Die Ice Tigers beim Spengler Köp… kaum zu glauben, odrr?

Foto: Thomas Hahn/Zink

 

Vor der Tür unterhielten sich Ordner über alles und nichts. Hinter der Tür versuchten die Ice Tigers Ordnung ins Chaos zu bringen. Vor der Tür war es bitterkalt, dahinter feuchtwarm. Ein ganz normaler später Abend nach einem Eishockey-Spiel der Ice Tigers – und doch so ganz anders. Irgendwann öffnete sich schließlich die Tür und heraustrat: ein Plüschbulle. Hitsch blickte sich um, zögerte, trat an einen der Ordner, steckte dessen Kopf in sein Maul, um ihn etwas zu fragen. Es war als hätte man einen Ortsunkundigen in das Kostüm des Maskottchens gesteckt, einen, der auch nicht so genau wusste, was man mit einem solchen Abend im verschneiten Davos anfangen könnte. Zum Beispiel schlafen, noch ein bisschen über das erste Spiel der Thomas Sabo Ice Tigers bei diesem wundersamen Spengler Köp nachdenken und diesen Text am nächsten Tag schreiben. Das hätte man Hitsch sagen können, wenn der nicht wieder hinter der Tür in der Nürnberger Kabine verschwunden wäre, nachdem der Ordner noch ein gemeinsames Foti hätte machen wollen.

Warm-up

  • Habe ich schon einmal irgendwo geschrieben, dass in Davos die schönste Eishalle der Welt steht? Erst elfmal. Dann wird es Zeit für das zwölfte Mal. Die Gjøvik Olympic Cavern Hall ist außergewöhnlich, die kleine Halle des Luschniki-Sportpalasts in Moskau zumindest von außen schön, der David S. Ingalls Skating Rink soll von den vielen außergewöhnlichen US-amerikanischen College-Eisstadien das beeindruckendste sein. Das alles schreibt sich leicht, weil ich diese Eishallen bislang noch nicht betreten habe. Und dennoch bezweifle ich, dass sich ein ähnliches Gefühl einstellt, wie am Donnerstagnachmittag, als ich die letzten Stufen der Holztreppe zur Medientribüne der Vaillant Arena in Davos genommen hatte. Zuvor schon hatte ich womöglich etwas vorschnell von einer Eishockey-Kathedrale geschrieben, aber nichts anderes öffnete sich dann vor mir. Ein Stadion, eng und großzügig zugleich gebaut, sofort gemütlich, hölzern, so modern wie klassisch, bereits leer ein Erlebnis. Aber wenn es unter der hohen spektakulären Konstruktion des Holzdachs laut wird, dann kann man sich nicht vorstellen, dass es irgendwo etwas noch schöneres gibt.
  • Dazu kommt die Tradition, die man natürlich nicht sieht, aber die man spürt. Dazu kommt die Begeisterung für Eishockey. Das sieht man tagsüber, weil die Menschen in Davos wie selbstverständlich Schlittschuhe und Schläger spazieren tragen. Auf dem Freieis, also dort, wo der Spengler Köp zur Legende wurde, ist tagsüber Dauerbetrieb. Und beim intensiven Spiel zwischen den interessanten, aber über die Stadtgrenzen von Kuopio und Trinec hinaus eher unbekannten Klubs von Kalevan Pallo und den Ocelari wussten die Zuschauer, wann man staunt, jubelt oder klatscht. Zweimal brandete La Ola durchs Rund, zweimal keineswegs zum Selbstzweck, sondern weil die Menschen ihrer Freude über sich, das Eishockey und den Spengler Cup Ausdruck verleihen wollten.
  • Aber natürlich kann ein Traditionsturnier bei seiner 92. Auflage nicht den selben Zauber ausstrahlen wie in den 60er Jahren, als mystische Superstars von jenseits des Eisernen Vorhangs im Eisstadtion aufspielten oder 2012, als Tyler Seguin, Patrice Bergeron und Jason Spezza für Team Canada aufliefen. Mit dem Spengler Cup muss der HC Davos Geld verdienen, sonst könnte er auf 1500 Meter Höhe im Landwassertal allein wirtschaftlich in der National League nicht mithalten. Ein Fanzelt, an dessen Türen die Preise für einen zerstörten Tisch (300 Franken) und eine zerstörte Bank (100) nicht ohne Grund angeschrieben waren, brauche ich nicht. Der Spengler Cup braucht es schon. Und Hundertschaften von durstigen Eishockey-, Schlager- und Alkohol-Fans brauchen es auch.
  • Interessant ist, wie der Spengler Cup die Spielansetzungen verkauft: Da spielte nicht der HC Davos gegen die Ice Tigers, da spielte die Schweiz gegen Deutschland. Das mag historisch begründet sein, verfing sich aber offenbar auch 2018 bei den Spielern. Daniel Weiß merkte nach dem 2:3 an, Deutschland und die DEL ordentlich verkauft zu haben.
  • Bryan Lerg hat auch mitgespielt.
  • Ein WM-Treffer fehlt Leo Pföderl noch, bei Olympischen Spielen und beim Spengler Cup hat er bereits getroffen. Die Kreise, in die der auch in Davos wieder sehr ökonomisch jubelnde Gaißacher vorstößt, werden immer exklusiver.

Das Spiel

Beim Spengler Köp geht es um die Party, ums Spektakel. Unterschätzen sollte man die Intensität deshalb allerdings keinesfalls. Verlieren will hier niemand, schon gar nicht die Kanadier, die genau wissen, welche ihrer Freunde (sehr viele) und welche ihrer Verwandten (alle) zu Hause an den Fernseher mit dabei sind. Alle Spiele, die ich gesehen habe, hatten Play-off-Intensität. Und es war interessant zu sehen, wie die Ice Tigers, technisch und läuferisch insgesamt das schwächste der sechs Teams, mit Tempo und Intensität zurechtkommen würden. Die Antwort: sehr gut. Trotz der Niederlage gegen eine der derzeit schwächsten Schweizer Mannschaften. Der HC Davos ist in den Tagen des Köps allerdings nicht mit jenem Alltags-HCD zu vergleichen, der den großen Arno del Curto in den Rücktritt trieb. Der „Schillerfalter“ (Klaus Zaugg, natürlich) Linus Klasen macht außerhalb der NHL jede Mannschaft aufregender, der Druck ist noch ein wenig größer, die Motivation sicherlich auch. 27 Punkte fehlen dem HCD auf einen Playoff-Platz, 15 auf die nächstplatzierten ZSC Lions. So spielte Davos allerdings nicht, zumindest nicht im ersten Drittel. Der stets auffällige Inti Pestoni nutzte sehenswert aus, dass sich Marcus Weber erst noch an den ungewohnt niedrigen Sauerstoffgehalt in der Luft und an das Tempo gewöhnen musste. Taylor Aronson wollte es 64 Sekunden besonders gut machen und machte es besonders schlecht. Trotz Jason Basts Pfostentreffer war das ein denkbar schlechter Beginn. Nach 60 Minuten hatte trotzdem die falsche Mannschaft verloren. Denn als es den Ice Tigers gelang, den Davosern den Schwung zu nehmen, stellten sie das bessere Team, das allein an seiner eigenen Chancenverwertung und dem sehr starken Gilles Senn scheiterte. Erfreulich waren dabei die Härte, mit der sie den Schweizern zusetzten. Eine Härte, die man in der DEL so lange schon nicht mehr zu sehen bekommen hat, dass man zweifelte, ob sie überhaupt noch vorhanden ist. Gerade aber Shawn Lalonde, Brandon Segal, Chris Brown und mit zunehmender Spielzeit auch Oliver Mebus fuhren ihre Checks konsequent zu Ende, das versuchten auch die Schweizer, da fehlte es allerdings so oft am Timing, dass NHL-Referee Brad Watson ruhig öfter den Arm hätte heben können. Und trotzdem haben sie verloren, weil Klasen ein Moment reichte, um das von Brandon Buck und Leo Pföderl hergestellte 2:2 zu konterkarieren. Egal. Es war ein Fest dieser erste Spiel der Ice Tigers beim Spengler Köp.

Der Moment

27. Dezember 2018, exakt 20.17 Uhr: Daniel Weiß nimmt für die Thomas Sabo Ice Tigers das erste Bully beim Spengler Cup. Dass dessen Bedeutung abgenommen hat, sieht man ehrlicherweise auch an der Teilnahme einer Eishockey-Mannschaft aus Nürnberg. Trotzdem war es ein erhebender Moment für einen Klub, der 1980 in einer Kneipe in der Nordstadt gegründet worden war, der mehrmals vor einem neuerlichen wirtschaftlichen Kollaps hatte gerettet werden müssen, der von großartigen Menschen am Leben erhalten wurde und der großartige Eishockey-Spieler hervorbrachte, der seine größten Momente in Niederlagen erlebte, dem es allerdings auch gelang, das Max Morlock-Stadion zu einem Eishockey-Stadion zu machen, gefüllt mit 50.000 Eishockey-Fans.

Three Stars

Brandon Buck wurde von den Fans mit entsprechender Spengler Cup-App auf dem Smartphone zum besten Nürnberger Spieler gewählt. Zu Recht. Der ehemalige Davoser ist zwei Wochen nach seiner Rückkehr längst wieder der wichtigste Stürmer der Ice Tigers. Bucks Reihe war immer gefährlich, was natürlich auch an den starken Jason Bast und Chad Bassen lag.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Wer konnte sonst noch nicht nur mithalten, sondern selbst für Spektakel sorgen? Vor allem Patrick Reimer, der ein solches Niveau von Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen von Pyeongchang kennt. Man merkte Reimer an, dass er nicht nur mitspielen wollte. Reimer wollte glänzen. Das klappte nicht immer. Aber immer, wenn der Kapitän auf dem Eis war, passierte etwas.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Danach stand Ralf Neiß rauchend vor der Vaillant Arena. In kurzer Hose bei 6,5 Minusgraden. Natürlich. Ralf Neiß erzählte von der nicht ganz so wunderschönen Kabine der Ice Tigers, von den, nunja, schwierigen Arbeitsbedingungen, und davon, dass er mehrmals an diesem Tag bereits mehrmals seinen Staubsauger ausgeführt hatte. Den Staubsauger hat der Equipment Manager der Ice Tigers stets dabei, um rund um seine Schlittschuhschleifmaschine keine Spuren zu hinterlassen und für seine 25 Teppiche. Jeder Spieler der Ice Tigers bekommt einen kleinen Teppich mit dem Tigerkopf und seiner Nummer vor seinen Platz gelegt, in Wolfsburg, in Iserlohn und natürlich auch beim traditionsreichsten Eishockeyturnier der Welt. Damit sich die Jungs wohlfühlen, damit sie keine kalten Füße bekommen und damit sie wissen, wo sie sich hinsetzen müssen. Davor und danach saugt Ralf Neiß die Teppiche. Großartiger Typ.

1 Kommentar in “Die Ice Tigers beim Spengler Köp… kaum zu glauben, odrr?

1 Comment
  1. Hallo Sebastian Böhm,
    besten Dank für Ihre tollen Beiträge per Blog und Printmedien in 2018.
    Die Davoser Geschichten aus 1600 m Seehöhe waren ein echtes Highlight und wunderbares Lesevergnügen. Weiter so in 2019. Happy New Year

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