Spiel 42: Big Three Points

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Am Ende lassen sich 60 Minuten Eishockey in einem Wort zusammenfassen. Welches Kurt Kleinendorst für dieses 1:3 gegen die Fischtown Pinguins wählte? Ob Rylan Schwartz bald wieder mitspielen wird? Die Antworten auf diese und viele weitere Fragen liegen nur einen Klick entfernt.

Warm-up

  • Auf einmal stand Martin Jiranek im Pressekonferenzraum. Es fühlte sich an, als hätte jemand die Uhren zurückgedreht. Er schüttelte die zwei ihm bekannten Journalistenhände, nahm dann statt Thomas Popiesch auf der Gästeseite Platz und redete ein bisschen über starke Ice Tigers, ehe er sich wieder verabschiedete. Es wirkte: kühl, distanziert. Irgendwie auch: nicht angemessen.
  • Andreas Eder wollte nicht, dass sein Wechsel zu den Straubing Tigers öffentlich gemacht wird. Sein derzeitiger Arbeitgeber wollte das aus guten Gründen auch nicht. Zumindest nicht solange Eder als Angestellte der Ice Tigers Eishockey spielt. Diesen Wunsch hat der Angreifer auch nach seiner Vertragsunterschrift in Niederbayern gegenüber den Verantwortlichen geäußert. Warum Jason Dunham, Straubings sportlicher Leiter, sich am vergangenen Mittwoch darüber hinwegsetzte, ist nicht abschließend geklärt. Es war Andreas Eder jedenfalls unangenehm, die Ice Tigers nahmen es ebenfalls mit großer Irritation zur Kenntnis.
  • Zurück zum Sportlichen: Was während des ersten Powerbreaks los war? Kurt Kleinendorst musste erstmal überlegen. Als er sich gedanklich zurückbewegt hatte ins erste Drittel, da wusste er immer noch nicht so recht, warum die Schiedsrichter länger als üblich mit ihm sowie Thomas Popiesch sprachen. „Ihr Trainer hatte etwas zu sagen, sie haben mir nur mitgeteilt worum es ging“, sagte Kleinendorst. „Ich dachte mir: Okay, es war eigentlich nichts.“ Dann lachte Kurt Kleinendorst zum ersten Mal im Pressekonferenzraum.
  • Denn bis dahin sah man vor allem einen ungewohnt nachdenklich wirkenden Nürnberger Trainer. Einen Trainer, der nicht glauben wollte, was da passiert war. Bevor er in die Fernsehkamera die obligatorischen paar Sätze sagen sollte, schaute er auf den weißen A4-Zettel vor ihm. Dann schüttelt er den Kopf. „Shots!“, sagte er später. „Ich wusste, dass wir sie dominiert haben, aber ich dachte nicht, dass es so deutlich gewesen ist.“ Was er meinte, stand in schwarzen Zahlen auf dem weißen Blatt Papier: 31:17.
  • Viel mehr als die 31 eigenen Versuche, die nur zu einem Treffer geführt hatte, ärgerte ihn die zweite Zahl. „Sie haben ihnen drei Tore aus 17 Schüssen gemacht“, sagte der Trainer. Überhaupt sprach er oft von „ihnen“, nie vom Wortungetüm Fischtown, nie von den Pinguins, auch nicht von „Bremmerhäwen“ wie mancher Kollege. Dabei ist Kurt Kleinendorst ein großer Fan dieser Fischtown Pinguins, wie er später zugab. „Immer, wenn ich sie sehe, denke ich mir: Ich mag dieses Team. Ich wusste, dass wir sehr, sehr gut sein müssten, um sie zu schlagen. Und das waren wir. Leider waren wir nicht gut genug.“
  • Dennoch wollte er seiner Mannschaft nicht all zu viele Vorwürfe machen. „Nicht so viel zu tun bis Sonntag“ hätten sie, „wir haben vieles gut gemacht, weshalb ich nicht überreagieren werden, aber es hat immer einen Grund, wen man verliert“.
  • Eigentlich waren es nur drei Dinge, die ihm nicht gefallen hatten: Die letzte Entschlossenheit, die Tore auch wirklich erzielen zu wollen. Das letzte Fünkchen Gier, die „Enge rund ums Netz“ (immer wieder wunderbar, so etwas zu übersetzen), die Rebounds provoziert hätte. Und natürlich: das Unterzahlspiel. Also die 18 Sekunden, die sie Bremerhaven gestattet hatten.
  • Als Kurt Kleinendorst vom Kollegen Florian Jennemann noch gefragt wurde, wann er gedenkt, mal wieder etwas an seiner Aufstellung zu spielen, da holte er zu einem längeren Monolog aus. „Ramoser hätte ich gerne wieder im Line Up, aber ich werde nichts machen, um etwas gemacht zu haben. Habt Ihr beim Spiel heute jemanden gefunden, der nicht gut war? Jeder hat das gemacht, was ich ihm gesagt habe, wir haben nur kein gutes Ergebnis erzielt. Wenn ich jemanden rausnehme, dann wird das nur sein, weil er eine Pause braucht – und nicht, weil jemand nicht gut genug gewesen wäre. Ramoser wird früher oder später kommen. Bei Rylan (Schwartz) ist es schwieriger. Es läuft gerade gut. Wir werden ihn brauchen, aber ich kann nicht sagen, wann genau. Ob nächste Woche oder nächsten Monat. Ich mag, er hat gute Qualitäten, aber wir spielen gerade mit sehr viel Geschwindigkeit – und da fehlt es ihm ein bisschen.“
  • Achja, erfahrene Leserinnen und Leser warten natürlich noch auf das im Teaser versprochene Wort. Nachdem wir bei den NN und bei nordbayern keine Clickbait-Weltmeister sind, folgt hier die Auflösung. Kurt Kleinendorst sagte: Scheiße. „Das waren big three points, mit denen sie (mal wieder!) Platz zwischen uns gebracht haben.“ Genauer gesagt trennen Nürnberg und Bremerhaven jetzt zwölf Punkte.
Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Das Spiel

Ob es eine Fügung des Schicksals war? Oder doch der normale Lauf der Dinge? Gegen die Kölner Haie waren die Ice Tigers in allen erdenklichen statistischen Kategorien unterlegen gewesen, am Ende aber hatten sie in der einzig wichtigen Kategorie mit 9:0 gewonnen: den Punkten. Jetzt, gegen Bremerhaven, waren sie zumindest bei den Torschüssen drückend überlegen, es hätte keine Statistiken gebraucht, um das zu erkennen. Die Ice Tigers legten selbstbewusst los – um dann nach 18 Sekunden in Unterzahl das 0:1 kassieren. Um dann einfach so weiterzumachen. Ein Tor aber wollte ihnen trotz allem Aufwand nicht gelingen. Der Kollege Joachim Meyer von den Eishockey News sprach auf dem Platz neben mir schon von den „18 Sekunden, die Bremerhaven für ein 1:0 reichen“, als Chris Brown den schweren Rucksack mit den Steinen in die Ecke warf. Die Ice Tigers würden doch nicht? Schon wieder ein Sieg? Nein. Jan Urbas traf fünf Minuten später nach einer Nürnberger Fehlerkette, die auch Kurt Kleinendorst nachdenklich stimmte. Und dann traf Dominik Uher in der Schlussminute auch noch zum 1:3.

Der Moment

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Die Arena war beinahe schon menschenleer, als Kristers Gudlevskis alleine auf dem Eis stand. Gut, es lagen sehr viele Plastikbecher und Klatschpappen in seinem Drittel, mit denen aber hatten die Nürnberger Fans die aus ihrer Sicht eher ungünstige Spielleitung der Schiedsrichter moniert. Die mitgereisten Bremerhavener Fans (ohne Bier von Thomas Sabo!) dagegen feierten ihren Torhüter so lautstark wie es ihnen möglich war, Gudlevskis lächelte erst, dann verbeugte er sich. Doch das sollte es nicht gewesen sein. Sie wollten: die Rolle. Einen Purzelbaum zur Feier des Tages. Das, was Patrick Reimer zuletzt ein paar Meter weiter nach seiner Vertragsverlängerung gemacht hatte. Und Gudlevskis tat seinen Fans den Gefallen, lächelte noch einmal in Thomas Hahns großes Objektiv und ging dann sehr zufrieden vom Eis.

Three stars

Nachdem wir uns bei den NN immer wieder abwechseln mit der Berichterstattung über die Ice Tigers, hatte ich Jack Skille bis zum Freitagabend noch nicht live gesehen. Also zumindest nicht auf dem Eis, im Trikot der Ice Tigers. Als er dann spielte, da wurde schnell klar, warum Kurt Kleinendorst diesen Jack Skille in den Tagen vor dessen erstem Spiel in höchsten Tönen gelobt hatte. Einfach ein „really good hockey player“. Es spricht allerdings auch nicht gerade für die DEL, dass ein Beinahe-Rentner aus den Staaten noch so sehr auffällt.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Anfangs stand Chris Brown nicht auf der Liste, doch um 21.21 Uhr schrieb er sich selbst darauf. Als er die Vorarbeit von Eugen Alanov zum vermeintlich erlösenden 1:1 nutzte, schrien die knapp 5000 Menschen in der Arena die Erleichterung lautstark heraus. Dafür gebührt ihm ein Platz in dieser Liste.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Er wurde zwar im letzten Beitrag schon ausreichend gelobt, aber Markus Lillich macht es einem auch leicht, ihn gut zu finden. Dass ihm sein Trainer mehr Eiszeit als Jim O’Brien und Eugen Alanov zugesteht, spricht allein schon für ihn. Anfangs wirkte er bei den harten Zweikämpfen der Pinguins noch etwas eingeschüchtert, später aber rächte er sich auch mal für diese. Und ist damit weiter auf dem besten Wege, zu einem guten DEL-Spieler zu werden.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Und sonst?

Irgendwann während des Spiels waren leise, aber doch kurzzeitig vernehmbare „…., du Zigeuner“-Gesänge zu vernehmen. Woher auch immer sie kamen, wem sie galten, ganz egal: Lasst es einfach. Danke.

5 Kommentare in “Spiel 42: Big Three Points

  1. Jetzt könne sie sich vorstellen wie es am Dienstag den Kölnern ging die unser Tor bestürmt haben und an unserer Effektivität gescheitert sind. Diesmal lief es umgekehrt. Es sollte kein Beinbruch für den Rest der Saison sein, Man gewinnt Spiele und man verliert Spiele. Jedes Wochenende hat immer eine oder mehrere Überraschungen zu bieten. Das man sich über den Weggang Eders irritiert zeigt lässt mich schon schmunzeln, ist doch gang und gebe in der DEL. Scheinbar hat er sich nicht sonderlich wohlgefühlt in Nürnberg und ein gutes Geld wird auch in Straubing gezahlt. Ich denke da werden noch andere Nürnberg verlassen. Die Fluktuation im Eishockey war schon immer hoch. In einem gebe ich ihnen recht Herr Fischer, es stimmt einen schon sehr nachdenklich wenn sich ein Ruheständler in dem Team sowohl läuferisch – körperlich und auch was die Torgefährlichkeit angeht hervorhebt.

  2. Viel negatives ist auch mir nicht aufgefallen. Man ging nicht immer dahin wo es weh tut und ich vermisse einfach jemanden, der von der blauen Linie mal voll durchlädt. Denn ich denke ein paar harte Schüsse von der blauen a la Jamie Pollock hätten diesen kompakten Kasten vor dem eigenen Tor der Pinguine vielleicht etwas auseinander gezogen. Schade auch, dass man die gefühlt 1000 Abpraller nicht verwertet hat, weil einfach zu selten wer im Slot steht. Das Körperspiel gegen Köln war gut, gestern war da leider nicht viel zu erkennen…. Läuferisch eine gute Vorstellung.

    Und ob mir wer einfällt der nicht gut war? Ja natürlich fällt mir da wer ein. Die letzten Wochen dachte ich wirklich: Wow ist das Will Acton? Gestern war es wieder soweit, wo ich mir dachte, Ah da ist er wieder unser Will. Immer einen Schritt zu spät, nie am Mann und unbedrängt die schönsten Fehlpässe….

    Und ja Ramoser fehlt mit seiner Wucht, wen man dafür draussen lassen sollte? Gute Frage, er ist leider kein Center…

  3. Die Sache mit den Schüssen von der blauen Linie und das Fehlen eines Killers vor dem gegnerischen Tor, oder der zumindest sich vor dem Torhüter postiert hat Michl klar erkannt.
    Übrigens haben wir in dieser Saison nicht selten in den letzten Minuten Treffer kassiert und Punkte abgegeben. Ob das nur Zufälle sind wage ich zu bezweifeln.

    Ansonsten war ja die Leistung nicht schlecht und die personelle Situation hat sich so gebessert dass sich Alternativen anbieten.

  4. @ Otto:
    Ich habe das eher so verstanden, dass sich die Verantwortlichen der Ice Tigers nicht über den Weggang irritiert zeigten, sondern darüber, dass die Straubinger das allseits bekannte Gentlemen Agreement nicht eingehalten haben, dass ein Wechsel erst dann veröffentlicht wird, wenn der abgebende Verein nicht mehr in dieser Saison aktiv ist.

  5. @ Patrick Hanslbauer ich denke dieses Gentlemen‘s Agreement funktioniert schon lange nicht mehr. Siehe Wechsel von Bast-Hungerecker um nur zwei zu nennen. Ist für mich auch kein Drama. Die Zeiten und Gepflogenheiten ändern sich.

Kommentare geschlossen.