreitet, dass sich niemand mehr "reagieren" traut? ;-)
Aber auf jeden Fall vielen Dank für die genaue Beschreibung, zu der mir nur einfällt:
Wieso: "Wenn es bereits das Geruchs-Internet gäbe.." gibt es doch, einfach oben nochmals genießen – das riecht mach doch sofort (zumindestens im Kopf).

Also nochmals vielen Dank, so macht lesen richtig spaß, bzw. im Stil der Künstlerin "Dieser Beitrag ist Platin"

Gruß aus der Kleinstadt in Südmittelfranken
Werner Motzet


Dezember 7, 2010
Harald Baumer

Sehr nett, vielen Dank! Nun, gegen Abend, habe ich mich schon fast an den Geruch gewöhnt. Was aber nicht heißt, dass ich mir das Parfüm kaufen werden. Es ist übrigens ausdrücklich unisex. Grüße von Berlin ins schöne Franken!


Dezember 8, 2010

Was ich gerne noch geklärt hätte: Ist der Duft immer der selbe und nur der Flacon ein anderer? Oder würde mein Platinum, das ich mir (nach Lottogewinn am Samstag) für 36.000 Euro zu kaufen gedenke, mehr Duftstoffe von “Tear Gas” als von “Urine” enthalten? – Fragen über Fragen!


Dezember 8, 2010
Harald Baumer

Ich würde es zu gerne sehe, wie nach Lottogewinn und Verwendung von “Revolution” alle mit verkniffenen Gesichtern sagen “Hmmm, riechst Du heute aber wieder gut”.


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