Zwei Weltmeister und ein Bond-Bösewicht

Wenn einem die Penisnase eines im Oberrang angemessen gefeierten finnischen Fans nurmehr ein müdes Lächeln entlockt; wenn man sich nicht mehr einmischt, wenn sich in der Warteschlange vor der Fastfood-Butze österreichische [sic] und finnische Fans über den Ersatztorhüter der Nashville Predators unterhalten; wenn man einfach sitzenbleibt, obwohl Niklas Bäckström und William Nylander den finnischen Defensivriegel soeben mit einem Doppelpass auseinandergebrochen haben – dann verblasst  die Schönheit dieser 81. Eishockey-Weltmeisterschaft allmählich. Schade eigentlich. Ein letzter Blick auf ein herrliches Fest, das den hartnäckigen Versuchen der Anzugträger trotzt, die unschuldige Liebe zum Spiel aus Profitgier zu missbrauchen, aus der Perspektive eines Bloggers, der im Alltag auf Tiger starrt.

Warm-up

  • In der Vorrunde musste man für das billigste Ticket 19 Euro zahlen, im Viertelfinale 49, im Halbfinale 64 und im Finale 89. Das sind Preissteigerungen von 257 Prozent, 131 Prozent und noch einmal 139 Prozent. Allein das reicht aus, um zu erklären, warum die wichtigsten Spiele eines Turniers, das in der Vorrunde außergewöhnlich gut besucht war, in einer halbleeren Arena ausgetragen werden mussten. Reindl und Ziegfeld und Fasel verwiesen trotzdem stolz auf die insgesamt ordentlichen Zahlen, dahinter aber werden die Bilder einer leeren Arena und die Enttäuschung echter Eishockey-Fans, die es sich nicht leisten wollen, 557 Euro für das Finalwochenende auf vernünftigen Plätzen zu bezahlen, nicht verschwinden. Warum kaum ein Medium diesen Wahnsinn thematisiert hat? Weil Journalisten allenfalls für eine leichte Cola im Pressezentrum zahlen müssen.
  • Kürzlich habe ich drei komplette Spiele aus den 90er Jahren angesehen: Kanada/Deutschland in Meribel 1992, Rangers/Devils in New Jersey 1994 und Ice Tigers/Adler in Nürnberg 1999 – jeweils #ausGründen. Mal abgesehen davon, dass man ständig geneigt ist, die Fast Forward-Funktion zu missbrauchen ist das Eishockey unerträglich unsauber und unfair. Ganz ähnlich also, wie derzeit die Spiele bei der WM und in der NHL. Diese Tendenz harte Fouls zu tolerieren und in wichtigen Spielen, nicht mehr einzugreifen (Kesler!), ist zumindest bedenklich.
  • Trotzdem: Die Live-Durchsagen der Strafen und die selbstverständliche Wiederholung selbst zweifelhafter Fouls auf dem Videowürfel darf sich die Deutsche Eishockey-Liga ruhig abschauen. Warum verhindert eine international drittklassige Liga eine Transparenz, die im Wettbewerb um den drittwichtigsten Titel der Eishockey-Welt völlig normal ist?
  • Noch ein Thema, das der Express und die Bild offenbar verpasst hatten: Bei den Ice Tigers werde ich vor jedem Spiel, wie jeder andere Arena-Besucher auch, gründlich kontrolliert und natürlich ist das, jawohl, Herr Wowereit, gut so. In Köln hingegen hätte ich ganze Enten in die Lanxess Arena schmuggeln können. Und nicht nur ich. Zweimal habe ich während des Turniers zwei Besucher beobachtet, die sich darüber beschwert hatten, dass sie beim Einlass überhaupt nicht kontrolliert worden waren. Bizarr.
  • Medienmenschen, die bei dieser WM derbe abgeliefert haben: Günter Klein (Merkur), Bernd Schwickerath (u.a. Spiegel online), Konstantin Klostermann (der sehr souveräne Arena-Sprecher), der Typ (ob so mancher Anspielung muss das ein Typ sein), der das Power-Ranking anfertigen durfte, ohne dass da ein vorsichtiger Marketing-Mensch der IIHF noch einmal hat drüber lesen müssen.
  • Medienmenschen, die man nicht mehr loben muss: Bastian Schwele und Erich Goldmann (dass es zu beobachten eine Freude ist, mit welcher Leidenschaft, Freude und Liebe zum Eishockey sie diesen Job machen, das kann man aber ruhig noch einmal erwähnen). Für alle, die das noch immer nicht gesehen haben:

Das Turnier

Die 44 Halbfinalteilnahmen seit der WM 2007 in Russland verteilen sich auf:

Russland 10
Schweden 8
Finnland 8
Kanada 6
Tschechien 5
USA 4
Schweiz 1
Slowakei 1
Deutschland 1

Und auch diesmal durfte Norwegen in der Vorrunde ein bisschen überraschen, Deutschland gegenüber einer jungen US-Mannschaft den Vorsprung an Spielvorbereitung nutzen und Elvis Lettland vom Viertelfinale träumen lassen. Am Ende aber machten es wie immer die üblichen Verdächtigen unter sich aus. Deutschland hätte das verhindern können. Moment, Deutschland? Richtig, Deutschland. Nach Yannic Seidenbergs 1:2 hätte die Mannschaft um Yasin Ehliz viel mehr riskieren müssen. Ob sie sich schmeichelhaft mit einem 1:2 verabschiedet oder standesgemäß mit einem 1:5, spielte da doch keine Rolle. Diese kleine Chance auf eine Sensation, die hatte Deutschland nicht mit vollem Risiko nutzen wollen (und, ja, mir ist bewusst, dass es sich so etwas schon sehr leicht schreibt – auf einem Presseplatz unter dem Arena-Dach).

Schweden und Kanada sind würdige Weltmeister – nicht nur ich weigere mich, ein Penaltyschießen als angemessene Form zu akzeptieren, ein solch großes Finale zu entscheiden.

Ja, zunächst war Spiel 64 dieser WM langweilig – für all jene, die sich nicht mit Corsi, zone entries und exits beschäftigen. Trotzdem war es beeindruckend, wie fehlerfrei und engagiert vor allem die jüngere kanadische Mannschaft gespielt hat. Schweden ist kein Team, das sich überrumpeln lässt, da braucht es Geduld und eine ganz saubere Spielweise. Besonders beeindruckend: Point, Duchene, Parayko und auch auch Pickard, der sich als NHL-Backup im Duell mit dem vielleicht besten Torhüter der Welt hervorragend aus der Affäre gezogen hat. Dass die Tore in einem solch perfekten Spiel schmutzig sein müssen, ist nun auch nichts Neues. Dafür wurden all jene, die noch schnell ihr Haus verpfändet hatten, um dabei sein zu können – kurze Pause für den neuesten Stern am Twitter-Himmel:

mit einer Verlängerung belohnt, die für die etwas drögen 60 Minuten zuvor vollends entschädigten. Diese 20 Minuten, in denen sie mutig gespielt hatten, schnell und dominant, machten es für Kanada noch härter, eine Niederlage im Penaltyschießen zu akzeptieren. Egal, wie man es macht – Spieleranzahl reduzieren, bis Mittwoch spielen, whatever – alles ist besser als ein Penalty-Schießen. Ich wäre auch lieber im Sonnenaufgang nach Hause gefahren, als mitten in der Nacht.

Das schönste und überraschendste Eishockey hat eine Sbornaja gezeigt, die ohne Ovechkin, Kovalchuk und Radulov viel besser funktioniert – mental allerdings auch nicht stärker ist. Noch unterhaltsamer waren die Kanadier – wenn auch nur für jene, die zwischendurch auch einmal einen saftigen Hit brauchen, um Spaß zu haben. Enttäuscht hat mich der Co-Weltmeister Schweden – jedoch nur, weil ich noch immer so naiv bin zu glauben, dass ein Team in dieser Besetzung aufregender auftreten müsste.

Und noch einmal: Eigentlich hat Deutschland unter den besten vier Mannschaften nichts verloren, was aber nichts daran ändert, dass es das DEB-Team am Donnerstag eine Chance verpasst, unverdient ins Halbfinale einzuziehen.

Die drei Stars

William Nylander – ohne weitere Worte:

Vadim Shipyachov soll die Menschen in Las Vegas von den einarmigen Banditen in die T-Mobile-Arena nach Paradise locken. Nikita Kucherov kann sich der Liebe von Jon Cooper sicher sein, ebenso wie Vlad Namestnikov und Andrej Vasilievski. Artemi Panarin ist ohnehin großartig (und nebenbei Topscorer mit vier Toren und dreizehn Assists). Die stille Attraktion der Sbornaja aber war Evgenij Dadonov vom Sportklub der Armee St. Petersburg. 66 Punkte in 53 Spielen hat er für den Gagarin-Pokal-Sieger erzielt, darunter 30 Tore, größtenteils unbemerkt von Fans, Mitspielern und Gegnern. Dadonov hat eine Qualität, die ihn auf diesem Niveau einzigartig macht: Dadonov kann sehr, sehr langsam schlittschuhfahren, Dadonov schleicht. Das hat selbst die deutschen Verteidiger irritiert, die aus der DEL an langsame Eishockey-Spieler gewöhnt sein müssten. Und weil er doch immer irgendwie noch dort angekommen ist, wo man die echten Torjäger der Legende nach  verortet, hat er in neun Spielen sieben Punkte gesammelt.

Ray Ferraro, 18 Jahre in der NHL, Spitzname: big ball of hate, Experte bei TSN, war sehr beeindruckt von Denis Reul (Denis Royaaal, hier nachzuhören): „Ich kann kaum beschreiben, wie groß er auf dem Eis aussieht. Wie ein wirklich großer 14-Jähriger unter 10-Jährige. Er sieht aus wie ein Bond-Bösewicht, ist aber sehr nett.“

Sehr amüsant. Offenbar aber ist Ferraro entgangen, dass Team Canada Colton Parayko nachnominiert hat. Gut, Parayko hat mehr Haare, grundsätzlich aber hat er natürlich auch das Zeug dazu, beim Casting für den nächsten Bond ganz weit vorne zu landen. Vor allem kann er noch ein bisschen besser Eishockey spielen als Royaaal. Trotz seiner Größe verteilt er den Puck von der blauen Linie aus sehr ordentlich und wehe, er hat mal eine Sekunde, um mit seinem langen Schläger auszuholen. Im Halbfinale hat sein Pairing zudem die Kucherov-Reihe kontrolliert – auch wenn das eher Vlasic‘ Verdienst war.  Trotzdem: beeindruckendster Verteidiger des Turniers – noch vor Reul (und Seidenberg, Belov und Hedman).

Ehrenvolle Erwähnungen:

Dennis Seidenberg stand über allen anderen – wenngleich Deutschlands wertvollster Spieler wohl Philipp Grubauer war, allein weil er Deutschland die Viertelfinalteilnahme gerettet hat. Grubi aber war nur zwei Spiele mit dabei, ihn trotzdem unter die drei besten deutschen Spieler des Turnier zu wählen, das hat sich nicht einmal der Sturmi getraut – trotz seiner großen Dankbarkeit, dass die verfügbaren deutschen NHL-Spieler diesmal alle gekommen waren. Stattdessen hat er den fleißigen, offensiv ordentlichen, defensiv aber überforderten Christian Ehrhoff und den müden Leon Draisaitl ausgewählt. Natürlich war das nicht mehr als ein Dankeschön an seine vermeintlich wichtigsten Spieler. Für das Leben, das Universum und den ganz Rest unerheblich, aber ist es trotzdem bedauerlich, dass es Sturm damit verpasst hat, zumindest einen jener Spieler auszuzeichnen, die es im Gegensatz zu Felix Schütz, Marcus Kink, Patrick Hager oder Philip Gogulla geschafft haben, sich Tempo und Handlungsgeschwindigkeit anzupassen: Frederik Tiffels und Yasin Ehliz. Tiffels überzeugte durch seinen Speed und seinen unbeeindruckt verwandelten Penalty, wirkte spielerisch aber noch sehr limitiert. Der körperlich schon immer herausragende Ehliz demonstrierte, was er in Nürnberg von Reinprecht, Reimer und Wilson gelernt hat. „Er hat auch dem Sturmi gezeigt, was er für ein Spieler sein kann“, sagte der Reimi. Zu Beginn des Turniers wäre es noch ausgeschlossen, dass der Bundestrainer die Nummer 42 als sechsten Stürmer aufs Eis schickt, gegen Lettland hat er genau das getan – kurz danach stocherte Schütz den Puck über die Linie.

VF1: Geht Bäume anschreien

Foto: Zink/Matthias Winter

Der Mann, den sie „die Rasierklinge“ nannten, schien ratlos zu sein. Benoit Laporte musste das nicht spielen, er saß ja nur mit einem Journalisten in seinem überdimensionierten Büro, indem die Ice Tigers von heute ihre Videositzungen abhalten. Laporte schien also ratlos zu sein, weniger ob der zwei Playoff-Spiele, die seine Mannschaft gerade vergeigt hatte. Laporte verstand einfach nicht, warum die Ice Tigers in dieser Stadt schon aufgegeben wurden, er vermisste die Zuversicht, die gute Stimmung im Umfeld und war entsetzt darüber, dass die Ice Tigers von ihren eigenen Fans ausgepfiffen wurden. Nach dem 2:3 in Hannover war er um sieben Uhr laufen gegangen, „um ein paar Bäume anzuschreien“. Vier Spiele später hatte sich seine Mannschaft fürs Halbfinale qualifiziert. Ja, Nürnberg hat eine Geschichte des Versagens im Viertelfinale, in Nürnberg aber hat man nun auch schon des öfteren erlebt, um was es in den Playoffs geht. Mag sein, dass auch Spiel zwei an Augsburg geht, entschieden ist deshalb noch lange nichts. Und gerade das ist doch großartig nach einem etwas ernüchternden 1:4 zum Auftakt. Weiter lesen