Spiel 48: Ready to rock’n’roll?

Foto: Thomas Hahn/Zink

Und plötzlich stand Alexander Dechant im Pressekonferenzsäälchen der Arena Nürnberger Versicherung. Den Österreicher kennt man als bessere Hälfte von Abteilung Basketball, einem Podcast von Magenta Sport, und als Produzenten mehrerer sehenswerter Sportdokumentationen. Als solcher ist er derzeit mit den Eisbären Berlin unterwegs – und schon jetzt lässt sich behaupten, dass der Grundton positiver ausfallen dürfte als bei „Unter Haien“, der Dokumentation einer historischen Kölner Krise. Die Vorstellung der Eisbären in Nürnberg war nicht weniger als beeindruckend. Berlin trat wie eine Playoff-Mannschaft auf. Dass sie an einem rundum gelungenen Eishockey-Nachmittag trotzdem 3:5 verlor, darf man in Nürnberg als vielversprechendes Zeichen werten. Zumindest vorerst.

Warm-up

  • Patrick „Pit“ Köppchen war nur ein Jahr in Nürnberg zu sehen. Unter den Ein-Jahres-Verteidigern zählt er aber zu jenen, die Eindruck hinterlassen haben. Nach den hässlichen Begleiterscheinungen seines Abschieds in Ingolstadt gab es aus der Kabine der Ice Tigers nichts als Lob für den Berliner, der seine beeindruckenden 1025 DEL-Spiele überall zusammengesammelt hat – nur eben nicht in Berlin. Köppchen war beliebt, auch weil er auf dem Eis keinen seinen Gegner geschont hat und schon gar nicht sich selbst. In den Playoffs 2018 ist das auch dem letzten Ice Tigers-Fan aufgefallen, als er sein Gesicht böswillig in den Ellbogen von André Rankel gerammt hatte (hier kann man das in seriös und ausführlich nachlesen) und trotzdem im nächsten Spiel wieder auf dem Eis stand. Köppchen war so sehr DEL wie kaum ein anderer Spieler. Jetzt aber hat er seine Karriere als Eishockey-Profi auch offiziell beendet, hoffentlich nicht allein, um sich seiner Karriere auf Instagram zu widmen. Es wäre bedauerlich, wenn ein solch kluger, reflektierter und humorvoller Geist dem Eishockeysport verloren ginge.
Foto: Basti Schweles Twitteraccount
  • Die Thomas Sabo Ice Tigers werden auch 2019/2020 an den Playoffs teilnehmen, wenn man denn die erste Playoffrunde den Playoffs offiziell zurechnen will. Die Iserlohn Roosters haben am Sonntagabend dann auch noch dafür gesorgt, dass Optimisten auf eine direkte Qualifikation für das Viertelfinale hoffen dürfen. Alle anderen dürfen sich allmählich auf eine kurze Playoff-Runde gegen Ingolstadt, Wolfsburg oder Bremerhaven einstellen.
  • Die Nürnberg-Berlin-Tabelle nach dem vierten und letzten Spieltag:
    1. Berlin 14:9 Tore/8 Punkte
    2. Nürnberg 9:14/4
  • Die Fischbuch-Pföderl-Scorerliste:
    1. Fischbuch 4 Tore/1 Assist/5 Punkte
    2. Pföderl 1/0/1
  • Die Fischbuch-Pföderl-Scorerliste in allen Spielen:
    1. Fischbuch 48 Spiele/18 Tore/26 Assists/44 Punkte – 17:51 TOI/G
    2. Pföderl 40/17/14/31 – 17:24
  • Es gibt in der DEL nur sehr selten Trades und natürlich wurden Leo Pföderl und Daniel Fischbuch nicht gegeneinander getauscht. Man will sich aber nicht vorstellen, was dann los gewesen wäre auf Ice Tigers-Twitter oder in den Kommentarspalten auf der Facebook-Seite der Ice Tigers. Pföderl gegen Fischbuch – how dare you? Kurz vor Ende des Grunddurchgangs 2019/2020 aber haben die Ice Tigers den Trade gewonnen, den es nicht gab – schon allein, weil Pföderl bereits zu einem Zeitpunkt unterschrieben hatte, an dem Fischbuch noch glaubte in Berlin als Eishockey-Profi glücklich werden zu können. Und trotzdem: Es wäre einer jener seltenen Trades gewesen, von dem beide Klubs profitiert hätten. Sowohl Fischbuch als auch Pföderl haben die besten Corsi-Werte ihrer Mannschaft. In Nürnberg hat Fischbuch sowohl die meisten Tore geschossen als auch die meisten Tore vorbereitet. In Berlin war nur Marcel Noebels im Abschluss erfolgreicher als Pföderl.
  • In welchem Fall hätte Philippe Dupuis spielen können? Genau, wenn bereits die Playoff-Jahreszeit angebrochen wäre. Die Schulterprobleme des Franko-Kanadiers scheinen nicht gravierend zu sein. Allerdings kündigte Kurt Kleinendorst an, die Aufstellung vor dem Heimspiel am Freitag gegen München nicht unbedingt ein weiteres Mal ändern zu müssen.
  • Der Cheftrainer war schließlich angetan von der Leistung Austin Cangelosis. Ich hatte das komplett anders wahrgenommen. Der US-Amerikaner hatte schon vor seiner Verletzung Probleme mit dem Tempo in der DEL. Im ersten Spiel nach seiner Verletzung lief das Spiel mehrmals an ihm vorbei. Kleinendorst hob Cangelosis Eishockey-IQ hervor, seine Einstellung und seine Technik. Da würde ich ihm nicht widersprechen wollen. Bei seiner Größe aber kann es sich Cangelosi nicht leisten, signifikant langsamer zu sein als der Durchschnitts-DEL-Profi. Genau das ist er aber. Allerdings hatte er sich bei seinem ersten Versuch, auch erst langsam an die DEL gewöhnt. Die Frage wird nur sein, ob er beim zweiten Mal dazu die Zeit bekommt.
  • Berliner, die mich heute Nachmittag ein oder mehrmals beeindruckt hatten: Marcel Noebels, James Sheppard, Louis-Marc Aubry, Pierre-Cedric Labrie, Lukas Reichel (diesmal drei tschechische NHL-Scouts auf der Pressetribüne), Maxim Lapierre, Landon Ferraro, Austin Ortega und Mark Olver.
  • Berliner, die mir heute Nachmittag ein oder mehrmals negativ aufgefallen sind: Florian Kettemer, Jonas Müller, Kai Wissmann, John Ramage, Frank Hördler und Justin Pogge.
  • Was fällt dabei auf? Genau. Erst nur Stürmer, dann nur Spieler, die zunächst einmal dafür bezahlt werden, Tore zu verhindern. Beim #bisslhockey-Stammtisch am Donnerstag hatte ich noch vollmundig verkündet, mich auf ein Finale zwischen München und Mannheim zu freuen – schon allein, weil mir eine andere Paarung nicht realistisch erschien. Nur vier Tage und 60 Minuten Eisbären in live und Farbe nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil. Berlin hat mich schwer beeindruckt, aber eben ausschließlich durch offensive Wucht. Defensiv habe ich Hördler noch nie so anfällig gesehen, Wissmann war ein Risiko, Kettemer ließ sich beim 2:0 von Eugen Alanov vorführen. Vielleicht war das nur eine Momentaufnahme, defensiv aber wirkten die Eisbären sehr anfällig.
  • Ich würde gerne einmal eine Sturmreihe sehen, die aus David Wolf, Pierre-Cedric Labrie und Denis Reul besteht. Es ist bedauerlich, dass es dazu nie kommen wird.
  • Nach seinem 400. DEL-Assist fehlen Patrick Reimer laut Eliteprospects nur noch fünf Punkte, um Martin Jiraneks Klub-Rekord einzustellen. Wäre doch schön, wenn er das in einer Playoff-Serie gegen Bremerhaven schaffen würde. Dann könnte ihm Jiranek gleich vor Ort gratulieren.

Das Spiel

Foto: Thomas Hahn/Zink

Serge Aubin hatte seinen Spaß. Kurt Kleinendorst hatte seinen Spaß und empfahl sogleich Zuschauern, Spielern und Medienvertretern ebenfalls Spaß zu haben. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen. Nach so manchen blutleeren Vorstellung war dieses Spiel eine 60-minütige Erinnerung daran, wie unterhaltsam Eishockey auch auf DEL-Niveau sein kann. Dafür sorgten natürlich die Eisbären mit ihrer Wucht, mit ihrem unerbittlichen Nachsetzen vor dem gegnerischen Tor, mit ihrer Konsequenz beim Abschluss. Und trotzdem haben die Ice Tigers verdient gewonnen, weil sie es sich diesmal nicht nur vorgenommen hatten, sich kämpferisch vom Gegner nicht vorführen zu lassen. Diesmal hielten sie mit, kämpferisch und läuferisch. Und diesmal waren sie effizienter. Pogges Stellungsspiel sah bei Fischbuchs Führungstreffer verbesserungswürdig aus. Kettemer hätte erst Jack Skilles langen Pass aufhalten müssen, dann aber wenigstens Eugen Alanov und dass Andreas Eder vor seinem 3:0 so lange alleine vor Pogge stehenbleiben darf, kommt selbst in Überzahl eher selten vor. Und das 4:1 erzielte Fischbuch mit der Eiseskälte eines Stürmers, der noch immer eine Rechnung offen hat. Auf der anderen Seite steigerte sich Niklas Treutle nach anfänglichen Schwächen auf internationales Niveau, weshalb er allein sich über die drei Gegentreffer im Schlussdrittel ärgerte (siehe Das Interview). „Eine Sache, die mich frustiert, ist der Mangel an Konstanz von einem Spiel zum nächsten“, sagte Kleinendorst danach, „aber wenn wir so spielen, dann kann ich mich an kein Spiel erinnern, das wir verloren haben. Aber es ist immer noch ein Prozess, der nach 52 Spielen endet. Dann werden wir sagen können, dass wir bereit sind für Rock’n’Roll.“

Der Moment

Foto: Thomas Hahn/Zink

Das liest sich natürlich alles ganz wunderbar – zählt aber erst, wenn die Ice Tigers auf ein ordentliches Wochenende in Straubing und gegen Berlin und erfolgreiches Wochenende gegen München und in Krefeld folgen lassen. Kleinendorst erwähnte bei der Pressekonferenz sicherlich nicht grundlos, dass er diesmal keine Passagiere hatte mitschleppen müssen. Danach relativierte er seine Aussage, differenzierte zwischen Passagieren und Schummlern (von denen die Ice Tigers seiner Meinung keinen hätten). Aber es war klar, dass auch der Mann, der alle seine Ice Tigers liebt, zuletzt nicht mit allen Ice Tigers zufrieden war. Dieses 5:3 aber war für den Coach der Beweis, dass seine Mannschaft auf die Playoffs vorbereitet sei. Ich bin mir da noch immer nicht so sicher. Auch bei diesem unterhaltsamen Spiel zeigte sich, dass die Mannschaft noch immer größte Probleme hat, sich aus Drucksituationen zu befreien, dass das Power-Play weiterhin allenfalls mittelmäßig ist und dass sie sich aus den vermeintlich albernen Grobheiten gerne heraushält. Als Andreas Eder nur einmal das Weiß in den Augen Justin Pogges sehen wollte, musste er sich sogleich vor Labrie dafür rechtfertigen. Auf der anderen Seite verschwand Niklas Treutle häufig genug zwischen oder unter den schweren Eisbären-Angreifern, ohne dass die Ice Tigers sofort aufräumten. Trotz Chris Brown und seines Kumpels Chris Summers wirkt die Mannschaft noch immer etwas arg brav. Das mag manchem sympathisch sein. Nach Rock’n’Roll in den Playoffs aber sieht es nicht aus.

Das Interview

Landon Ferraro hat Ihnen soeben bei Magenta Sport ein „hell of a game“ bescheinigt. Sie selbst sehen Ihre Leistungen oftmals sehr viel kritischer als andere. Würden Sie Ferraro trotzdem zustimmen?
Niklas Treutle: Ja, ich bin heute schon zufrieden mit meiner Leistung. Ist natürlich ein bisschen ärgerlich, dass es im letzten Drittel dann drei [Gegentore] sind. Man ist ja immer nur so gut wie sein letztes Drittel. Aber ich konnte schon ein paar wichtige Aktionen für die Mannschaft machen. Wir haben immer zum richtigen Zeitpunkt die Tore geschossen und haben deshalb verdient gewonnen.

Trotzdem war die Leistung der Eisbären Berlin beeindruckend. Können Sie mal schildern, wie das für Sie als Torhüter war, wenn es vor Ihnen dunkel wurde?
Niklas Treutle: Offensiv haben mich die Eisbären schon sehr beeindruckt in den vier Spielen gegen uns. Die arbeiten brutal hart, erkämpfen sich die Scheiben offensiv, dann geht es schnell zum Tor. Das ist defensiv brutal anstrengend für alle. Wir haben wirklich alles reinwerfen müssen, um dagegen zu halten. Die machen es wirklich gut. Aber wenn wir wie heute den Einsatz zeigen, dann gewinnt man solche Spiele auch.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Kollegen von Ihnen haben schon lange und immer wieder darauf hingewiesen, dass die Ice Tigers mit allen Mannschaften mithalten können. Zuletzt aber hat man in Mannheim und Straubing gesehen, dass die Ice Tigers nicht in der Lage sind, mit den Spitzenmannschaften nicht nur mitspielen zu können, sondern sie auch zu schlagen. Das war heute anders – und genau deshalb wichtig für das eigene Selbstverständnis?
Niklas Treutle: Das glaube ich schon. Es geht jetzt auf die Playoffs zu. Und man versucht, das ganze Jahr besser zu werden, um zum richtigen Zeitpunkt voll da zu sein. Wir hatten jetzt Wochen, in denen einige Sachen nicht gestimmt, die um die Jahreszeit schon längst stimmen müssen, zum Beispiel, 60 Minuten das Spiel zu machen. Teilweise machen wir es gut, sind dann aber nicht hungrig genug, was auch nicht sein kann. Heute hat jeder 60 Minuten lang alles reingeworfen, wir sind in der eigenen Zone und offensiv zusammengeblieben. So muss es weitergehen.

Zum Abschluss eine unschuldige Frage. Hatten Sie eigentlich ein gutes Verhältnis zu Leo Pföderl?
Niklas Treutle: Ja, ein sehr gutes Verhältnis. Den Leo, den mag ja jeder. Als Torwart hat er mir im Training zwar ganz schön die Scheiben auf die Schultern geschossen. Er schießt ja auch ziemlich hart, weshalb ich manchmal sauer auf ihn war. Aber sobald wir vom Eis runter waren, waren wir wieder beste Freunde.

Dann war Ihnen wahrscheinlich nicht bewusst, wen Sie da in der Schlussphase Ihre Kelle haben spüren lassen, oder?
Niklas Treutle: Das wusste ich nicht. War das der Leo? Ja, der haut‘ mir auf die Hand, ich hau‘ gleich zurück. War ein bisschen überreagiert von mir. Es tut mir ja auch schon fast wieder ein bisschen leid.

Three Stars

Foto: Thomas Hahn/Zink

Ja, Will Acton hat drei zweite Assists eingesammelt und die Vorlage für Daniel Fischbuchs Empty-Netter. Nach normalen Ice Tigers-Spielen mag das für die Three Stars reichen. Heute eher nicht. Zu groß war die Auswahl. Zu gut war etwa die Leistung zum Beispiel von Tom Gilbert, der sein Spiel allmählich stabilisiert – auch wenn das gerade im ersten Power-Play und noch nicht so ausgesehen hatte. Wie so manch anderer steigerte sich Gilbert aber von Wechsel zu Wechsel. Noch ein gutes Zeichen. In den Playoffs hatte er bislang seine besten Spiele für die Ice Tigers.

Das war wieder der Niklas Treutle, der seiner Mannschaft in der ersten Saisonhälfte so viele Punkte gesichert hatte.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Und natürlich darf hier Daniel Fischbuch nicht fehlen: eine deflection, ein genau zum richtigen Zeitpunkt eiskalt abgeschlossener Alleingang, ein hart erarbeiteter Empty-Netter aus dem eigenen Drittel – Hattrick. Fischbuchs Durchbruchsaison bleibt beeindruckend.

Ehrenvolle Erwähnung: Eugen Alanov, dessen Energie ansteckend war und der sich alleine mit dieser Leistung wieder in die Mannschaft gespielt haben dürfte; Patrick Reimer; Brett Festerling und, wie seit seiner Ankunft eigentlich immer, Jack Skille.

Und sonst?

Darf hier nicht fehlen, wie kreativ, mühe- und liebevoll sich „Wir Fans“ und alle anderen bei Thomas Sabo für elf ereignisreiche Jahre bedankt haben. Ich habe die Choreografie in meinem schnellen Spielbericht für nordbayern.de beschrieben, Thomas Sabo konnte ich nur aus etwa 50 Metern beobachten, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass ihn dieser Anblick kalt gelassen hat. Seine Lebensgefährtin, die das alles auf ihrem Smartphone dokumentiert hat, offensichtlich auch nicht.

1 Kommentar in “Spiel 48: Ready to rock’n’roll?

  1. Ich denke ein schönes Spiel mit dem glücklicherem Ende für uns. Das passive Verhalten vor unserfm eigenen Tor, hätte uns heute fast den Sieg gekostet, was die gegnerischen Stürmer einen Meter vor unserem Torwart dürfen ist schon beachtlich und geht nur an einem Sahnetag von unserem Torwart gut. Heute hat uns allerdings auch das Unvermögen der Berliner geholfen.

    Warum man nachdem dritten Treffer der Berliner keine Auszeit nimmt, ist für mich nicht nachvollziehbar.

    Und jetzt lieber Sebastian muss ich dir tatsächlich ausnahmsweise mal widersprechen. Tom Gilbert war heute für mich mit Abstand der schlechteste Verteidiger auf dem Eis. Immer zu spät und vom Kopf her auch nicht auf Höhe des Spielgeschehens. Und ich gebe ungern zu, dass Bender mal besser war als ein Anderer.

    Zu Cangelosi fällt mir nur ein, dass er es nicht schlechter gemacht hat als Dupius. Dupius ist für mich im Moment ein absoluter Schatten seiner selbst.

Kommentare geschlossen.