Spiel 37: Ey!

Foto: Thomas Hahn/Zink

Es soll mit einem Eingeständnis totalen Versagens beginnen: In keiner mir bekannten Sportart ist der Zwiespalt zwischen den nicht selten aberwitzigen, teils schockierenden, oftmals unterhaltsamen Vorkommnissen und den Aussagen dazu größer als im Eishockey. Die einschüchternde, schockierende, lässige, oftmals unterhaltsame Sprache auf dem Eis haben Profis, Trainer und Manager abseits des Eises in dem Moment verlernt, in dem sie einem Berichterstatter gegenübertreten. Von den Gags, den Pranks und den Party-Geschichten erfahren wir erst, wenn die Beteiligten ein keinem Abhängigkeitsverhältnis mehr zum Eishockey-System stehen. Und ich bin offensichtlich nicht in der Lage, irgendetwas daran zu ändern. Wir fokussieren uns jetzt erst einmal auf Wolfsburg. Nürnberg begegnen wir immer gleich, egal ob sie Erster oder Letzter sind. Meine Tore habe ich nur meinen Reihenkollegen zu verdanken. Tja. So klang das 4:3 gegen den Krefelder EV, mit dem die Ice Tigers den Playoffs wieder ein bisschen näher gekommen sind, obwohl sie dabei nur wenig Playoff-Reife vermittelten.

Warm-up

  • Das Eishockey-Wochenende hat mit Eik Galley begonnen und ist auf der Großen Straße an einer roten Ampel zu Ende gegangen. Wobei, letztlich war es aufregender, in Dunkelheit eine vierspurige Straße mit 30 Stundenkilometer entlang zu rollen. Dieses Spiel im leeren Baumarkt und dieser hochtalentierte Einschlafen-Podcaster hatten sich gegenseitig verdient. Immerhin wurde die Leistung der Ice Tigers am Sonntag im Nachhinein noch durch das nächste Heimspiel in Wolfsburg aufgewertet. Wie schlimm ist es derzeit um die Eisbären Berlin bestellt? Die Eisbären haben die Niederlagen-Serie der Grizzlys beendet.
  • Martin Jiranek hat es selbst angesprochen. Gefährlich könnte es für die Ice Tigers nach dem kommenden Wochenende werden. Angenommen, es gelingt ihnen ein zweites Mal, diese außergewöhnliche Wolfsburger Mannschaft zu besiegen, und angenommen, es gelingt ihnen ein zweites Mal, diese ebenfalls außergewöhnliche Krefelder Mannschaft ein zweites Mal niederzuringen, passte es nicht zu dieser Saison und diesem Nürnberger Team, wenn aus den drei folgenden Partien in fünf Tagen keine weiteren Punkte folgten? In Düsseldorf, gegen Berlin und gegen Ingolstadt, das ist das Programm. Man kann es auch optimistisch sehen. Vielleicht ist das das Programm für die endgültige Wende.
  • Maximilian Kislinger könnte am Freitag gegen Wolfsburg wieder im Aufgebot stehen. Allerdings nur im Aufgebot. Jiranek wird seine ordentlich funktionierenden Reihen nicht neu zusammenstellen und Kislinger wird den 13. Stürmer geben. Immerhin.
  • Tim Bender und Milan Jurcina müssen sich derweil gedulden, Jiranek wird nur im Falle einer Verletzung oder frühestens am übernächsten Mittwoch das Arrangement ändern, um einen siebten Verteidiger mitzunehmen. Jiranek stellt jene Spieler auf, mit denen er die größte Chance hat, Spiele zu gewinnen. Bender und Jurcina zählen dazu derzeit offensichtlich nicht.
  • Chad Costello, Phillip Bruggisser und Jacob Berglund haben Spaß gemacht. Das ist nicht überraschend. Interessanter war es, Martin Lefebvre zu beobachten. Ein schmaler, unscheinbarer Verteidiger, kam aus der Metal Ligaen, mit Uni-Abschluss, ohne Draft-Geschichte. Nur zwei Spieler (Straubing Eriksson und Berlins DuPont) bekommen von ihren Coaches mehr Vertrauen in dieser Liga. Lefebvre steht beinahe 23 Minuten pro Spiel auf dem Eis. Nach erstem Augentest ein smarter No-bullshit-Verteidiger, klingt nach einer langen Karriere in der DEL.
  • Die Ice Tigers können auch intensiv, zwischendurch auch hart. Gegen Krefeld haben sie gewonnen, weil sie sich in entscheidenden Momenten auf ihr Talent verlassen konnten. Das wird nicht immer reichen. Und es wird auch nicht immer reichen, nur Playoff-Intensität zu reden.

Das Spiel

Als Berichterstatter neigt man dazu, die Fehler der Mannschaft, die man hauptsächlich beobachtet, höher zu bewerten. Zum Beispiel Patrick Reimers wackliges Aufbauspiel, Brett Festerlings Unsicherheiten im ersten Drittel, diese Strafen! Aber sollten die Ice Tigers tatsächlich am 52. Spieltag den KEV hinter sich gelassen haben (und nicht noch die Eisbärenfelle aus Berlin), dürfte Brandon Reid vielleicht noch einmal wehmütig an dieses 3:4 in Nürnberg zurückdenken. An Samson Mahbods unsinniges Foul tief im Drittel der Ice Tigers nachdem James Bettauer eine Großchance vergeben hatte; an Greger Hansons Szenen, in denen er es zu schön machen wollte; an Bettauers Einlage, als er Tom Gilbert in die Falle ging. Die Krefelder hätten dieses Spiel nicht verlieren müssen, im nervösen ersten Drittel stellten sie die bessere Mannschaft, dominierten die Torschussspalte mit 7:2, SIEBEN ZU ZWEI! Chris Brown pries danach die Geduld seiner Mannschaft und wie überzeugend sie im zweiten Drittel wieder zueinander gefunden hat. Letztlich aber hatten es die Pinguine den Ice Tigers leicht gemacht. Mahbods Strafbankaufenthalt führte zu Brandon Bucks 1:0, nach Browns 2:0 („Wäre ohne meine Linemates nicht möglich gewesen.“) gab Krefeld die Kontrolle über das Spiel her. Im Schlussdrittel luden die Gastgeber die Gäste zum Ausgleich ein und hatten Glück und Shawn Lalonde, der erneut Brown das 4:2 edel aufgelegt hat. Noch ein Tim Miller-Tor, noch ein wenig zittern, da waren es nur noch sieben Punkte Rückstand. Achja, und von Playoff-Intensität war dabei überhaupt nichts zu sehen. Überhaupt nichts. Fand auch Florian Jennemann. Jiranek hat es dem NZ-Kollegen angesehen und nicht unclever daran erinnert, dass die ersten Spiele von Playoff-Serien oftmals durch Nervosität geprägt sind.

Der Moment

Dünnes Eis. Egal, dieser Blog-Eintrag zeichnet sich ja nun wirklich nicht durch außergewöhnlich gute Laune aus. Eine gute Gelegenheit, um das Nürnberger Publikum zu kritisieren, weil es auch schon egal ist. So viel Ey war schon lange nicht mehr in der Arena Nürnberger Versicherung. Mir sind bloß eineinhalb Fehlentscheidungen erinnerlich. Oliver Mebus musste wegen James Bettauers Schwalbe auf die Strafbank (sensationelles Mienenspiel von Mebus), was zugleich der Grund für Taylor Aronsons Ausraster gewesen sein mag. Denn Bettauers Einsteigen gegen Niklas Treutle hat es nicht gerechtfertigt, dass ihm Aronson in die Ecke hinterherfährt, um ihn crosszuchecken. Seine Schwalbe vielleicht schon. Jiranek hat in der Pause danach mit Aronson gesprochen, angeblich, um ihm zu sagen, dass das Team das schon wieder ausbügeln wird. War ja dann auch so. Daniel Pietta und Daniel Weiß fanden sich danach auch nicht mehr ganz großartig. Einen Kniecheck von Pietta habe ich dabei nicht gesehen, ein Beinstellen allerdings schon. Zwei Minuten übersehen, okay. Aber rechtfertigt das diese permanente Aufregung? Tripmir (Liebe werdende Eltern, wenn ihr wollt, dass euer Junge Eishockey-Schiedsrichter werden soll, wisst ihr jetzt, wie ihr ihn nennen sollt) Piragic wirkte souveräner, insgesamt aber war das eine ordentliche Schiedsrichterleistung. Wie überhaupt die Schiedsrichterleistungen insgesamt besser geworden sind.

Three Stars

Foto: Thomas Hahn/Zink

Sohn auf dem Arm, ein Lächeln, zwei Gags, gefolgt von vielen Phrasen. Chris Brown ist ein Profi. Vielleicht lag es auch an meinen Fragen. Auf dem Eis war er überzeugender, der Texaner ist nach seiner Verletzung wieder präsent, in beinahe jedem Wechsel gefährlich, der Motor der Acton-Reihe. Mit zwei Toren war das auch dem Spielberichtsbogen zu entnehmen.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Präsent war auch Jason Bast. Immer in Bewegung. Immer aktiv. Dabei gelang ihm nicht alles. Dieser sehr kontrollierten Mannschaft aber fehlt es (zumal ohne Eugen Alanov) genau an diesem Element.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Und Brandon Buck: Schreckmoment für Martin Jiranek, als sein bester Spieler zu Boden ging, danach eiskalter Killer, an diesem Sonntag auch von der blauen Linie.

7 Kommentare in “Spiel 37: Ey!

  1. In der Tat kein überzeugender Auftritt, am Ende zu einem 4-3 gezittert. Positiv sind die sechs Punkte an diesem Wochenende.

    Sollte der Sprung auf Platz 10 noch gelungen, der Glaube an lange Play offs ist bei mir nicht vorhanden.

  2. Schöner Blog. Da gibt’s nicht viel Spielraum für eine andere Meinung. Auch für mich ein bescheidener Auftritt vorallem im ersten Drittel. Aber die drei Punkte zählen erstmal. Ich hoffe, dass Jiranek wieder die Spieler durchtauscht. Denn ich halte es für absolut falsch Bender auf die Tribüne zu setzen. Und auch Kislinger sollte er bringen, wenn er im Aufgebot steht. Hier fehlt mir einfach eine konstante Linie. Denn seinen „Königstransfer“ überschüttet er förmlich mit Eiszeit und dieser rechtfertigt diese Eiszeit definitiv nicht mit einer tollen Leistung. Aber der wird ohne wenn und Aber gebracht, damit er zumindest im Powerplay irgendwie ein Pünktchen bekommt. Über das katastrophale Zweikampfverhalten, das schlechte Bullyspiel und die vergebenen Großchancen wird immer wieder hinweggeschaut. Auch gefällt mir persönlich die Umstellung auf zwei bis drei Reihen am Ende der Spielzeit nicht, übrigens einer der Gründe warum Gaudet entlassen hat. Spätestens mit dem erreichen der Preplayoffs (was ich immer noch bezweifle), wird dieser Kräfteverschleiß ausschlaggebend sein. Denn die schnellsten Spieler haben wir mit Sicherheit nicht in unserem Team, aber das wusste man letzte Saison auch schon.

  3. Dieses Team scheint ganz schön viel Angst zu haben, dass man die 1. PO Runde noch verpasst. Weniger Selbstvertrauen geht ja kaum noch. Auch das Hoch vor dem Spengler Cup – die Spiele mit der kleinen Siegesserie und gegen Köln und Mnnhm waren ja gut – scheint verflogen. Die Pässe kommen von recht vielen Spielern oft wieder auf die Füße des Mitspielers bzw. das Timing fehlt. Die Intensität erinnert nicht an PO sondern eher an Spieltag 1 – „wir müssen uns jetzt finden“ (völlig richtig von Sebastian angemerkt). Die Chancenverwertung – S% – ist aktuell wirklich gut. Wäre schön, wenn es so bleibt. Der PDO all shots ist noch in einem Rahmen, der mich noch nicht von zu viel Glück sprechen lässt.
    Es bleibt zu hoffen, dass am Freitag ein Sieg folgt und es dann irgendwie „Klick“ macht. Zwei Siege am kommenden Wochenende und es besteht mit den Nachholspielen die echte Chance auf Platz 10.
    Skeptisch bin ich aber immer noch…

    @Michl
    Ich bin absolut kein (!) Fan von Acton (in dieser Form), aber man muss bei den Fakten bleiben. Er hat mit knapp 54% die beste Bullyquote aller Center der Ice Tigers (nur Dupuis ist fast so gut). Damit man einen anderen Center (Bast?) für diese Reihe hat, muss man die anderen Reihen auseinander nehmen. Das würde ich nicht tun, auch wenn mir Kislinger gefällt. Aber der ist eben Wing und muss um Einsätze in den Reihen kämpfen. Ist auch in Ordnung so. Die Zukunft gehört ihm, wenn er denn länger bleibt…
    Bei der #77 bin ich komplett anderer Meinung. Mir ist nicht klar, welcher der anderen 6 Verteidiger für Bender weichen sollte. Und auch warum? Seine Leistung ist bescheiden. In ING hat er seine Chance nicht wirklich genutzt. Und #NIT12 dürfte die Leistung beim Spengler Cup und vorher noch im Hinterkopf haben. Keine Bewerbung für Eiszeit…

    Rechnerisch geht es noch. Also können wir noch hoffen… 😉

  4. Ich kritisiere selten den Blogg, hätte mir allerdings eine kritischere Auseinandersetzung mit der Aronson Strafe gewünscht. Jiranek ist hier einfach nicht konsequent. Fox wäre den Rest des Spiels gesessen und das ist vermutlich das, was Danes Vater nicht müde wird unter dem ein oder anderen Post zu kritisieren. Diese Strafe hätte uns das ganze Spiel kosten können, das muss man so deutlich sagen.

    Ansonsten ist den Ausführungen wenig hinzu zufügen. Die Spiele sind treffend analysiert, die Leistungen entsprechend bewertet.

    Dem Puplikum darf man jedoch in der derzeitigen Phase einen Versuch der Beinflussung der Unparteiischen durch kritische Zwischenrufe erlauben. Macht man in Iserlohn seit Jahren so….

    • Interessanter Einwand. Ehrlich geschrieben habe ich darüber noch nicht nachgedacht. Dabei ist die Ungleichbehandlung offensichtlich. Zumal Aronsons Aussetzer kein Einzelfall war. Und dass sich Dane Fox‘ Vater regelmäßig meldet, war mir auch neu. Danke für den Hinweis.

  5. Zuallererst möchte ich noch ein paar Zeilen zum Thema Ehliz und Pföderl schreiben. Diese Glorifizierung der Spieler hat noch nie etwas Gutes bewirkt. Beide spielten über Jahre mit exzellenten Nebenleuten von denen sie kolossal profitierten. Das sie jetzt noch das große Geld verdienen wollen ist ihnen nicht zu verdenken. Pföderl hat in Berlin wahrscheinlich den Vertrag seines Lebens abgeschlossen die für ihn eine sehr große Bürde sein wird. Auch Ehliz hat das Glück bedingt durch Verletzungen in der Reihe 1 der Münchener zu spielen. Ich glaube nicht dass beide wieder diese Scorerpunkte erzielen werden wie in ihrer Zeit in Nürnberg. Es wird auch ohne Ehliz und Pföderl Eishockey in Nürnberg gespielt. Die gesamte Kommunikation seitens des Vereins war ohne Wenn und Aber kläglich. Man sollte daraus lernen. Doch nun zum Alltag. Ein großes Lob Herr Böhm für die Schonungslose Analyse zum bisher gebotenen. Eine theoretische Chance auf die Playoffs besteht immer noch. Ob dieses Team es nutzen kann und wird das steht für mich in den Sternen. Viele Hoffnungen wurden durch zum Teil beschämende Niederlagen zunichte gemacht. Dann kamen die Floskeln man war zu Naiv, Unaufmerksam und Glücklos und die Schiris waren Schild. Eine große Leistungssteigerung über einen längeren Zeitraum war nicht zu beobachten. Man schied kläglich gegen Dragons de Rouen aus, hielt sich wacker in Davos und nun wieder der holprige Start in das letzte Viertel der Saison. Ein deutlicher Sieg gegen die schlechteste Wolfsburger Mannschaft der letzten Jahre übertünchte die eigenen Unzulänglichkeiten. Und auch der Sieg gegen Krefeld war keine Offenbarung aber die 3 Punkte eminent wichtig. Positiv an diesem Wochenende war die optimale Punkteausbeute die uns noch hoffen lässt. Zu einzelnen Spielern lässt sich schwer was sagen. Die Neuzugänge Bast, Brown und Buck überzeugen. Viele anderen laufen ihrer Form hinterher und die werden wir nächstes Jahr bestimmt nicht mehr im Trikot der Ice Tiger sehen. Eine kleine Anmerkung noch zu Martin Jiranek, wir machen es uns alle zu leicht alles versagen des Teams ihm in die Schuhe zu schieben und ihn für diese Entschuldigung (beschissene) Saison als Alleinschuldigen hinzustellen. Das hat der Mensch Jiranek nicht verdient. Fehler machen wir alle und ich bin überzeugt auch die Vereinsführung hat aus diesem Schlamassel viel gelernt. Ich denke kein AL sollte Verträge über mehrere Jahre erhalten. War noch nie Leistungsfördernd. Es wird noch genügend Statements zu dieser Saison geben egal wie sie ausgehen wird.

    • Das Lob kann ich nur zurückgeben. Gerade im Bezug auf die Gedanken zur Glorifizierung einzelner, zu der wir nicht selten beitragen. Gerade bei Vokabeln wie „authentisch“, „Loyal“ und „leidenschaftlich“ sollten wir uns immer selbst hinterfragen. Das gilt natürlich auch für die andere Seite. Eishockey ist ein Geschäft. Für alle.

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