Spiel 10: Kein Schuss, ein Tor

Foto: Thomas Hahn/Zink

Eigentlich wollte ich ja mit Chris Brown reden. Aus Gründen. Aus unerfreulichen Gründen war das aber nicht möglich, weil Brown im Krankenhaus untersucht wurde, als seine Kollegen von ihrer Ehrenrunde zurückkamen. Also habe ich mich mit Tom Gilbert unterhalten. Sehr nett war das, hätte mir der US-Amerikaner mich nicht gleich zu Beginn des Interviews veralbert. Gilbert erzählte, dass er in der NHL einst ein Tor zugesprochen bekam, dass eigentlich Corey Perry erzielt hatte – ins Tor der Anaheim Ducks, also sein eigenes. Nun habe ich ja auch schon ein paar Eishockey-Spiele gesehen, ein echtes Eigentor war da nie dabei. Im Eishockey gibt es doch überhaupt keine Eigentore, mal ehrlich. Egal, widmen wir uns erfreulicheren Dingen, diesem 3:2 der Ice Tigers gegen die Tigers zum Beispiel.

Warm-up

  • Gerade noch einmal das Foul von Benedikt Schopper gegen Chris Brown angesehen. Das sollte am Samstag im „Funky Cold Medina“-Chat (oder wie auch immer das DOPS seine WhatsApp-Gruppe nennt) zumindest thematisiert werden. Brown foult Schopper in der Rundung. Schopper rächt sich vor dem Tor. Auf den ersten Blick hat das eher dumm als gefährlich ausgesehen. Auf den zweiten Blick sieht man, wie Schoppers Schulter gezielt Browns Kopf rammt. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach sollte dabei berücksichtigt werden, dass Brown den Puck nicht führte, er die Attacke also nicht hatte vorhersehen können.
  • Interessante Aussage von Kurt Kleinendorst dazu: „Könnte sein, dass das eine Sperre nach sich zieht. Aber davon haben wir nichts. Wir spielen nicht am Sonntag gegen Straubing oder am kommenden Freitag. Es ist ein Fehler im System. Aber das geht allen so. Wir werden uns das ansehen und uns definitiv für Chris Brown einsetzen. Wir werden ihn verteidigen, auf irgendeine Weise.“
  • Bei Brown besteht ein Verdacht auf Gehirnerschütterung. Er selbst hatte zunächst weiterspielen wollen und auch weitergespielt (der Fehlpass auf Connolly vor dem 2:1 war wohl ein Ergebnis dieser Entscheidung). Der Reflex schreibt mir vor, das zu kritisieren, weil es die Aufgabe der Ärzte sein sollte, einem Spieler diese Entscheidung abzunehmen. Allerdings wäre das anmaßend, weil es mir sowohl an der medizinischen Expertise mangelt als auch an der Erfahrung, während eines Punktspiels inmitten von Eishockey-Profis auf der Bank zu sitzen (sorry, liebe Fürther Kampfkarpfen). Kurt Kleinendorst sagte danach, dass er seine Spieler von Zeit zu Zeit daran erinnern muss, dass es ein Leben nach dem Eishockey gibt. Auch deshalb wurde Brown in der zweiten Drittelpause ins Krankenhaus gefahren. Sollte dort eine Gehirnerschütterung festgestellt worden sein, wird der Texaner mindestens eine Woche aussetzen müssen, so schreibt es das Protokoll vor. Kleinendorst aber glaubte, dass es nicht so schlimm sei. Doch was bedeutet das schon?
  • Wenn ich in nächster Zeit mal zehn Minuten nicht weiß, was ich machen soll (wird also nicht passieren), dann rechne ich die man games lost der Ice Tigers aus. An diesem Freitag kamen vier dazu. Diese Wertung sollten die Ice Tigers bislang unangefochten anführen. Im Schlussdrittel spielten sie ohne: Wirth/Festerling, Buck/O‘Brien/Brown; Grosse/Bernhardt, Ramoser/Dupuis/Kislinger. Zuletzt waren die Ice Tigers 1999/2000 mit einer ähnlichen Rumpftruppe unterwegs, hatten dabei allerdings weit weniger Erfolg.
  • Zumindest Brandon Buck sollte am Sonntag in Augsburg antreten können, wo sich der nette Tray Tuomie gerade als der wahre Genius hinter den Erfolgen der Panther offenbart hat (stickstap to Florian Jennemann). Unter der Woche sollten sich dann Brett Festerling, Joachim Ramoser und Max Kislinger wieder wettkampfbereit melden. Mit Philippe Dupuis plant Kleinendorst frühestens am Wochenende nach der Deutschland Cup-Pause.
  • Bevor hier nur noch gelobt wird: Rylan Schwartz, Andreas Eder und Patrick Reimer können alle überzeugen, allerdings weiterhin nicht als Reihe. Und Will Acton ist auch weiterhin der schwächste Nürnberger (diesmal lässt sich das Urteil auch nicht durch seine Bully-Quote abmildern). Trotzdem hat er ein Tor gemacht, aber dazu später mehr.
  • Weil er es nicht in die Three Stars schaffen wird: Es ist eine Freude, Austin Cangelosi beim Eishockey spielen zuzusehen. Im Gegensatz zu vermeintlich erfahreneren Ice Tigers trifft er kaum eine schlechte Entscheidung. Ist beweglich, immer aufmerksam, defensiv stark. Irgendwann wird sich das auch in Toren auszahlen. Denn dass er Tore schießen kann, hat er schon bewiesen. Und dass er sich in der DEL zunächst einmal als verlässlicher Spieler etabliert, könnte sich in der Nachbetrachtung als vollkommen richtig herausstellen.

Das Spiel

Heilige Makrele, ist das eine starke Straubinger Mannschaft. Christoph Fetzer hat das zwar schon gepredigt, da war ich noch mit meinem ältesten auf dem Drei-Meter-Brett gestanden (dass ich danach wieder die Leiter hinuntergeklettert bin, soll hier nicht erwähnt werden). Manche Dinge aber muss man erst mit dem eigenen Augen sehen. Straubing hat im ersten Drittel die spielerisch reifere Mannschaft gestellt und im zweiten die optisch klar überlegene. Und trotzdem hat Nürnberg nicht unverdient gewonnen – vor allem in Anbetracht der personellen Situation. „Wir haben in unser eigenes Tor geschossen! So ein Abend war das.“ Mit diesem Satz verabschiedete sich Tom Pokel nach der Pressekonferenz von seinem Kollegen. Und das traf es aus Sicht der Niederbayern wohl ziemlich gut. An sehr vielen Abenden hätte eine solche Leistung zu einem Auswärtssieg gereicht, sehr oft wahrscheinlich sogar zu einem klaren Auswärtssieg. Nicht an diesem Freitag, nicht gegen Niklas Treutle, nicht gegen sechs Nürnberger Verteidiger und acht Nürnberger Stürmer, die dieses Spiel unbedingt gewinnen wollten. „Fünf Stangenschüsse“ (das passiert, wenn man als Amerikaner Deutsch in Österreich lernt) hatte Pokel für seine Mannschaft gezählt (dabei allerdings unterschlagen, dass Alanov – und Schwartz? – ebenfalls Stangen getroffen hatten). Straubings Coach schien dieses „seltsame Spiel“ nicht verstanden zu haben. Dabei war es gar nicht so kompliziert: In den Straubinger Druckphasen verteidigten die Ice Tigers sehr kompakt vor Niklas Treutle und ließen kaum gefährliche Chancen zu, hatten dabei aber mehr als genügend aussichtsreiche Gelegenheiten (Reimer, Schwartz, Reimer, Schwartz, Reimer, Schwartz – ich denke, man versteht, auf was ich hinauswill). Und dann war da noch die beeindruckend starke erste Straubinger Reihe mit dem cleveren Mike Connolly (ein Genuss, ihm zuzuschauen), dem hungrigen Jeremy Williams und Stefan Loibl, die heute Nacht von einer Riesenschildkröte im Tor träumen wird. Straubing wird direkt ins Viertelfinale einziehen (you read it here second) und seinen Fans noch viel Spaß machen (nebenbei: mehr Schlagzeuger in Fanblocks!). Ganz genauso wie die Nürnberger. Dieser Freitag war wahrscheinlich ein guter Tag, um ein Tigers-Fan zu sein.

Der Moment

Tom Pokel ist seit 25 Jahren Eishockey-Trainer. Ein solches Tor hat er noch nicht gesehen. Kurt Kleinendorst ist seit 28 Jahren Eishockey-Trainer (an was erinnert mich das?). Ein solches Tor hat er live noch nicht gesehen. Ich schaue mir seit 19 Jahren Ice Tigers- und andere Spiele im Auftrag der Nürnberger Nachrichten an. Ein solches Tor habe ich live noch nicht gesehen. Und Horst Dittmann verfolgt in Nürnberg Eishockey-Spiele seitdem an der Äußeren Bayreuther Straße zum ersten Mal übers Kunsteis gerutscht wurde (also ungefähr). Aber an ein solches Tor kann sich noch nicht einmal das Zeitungsredakteur gewordene Eishockey-Archiv der Nürnberger Zeitung erinnern. Immer wieder neue Kuriositäten hervorzubringen, dessen rühmen sich viele Sportarten. Auf dieser mit durchaus erfahrenen Kollegen gefüllten Pressetribüne (der BR-Kollege Oliver Tubenauer erinnerte sich sofort an ein irregulär-reguläres Gegentor ins leere Tor der Ice Tigers in Duisburg gegen Essen; ich hingegen kann mich kaum an das letzte Spiel gegen Krelohn oder Iserfeld erinnern) aber fällt erstaunlich oft der Satz: Das habe ich noch nie gesehen. Diesmal fiel er also, nachdem Travis Turnbulls Rückpass Antoine Laganiere ziemlich klar verfehlt hatte und der Puck ins von Sebastian Vogl nach der angezeigten Strafe gegen Daniel Fischbuch längst verlassene Tor rutschte. Und weil es im Eishockey zwar Eigentore gibt, aber nicht geben darf, wurde der Treffer auf dem Eis Chris Brown zugesprochen. Später zeigte sich, dass Brown die Scheibe gar nicht berührt hatte, sondern Acton beim Bully der letzte Nürnberger am Puck war. Und irgendwie passte das auch zu diesem Abend und zu Actons Saisonleistung, ein Schuss wurde übrigens nicht für die Nummer 41 registriert. Eine interessante Frage, die wahrscheinlich auch nur ein Statistiker aufwerfen kann, warf dann noch Helge Würker auf: Angenommen, in dem Spiel trifft allein Turnbull – bekommt dann Sebastian Vogl einen Shutout gutgeschrieben?

Das Interview

Tom Gilbert, Sie haben schon an einigen Eishockey-Spielen teilgenommen. Haben Sie jemals ein solches Tor gesehen?
Ich habe ein solches Tor sogar schon geschossen. Die andere Mannschaft (die Anaheim Duck, Anmerkung des Bloggers) hatte einen extra Angreifer gebracht, ein Spieler (Corey Perry) kreiselte um unser Tor und schoss den Puck die gesamte Eisfläche hinunter in sein eigenes Tor. Ich hatte den Puck als Letzter berührt, also habe ich das Tor bekommen. Aber das kommt wirklich sehr, sehr selten vor.

Wie haben Sie dieses sehr unterhaltsame Spiel wahrgenommen?
Ich hoffe wirklich, dass jeder Spaß hatte. Es war eine Schlacht. Wir haben wenige Spieler und es werden immer weniger. Unsere Bank war ausgelaugt. Aber jeder hat alles gegeben. Jeder hat großartig gespielt. Das sind die Spiele, die man gewinnen muss.

Haben Sie jemals in ihrer Karriere mit drei Reihen spielen müssen?
Wir hatten am Ende ja nicht einmal drei Reihen. Weber musste vorne aushelfen, da hatten wir nur noch fünf Verteidiger. Aber die Zeichen mehren sich ja, dass ein paar Jungs zurückkommen. Klopfen wir auf Holz. Derzeit sind wir nicht viele.

Das sieht man auf der Bank, aber nicht auf dem Eis.
Wir bemitleiden uns nicht. Jeder arbeitet hart für den anderen. Diese Mannschaft ist unglaublich.

Es sieht auch nicht so aus, als würde die Mannschaft gegen Ende der Spiele müde werden. Liegt es daran, dass die Ice Tigers seit Trainingsbeginn so viel über das Eis rennen müssen?
Zunächst einmal gebührt dem Management der Respekt. Sie hatten vom ersten Tag an einen Plan und dieser Plan sah vor, dass wir fit sind, richtig fit. Und jeder einzelne Spieler zieht dabei mit.

Three Stars

„Schaut euch Bassen an: Er war heute ein großartiger Soldat für uns. Er hatte die Gelegenheit, in unserer Aufstellung nach oben zu rücken und mehr und bedeutendere Minuten zu bekommen. Und was macht er daraus: zwei Tore als Ergebnis einer herausragenden Leistung. Wenn man heute eine Foto an die Wand gehängt und gesagt hätte, wir spielen alle wie dieser Bursche, dann hätte dieses Foto Chad Bassen gezeigt.“ (ein Gastbeitrag von Kurt Kleinendorst)

Foto: Thomas Hahn/Zink

Trotzdem: Meiner nicht maßgeblichen Meinung nach war Niklas Treutle der Matchwinner. Wieder einmal hat der Nürnberger das Schwierige so leicht aussehen lassen, wieder einmal war er da, als ihn die Ice Tigers am dringendsten brauchten (zum Beispiel gegen Benedikt Kohl, nach Benders brainfart gegen Daschner, gegen Ziegler und immer wieder gegen Williams).

Foto: Thomas Hahn/Zink

24 Minuten dürften Rylan Schwartz auch schon länger nicht mehr auf dem Eis gestanden sein. Kleinendorst verteilte die Eiszeit ziemlich fair, Schwartz aber spielte Über- und Unterzahl, war immer präsent, offensiv wie defensiv. Nur seine Chancenverwertung bleibt ein Problem. Damit ist er allerdings nicht alleine.

Foto: Thomas Hahn/Zink

8 Kommentare in “Spiel 10: Kein Schuss, ein Tor

  1. Starke Energieleistung der Ice Tigers! Macht wahnsinnig Spass

    Nur zwei Anmerkungen:
    Die Ice Tigers haben zuletzt unter Mike Schmidt mit einer derartigen Rumpftruppe gespielt und das sogar auch relativ erfolgreich (u.a. in Hamburg damals mit 14 Spielern mit 4:0 gewonnnen).

    Die Ice Tigers haben vor einigen Jahren in Mannheim auch so ein Tor „geschossenen“, allerdings war die Regel damals noch so das solche Tore nicht zählen.

  2. In dem Video lächelt sogar noch Colin Fraser auf der Bank der Oilers in die Kamera, und der 28er bei Edmonton dürfte Ryan Jones sein …
    Ansonsten fand ich das gestern ziemlich spannend und intensiv, wobei ich Acton gestern eher als stark wahrgenommen habe. Vor allem defensiv hat er einen richtig guten Job gemacht. Ist aber leider nicht der Job, für den er nach Nürnberg geholt worden ist.

    • Ich tue mir wirklich schwer mit der Relativierung, dass Acton aber doch defensiv richtig stark gewesen sein soll. In Kleinendorsts System kann es sich niemand leisten, seine defensiven Aufgaben zu vernachlässigen. Acton erst recht nicht. Offensiv hatte er ja auch gute Szenen (zB sein Flip-Pass auf Brown im ersten Drittel), er konterkariert das aber jedes Mal mit seinen Schlampigkeiten – nicht nur, aber vor allem – im Power-Play.

  3. Tolles Spiel gestern, Straubing war richtig stark, die Ice Tigers haben alles reingeworfen, was noch irgendwie im Tank war. Connolly und Williams zusammen zu sehen macht schon Laune, blindes Verständnis in allen drei Zonen auf dem Eis.

    Auf Dauer wird das mit der kurzen Bank nicht funktionieren, wir brauchen dringend ein paar Rückkehrer. Hoffentlich kommt auch Brown wieder schnell zurück.

    War ein toller Abend und Werbung für diesen Sport. Das Spiel hätte deutlich mehr Zuschauer verdient gehabt.

  4. Hallo,

    geiles Spiel gestern.

    Ich hätte den Straubingern einen Sieg sogar gegönnt. Sehr gutes Spiel. Wenn unsere Rumpftruppe nicht so unglaublich gekämpft, hätte ich, vermutlich zum ersten mal in 20 Jahren, dem Gästeteam einen Sieg gegönnt. Für die vielen Straubinger Freunde freue ich mich, dass Sie endlich das Überraschungsteam der Liga stellen.

    Ich hoffe, Brown wird nicht länger ausfallen und Schopper angemessen gesperrt. Mal sehen, offenbar ist unter Funk ja hier eine konstantere Gangart Einzug zu halten.

    Das Team macht wirklich Spaß und hätte durchaus auch an einem Oktoberfreitag gegen Straubing mehr Zuschauer verdient. Hoffe, das spricht sich noch rum und im Dezember werden wir dann wieder mal die 6000er Marke knacken.

    Gruß
    Stefan

  5. Oliver Tubenauer!

    Da kommen bei mir doch gleich Erinnerungen an unvergessliche Radioübertagungen unserer IceTigers in den Sinn. Ach was waren das für Zeiten damals!
    Nicht unerwähnt sollten in diesem Zusammenhang ein Andi Linder + natürlich das leider viel zu früh beendete Fanradio bleiben.

  6. @Sebastian: Bei anderen Spielen in dieser Saison hätte ich Deine Kritik verstanden/unterschrieben. Nicht aber am Freitag, da hat er einfach stark gespielt.
    Sonnenklar, dass Acton mit ziemlicher Sicherheit der Spieler in der Mannschaft ist, bei dem Preis und Leistung in keinster Weise zusammenkommen, genau genommen ist das jetzt seit 15 Monaten eine einzige Enttäuschung, aber am Freitag war eines seiner besten Spiele hier in NUE.

  7. @Wolfgang
    Das Spiel hatte ich damals sogar live in Hamburg gesehen!
    Wenn ich mich richtig erinnere war damals #11 Lehoux Stürmer(!) und hat sogar ein Tor geschossen!
    Schinko hatte sich damals auch noch mit einem Hamburger angelegt und musste glaube ich auch noch zum vorzeitigen Duschen (da bin ich mir aber nicht wirklich sicher ob er gehen musste…).
    War das ein Spiel!!!

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