HF2: Ein Fehler zu viel

Plötzlich war da nur noch der EHC. Es ist eine der letzten Traditionen, dass die Fans der Thomas Sabo Ice Tigers den Stammverein der Profi-GmbH hochleben lassen. Und als die Anhänger des orangefarbenen EHC, auf ihren orangefarbenen Schalensitzen, in ihren orangefarbenen Fantrikots der ewigen Playoff-Spiele gegen Nürnberg offenbar überdrüssig eine Pause einlegten, übernahm die Besatzung der sechs Busse aus Franken die Stimmungshoheit in der Eis-Arena am Allersee. „Nur der EHC“, begannen die Fans aus Nürnberg mit dem Bully zum zweiten Drittel zu singen, eingeleitet mit einem schmissigen Olé, Olé´, Olé, unterbrochen vom zweimaligen Torjubel. Hätten die Ice Tigers das zweite Halbfinalspiel nach einem 0:3 noch gewonnen, es wäre auch der Sieg der Nürnberger Fans gewesen. So müssen sie am Freitag wiederkommen. Müssen wir ja alle. Weiter lesen

VF6: Die Wiedergeburt

Foto: Zink/Matthias Winter

Rob Wilson war noch immer verwundert. Dieser große Kanadier, der seine Sätze immer mit „you know what?“ einleitet und dessen Stimme dabei stets klingt, wie Lemmy Kilmisters Stimme an schlechten Tagen, war der Meinung, am Freitag ein dominantes Playoff-Spiel seiner Mannschaft gesehen zu haben – bis ihm Fans und Edelfans direkt und indirekt erklärten, wie schlecht seine Ice Tigers doch eigentlich gespielt hatten. Und so stand er immer noch kopfschüttelnd vor dem Curt-Frenzel-Stadion, kurz nachdem er dieser ständig an seiner Eishockey-Mannschaft zweifelnden Stadt mit seiner famosen Mannschaft ein einzigartiges Erlebnis geschenkt hatte. Aber vielleicht war die Lehre aus Spiel sechs für alle Motzer und Nörgler, für alle Schwarzseher und Playoff-Fans, vor allem aber für alle, die das Spiel lieben, die an ihre Mannschaft glauben, bis irgendwo ein Dame beträchtlichen Umfangs das Singen anfängt, und die seit Jahren unter dieser Negativstimmung leiden, die die Playoffs der Ice Tigers seit jeher prägt, vielleicht war diese Lehre wichtiger als das Geschenk, am Dienstag erstmals ein Spiel sieben erleben zu dürfen. Wobei, liebe Freunde: Spiel sieben! Wie geil, bitte verzeiht mir das, ist das denn? Weiter lesen

VF3: „Meinst du das ernst?“

Foto: Matthias Winter/Sportfoto Zink

Es ist nicht davon auszugehen, dass der knuddlige Typ vom Radio wusste, wie gefährlich ihm dieser Mann mit dem eisigen Blick wirklich werden konnte. Aber er ahnte schon, dass seine Mami wieder einmal im falschen Moment angerufen hatte. Michael Stewart, der sämtliche Strafbankwärter zwischen Las Vegas und Villach beim Vornamen kennt, hatte jedenfalls gerade begonnen, sich darüber auszulassen, dass wohl niemand gedacht hätte, dass wir alle an diesem Sonntagnachmittag bereits im ersten Drittel fünf Tore sehen würden, da klingelte ein Telefon. Und zum ersten Mal in dieser Serie bekam man auch weit abseits der Eisflächen einen Eindruck davon, wie sehr die Beteiligten während der Playoffs unter Druck stehen. „Meinst du das ernst?“, fragte also Augsburgs Cheftrainer mit jener Grabesstimme, mit der er einst die härtesten Jungs der AHL, IHL, DEL und EBEL zum Tanz aufgefordert hatte, in die Ecke des Pressekonferenzraums, wo sich ein junger Journalist dafür verfluchte, sein Handy nicht lautlos gestellt zu haben. Für den Blick, mit dem er den bemitleidenswerten Störenfried danach noch mehrmals zu verfluchen versuchte, hätte Stewart einst vorsorglich schon zwei Minuten bekommen. Und auch da galt wieder, was die Kollegen von Telekom Eishockey treffend in einen Hashtag gestanzt hatten: Playoffs sind die #geilsteZeit. Gerade nach einem so wechselhaften zweiten Sieg in einem engen Playoff-Viertelfinale. Weiter lesen

VF2: Ausgleich

Wir sind wieder zu Hause, Mama. Ja, der Florian ist vorsichtig gefahren. Und, ja, schön war es in Augsburg, das Wetter war spitze, das Curt-Frenzel-Stadion auch, die Leute waren sehr freundlich zu uns. Was zu essen hat es auch gegeben, die Nürnberger Fans haben sich sehr gefreut. Ach, und, diese Playoffs könnten nun doch wieder ein wenig länger dauern.

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VF1: Geht Bäume anschreien

Foto: Zink/Matthias Winter

Der Mann, den sie „die Rasierklinge“ nannten, schien ratlos zu sein. Benoit Laporte musste das nicht spielen, er saß ja nur mit einem Journalisten in seinem überdimensionierten Büro, indem die Ice Tigers von heute ihre Videositzungen abhalten. Laporte schien also ratlos zu sein, weniger ob der zwei Playoff-Spiele, die seine Mannschaft gerade vergeigt hatte. Laporte verstand einfach nicht, warum die Ice Tigers in dieser Stadt schon aufgegeben wurden, er vermisste die Zuversicht, die gute Stimmung im Umfeld und war entsetzt darüber, dass die Ice Tigers von ihren eigenen Fans ausgepfiffen wurden. Nach dem 2:3 in Hannover war er um sieben Uhr laufen gegangen, „um ein paar Bäume anzuschreien“. Vier Spiele später hatte sich seine Mannschaft fürs Halbfinale qualifiziert. Ja, Nürnberg hat eine Geschichte des Versagens im Viertelfinale, in Nürnberg aber hat man nun auch schon des öfteren erlebt, um was es in den Playoffs geht. Mag sein, dass auch Spiel zwei an Augsburg geht, entschieden ist deshalb noch lange nichts. Und gerade das ist doch großartig nach einem etwas ernüchternden 1:4 zum Auftakt. Weiter lesen

46/52: Schießen, einfach schießen

Foto: Zink/Matthias Winter

Mit den Ice Tigers hätte man mal reden müssen. Weil sie so schöne Videos machen und weil sie den langen Weg aus dem Langwasser Helsinkis gekommen waren, um sich im Langwasser Nürnbergs ein Eishockeyspiel anzusehen. Ich war dann allerdings ungefähr 87 Bier zu spät. Juha, Antti und Petteri waren nicht mehr ansprechbar. Also geht es nach dem Klick doch nicht um die Ice Tigers aus Espoo, sondern erneut um die Ice Tigers aus Thomas Sabo. Weiter lesen

40/52: „A very likeable hockey team“

Der Stadionsprecher stand alleine in der offenen Bandenrundung und wartete auf Valentin Busch. Christian Rupp hielt einen handelsüblichen Puck mit leichten Gebrauchsspuren in der Hand, einen Puck aber, der im zweiten Drittel dieses 4:1 gegen Wolfsburg im Einsatz war und deshalb für den jungen Mann mit den langen Haaren und den staunenden Augen ganz besonders. Niemand hatte Rupp den Auftrag erteilt, dem 19-Jährigen eine Freude zu machen – für ihn war das selbstverständlich. Letztlich hatte die Mannschaft ihr jüngstes Mitglied bereits mit einer an diesem Tag malträtierten Hartgummischeibe versorgt. Aber die kleine Episode zeigt, dass eine Mannschaft nicht nur aus Torhütern, Verteidigern und Stürmern besteht. Die Mannschaft der Ice Tigers ist groß. Und sie wird, auch wenn das die enttäuschende Zuschauerzahl an diesem Sonntag diesen Eindruck nicht bestätigt, immer größer. Weiter lesen

36/52: Ryan Jones – Eisbeutel zum Abendessen

Foto: Zink/Matthias Winter

Entschuldigt bitte, liebe 750.000 Leser der Montagsausgabe der Nürnberger Nachrichten. Normalweise versuche ich das zu vermeiden, heute aber ist das unmöglich, für dieses Blog einen anderen Einstieg als für den Zeitungsartikel zu wählen (tatsächlich fällt mir einfach nichts mehr anderes ein): Zu schön war diese Anfahrt durch ein weißes Nürnberg, vorbei an dem Eishockey-Wimmelbild auf dem Großen Dutzendteich, vorbei an all den erwartungsfrohen Freunden der Ice Tigers, immer hinter dem radelnden Fan im Christian Gerum-Trikot her. Einen solch stimmungsvollen Eishockeynachmittag hätte ich in Nürnberg nicht für möglich gehalten. Daran konnte auch das Ergebnis, die vielen Fehler und das Ende der Siegesserie nichts ändern. Weiter lesen

32/52: Oh, Danny Boy

Foto: Zink/ThHn

Der Mann begegnet mir auf dem Weg zur Kabine der Ice Tigers. Ich kenne ihn schon lange, mindestens seit 18 Jahren, ich weiß aber nicht, wie er heißt, ob er steht oder sitzt, ob er hier mitliest und mitschreibt, weiß ich auch nicht. Und ich kann ihn dabei lange beobachten, wie er auf mich zugeht. Er trägt ein neues Fantrikot und beinahe keine Haare mehr auf dem Kopf. Er ist einer dieser vielen Fans zwischen 30 und 70, die genau wissen, wie es sich angefühlt hat, 1999 gegen Mannheim verloren zu haben, 2007 und 1996, 2003, 2005, 2009, 2011 und 2015. Trotzdem wirkt er in diesem Moment unerwartet ernst. Als wir aneinandervorbeigehen, nimmt er mich nicht wahr, aber er ballt plötzlich die Fäuste und schreit Jaaaa. So hat sich dieses 5:1 wahrscheinlich für viele Menschen in der ausverkauften Arena angefühlt. Weiter lesen

1/52: Jetzt mal langsam

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Außer einer unheimlich heimlichen Vorliebe für den Synthie-Pop der 80er Jahren eint uns nicht viel. Trotzdem unterhalte ich mich schon immer gerne mit diesem unverwechselbaren Spielerberater, der mir heute einen Abriss der Nürnberger Nachrichten unter die Nase hielt. Über das nominell schwache Augsburger Torhüterduo hatte ich da geschrieben, wohlgemerkt „nominell“. In dem Gespräch danach (er redete ohne Satzzeichen, ich nickte immer mal wieder) aber offenbarte sich etwas, was mir zu diesem Zeitpunkt des Jahres leider völlig fremd ist. Der Spielerberater war auf eine ganz unschuldige und beneidenswerte Weise nervös. Er gestand das auch unverhohlen ein. Seinen Klienten JF Boutin bei dessen DEL-Debüt zu beobachten, versetzte diesen erfahrenen Eishockey-Menschen in eine beinahe kindliche Aufgeregtheit. Nach dem Spiel war er, abgesehen von Tray Tuomie und Boutin selbst, einer der zufriedensten Menschen in der Arena. Und so beginnt diese Blog-Saison mit Empathie für den Gegner. Interessant.

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