Eine Lüge gleich zu Beginn

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Herzlich willkommen in diesem Weblog! Und gleich wieder tschüss! „Unser Mann in Berlin“ ist nämlich leider eine Lüge. Und was für eine. Warum? Das will ich gerne erklären.

Gut sieben Jahre lang war ich der Meinung, in einer Stadt namens Berlin zu wohnen. Das stand zumindest auf den Ortschildern, an denen ich jedes Mal vorbeifahren musste, wenn ich von dienstlichen und privaten Reisen zurückkehrte. Vor wenigen Tagen haben mich Soziologen aufgeklärt: „Berlin“ gibt es gar nicht. Es gibt statt dessen sieben Städte – jeweils etwa von der Größe Nürnbergs –, die mehr oder weniger zufällig nebeneinander liegen und ansonsten so viel miteinander zu tun haben wie Palm Beach und Nowosibirsk. Diese Städte haben relativ hässliche Soziologennamen wie „Plattenbau-Kultur“ (die Bezirke Lichtenberg, Marzahn), „Migrationsquartier“ (Mitte) oder einfach „Nord-West“ (Reinickendorf, Spandau) erhalten. So richtig gefällt mir keiner davon, das klingt doch alles eher kalt und technisch. Wenn schon, dann würde ich gerne – wenigstens dem Namen nach – in den „Kreativ-Quartieren“ (Prenzlauer Berg u.a.) wohnen. „Unser Mann aus dem Kreativ-Quartier“ – das klänge ja auch irgendwie anspruchsvoll und würde die Kolleginnen und Kollegen vor Neid erblassen lassen.

Mein Zuhause liegt aber leider in den „Bürgerlichen Statusgebieten“ (Charlottenburg, Wilmersdorf, Tiergarten). Peinlich. Hört sich so an, als ob ich eine überhäkelte Klopapierrolle hinten im Auto liegen hätte und daheim aus England stammende, mit kleinen Krönchen verzierte Hausschuhe tragen würde. Aber es ist nun mal so, ich kann die Namensgebung der Wissenschaftler auch nicht ändern.

Interessant ist übrigens auch noch etwas anderes: Die Berliner (oder sollten wir von jetzt an sagen „the residents formerly known as Berliners“) sind in mancher Hinsicht sturer als alle anderen Deutschen. Sie sehen es zum Beispiel gar nicht ein, jemals eine der sechs anderen Berlin-Städte außerhalb ihrer eigenen Stadt Berlin zu besuchen, wenn sie nicht unbedingt müssen. Ganze Schulbusladungen von Kindern aus Charlottenburg (im Westen) waren noch nie in Hellersdorf (im Osten) und umgekehrt. So bleibt es auch ihr Leben lang, selbst wenn sie 100 Jahre alt werden. Da zieht eher ein Fürther nach Nürnberg um.

Bis bald verabschiedet sich Harald Baumer, Ihr Mann aus den bürgerlichen Statusgebieten.

 

 

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2 Kommentare in “Eine Lüge gleich zu Beginn

  1. Freut mich, Herr Baumer, dass ich über diesen Blog mehr von Ihnen und Ihren Begegnungen in der Hauptstadt erfahre.
    Ein treuer (Zeitungs-)Leser

  2. Lieber Herr Baumer – ich freue mich sehr, dass Sie nun auch mitbloggen, und wir damit die Berliner Stimme der NN auch hier im online-Bereich hören (lesen? nun ja, gut dass ich kein Journalist bin, da merkt man, wie schnell ein Bild schief wird ;-))! Ich lese Ihre Beiträge immer sehr gerne, Sie bringen auch große politische Themen sehr verständlich und „menschlich“ rüber. Machen Sie bitte auch hier so weiter – und hoffentlich hat der Web-Administrator Erbarmen und und bringt Ihre wie auch die Fotos der anderen Blogger ohne Verzerr-Effekt auf diese Seite, viele Grüße,

    Petr Ashkany

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