Spiel 44: Glück ist Glück

Foto: Sabine Hahn/Zink

Für Tom Pokel war es ein bisschen wie Playoffs im Februar – und auch bei den Ice Tigers denken sie jetzt wieder mit etwas mehr Selbstbewusstsein an eine Saisonverlängerung über den 3. März hinaus. Das 3:2 gegen Straubing machte Hoffnung, gab aber auch Anlass, nachzudenken. Warum? Der Erklärungsversuch liegt nur einen Klick entfernt.

Warm-up

  • Martin Jiranek wollte direkt nach der Pressekonferenz nach Bayreuth, ohne Eishockey kann der Sportdirektor-Cheftrainer der Ice Tigers auch nach einem turbulenten Eishockey nicht. Das Wetter bereitete ihm zwar etwas Sorgen, dass er dort auch unversehrt ankommen würde – hoffen wir mal, dass diese unbegründet waren.
  • Zurück zum Sonntagnachmittag. Dieses turbulente 3:2 nach Verlängerung war der achte Sieg aus den vergangenen elf Spielen für die Ice Tigers. Der Lohn (bei gleichzeitiger Schwäche Krefelds): sechs Punkte Vorsprung auf Platz elf. Danach sah es nach dem Spengler Cup wahrlich nicht aus, „unser Ziel war, bis zum Saisonende Zehnter zu werden“, sagte Jiranek, „niemand hätte gedacht, dass wir jetzt Neunter sind“.
  • Nachdem sie zuletzt Berlin und Krefeld eingeholt hatten, sprach Martin Jiranek von Straubing. Nein, nicht vom Spiel am Sonntag, sondern vom Tabellenachten. Ob das Ziel weiter besteht? „Wenn wir heute drei Punke geholt hätten, wären es noch neun Punkte Rückstand, bei einem Spiel weniger, wären es vielleicht nur noch sechs gewesen“, sagte er, „jetzt sind es leider zehn, möglich ist es noch, denn unser Ziel ist es, immer zu klettern, wenn es mathematisch noch möglich ist.“
  • Gleichzeitig warnte er davor, es sich jetzt zu bequem zu machen. Nach der Pause geht es mit einem Heimspiel gegen Iserlohn weiter, die Fallhöhe? Sehr hoch. „Wir haben gesagt, dass wir angreifen wollen, wir wollen das Ziel erreichen“, sagte auch Philippe Dupuis mit seinem Kind auf dem Arm, „aber wir haben es noch nicht geschafft.“
  • Überhaupt: Kinder. Wohin man auch blickte auf den wenigen Metern zwischen Eisfläche und Kabinentür. Überall: Kinder, Mütter und verschwitzte Männer. Und alle strahlten. Einerseits über diese vier Punkte seit Freitagabend, aber natürlich sicher auch über ein paar freie Tage nach einer bislang so nervenaufreibenden Saison. Erst am Freitag trainieren die Ice Tigers wieder. Was der Trainer bis dahin macht? Scouten, vor allem in DEL 2 und Oberliga. „Wir müssen uns fokussieren auf junge deutsche Spieler, drei, vier muss man finden, aber die großen Klubs lassen nicht viel übrig,“, sagte Martin Jiranek.
  • Bei den Länderspielen, wegen denen die Liga ja passiert, ist diesmal kein Ice Tiger dabei. „Ich finde, es sollten ein paar dabei sein“, sagte der Trainer, „aber mit Fokus auf meine Mannschaft ist es besser, dass sie hier sind, wir haben früher Spiele verloren, weil wir Spieler abgestellt haben.“
  • Im offiziellen Teil der Pressekonferenz (der, bei dem immer niemand Fragen stellt) sprach Martin Jiranek auch vom Scheibenglück. Ob sich die Ice Tigers eben dieses Glück erarbeitet haben in den letzten Spielen, wollte der geschätzte Kollege Jennemann wissen. „Das sagt man immer“, befand der Trainer, „aber manchmal ist Glück auch einfach Glück.“ Für ihn war es auch ein bisschen ausgleichende Gerechtigkeit. „Ich erinnere mich an genug Spiele, wo wir besser waren“, sagte Jiranek, „das 0:1 gegen Augsburg zum Beispiel, das haben wir jetzt ausgeglichen am Freitag, da waren sie besser als wir.
  • Was schwerer war? Philippe Dupuis musste lachen, Der Ausgleichstreffer, sagte er, ja, der war dann doch etwas schwerer als beiden Kindern, den Fans und seinen Mannschaftskollegen beim Feiern gleichzeitig gerecht zu werden. „Es war wirklich eine Menge los auf dem Eis in dem Moment“, erinnerte sich Dupuis. Doch er bliebt entspannt im Moment höchster Anspannung.
  • Dupuis ist ein Profi, ein nordamerikanischer noch dazu. Interviews sind da oft nicht so witzig, eher routiniert, doch am Ende dieser zwei Minuten im Wimmelbild aus Müttern, Vätern und Kindern lachte er noch einmal. Straubing? Noch dreimal im März? „Wir waren gut gegen sie, sie aber auch gegen uns, aber es kann noch so viel passieren“, soweit, so erwartbar. Doch dann dieses Wort: Bremerhaven? Mit dem Bus? „No. No. No!“, sagte Dupuis, lachte herzhaft und verschwand in die Kabine.

Das Spiel

Mancher Beobachter war sich schon sicher, spätestens nach diesen wilden dreieinhalb Minuten in Überzahl, davon mehr als zwei Minuten in doppelter. Die Ice Tigers würden verlieren, weil Straubing bei den special teams einfach besser war. Zwei Tore im Powerplay, dazu gut im penalty killing, das müsste reichen – dachte man, dachte auch Tom Pokel, der seine Mannschaft dafür lobte. Doch dann brachte der unbedingte Wille der Ice Tigers diesen Plan durcheinander, Philippe Dupuis tanzte, Shawn Lalonde schickte in der Verlängerung Will Acton, der in der Mitte den freien Brandon Segal fand. Wer das Spiel noch einmal strukturiert nachlesen will, darf entweder hier klicken: http://www.nordbayern.de/sport/der-nachste-sieg-tigers-rupfen-straubing-in-der-overtime-1.8565531. Oder er kauft sich am Montagmorgen beim Zeitungshändler seines Vertrauens die Montagsausgabe der Nürnberger Nachrichten. Mit sieben Seiten Sport, einer Seite Lokalsport und einer bunten Mischung aus Fußball, Eishockey, Handball, Volleyball, Hockey und noch vielem, was sonst so am Wochenende passiert ist. Es lohnt sich.

Der Moment

Martin Jiranek stand in der Kabinentür und strahlte. Sein Blick wanderte nach links und rechts, überall sah er glückliche Menschen: Mütter mit Kindern, Väter mit Kindern, verschwitzte Menschen, wohin er auch schaute. Brandon Segal erzählte dem Kollegen Jennemann gerade noch etwas, Philippe Dupuis mit Kind auf dem Arm mir, doch eigentlich wollte sich Martin Jiranek nur für ein paar Tage von seiner Mannschaft verabschiedeten. Die Mütter eilten heran, um die stolzen Söhne aus den starken Armen der Väter zu nehmen, doch dann gab Martin Jiranek die Kabine frei. „Nehmt sie mit“, sagt Martin Jiranek in Richtung seiner Spieler mit Kind auf dem Arm. „Ich werde ruhig sein.“ Und dann lachte auch er. Glücksgefühle überall.

Three Stars

Mancher hat in dieser Saison schon auf Brandon Segal geschimpft. Zu alt, zu langsam, doch an diesem Sonntag strafte er alle Kritiker lügen. Immer wieder trieb er an, einmal skatete er quer über das Eis, um dann sogar noch selbst abzuschließen – wenn auch glücklos. Die Energieleistung, so schnell nach 62 anstrengenden Minuten Eishockey noch nach vorne zu fahren und die Arena überlegt zum Kochen zu bringen, hätte ohnehin für eine Nominierung gereicht.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Philippe Dupuis‘ Kunststück, mit dem er das 2:2 besorgte, wurde weiter oben schon erwähnt. Zwei Tore, zweimal die Hoffnung zurückgebracht, dazu immer aktiv. Einer, der vorangeht, so motiviert wie er im Interview hinterher klang, sicher auch noch bis zum 3. März – und darüber hinaus.

Man könnte jetzt Max Kislingers Ringereinlage erwähnen, mit der er
Kael Mouillierat  rächte, der Niklas Treutle gefällt hatte. Oder Eugen Alanov, der scheinbar ohne Anpassungsschwierigkeiten von seiner langen Verletzung zurückkehrte. Weil drei Angreifer aber langweilig wären und er mangels Spektakel immer ein bisschen untergeht, geht der dritte Stern an Brett Festerling. Fehlerlos, solide, souverän, ruhig.

Eine ehrenvolle Erwähnung gibt es diesmal ebenfalls: Christian Rupp erschien zur Pressekonferenz diesmal komplett im Anzug, dafür hat Sabine Hahn, Thomas Hahns Ehefrau, im richtigen Moment auf den Fernauslöser der Hintertorkamera gedrückt. So ist das so wunderbare Titelbild für diesen Beitrag entstanden.

Und sonst?

Das war jetzt der sechste Text an einem auch für einen Journalisten turbulenten Tag. Noch dazu hat WordPress scheinbar die Benutzeroberfläche seit meinem letzten Beitrag für diesen Blog geändert. Die Schweißperlen auf der Stirn sind inzwischen wieder getrocknet, man gewöhnt sich ja an alles. Auch wieder an Heimspiele am Sonntag um 14 Uhr – sodass ich tatsächlich um 20.43 Feierabend machen kann. Guten Abend, gute Nacht, whatever. „Bleiben Sie uns gewogen“, würden sie jetzt in einem bekannten Podcast sagen.

6 Kommentare in “Spiel 44: Glück ist Glück

6 Comments
  1. Nach längerer Zeit auch mal wieder ein paar Gedankenfetzen meinerseits zum Spiel:

    – Das Team ist weiterhin weniger körperlich präsent als die Mannschaften der letzten drei Jahre. Trotzdem ist in diesem Bereich in den letzten Spielen eine deutliche Steigerung zu erkennen. Das macht Mut für den März.

    – Straubing stand defensiv extrem gut, hat viele Zweikämpfe gewonnen und das Nürnberger Spiel an die Bande gezwungen. Dazu kamen bärenstarke Special Teams. Ein Sieg der Niederbayern wäre nicht unverdient gewesen – ebenso wenig wie der Sieg der Ice Tigers unverdient ist.

    – Shawn Lalonde gefällt mir immer besser. Einer der wenigen Spieler aus dem diesjährigen Jahrgang, der sich hinsichtlich Vertragsverlängerung aufdrängt.

    – Patrick Reimer, den ich im Zwischenzeugnis mit einer Vier abgestraft habe, will mir offenbar beweisen, dass er nichts verlernt hat. Allmählich gehört er wieder zu den besten Spielern, die diese Liga zu bieten hat.

    – Zwei Mal hat es die Mannschaft an diesem Wochenende geschafft, ein Spiel, das schon verloren schien, noch für sich zu entscheiden. In einer Saison, in der die Ice Tigers bislang vor allem dafür bekannt waren, im Zweifelsfall immer einen Weg zu finden, ein Spiel noch aus der Hand zu geben, ist das eine bemerkenswerte Leistung.

    – Während der letzten Monate gab es zahlreiche Momente, die auch wohlwollende Beobachter am Willen und Charakter der Mannschaft zweifeln ließen. Die vergangenen Spiele legen die Vermutung nahe, dass diese Zweifel verfrüht gewesen sein könnten.

    – Ich traue dem Team zu, gegen jeden der in Frage kommenden Teams eine Best of Three-Serie gewinnen zu können. Um über sieben Spiele gegen Mannheim oder München bestehen zu können, brauchen die Ice Tigers aber wohl ein kleines Wunder.

    – Eventuell kommt nächste Saison Rylan Schwartz aus Bremerhaven. Sagt zumindest die Eishockey News. Wäre sicher ein Spieler mit dem man nicht viel falsch machen kann. Schießt zehn Tore pro Saison, hat einen deutschen Pass und ist körperlich halbwegs stabil. Sein Bruder Jaden (St. Louis Blues) wäre mir trotzdem lieber.

  2. Das Spiel war gestern etwas schwere Kost. Zwischendrin ein Hauch von Sommereishockey und dem Gefühl, dass keine der beiden Mannschaften so richtig wollte. Irgendwie komisch. Als wären beide mit dem jetzigen Stand der Tabelle zufrieden. Man sollte jedoch alles dafür tun, die Busfahrten in den Norden zu vermeiden.

    Dem 1:0 geht ein Alleingang von Bast voraus – irgendwie ist das symptomatisch für ihn. Sobald er eingeholt wird und es in den Zweikampf geht verliert er diesen. Sollte die Entscheidung im Frühjahr 2019 bei Verhandlungen Bast oder Mieszkowski lauten wäre ich wohl aufgrund des Körperspiels eher auf der Seite von Mieszkowski. Aber das ist auch nur dann der Fall, sollte man erneut auf eine körperliche Mannschaft setzen.

    Ansonsten gehen die ersten Gerüchte durch den Arenaflurfunk. Es wäre schön, wenn die Ice Tigers bald mal auf der Trainerposition sich positionieren, zumal auch Wolfsburg wohl einen neuen Coach sucht.

  3. Das Spiel war in weiten Zügen nicht wirklich schön anzusehen! Was mich etwas zuversichtlicher stimmt ist, dass man nun auch Spiele am Schluß zu unseren Gunsten dreht!

    Es ist schon erstaunlich, dass der einzige der sich köperlich wehrt der Jüngste ist, bravo Max Kislinger, ansonsten ist es nicht nur gestern erstaunlich wieviel man sich von den Gegnern gefallen lässt ohne sich zu wehren. Acolatse hat nach fast jeder Aktion den Tigers noch einen mitgegeben, hier fehlt eindeutig ein Prust oder ähnliches!

    Ich würde weder mit Bast noch mit Miesszkowski verlängern , ebenso wenig mit Jurcina

  4. Das Offensivspiel der Ice Tigers war gestern über weite Strecken unzureichend und bei doppelter Überzahl sogar nur schwer erträglich. Das Team machte bis ins letzte Drittel hinein auch nicht den Eindruck, dass man noch ein Wörtchen um Platz 8 mitreden möchte. Straubing war spritziger und vor allem in den Zweikämpfen einfach besser. Dass dann auch noch drei Mann nur zuschauen, wie der Straubinger Stürmer einläuft und unbedrängt zum 2:1 einschiebt passte auch dazu.
    Der Ausgleich kam dann doch überraschend und war von Dupuis natürlich auch gut gemacht.
    Jiranek machte dann in der Overtime mit Acton/Segal alles richtig, obwohl das meiner Meinung nach eigentlich Harakiri war, gerade die beiden bei 3 gegen 3 zu bringen. Aber gut, hat ja geklappt.

    In Sachen neuer Trainer kann ich mich Blackhawk nur anschließen. Was wurde eigentlich aus Herrn Gastners Wunschkandidaten?

    Meine Wunschsspieler für die nächste Saison wären weder Bast, noch Mieszkowski. Aber realistischerweise muss man auch sagen, dass Verstärkungen auf diesen Positionen mit deutschen Spielern, z.B.aus DEL 2 oder Oberliga, nur schwer erhältlich sein dürften, wie Jiranek auch bemerkte. Zu diesem Zeitpunkt auch klar, dass die Konkurrenz da wahrscheinlich schon längst alles in trockenen Tüchern hat und MJ einfach zu spät dran ist.

  5. Es waren halt zwei Punkte, verdient waren sie mit Sicherheit nicht, aber darauf kommt es auch nicht an. Bis auf die Moral war nicht viel positives erkennbar. Ich persönlich frage mich ob Playoffs wirklich erstrebenswert sind, da einfach nicht viel System erkennbar ist.

    Und für scouting junger deutscher Spieler ist es schon etwas spät muss ich sagen. Aber in diesem Bereich haben wir die letzten Jahre mit MJ wenig zustande gebracht. Kislinger und Alanov waren da die Einzigen, was wirklich nicht viel ist. Und auch unter Wilson war da nicht viel, da Mebus für mich da nicht dazu gehört, da er genauso wie Bender aus der DEL kam. Die U20 WM wäre etwas gewesen, aber anscheinend war da niemand von den Icetigers. Der Trainer wäre langsam wichtig.

    Aber das ist Zukunftsmusik.

  6. In Block 213 (und 212) war es den Fans aus Nürnberg sehr unangenehm zu zu schauen. Sass doch ein Teil der Rocker (siehe NN Online) aus Straubing im Block. Es wurde gesoffen und auch normale Besucher (ohne Fankleidung) setzten sich während des Spiels schon um, um den Beleidigen und Provokationen zu entfliehen. Bierbecher wurden entleert. Schon im 3. Drittel des Spiels habe ich die Ordner informiert, so dass die Polizei rechtzeitig Präsenz zeigte.
    Spaß macht das als Zuschauer nicht. Schlimm, dass es dann noch so endete…

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