Spiel 8: Plädoyers und Pfiffe

Foto: Thomas Hahn/Zink

Wenn Iserlohn im Oktober nach Nürnberg kommt, verheißt das selten große Spiele. Ein solches war dieses 2:1 nach Verlängerung auch nicht. Trotzdem (oder gerade deshalb?) gibt es einiges zu besprechen.

Warm-up

  • Die Pfiffe waren zu erwarten. In der vergangenen Saison hatte sich Chris Rumble nicht sonderlich beliebt gemacht in Nürnberg, als er im Trikot der Fischtown Pinguins dem bemitleidenswerten Taylor Aronson mit seinem Check einige dunkle Stunden bescherte. Inzwischen trägt Rumble das Iserlohner Trikot, an Zuneigung hat er bei den Fans der Ice Tigers noch immer nicht gewonnen. Und auch die Spieler der Ice Tigers zeigten ihm anfangs deutlich, was sie von ihm halten. Worüber sich Rumble aber scheinbar freute. Gesprächspartner für dirty talk fand er so genügend.

  • All zu kritisch wollte Kurt Kleinendorst nicht sein. Er spricht ja gerne von einem Prozess, in dem er mit seiner Mannschaft steckt, dazu gehören auch Spiele, in denen nicht alles funktioniert. „Stell dir vor, wie aufgeregt man vor dem ersten Date ist“, sagte er. „30 Jahre später liebst du deine Frau immer noch, aber es ist anders als beim ersten Date.“ Soll heißen: Nicht an jedem Abend sind Feuer und Leidenschaft gleich stark ausgeprägt, doch genau das ist das Ziel für die Ice Tigers, findet ihr Trainer. „Wir müssen jedes Spiel so spielen, als wäre es unser erstes Date. Das ist der Unterschied zwischen Mannschaften, die es gut machen und solchen, die es nur okay machen. Wir müssen Wege finden, jeden Abend gut zu sein.“

  • Das Powerplay funktioniert nicht mehr so wie an den ersten Spieltagen. Nun wäre es einfach, das auf den Fakt zu schieben, dass nicht mehr Daniel Fischbuch das Überzahlspiel orchestriert, sondern Tom Gilbert. Doch das wird der erfahrene Verteidiger auch am Sonntag in Schwenningen machen, „wir haben es im Training probiert und es sah gut aus“, sagte Kurt Kleinendorst nach dem Spiel. „Es wird noch ein oder zwei Spiele dauern, man muss dem Zeit geben.“
  • Ein Grund für den Tausch war auch einer, der manchem Nörgler nicht einleuchten wird: Will Acton. Kurt Kleinendorst wollte „seine Reihe zusammenlassen, weshalb wir die zweite Gruppe etwas verändert haben und in der anderen ein Platz frei wurde.“ 

  • Der Trainer hob auch die „Führungsqualitäten“ von Acton hervor, weshalb ich ihn gefragt habe, ob die #41 denn momentan ein solcher Anführer sein. Es folgt ein Plädoyer von Kurt Kleinendorst: „Wenn man Will wirklich beobachtet beim Spielen, macht er so viele Dinge gut. Er macht alles, worum ich ihn bitte. Was viele Fans vielleicht nicht sehen ist, dass ich Wills Line gegen die Top-Line des Gegners einsetze. Wenn man das macht, ist es die Aufgabe der Reihe, defensiv gut zu sein und dem Gegner nicht die Chance zu geben, uns weh zu tun. Mit der Zeit wird er seine Tore und Punkte machen, aber meine Aufgabe für ihn ist momentan, vor allem defensiv gut zu stehen. 
  • Und weil derzeit unter fast jedem Post, in dem es um die Ice Tigers geht, der Name Moritz Wirth auftaucht, habe ich auch nochmal nach ihm und den weiteren Plänen der Ice Tigers in den kommenden Wochen und Monaten gefragt. Auch hier folgt ein Plädoyer von Kurt Kleinendorst: „Ein junger Spieler wie er muss spielen. Wir haben gerade sechs gesunde Verteidiger, die sehr gut spielen, bei keinem würde ich mich gut fühlen, wenn ich ihn rausnehme. Soll ich Summers rausnehmen? Oder Mebus? Wirthi muss spielen, in Überzahl, in Unterzahl, ja, das muss er  jetzt in Bayreuth machen. Ich kann garantieren, dass er als local boy eine sehr große Zukunft hier in Nürnberg hat. Vielleicht nicht in den nächsten ein oder zwei Monaten, aber mit der Zeit wird er hier perfekt reinpassen. Es macht keinen Sinn, wenn er hier auf der Bank sitzt und nur drei, vier Minuten spielt. Es gibt einen Plan, aber ich kann kein genaues Datum nennen, wann es so weit sein wird. Er wird in dieser Liga noch sehr lange sehr gut spielen. Wenn ich Nürnberg wäre, wenn ich Wolfgang wäre, würde ich dieses Kind sehr lange binden. Er wird ein sehr guter Spieler sein. Wenn wir ihn brauchen, und das werden wir, dann wird er da sein.“
  • Grüße an den Blog-Leser (oder doch Zeitungsabonnenten?), der mir nach dem Spiel mitgab, ich solle doch mal „was gscheids“ schreiben, um sich dann mit den Worten „Naa, bisd scho a gude Ergänzung“ zu verabschieden. Ehrliches Feedback, so wichtig… 😉

Das Spiel

Selbst nach dem Sieg war Kurt Kleinendorst enttäuscht, „dass wir einen Punkt abgegeben haben“. Denn nach zwei tatsächlich eher holprigen Dritteln, in denen beide Mannschaften viele kleiner Fehler und je ein Tor (1:0 Holma, 1:1 Fischbuch) machten, rissen die Ice Tigers das Spiel im letzten Drittel an sich und drückten vergebens auf das 2:1. Das fiel dann erst unter freundlicher Mithilfe von Alex Petan, der Austin Cangelosi eigentlich schon alle Chancen auf ein Tor genommen hatte, sich dann aber sehr ungeschickt anstellte und auf die Strafbank musste. Der Rest ist: Buck-Fischbuch-Jubel.

Der Moment

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Als Christian Rupp die Startformation der Iserlohner vortrug, brandete Applaus auf. Das ist dann doch eher ungewöhnlich, schließlich gab es auch an diesem Abend wieder die obligatorischen Anti-Gesänge zu hören. Doch Andreas Jenike ist für viele Fans scheinbar noch immer mehr Nürnberg als Iserlohner, schließlich hat er hier neun Jahre verbracht, wenn auch nicht alle permanent im Trikot mit dem Tigerkopf. Doch in den warmen Applaus mischten sich auch einige deutlich vernehmbare Pfiffe. Das verwunderte dann doch. Jenike war nie ein großer Sympathieträger, Interviews mit ihm waren tatsächlich eher weniger spaßig und ertragreich wie die mit anderen Eishockeyspielern – aber Pfiffe? Okay. Zumindest während des ersten Drittels, als Jenike in Großaufnahme auf dem Videowürfel erschien und Christian Rupp „die ehemalige #29“ der Ice Tigers feierte, gab es nur Applaus. Und Andreas Jenike zeigte dann tatsächlich ein sehr gutes Spiel, an dessen Ende trotzdem mal wieder Niklas Treutle mehr zu lachen hatte.

Three Stars

Natürlich musste er nach diesem Spiel den sehr hässlichen alten Fahrradhelm von Uvex tragen. Zwei Tore haben die Ice Tigers geschossen, für beide war Daniel Fischbuch verantwortlich.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Als die Ice Tigers Chris Summers verpflichteten, da sagte Kurt Kleinendorst einen Satz, den er bis heute nicht bereut haben dürfte: „Chris kann einer der Top-Verteidiger der DEL werden.“ Dass die Ice Tigers mit 19 Gegentoren in acht Spielen eine der besten Defensiven der Liga haben, liegt nicht nur, aber auch an Summers.

Was wurde über ihn geschimpft, wie oft wurde auf die Diskrepanz zwischen Können und tatsächlicher Leistung hingewiesen. Doch wenn es gegen Iserlohn gefährlich wurde, war nicht selten Brandon Buck dabei. Natürlich war es dann auch er, der Fischbuch in der Overtime den Siegtreffer auflegte.

Und sonst?

5:0 hat Schwenningen am Freitagabend in Straubing verloren. „Sie werden hochmotiviert sein“, glaubt Kurt Kleinendorst. Das mag auch auf den Torhüter zutreffen, der in Niederbayern nur zuschauen durfte. Vielleicht treffen die Ice Tigers nämlich am Sonntag auf einen ehemaligen Mitspieler, der zuletzt sein DEL-Debüt im Schwenninger Trikot gegeben hat. Ilya Sharipov war dem SC Riessersee und anschließend den Bietigheim Steelers in der DEL 2 jahrelang ein guter Rückhalt. Als der Zweitligist und Ex-Arbeitgeber von Kevin Gaudet vergangene Saison mit den Ice Tigers kooperierte, bekam das Torhütertalent auch eine Förderlizenz für die DEL. Aufs Eis durfte er dann allerdings nur beim Training in der Vorbereitung.

5 Kommentare in “Spiel 8: Plädoyers und Pfiffe

  1. Bei dem Interview mit Kleinendorst sieht man wieder, dass das Fanauge wohl doch eine deutlich andere Wahrnehmung von Spielern hat, als das eines Trainers. Ich kann diese Lobeshymne auf Acton definitiv nicht nachvollziehen. Für mich ist es immernoch schlimm ihm zuzusehen. Ich sehe bei ihm ein katastrophales Bullyspiel, Zweikämpfe gehen verloren, Pässe kommen nicht an.

    Ich finde es auch weiterhin schade, dass ein Wirth nicht spielen darf. Denn ein Bender könnte ab und an schon weniger Eiszeit vertragen, dass ist aber meine persönliche Meinung. Es ist schade, dass man das neue Konzept auf dem Eis nicht umsetzt. Ein Lillich bekommt ja auch kaum Eiszeit.

    Naja momentan sprechen die Ergebnisse für die Aussagen der Verantwortlichen. Es ist trotzdem grauenvoll zum anschauen. Es fehlt jemand in der Mannschaft, der mal einen vernünftigen Check fährt.

    Zwei glückliche Punkte mehr kann man zum Spiel eigentlich nicht sagen. Die Zuschauerzahlen sind erschreckend schwach.

  2. Jaja, das „katastrophale Bullyspiel“ des Will Acton. Gestern hat er nur 15 seiner 20 Bullys gewonnen und steht in der kompletten Saison als mit Abstand bester Nürnberger bei 59,21 Prozent. Das ist schon wirklich unglaublich schwach. Man sieht halt auch oft nur das, was man sehen will. Ja, offensiv findet Acton kaum bis gar nicht statt, aber ihm katastrophales Bullyspiel vorzuwerfen, ist eine unfassbar verzerrte und nachweislich völlig falsche Wahrnehmung.

  3. Wie viele Zuschauer erwartest du denn?
    An einem tristen Freitagabend, anfangs der Saison und obendrein kein allzu attraktiver Gegner.

    Mittlerweile dürfte es bekannt sein, dass die Fans eher in den Playoffs die Hütte voll machen.

  4. Verdienter Sieg, auch wenn es nur zwei Punkte waren. Wenn in Schwenningen ein Sieg gelingen sollte, dann wären es acht Punkte aus den letzten drei Spielen. Ordentlich!
    Die Serie „Niederlage nach Rückstand“ ebenfalls gebrochen.
    Das schnelle Umschalten von Abwehr auf Angriff, wie es in den ersten Spielen zu sehen war, funktioniert, neben dem Powerplay, nicht mehr so gut. Fehlt da die körperliche Frische? Bei der kurzen Bank wäre es kein Wunder.

    Zu Acton (wollte dazu eigentlich nichts mehr schreiben, aber gut…):
    Ehrenwert und nachvollziehbar, dass sich der Trainer hinter ihn stellt.
    Man kann das von ihm Gesagte aber auch so auslegen: Nach vorne geht bei ihm nix, also sind wir damit zufrieden, dass seine Reihe die Topreihe des Gegners in Schach hält. Man muss momentan damit zufrieden sein, mehr geht nicht.
    Dazu passt ja auch, dass seine beste Aktion gestern darin bestand, dass er im zweiten Drittel in einer Unterzahlsituation mal einen Puck souverän aus dem eigenen Drittel brachte. Darüber hinaus: Fehlpässe en masse…Man hat in Actons Reihe jemanden wie Cangelosi, der eigentlich auf einen guten Vorbereiter angewiesen wäre, um die Dinger reinzumachen. Keine glückliche Konstellation!

    Three Stars:
    Kevin Schulze, den man im selben Atemzug wie Summers nennen könnte (mich hat er bisher fast noch mehr überzeugt). Sicher an der Scheibe, läuferisch erste Sahne!
    Daniel Fischbuch, natürlich!
    Andy Jenike (zählt das noch?)

    @Michl,
    meiner Meinung nach waren das zweil völlig verdiente Punkte. Im letzten Drittel war es im Prinzip ein Spiel auf ein Tor, und zwar auf das der Iserlohner. Der Führungstreffer lag mehrfach in der Luft. Davor ausgeglichenes Spiel.
    Grauenvoll zum Anschauen? Das ist relativ. Im Vergleich zur letzten Saison ist das aktuell Gezeigte ein Quantensprung nach vorne. Der Erfolg, sprich Punkte, bestätigt das (momentan noch!).

  5. Das Ergebnis geht in Ordnung und muss eigentlich sogar ohne OT durch sein.

    Vielleicht muss man den Spieler Will Acton wirklich neu erfinden, so gesehen finde ich den Ansatz als Defensivcenter gar nicht schlecht. Es wäre nicht der erste Spieler dem sowas gelingen würde.

    Ich fands beim Handshake nach dem Spiel auch komisch wie schnell das von den meisten mit Jenike abgehandelt wurde. Wenn man da an Nowak, Reimer, Köppchen oder Buzas denkt war das gestern Abend alles extrem unterkühlt.

    Positiv ist bis jetzt wirklich das es keinen Fehleinkauf gibt. Die Stimmen vor der Saison waren vorallem was Fischbuch und Schulze angeht ziemlich kritisch.

    „Grüße an den Blog-Leser (oder doch Zeitungsabonnenten?), der mir nach dem Spiel mitgab, ich solle doch mal „was gscheids“ schreiben, um sich dann mit den Worten „Naa, bisd scho a gude Ergänzung“ zu verabschieden. Ehrliches Feedback, so wichtig… 😉“

    Grüße zurück,
    mit „was gscheids“ war natürlich gemeint das es schwierig wird was Gescheites über ein lahmes Spiel zu schreiben. Mit einer „gude Ergänzung“ meinte ich natürlich so jemanden wie Malkin zu Crosby oder Pippen zu Jordan. Ohne die Beiden wären es neun Ringe weniger.
    Danke fürs Erwähnen, so wichtig…😉

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