VF6: Die Wiedergeburt

Foto: Zink/Matthias Winter

Rob Wilson war noch immer verwundert. Dieser große Kanadier, der seine Sätze immer mit „you know what?“ einleitet und dessen Stimme dabei stets klingt, wie Lemmy Kilmisters Stimme an schlechten Tagen, war der Meinung, am Freitag ein dominantes Playoff-Spiel seiner Mannschaft gesehen zu haben – bis ihm Fans und Edelfans direkt und indirekt erklärten, wie schlecht seine Ice Tigers doch eigentlich gespielt hatten. Und so stand er immer noch kopfschüttelnd vor dem Curt-Frenzel-Stadion, kurz nachdem er dieser ständig an seiner Eishockey-Mannschaft zweifelnden Stadt mit seiner famosen Mannschaft ein einzigartiges Erlebnis geschenkt hatte. Aber vielleicht war die Lehre aus Spiel sechs für alle Motzer und Nörgler, für alle Schwarzseher und Playoff-Fans, vor allem aber für alle, die das Spiel lieben, die an ihre Mannschaft glauben, bis irgendwo ein Dame beträchtlichen Umfangs das Singen anfängt, und die seit Jahren unter dieser Negativstimmung leiden, die die Playoffs der Ice Tigers seit jeher prägt, vielleicht war diese Lehre wichtiger als das Geschenk, am Dienstag erstmals ein Spiel sieben erleben zu dürfen. Wobei, liebe Freunde: Spiel sieben! Wie geil, bitte verzeiht mir das, ist das denn? Weiter lesen

VF3: „Meinst du das ernst?“

Foto: Matthias Winter/Sportfoto Zink

Es ist nicht davon auszugehen, dass der knuddlige Typ vom Radio wusste, wie gefährlich ihm dieser Mann mit dem eisigen Blick wirklich werden konnte. Aber er ahnte schon, dass seine Mami wieder einmal im falschen Moment angerufen hatte. Michael Stewart, der sämtliche Strafbankwärter zwischen Las Vegas und Villach beim Vornamen kennt, hatte jedenfalls gerade begonnen, sich darüber auszulassen, dass wohl niemand gedacht hätte, dass wir alle an diesem Sonntagnachmittag bereits im ersten Drittel fünf Tore sehen würden, da klingelte ein Telefon. Und zum ersten Mal in dieser Serie bekam man auch weit abseits der Eisflächen einen Eindruck davon, wie sehr die Beteiligten während der Playoffs unter Druck stehen. „Meinst du das ernst?“, fragte also Augsburgs Cheftrainer mit jener Grabesstimme, mit der er einst die härtesten Jungs der AHL, IHL, DEL und EBEL zum Tanz aufgefordert hatte, in die Ecke des Pressekonferenzraums, wo sich ein junger Journalist dafür verfluchte, sein Handy nicht lautlos gestellt zu haben. Für den Blick, mit dem er den bemitleidenswerten Störenfried danach noch mehrmals zu verfluchen versuchte, hätte Stewart einst vorsorglich schon zwei Minuten bekommen. Und auch da galt wieder, was die Kollegen von Telekom Eishockey treffend in einen Hashtag gestanzt hatten: Playoffs sind die #geilsteZeit. Gerade nach einem so wechselhaften zweiten Sieg in einem engen Playoff-Viertelfinale. Weiter lesen

VF1: Geht Bäume anschreien

Foto: Zink/Matthias Winter

Der Mann, den sie „die Rasierklinge“ nannten, schien ratlos zu sein. Benoit Laporte musste das nicht spielen, er saß ja nur mit einem Journalisten in seinem überdimensionierten Büro, indem die Ice Tigers von heute ihre Videositzungen abhalten. Laporte schien also ratlos zu sein, weniger ob der zwei Playoff-Spiele, die seine Mannschaft gerade vergeigt hatte. Laporte verstand einfach nicht, warum die Ice Tigers in dieser Stadt schon aufgegeben wurden, er vermisste die Zuversicht, die gute Stimmung im Umfeld und war entsetzt darüber, dass die Ice Tigers von ihren eigenen Fans ausgepfiffen wurden. Nach dem 2:3 in Hannover war er um sieben Uhr laufen gegangen, „um ein paar Bäume anzuschreien“. Vier Spiele später hatte sich seine Mannschaft fürs Halbfinale qualifiziert. Ja, Nürnberg hat eine Geschichte des Versagens im Viertelfinale, in Nürnberg aber hat man nun auch schon des öfteren erlebt, um was es in den Playoffs geht. Mag sein, dass auch Spiel zwei an Augsburg geht, entschieden ist deshalb noch lange nichts. Und gerade das ist doch großartig nach einem etwas ernüchternden 1:4 zum Auftakt. Weiter lesen