Spiel 38: Thanks, Katie

Foto: Thomas Hahn/Zink

Jack Skille hatte keine Ahnung, was sie ihm da in die Hand gedrückt hatten. Das T-Shirt hatte er sich einfach über den Kopf gezogen. Den Mann aber, dessen Konterfei er dann auf seiner Brust über die Ehrenrunde fuhr, meinte er noch nie gesehen zu haben. Hatte er natürlich doch, weil Oliver Mebus ja auch dann kaum zu übersehen ist, wenn er nicht regelmäßig auf dem Eis herumfährt. „Ah, der Baum“, erinnerte sich Skille. Es schien, als ob er in diesem Augenblick erkannt hatte, dass es in Nürnberg nicht reicht, in sechs Dritteln drei Tore zu schießen, um zum Eishockeygott erkoren zu werden. Aber es reicht, um die Ice Tigers wieder zu einer ambitionierten Mannschaft zu machen. Zu einer Mannschaft, die plötzlich wieder überzeugend gewinnt, obwohl sie gar nicht über 60 Minuten überzeugend spielt. So wie beim 6:3 an diesem Sonntag im ersten Playoff-Spiel gegen Köln.

Warm-up

  • Plötzlich scheint wieder alles möglich zu sein – also außer ein Angriff auf einen Platz unter den ersten Sechs. Dass aus dem Trio Düsseldorf (8 Punkte Vorsprung), Bremerhaven (12) und Ingolstadt (12) gleich zwei Mannschaften derart den Halt verlieren, dass die Ice Tigers noch an ihnen vorbeiziehen, halte ich für ausgeschlossen. Heimrecht in der ersten Playoff-Runde aber sollte das Ziel für die letzten 14 Spiele (42 zu vergebende Punkte) sein.
  • Vor allem hilft es, die Spiele gegen direkte Konkurrenten zu gewinnen. Kurt Kleinendorst behauptet, die Tabellensituation in der Kabine nie zu thematisieren. Die meisten Ice Tigers aber sollten mitbekommen haben, dass sie ihre Ausgangslage bei drei Spielen in neun Tagen gegen die Kölner Haie selbst entscheidend verbessern können. Nach dem ersten Spiel trennt die beiden Klubs nur noch ein Punkt. Und weil Augsburg in Mannheim chancenlos geblieben war, wären die Ice Tigers selbst schuld, wenn es doch nicht zu einer Verlängerung der Saison reichen sollte.
  • Kurt Kleinendorst freut sich auf die Spiele in Köln, sieht seine Mannschaft psychologisch nach dem 6:3 aber leicht im Nachteil. Allerdings sollte nach diesem wilden Spiel wirklich kein Nürnberger glauben, dass dieses Spiel eine eindeutige Angelegenheit gewesen sei. Mike Stewart ging sogar soweit, seiner Mannschaft keinen Vorwurf machen zu wollen. Was die erstaunliche Aussage eines Trainer ist, dessen unmittelbare Zukunft in einem dauernervösen Umfeld sicher zum Mittelpunkt der Berichterstattung wird.
  • Denn tatsächlich ist es von außen schwer zu verstehen, warum eine derart prominente Mischung aus Künstlern (Matsumoto, Tiffels, Akeson, Gagne), Routiniers (Müller, Müller, Kindl, Genoway) und Arbeitern (Oblinger, Uvira, Bast, Aronson) derart konstant unter dem eigenen Potential bleibt. Dafür war dieses 6:3 der Ice Tigers das beste Beispiel. Auch wenn Kleinendorst von der „vielleicht besten Leistung“ sprach, die eine unterlegene Mannschaft in Nürnberg gezeigt hat.
  • Victor Svensson hat Philippe Dupuis am Freitag in Düsseldorf in die Bande gecheckt. Daniel Piechaczek muss das gesehen haben, er stand direkt daneben. Den Arm aber hob nicht. Eine Fehlentscheidung, die der Disziplinarausschuss tags darauf eingestand, indem er ein Verfahren einleitete. Svensson wurde nicht gesperrt, was vollkommen richtig ist – aber nichts daran ändert, dass die skandalträchtige Beziehungsgeschichte zwischen Piechaczek und den Ice Tigers um ein weiteres Kapitel erweitert wurde. Es spricht viel dafür, dass es das letzte Kapitel ist. Zu Heimspielen der Ice Tigers wird der Schiedsrichter gar nicht mehr eingeteilt, auswärts darf er nur einmal pro Saison ran.
  • Dupuis konnte erstaunlicherweise am Sonntag schon wieder Eishockey spielen. Svensson musste im zweiten Drittel des Düsseldorfer Heimspiels gegen Straubing das Eis verlassen.
  • Von seiner Fitness war Jack Skille überzeugt. Er rechnete eher mit Problemen dabei, im Ernstfall Pucks annehmen und weiterverarbeiten zu können. Dass diese Bedenken unbegründet waren, bewies er sich selbst gleich im ersten Wechsel.
  • Rechtsschützen spielen in der Regel rechts, Linksschützen links – ganz einfach, weil Pässe im Aufbau und bei Kontern mit der Vorhand leichter anzunehmen sind als mit der Rückhand. Im gegnerischen Drittel wiederum schießen Rechtsschützen vor allem im Power-Play gerne von links (Reimer, Ovechkin) und Linksschützen gerne von rechts. Aus irgendeinem Grund gibt es mehr Links- als Rechtsschützen. Nicht in Nürnberg. Von 15 Stürmern schießen acht rechts, darunter die Außenstürmer Reimer, Brown, Cangelosi, Fischbuch und Skille, von dem es hieß, er könne sowohl rechts als auch links spielen. Wie das aussieht, führten die Ice Tigers in Düsseldorf vor. Skille initiierte nach zwei schnellen Schritten einen Doppelpass mit Fischbuch (Rechtsschütze auf rechts), den er als Rechtsschütze auf links erstaunlich souverän abschloss. Wie oft sieht man in DEL, dass Konter daran scheitern, dass ein Angreifer den letzten Pass auf seiner schwachen Seite nicht verarbeiten kann. Skille aber nahm den Puck mit der Rückhand an, legte ihn sich selbst auf die Vorhand und mogelte ihn an Mathias Niederberger vorbei. Das sind die Unterschiede zwischen einem Career-AHL-Profi und einem, der zwar lange als 7th-overall-bust galt, der es aber nicht ohne Grund auf 400 NHL-Spiele gebracht hat.
  • Um Jack Skille geht es in der neuesten Ausgabe der Sitzplatzultras – und natürlich um sehr viel mehr (zum Beispiel um Will Acton). Eine Leserin/Hörerin hat mir geschrieben: „Ich glaube, ihr zwei könntet uns auch ein Telefonbuch vorlesen und daraus etwas Unterhaltsames machen!“ Danke. Aber dass mir dazu nichts einfällt, widerlegt ihr Lob leider.
  • Die Shorthanded News haben hier für 14 Teams 14 erstaunliche Zahlen herausgesucht. Unter der Zwischenzeile „Eintritt ab 23“ haben sie einen Absatz dem Nürnberger Umgang mit der U23-Regel gewidmet. Nun war dabei nicht berücksichtigt worden, dass alle Ice Tigers unter 23 in dieser Saison entweder lange verletzt waren (Kislinger, Grosse, Bernhardt) oder sich früh gegen eine Zukunft in Nürnberg entschieden haben (Wirth), worauf sie sehr schnell hingewiesen wurden. Und natürlich haben diese frühen Verletzungen dazu beigetragen, dass einzelne Spieler nicht so eingesetzt werden, wie das ursprünglich geplant. Beispielsweise bin ich davon überzeugt, dass ein spielintelligenter Stürmer/Verteidiger wie Tim Bernhardt in einer funktionierenden Mannschaft hätte positiv überraschen können. Das ändert aber nichts daran, dass die Ice Tigers entgegen ihrer Ankündigungen im ersten Jahr nach dem Umbruch Probleme damit haben, zwei jungen Spielern Eiszeit und Verantwortung zu übertragen.
  • Dabei ist die Zeit auf dem Eis wohl aufschlussreicher als die Tore, die letztlich dabei rauskommen. Und in dieser Statistik müssen die Ice Tigers den Fischtown Pinguins dafür danken, dass sie offenbar kaum U23-Spieler finden, die sie eindeutschen können.
    Eiszeit, die U23-Spieler auf dem Eis stehen – pro Spiel (sans Goalies):
    1. München 33 Minuten
    2. Düsseldorf 29
    3. Iserlohn 27
    4. Köln 26
    5. Mannheim 21
    6. Ingolstadt, Berlin und Wolfsburg je 20
    9. Krefeld 19
    10. Augsburg 16
    11. Schwenningen und Straubing je 15
    13. Nürnberg 9
    14. Bremerhaven 8
  • An diesem Wochenende stand bei den Ice Tigers erneut nur ein U23-Spieler im Aufgebot – mit Markus Lillich noch dazu einer, der ursprünglich nicht eingeplant war. Das ist insofern kein Problem, da Kurt Kleinendorst ohnehin nur sechs Verteidiger einsetzt. Dass Max Kisilinger, Tim Bernhardt und Pascal Grosse derweil für Bayreuth aktiv waren, halte ich für deren Entwicklung derzeit für sinnvoller (bei 13 Bayreuther Treffern blieben die drei am Wochenende ohne Torbeteiligung). Aber noch einmal: Nach außen sieht das nicht unbedingt nach einer nachhaltigen Personalplanung aus.

Das Spiel

Drei Power-Play-Tore, ein Unterzahltreffer, zwei dreckige Tore im ersten Drittel – mehr sollte es in der DEL nicht zu einem Heimsieg brauchen. Diesmal brauchte es dazu noch einen Gegner, der nicht wirklich schlecht spielte, der all das aber trotzdem möglich machte und gleichzeitig die vielen Einladungen nicht annehmen konnte. Köln hatte mindestens drei Eisentreffer, drei Phasen großer Überlegenheit (jeweils in den ersten zehn Minuten eines jeden Drittels). Köln hatte aber auch einen sehr durchschnittlichen Goalie, Stürmer, die zwar immer wieder für viel Verkehr vor Niklas Treutle sorgten, die dabei aber seltsam harmlos wirkten und mitunter glücklos waren und ein Unterzahlspiel, das dem Nürnberger Talent nicht gewachsen war. Nach den schmutzigen Treffern zum 2:0 waren die Tore der Ice Tigers Nachweise erwarteter Klasse (Jack Skilles 3:2, Patrick Reimers und Eugen Alanovs 5:3, Chris Browns Rückhandpass auf Brandon Buck und dessen Direktabnahme zum 6:3) und überraschender Klasse (Chad Bassens perfektes Zuspiel in den Lauf von Will Acton vor dem 4:3). Ansonsten stimmte der Einsatz, die Verteidigungsleistung nicht immer (Brett Festerling und Tim Bender hatten Abende, die in den letzten Wochen alleine zu Niederlagen gereicht hätten). Das K-und-K-Duo wird in den nächsten Wochen noch einiges zu tun haben, vielleicht aber entwickelt sich die Formkurve der Ice Tigers nach einer bislang komplizierten Saison genau richtig.

Der Moment

Foto: Thomas Hahn/Zink

Jack Skille hatte zuvor schon von der besonderen Beziehung zu Kurt Kleinendorst gesprochen und zur Rolle, die der Coach bei seinem Comeback gespielt hat. Weiter hatte ich darüber nicht nachgedacht. Zwei US-Amerikaner, die in der NHL und in der AHL an vielen Standorten viele Erfahrungen gesammelt hatten, werden irgendwann in den letzten zehn Jahren irgendwo gleichzeitig beim selben Team angestellt gewesen sein. Auch wenn mir nicht einfallen wollte, wo das gewesen sein könnte. Die nötige Nachfrage aber habe ich Kleinendorst erst nach dem Sieg gegen Köln gestellt, seine Antwort macht Skilles Geschichte noch ein bisschen außergewöhnlicher. Der Moment des Spiels ereignete sich erst nach dem Spiel: Kleinendorst wohnt in Park City, Skille ist im Sommer nach Park City gezogen. In Park City lernte Skilles Frau Kleinendorsts Tochter kennen. Katie Kleinendorst rief also ihren Dad an und erzählte ihm von einer Frau, deren Mann zuletzt in Genf „ein richtig schweres Jahr“ hatte. Dad, soll Katie Kleinendorst gesagt haben, „du könntest gut für ihn sein“. Also traf sich Kurt Kleinendorst mit diesem Spieler auf ein Bier. Und Jack Skille erzählte ihm, dass er nach seiner Erfahrung in der Schweiz fertig sei. Wenig später hatte Skille ein Vertragsangebot von den Ice Tigers vorliegen. Der einstige 7th-overall-pick der Montreal Canadiens Chicago Blackhawks (merci bien, Henrietta) aber war noch nicht soweit, weshalb die Ice Tigers Jim O’Brien verpflichteten. Skille und Kleinendorst aber blieben in Kontakt, vor zwei Monaten bekam der Nürnberger Coach eine Nachricht aus Park City von einem Ex-NHL-Profi, der sich von den Kindern, die er trainierte, dazu inspirieren hatte lassen, wieder Eishockey spielen zu wollen. Und so gaben Skille und O’Brien am Freitag gemeinsam ihr Debüt für die Ice Tigers, die seither eine bessere Mannschaft sind.

Three Stars

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Ja, ich habe am Freitag im Podcast die Möglichkeit ausformuliert, dass Will Acton vielleicht nie wieder ein Tor erzielt. Zwei Tage später hat der unerklärliche Kanadier gegen Köln zwei Tore erzielt, darunter den Game-Winner. Natürlich. Schon allein wegen seines Unterzahltors muss er in dieser Würdigung erwähnt werden (Joachim Meyer von den Eishockey News trocken: „Er kann schon noch Tore schießen, er muss halt nur auch aufs Tor schießen.“). Meine nächsten Herausforderungen für die nächsten Podcasts: behaupten, dass Oliver Mebus eh nicht in Nürnberg bleibt; beiläufig erwähnen, dass Niklas Treutle eigentlich kein Playoff-Torhüter ist; und feststellen, dass die Zeit des verlässlichen Defensivverteidigers Brett Festerling leider vorbei ist.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Kurt Kleinendorst hatte immer wieder angekündigt, ihm eine Pause gönnen zu wollen. Die Pause aber gab es nicht, weil erst Marcus Weber im Angriff gebraucht und dann „der Baum“ Mebus gefällt wurde. Kleinendorst konnte es sich einfach nicht mehr leisten, selbst auf einen langsamen Tom Gilbert zu verzichten. So allmählich aber kommt der erfahrene Verteidiger wieder mit. Gegen Köln tauchte er zweimal gefährlich vor Gustaf Wesslau auf, einmal führte seine Präsenz zu einem Tor (was Markus Lillich im Nachhinein noch seinen ersten DEL-Assist kosten könnte). Auch Gilberts Formkurve zeigt nach oben. Das äußerte sich auch im Lächeln, dass er am Ende dem dauerfrustrierten Moritz Müller schenkte.

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Daniel Fischbuch hat drei Fouls gezogen – und nur einmal kann ihm dabei unterstellen, ein bisschen zu leicht gefallen zu sein. Mike Stewart sprach dann auch von einer „umstrittenen Entscheidung“ gegen Colby Genoway. Dass auch einer seiner Spieler bereitwillig gefallen war, als er den Schläger von Chad Bassen spürte, erwähnte der Kölner Trainer nicht. Egal, das Power-Play nutzte Fischbuch dazu, Jack Skille einzusetzen, der gerade erst über die Bande gesprungen war. 3:2. Unstrittig waren die vier Minuten gegen Jason Bast, die das Spiel endgültig entschieden. Fischbuch hatte durch den hohen Stock des Ex-Nürnbergers einen Teil eines Zahn verloren.

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In Ehrenvolle Erwähnung: Jim O’Brien war bereits an seinem ersten Wochenende richtig wertvoll für seine neue Mannschaft. Stark im Zweikampf, stark in der Rückwärtsbewegung, immer aufmerksam, oft clever. Wenn das nur 70 Prozent waren, können sich die Fans auf die nächsten Wochen freuen. Richtig außergewöhnlich aber wird seine Leistung, wenn man seine Geschichte kennt

3 Kommentare in “Spiel 38: Thanks, Katie

  1. Heute leider keine Zeit für einen langen Kommentar, aber wurde unser Jack Skille nicht 2005 als 7th overall von den Chicago Blackhawks gedraftet?
    Ich glaube zumindest: Es war nicht Montreal, sondern Chicago. Lasse mich aber gern belehren, falls ich daneben liege.

    • Du hast natürlich völlig recht. Bei draft-busts denke ich sofort an Montreal. Wird sogleich ausgebessert.

  2. Ich denke, man kann es kurz zusammenfassen. Es waren drei wichtige Punkte. Die Defensive ist weiterhin völlig neben der Spur. Festerling und Bender sind im Momenr definitiv nicht DEL tauglich. Bei den Beiden frage ich mich gerade, wer der schlechtere ist.

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