Spiel 26: Der Geist der 28

Foto: Thomas Hahn/Zink

Natürlich hatte ich Tränen in den Augen. Wer nicht? Vielleicht war ich nie wirklich Fan von einer Mannschaft. Wenn der EHC 80 einst verloren hatte, war ich nicht schlechter gelaunt als nach einem Sieg. Geheult aber hatte ich auch damals schon, als Ken Karpuk nach Krefeld Kaufbeuren gewechselt ist. Ich war schon immer Fan von Spielern, von Menschen, von Wayne Thompson, Peter Stankovic, Paul Coffey, Cam Neely, David Printz und, natürlich, von Steven Reinprecht. Es gibt Stars, sogar im Eishockey, es gibt Entertainer und Sternchen, die nur für ein Winter strahlten. Und ganz selten gibt es echte Sportsmänner, die es nie haben an Klasse fehlen lassen. Steven Reinprecht ist der beste Spieler, der jemals in Nürnberg gespielt hat, zweifelsohne, vor allem aber ist er ein Sportsmann. Und natürlich war die Arena an diesem Freitagabend wegen ihm ausverkauft, natürlich hat er, auch wenn er das bestreitet, allein durch seine Präsenz dieses Spiel beeinflusst, natürlich haben seine Ice Tigers auch ein wenig für ihn gespielt. Es folgt ein langer Beitrag über ein pralles Stück Nürnberger Eishockey-Geschichte (länger darf kein Blog-Beitrag mehr werden). 

Warm-up

  • Wenn ich einen schnellen, zuverlässigen Blick auf die Tabelle werfen will (ist laut Rob Wilson ab Dezember erlaubt), tippe ich noch immer kicker.de ein. Das sagt alles über del.org. Dass das Portal des Sportmagazins titelt, dass ein gewisser Ehliz bei seiner Rückkehr nach Nürnberg eine deutliche Pleite kassiert habe, ist allerdings albern. Und ernüchternd ist, dass den Ice Tigers zehn Punkte auf Platz zehn fehlen und vierzehn Zähler auf Straubing. Wie wertvoll dieses 4:1 gegen den Meister war, wird man also erst am späten Sonntagabend sehen.
  • An diesem Freitag war auch der HC Davos in der Stadt. Also fast der ganze. Über die Pressekonferenz zum Spengler Cup stehen gerade einmal 47 Zeilen in der Samstagsausgabe der Nürnberger Nachrichten. Das ist nicht angemessen, aber erklärbar. Neben den Texten über #Reinotire28 und ein bemerkenswertes Eishockeyspiel war nicht mehr Platz auf der Seite. Eine ausführliche Berichterstattung folgt noch in der Woche vor Weihnachten.
  • Das Spiel dürfte auch Fredi Pargätzi gefallen haben. Im Gespräch mit Florian Jennemann und mir versicherte er zwar, er sei beim Blick auf die Tabelle der DEL in den letzten Wochen nicht nervös geworden. Aber zwischendurch wird dieser Schweizer Gentleman, der als 16-Jähriger selbst am „Spengler Köp“ teilgenommen und der Traditionsturnier als OK-Chef 26 Jahre lang zu einem wirtschaftlichen Erfolgsmodell gemacht hat, schon bedauert haben, dass er die Ice Tigers nicht, wie eigentlich geplant, schon vor zwei Jahren hatte verpflichten können. Pargätzi hat einen hohen Anspruch an die Teilnehmer, spektakulär sollten sie Eishockey interpretieren können, leidenschaftlich und motiviert spielen. Das 4:1 sollte ihn bestätigt haben – unabhängig vom Tabellenbild.
  • Steven Reinprecht sieht sehr gut aus im Anzug und als er da zwischen seinen Buddies auf dem Eis kniete, da sah er aus wie ein stolzer Trainer inmitten seiner glücklichen Mannschaft. Martin Jiranek hat danach erzählt, dass er natürlich Verhandlungen führt mit Spielern, die in Nürnberg bleiben und Spielern, die nach Nürnberg kommen sollen. Ansonsten aber beschäftige er sich mit dem nächsten, allenfalls noch mit dem übernächsten Spiel. Mit der nächsten Saison beschäftige er sich jedenfalls nicht. Tja, das kann man glauben, muss man aber nicht. Mich hätte seine ehrliche Meinung interessiert, ob er es für sinnvoll hielte, einen Rookie, allerdings einen mit großer Strahlkraft, zum Trainer zu machen. Die nötige Arbeitseinstellung, das Auftreten und das Eishockey-Verständnis hätte Reinprecht zweifelsohne.
  • „Wir haben seinen Geist gespürt“, sagte Patrick Reimer über Steven Reinprecht. Telekomsport hatte er zuvor schon erzählt, dass die Ice Tigers dem Kanadier einen ganz besonderen Raum in der Kabine gewidmet haben.
  • Im Interview hatten wir am Tag zuvor über gute Spieler gesprochen, die nicht auch zwangsläufig gute Trainer sein müssen. Ich fragte nach Wayne Gretzky, den Reinprecht bei Phoenix Coyotes als Trainer erlebt hatte. Reinprecht antwortete, ohne die Miene zu verziehen: „Er war ein großartiger Spieler, Gretz war ein großartiger Spieler.“
  • Martin Jiranek hat sich in der ersten Drittelpause mit Dane Fox über mögliche Strafen unterhalten. In der zweiten Pause wiederholte sich das Gespräch – nur sehr viel lauter: „Don’t take another fxxxxxx penalty.“ Und als er sich im Schlussdrittel eine weitere Strafe geleistet hatte, kurz nach Ablauf der vorigen, da blieb dem Trainer nichts anderes übrig, als Fox auf der Bank sitzen zu lassen. „Wenn ich so etwas sage und jemand leistet sich wieder eine Strafe, egal ob das Patrick Reimer ist oder Dane Fox oder Eugen Alanov, dann ist es auch für die Mannschaft wichtig, dass ich zeige, Jungs, ihr müsst‘ dabei sein. Fox versteht das, glaube ich. Manchmal Dane ist Dane. Wir lieben ihn. Er spielt mit Herz. Er ist voll dabei. Das trifft ihn wahrscheinlich am härtesten, wenn er nicht spielt. Aber wir können uns nicht den Luxus leisten, die Dinge so zu lösen.“
  • Dane Fox aber war nicht alleine. Auch Taylor Aronson und Chad Bassen gönnten sich völlig unnötige Fouls. An einem solchen Abend, mit einem derart starken Penalty Killing mag man sich das leisten können. Oft funktioniert das nicht.
  • Natürlich war es klar, dass der Wunsch, an diesem Freitag alleine Reinprecht und die Ice Tigers zu feiern, zu einem frommen Wunsch degradiert werden würde. Aber diese Feindseligkeit gegenüber Yasin Ehliz hat mich dann doch überrascht. Erstaunt hat mich das Konzentrationsvermögen einiger Fans, die keine Gelegenheit ausließen, Ehliz auszupfeifen, vom ersten Wechsel in der ersten Minute bis zur letzten Rudelbildung. Die Pfiffe hatte er sich selbst eingebrockt, durch das Ausbleiben einer persönlichen Erklärung gegenüber Thomas Sabo oder Wolfgang Gastner, durch seine Aussagen nach dem Wechsel. Richtig unangenehm aber waren die Hurensöhne-Sprechgesänge. Das ist nicht witzig, das hat keine zweite Ebene – das ist einfach nur plump.
  • Steven Reinprecht hatte Ehliz gedankt, schon da konnten sich viele nicht zurückhalten, wofür Reinprecht Verständnis hatte: „Ich verstehe den Frust. Meine Message war eher persönlich. Die Fans hätten verstehen können, dass das im Licht der Vergangenheit zu verstehen war. Aber noch einmal: Ich verstehe auch den Frust. Er ist ein großartiger Spieler, der wichtig für diesen Klub war. Jetzt spielt er in München. Das ist Sport. Ich habe sehr gerne mit Yasin und Patrick gespielt. Wir hatten eine großartige Zeit, das ist nicht alltäglich für Eishockeyspieler. Wenn man so etwas einmal in seiner Karriere erlebt, darf man sich glücklich schätzen.“

Ein Interview (mit Steven Reinprecht)

Wie war Ihr erstes Spiel als Fan der Ice Tigers?
Steven Reinprecht: Ich habe gejubelt. Ich war aufgeregt. Ich war laut, wenn sie getroffen haben. Ich war ein Fan. Und sie haben ja auch gut gespielt. Das Power-Play hat gut funktioniert. Sie haben das gut gemacht.

Und wie schwer war es, in diesem schönen Anzug, in der Mitte des Eises zu stehen und eine Rede zu halten?
Reinprecht: Es war leichter als ich gedacht hatte. Ich war sehr nervös. Bis ich mich doch dazu entschlossen hatte, meine Worte auf Papier zu bringen. Das Papier hat mir Sicherheit gegeben. Umgekehrte Psychologie sozusagen. Jetzt bin ich wirklich stolz, dass mein Trikot dort oben hängt.

War diese Zeremonie alles, was Sie sich hatten wünschen können?
Reinprecht: Ohja, es war nicht einfach, Wolfgang (Gastner) auf dem Eis zu verstehen und natürlich auch, weil sein Deutsch besser ist als meins. Aber ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Man hätte es nicht besser organisieren können.

Die Arena war ausverkauft, das ist Anfang Dezember nicht alltäglich in Nürnberg – schon gar nicht angesichts des Tabellenplatzes.
Reinprecht: Die Fans in Nürnberg sind großartig. Ich liebe die Fans hier. Das ist auch ein Grund, warum ich es geliebt habe, hier zu spielen. Ich weiß, dass es bislang eine harte Saison war. Aber die Fans hatten erkannt, dass es ein großes, ein wichtiges Spiel war, dass die Jungs einen großen Sieg brauchten. Vielleicht hat die Zeremonie noch ein paar Zuschauer mehr gebracht. Mag sein. Aber die Leute in Nürnberg lieben Eishockey. Und sie brauchen etwas, wofür sie sich begeistern können. Die Jungs können ihnen das geben.

Haben Sie realisiert, wie emotional viele Fans auf die Zeremonie reagiert haben?
Reinprecht: Okay, gut, dann war ich wenigstens nicht der einzige. Ich glaube, das beruht auf Gegenseitigkeit. Mich ergreift es, wieder hier zu sein, hier bei ihnen. Als Spieler waren wir sehr präsent auf Fan-Veranstaltungen, das Verhältnis war eng. Schon damals habe ich gesagt, es ist mir ein Vergnügen, euch zu treffen. Wahrscheinlich habe ich dreiviertel der Menschen auf den Rängen schon einmal getroffen.

Bei unserem Interview am Donnerstag habe ich die entscheidende Frage vergessen. Sie sagten, dass Sie noch nicht wüssten, was Sie im kommenden Jahr machen, ob Sie in die AHL gehen, am College bleiben oder nach Europa wechseln. Gibt es denn die Überlegung, zu den Ice Tigers zurückzukehren – als Coach?
Reinprecht: Ach, ich weiß nicht. Die Ice Tigers konzentrieren sich erst einmal auf diese Saison. Aber natürlich beschäftige ich mich mit Europa. Es kommt immer auf die Gelegenheit an – hier, in der Schweiz, in Finnland, überall. Meine Tochter sagt, das hier ist ihre Heimat. Wir haben eine starke Verbindung zu dieser Stadt, wir lieben es hier. Mal sehen.

Das Spiel

Es war sicher nicht das beste Spiel der Ice Tigers, das man jemals in dieser Arena hatte sehen dürfen. Es war auch nicht das intensivste. Aber eines der prallsten dürfte es gewesen sein. Im DEL-Alltag wäre man schon zufrieden gewesen mit der Rückkehr eines Spielers wie John Mitchell oder mit der Geschichte des Ex-Münchners Niklas Treutle. An diesem Abend aber waren das allenfalls Randgeschichten. An diesem Abend hatten die Ice Tigers auch das Glück, dem EHC München inmitten einer hochanspruchsvollen Woche zu begegnen. Das Hinspiel im Champions League-Viertelfinale gegen Malmö am Mittwoch, Nürnberg am Freitag, Mannheim am Sonntag, Malmö am kommenden Dienstag. Deshalb war wohl auch Kevin Reich im Tor gestanden, das muss kein Zeichen geringer Wertschätzung gewesen sein. Es war die einzige Möglichkeit, Silberdanny aus den Birken nicht viermal in Folge spielen lassen zu müssen. Natürlich wollte der EHC München dieses DEL-Spiel gewinnen, als Beweis dafür diente allein die Schmallippigkeit Don Jacksons danach. Aber mit der Emotionalität der Ice Tigers kamen sie nicht zurecht. Und das galt nicht nur für den Münchner mit der Nummer 42. Yasin Ehliz hatte von Beginn an einstecken müssen. Es sah schon so aus, als suchten sich die Ice Tigers, insbesondere Chris Brown, genau aus, wen sie noch etwas härter checken wollten. Martin Jiranek erklärte das so: „Wenn ein Spieler einer ganzen Mannschaft zeigt, dass er kein Teil dieser Mannschaft sein will, dann kann man damit rechnen, dass eine Reaktion kommt. Wir waren in einer schweren Phase aufgrund von Verletzungen und auf einmal gab es Gerüchte über eine mögliche, starke Verstärkung. Und diese Verstärkung sagt: Nein, ich will nicht. Spieler wie Brown spielen mit Herz, wollen immer gewinnen, sie sind nach Nürnberg gekommen, um Erfolg zu haben. Und sie sind frustriert, aber sie glauben an ihre Mitspieler, an das System, an ihre Trainer.“ Vielleicht hatte Brown Ehliz aber auch nur in die Bande gefahren, weil er wusste, wie empfänglich das Publikum für solche Szenen war. Über solche Szenen fanden die Ice Tigers jedenfalls zu ihrem simplen, effizienten Spiel. Das hat auch den lange verletzten Mike Mieszkowski und Yannick Wenzel mitgerissen. Daniel Weiß, Tim Bender und Wenzel kamen so zu guten Chancen, Leo Pföderl bot sich eine sehr gute. In Führung aber ging der EHC München, nach sechs Sekunden im Power-Play, allerdings denkbar glücklich – von Frank Mauers Schlittschuh sprang der Puck zu Maxi Kastner. Andrew Bodnarchuck aber gab den Ice Tigers die Möglichkeit, sofort zu kontern. Auf der anderen Seite traf auch Leo Pföderl – nach sechs Sekunden Power-Play. Der Rest des Drittels gehörte Nürnberg und den verdienten Treffern von Chad Bassen und Brandon Segal (nach einem Puckverlust von mehreren Puckverlusten von Yasin Ehliz und einem sehr überlegten Schuss von Tim Bender). Natürlich mussten sich danach die Kräfteverhältnisse verschieben. Nach Schüssen war Nürnberg nach der Anfangsoffensive unterlegen, München fand aber trotzdem keinen direkten Zugriff. Und wenn die Chancen des Meisters doch noch erstklassig wurden, dann war es Niklas Treutle, der die Münchner weiterer Tore beraubte. So war das auch direkt vor Patrick Reimers 4:1, einem Treffer, der so herausgespielt worden war, wie man es von einem Power-Play in dieser prominenten Aufstellung erwarten kann.

Reino (ein Gastbeitrag von dem Mann, der die „Rückhand Gottes“ erfunden hat, Christoph Benesch)

Muss man Eishockey lieben? Darf man einen Eishockey-Verein lieben? Darf man sich über einen gelungenen Pass, ein Tor, ja, einen Titel freuen – und wenn es nur ganz heimlich ist, dort oben, wo die Laptops auf den Tischen manchmal vor lauter Spannung hüpfen, wenn es in die Overtime geht? Darf man Schmerz empfinden, wenn sich Spieler verletzen? Darf man sich eine Glatze rasieren, nur weil sie eine tragen? Darf man weinen, wenn sie das letzte Mal auf die Tribünen winken, um dann für immer im Kabinengang zu verschwinden?

Foto: Thomas Hahn/Zink

Eishockey muss man auch ertragen können, wenn man eine ganze DEL-Saison verfolgt, vom Spätsommer, noch bevor der erste Schnee fällt, bis ins Frühjahr, wenn er längst wieder geschmolzen ist. Eishockey muss man mögen, wenn man an November-Abenden aus dem Bürofenster dem Regen über dem Willy-Brand-Platz zusieht und weiß, man wird noch zwei Mal mit dem wunderbaren Roman Horlamus in Berlin telefonieren, bevor man nach Hause darf.  2012 war meine erste Saison mit den Ice Tigers, mit Jeff Tomlinson und Tray Tuomie, die kaugummikauend Rotwein tranken. Mit Evan Kaufmann, mit Connor James und Brett Festerling, mit dem ich ein Interview führte, bei dem ich kein einziges Wort verstand. Und mit: Steven Reinprecht. Eishockey, lernte ich von Sebastian Böhm, kann man sogar lieben, so wie man den besten Freund ja auch irgendwie liebt, oder würde man sonst um zwei Uhr nachts  noch einmal aufstehen, um in einer verlassenen Kneipe schweigend vor einem Bier zu sitzen und zuzuhören, dass es mit Lena nicht mehr läuft? Ich habe Eishockey vor allem wegen Steven Reinprecht gemocht. Wegen seiner Eleganz, mit der er den Puck führte, wegen seiner Leichtigkeit, mit der übers Eis lief. Wegen dieser beeindruckenden Ruhe, die er selbst in der Overtime ausstrahlte, wenn bei uns oben schon die Laptops hüpften. Es war nicht einmal wegen seiner Tore oder wegen dieser unglaublichen Handgelenke – es war seine Liebe zu diesem Spiel, die derart ansteckend war, dass man den Plastiklöffel, den es zu diesen grässlichen Nudeln in der Arena gibt, plötzlich ein wenig anders in der Hand hielt, nur um über die Rückhand zu essen. Eishockey, finde ich, darf einem fehlen, wenn man über zwei Jahre nicht mehr darüber schreiben darf. Und Eishockey muss einem fehlen, wenn man einmal das Glück hatte, Steven Reinprecht spielen zu sehen.
Sicher, es fehlen auch die Unterhaltungen mit diesen tollen Kollegen, die endlosen Diskussionen über das Halbjahres-Zeugnis, unsere albernen Redakteurs-Rituale während der Playoffs, die Schnauzer im November und, immer, die Parkkarten der Arena. Es fehlt die Geschwindigkeit, das Adrenalin, das Scheppern, wenn ein Puck gegen das Plexiglas fliegt oder ein Körper gegen die Bande. Am meisten aber fehlen die netten Menschen aus Block 103, die meinem Sohn kurz nach seinem vierten Geburtstag einen Puck schenkten, der noch immer auf seinem Nachtkästchen liegt und den er erst heute wieder, weil Mama nicht da war, in der Drittelpause mit dem Kinderschläger übers Wohnzimmerparkett kratzte. Die ganze Fahrt in die Arena hatte ich ihm damals versucht beizubringen „Steven Reinprecht“ zu sagen, dabei konnte er ja noch nicht einmal seinen eigenen richtig aussprechen. Und als sich der geschätzte NZ-Kollege Florian Jennemann zu ihm hinunterbeugte und tatsächlich nach seinem Lieblingsspieler fragte, hatte er den Namen wieder vergessen. „Wer ist nochmal unser Lieblingsspieler“, flüsterte er kurz darauf in mein Ohr und ich verfolgte vor seinem Auge mit meinem Finger Reinprecht, wie er über das Eis glitt. Ich musste ihn meinem Sohn so nur ein einziges Mal zeigen – und er vergaß ihn bis heute nicht mehr. Als wir vorhin vor dem Laptop saßen und zusahen, wie diese 28 unter das Hallendach gezogen wurde,  schrieb Jannik „Steven Reinprecht“ auf einen Zettel und hielt ihn vor sich, so wie auch die anderen Fans Schilder gemalt hatten.
Wissen Sie was? Es fehlen mir, wenn ich so nachdenke, sogar die lauwarmen Würstel aus der ersten Drittelpause und die grünen Statistikblätter aus der zweiten, die man Tage später zerknittert aus dem Rucksack zog. Und es fehlt nun allen: Steven Reinprecht.

Der Moment, nein, natürlich: die Momente

Der Hinweis im Verkehrsleitsystem auf die Verrentung von Reinprechts Trikot (danke, blackhawk); 21 Reinprechts zum Warm-up auf dem Eis; der freundliche Applaus für Martin Jiranek, der als Trainer derzeit umstritten sein mag, dessen Nummer zwölf in Nürnberg aber ob seiner Verdienste und seines Auftretens vollkommen zurecht in Nürnberg nie mehr vergeben wird; das Video; Wolfgang Gastners feine Würdigung; Steven Reinprechts Aufregung; Reinprechts Tränen; Mette Reinprechts Tränen; die Erleichterung nach Pföderls Ausgleich; die erste Kontaktaufnahme zwischen Dane Fox und John Mitchell; die Innigkeit zwischen Chris Brown und Yasin Ehliz beim Bully; die Checks gegen Yasin Ehliz, jeder einzelne gefeiert; das vorschnelle und arg infantile „Siehst du, Yasin, so wird das gemacht“; ein pöbelnder Matt Stajan vor der Nürnberger Bank; die Empörung Yannic Seidenbergs, dass (allerdings tatsächlich nicht immer saubere) Checks gegen ihn nicht gepfiffen werden; die drei etwas beleibten Reinprechts vor den Urinalen; Fox‘ Strafen im Angriffsdrittel; der Blick Mike Flanagans, als Fox reumütig zur Bank zurückkehrte;  der feine Lattenschuss von Leo Pföderl; Stajan läuft in Unterzahl mit, bekommt den Puck perfekt serviert, wartet, zielt genau – und doch ist Niklas Treutle schnell genug am langen Pfosten, um das 2:3 zu verhindern; der Jubel Patrick Reimers, der Jubel Reinprechts vor der Loge; die herzlichen Umarmungen für Mitchell und Ehliz; das Lächeln auf den Gesichtern der Ice Tigers auf der Ehrenrunde mit Reinprecht im blauen Anzug; Reimers innige Umarmung mit Ehliz vor dem Kabinengang; Martin Jiraneks Worte bei der Post-Pressekonferenz. Dieser emotionale Abend mag eine Erlösung gewesen sein für die Mannschaft. Das wird sich erst noch zeigen müssen. Sicherlich war er eine Belohnung für die Mitarbeiter der Ice Tigers, die eine würdevolle, nahezu perfekte Zeremonie hinbekommen haben (mit zu viel Coldplay hab‘ wahrscheinlich ich allein ein Problem), und für die Fans. Unter der Woche hat mich einer jener Fans angeschrieben, die für das „Keep on fighting, Ice Tigers“-Spruchband verantwortlich waren und damit für das Gegengewicht zum Stimmungsboykott sorgten. Es gibt Fans, die immer an das Team geglaubt hatten. Vielleicht werden es jetzt wieder mehr und vielleicht hat dieser Sieg die Fans wieder mit ihrer Mannschaft versöhnt. Wie wichtig es ist, dass sie alle zusammenhalten, hat man an diesem 7. Dezember sehr eindrucksvoll vorgeführt bekommen.

Das Interview (mit Leo Pföderl)

Offenbar ist es genau das Richtige, vor einem Spiel noch einmal eine Viertelstunde lang ausgebremst zu werden. 
Leo Pföderl: Ja, mei, optimal ist das, glaub ich, nicht, wenn man da so ewig rumsteht. Aber es hat uns anscheinend nicht geschadet, noch einmal ein paar alte Bilder (boar oide Buidin) von Reino zu sehen (vom Reino zum säng). Mei, ich habe mir da nicht so viele Gedanken gemacht. Es muss aber nicht noch einmal sein. Es war ganz nett.

Du warst voll präsent. Was war heute anders in Deinem Spiel?
Pföderl: Ich habe viele Scheiben gehabt (I hob fui Scheim ghobt).

So einfach ist das manchmal?
Pföderl: Freilich.

Inwiefern hat die Mannschaft diese Stimmung um Yasin Ehliz beeinflusst?
Pföderl: Überhaupt nicht. Mir ist es eigentlich scheißwurst, gegen wen wir spielen. Was super ist, wenn die Halle voll ist und wenn sich da was rührt. Dann ist es das Schönste, was es gibt. Und man hat ja gesehen, was mit so vielen Leuten in der Halle möglich ist.

Dir ist also egal, ob die Fans jubeln oder ob sie pfeifen? Vielleicht hast du mitbekommen, dass die Fans bei jedem vierten Münchner Wechsel etwas schriller wurden.
Pföderl: Mir ist das wurscht, ja. Aber es ist nicht schön für den Yasin. Das hat er auch nicht verdient, finde ich. Aber ist halt so. Hauptsache laut.

Wahrscheinlich sprechen jetzt viele von der Wende. Aber wahrscheinlich wird sich erst am Sonntag in Straubing zeigen, ob ihr an diesem Sieg gewachsen seid.
Pföderl: Ja, Wende… Hoffentlich. Mei, man darf das nicht an einem Spiel festmachen. Es war ein gutes Spiel, aber es ist uns auch alles in die Karten gelaufen. Jeder hat einen guten Job abgeliefert. Aber wir haben in der letzten halben Saison auch gesehen, was alles passieren kann. Deswegen heißt es jetzt, ganz normal weiter zu machen.

Three Stars

Gegen Düsseldorf hatte Leo Pföderl zweimal getroffen, gut hatte er deshalb nicht gespielt. Zu oft schwamm er nur mit, ließ das Spiel auf sich zukommen. Ganz anders an diesem Freitag: Pföderl skatete hart, nahm Zweikämpfe auf, traf und war der auffälligste Spieler auf dem Eis.

Für München wurden mehr Schüsse gezählt, optisch war der Meister ab dem zweiten Drittel überlegen. Wirklich gefährlich wurde er dabei nur selten – und wenn doch erwies sich Niklas Treutle (42 Paraden) als unüberwindbar. Sein Save gegen Matt Stajan ist Material für die Top Ten von Telekomsport, Abteilung Eishockey.

Martin Jiranek sprach danach von einem halben Jahr. Oliver Mebus aber hatte sehr viel länger nicht mehr auf diesem Niveau Eishockey gespielt. Seine Sprunggelenksverletzung hatte eine Vorgeschichte. Umso erstaunlicher, wie der lange Verteidiger wieder zurückkam. Mebus spreizte sich in Unterzahl vors Tor, blockte Schüsse (gerne auch mit dem Knöchel), verengte Räume, blockierte Passwege, seine Aufbaupässe waren bereits wieder herausragend. Danach wurde er zurecht von der Südkurve für sein Comeback gefeiert.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Und sonst?

Ist es spät geworden oder früh. Mir bleibt nur noch auf diesen und diesen aktuellen Text zu verweisen und auf das Interview mit Reinprecht in den Stadtausgaben der Nürnberger Nachrichten und der Nürnberger Zeitung. Ich wollte eigentlich auch noch einmal etwas zur #28 schreiben – mit der Überschrift „Ein Spieler, der die Liga um sich herum besser macht“ habe ich einst allerdings auch schon alles geschrieben, was man über Steven Reinprecht wissen muss (tatsächlich will ich eigentlich nur ins Bett).

Foto: Thomas Hahn/Zink

9 Kommentare in “Spiel 26: Der Geist der 28

  1. Danke für diesen Blog. Jetzt schneide ich grad zum dritten Mal Zwiebeln – dass zweite Mal war daheim, als wir die Wiederholung der Zeremonie angeschaut haben. Es war für diesem bescheidenen Mann einfach nur ein würdiger Rahmen, der von den Verantwortlichen der Ice Tigers geschaffen wurde.
    Reino´s Rede machte nochmals deutlich was es für eine Ehre war ihn sechs Jahre lang im Trikot der Ice Tigers sehen zu dürfen.
    Das neben Steven auch Henning von Teilen des EHC80 nicht vergessen wurde zeigt mir, dass diese Familie ein Teil des Nürnberger Eishockey immer sein wird und wir eines Tages wieder einen Reinprecht am Eis oder hinter der Bande hoffentlich erleben dürfen. Was die Stadt den Reinprechts bedeutet hat man gesehen und ist in der Zeit der auswendig und aalglatten Medienaussagen von Spielern eine Seltenheit geworden, denn es waren ehrliche und ernstgemeinte Worte.
    Als Reino zum Feiern nochmals auf Eis mit kam war es erst recht so, als wäre er nie weggewesen. Er wirkte sofort wie ein Teil des Teams und auch das Team machte hier einen Eindruck, als wäre Reino immer noch ihr Mitspieler und sogar mehr. Danke Reino, es war mir eine Ehre und danke Sebastian, dass du die „Rückhand Gottes“ nochmal entsprechend würdigst mit einem tollen Interview als Abschluss.

    Zum Spiel kann man eigentlich nicht mehr viel sagen, da es sonst den Kommentarrahmen sprengt. Aber es war ein nahezu perfektes Spiel. Meiner Meinung nach waren die Ice Tigers bereit und jederzeit dazu in der Lage gegenzuhalten. Selbst der sonst so gescholltene Will Acton fiel sehr positiv auf. Vielleicht geht ja noch etwas in diesem Jahr, aber da sind wir alle morgen Abend etwas schlauer.

    Über wessen Geistes Kind manche gestern waren möchte ich nur so viel zeigen: ein paar in der Süd haben es gezeigt wie es auch anders geht. Für mich persönlich war da gestern viel niveauloses auch innerhalb des Blocks dabei – eine Taschengeldreduzierung der jeweiligen Verantwortlichen wäre schon mal ein gutes Mittel.

  2. Schöne Worte, danke.

    Ich habe nach dem AEV- Spiel in Ingolstadt sofort umgeschalten, der Spielstand war mir bekannt. Hat Nürnberg gut gemacht, fast wäre der AEV dadurch auf Platz 2 gerutscht – mit drei statt einem Punkt hätte das geklappt.

    Ich habe Eure 28 oft gesehen, leider war er oft der Unterschied, dass Augsburg verloren hat – wie früher die 7 in Liga 2 und die 12.

    Diese Saison scheint ausnahmsweise anders zu verlaufen, weshalb mich sehr freuen würde Euch gegen den AEV im Viertelfinale verlieren zu sehen.

    Zu Ehliz: Beim nächsten Spiel gegen München probiert es doch mit einer kleinen Änderung von unserem „Ohne Ehliz habt Ihr keine Chance“:

    Auch mit Ehliz habt Ihr keine Chance!

    Kommt nicht so übel rüber wie Dauergepfeife oder gar Hurensohn.

  3. Danke für diesen Beitrag. Danke auch für die Artikel im NN und NZ Print in den letzten Tagen, die die Vorfreude Stück für Stück gesteigert haben.
    Dieser 07.12.18 war ein denkwürdiger Tag im Nürnberger Eishockey und wäre das 112te Kapitel wert.
    Es war für alle Fans und Zuschauer ein großartiges Ereignis (Danke auch an die Organisation der Ice Tigers) und für diejenigen, die die #28 als Spieler über diese sechs Jahre auf dem Eis intensiv verfolgen durften, sicher ein würdiger und krönender Abschluss.
    Es ist mir eine Freude gewesen über sechs Jahre Steven Reinprecht zuschauen zu dürfen und eine Ehre gestern dabei gewesen zu sein.

  4. Hallo,

    großartiger Abend.

    Danke an die Organisation der Tigers für diese sehr würdigen Zeremonie.
    Danke an die Mehrzahl der RedBull Fans, die sich fair verhalten haben und die 25 Minuten schweigend mitgemacht haben
    Danke an Telekom-Sport für die Aufzeichnung des Events in voller Länge
    Danke an das Team für das erste 60 – Minuten Eishockeyspiel der Saison

    Reinprecht hat über die letzten Jahre die Organisation des EHC und der Tigers geprägt. Auf und auch neben dem Eis. Vielen Dank dafür. Bleibt die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Je eher, desto besser.

    Herzlicher Gruß
    Stefan

    PS:
    Ehliz hat sich jeden Pfiff während des Spiels redlich verdient.
    Die Gesänge waren drüber, die Pfiffe bei der Zeremonie waren total dämlich!
    Am meisten nervt mich aber der permanente Versuch der Ehliz Fanboys ständig Gastner und die Tigers der Lüge zu bezichtigen und Ehliz als Saubermann hinzustellen. Reino hat es im Telekom – Interview auf den Punkt gebracht. Ehliz kann gehen, die Fans können pfeifen. Ich pfeife.

  5. Steven Reinprecht hat mich neben all seiner spielerischen Klasse immer als tadelloser Sportsmann auf dem Eis beeindruckt. Immer fair zu allen Beteiligten, auch in der Niederlage. Nur die ganz Großen könne so ein Verhalten an den Tag legen.

  6. Die sehr gut gelungene und emotionale Zeremonie wurde im Blog und im NN-Print nochmal perfekt zusammengefasst. Vielen Dank dafür, natürlich auch an die Organisatoren.
    Die Pfiffe gegen Ehliz fand ich in Ordnung, die verbalen Beleidigungen dagegen nicht. Dass es halbwegs orginell auch geht („Ohne Reino taugt der Yasin nichts“) hat die Südkurve ja auch verlauten lassen. Beleidigungen bitte zukünftig bleiben lassen!!!
    Die Aussagen Reinos über seine berufliche Zukunft als Trainer „wo es für ihn und die Familie am besten passt“ stimmen mich zuversichtlich, dass es ein Wiedersehen in nicht allzu ferner Zukunft geben könnte!

  7. Lieber Sebastian, vielen Dank für den wie immer wundervollen Blog. Es gelingt dir wirklich immer dass ich das Erlebte von dem Spiel nochmals neu erlebe oder (was noch viel schöner ist) eine neue Sichtweise auf manche Dinge erhalte. Eine wirklich gute Zeremonie der Ice Tigers, das hätte es vor einigen Jahren so nicht gegeben. Meine Meinung ist aber, dass sich die Fans die Pfiffe während der Zeremonien hätten sparen können. Einfach um dem Ganzen den würdigen Rahmen zu geben. Stellt euch doch mal vor, dass bei Patrick alle klatschen und bei Yasin niemand. Ich denke, dass das „Strafe“ genug gewesen wäre und gleichzeitig auch für Reino angenehmer. Im Spiel kann dann ja jeder pfeifen das ist eine andere Angelegenheit.

    Ob das Spiel nun endlich die Kehrtwende bedeutet werden wir sehen. Die Hoffnung hatten wir dieses Jahr schon des Öfteren… Hoffen wir weiter.

  8. Über Reino und das Spiel wurde bereits alles gesagt. Ein perfekter Abend und Balsam für die Nürnberger Eishockeyseele.

    Und auch ich bin der Meinung, dass Ehliz sich die Pfiffe (nicht die Beleidigungen) verdient hat. Nicht DASS er zu München gewechselt ist, sondern das WIE ist entscheidend. Auch wenn das wohl den meisten Lesern hier klar sein dürfte.
    Als Fan war das die beste, direkteste und persönlichste Art, Ehliz zu zeigen, welch große Wunde er mit seinem Verhalten und den damit verbundenen Aussagen gerissen hat. Wenn man zu den Münchner Medien sagt (sinngemäß) „Ich pfeif auf die Stimmen aus Nürnberg.“, dann muss man sich nicht wundern, wenn auch auf einen selbst gepfiffen wird, wenn jeder Check gegen dich selbst von den Gegnern gefeiert wird.
    Damit will keiner die gezeigten Leistungen aus der Vergangenheit schmälern. Aber es will eben auch niemand (zumindest sehr wenige) mehr Ehliz im Trikot der Ice Tigers sehen.

    Für mich wäre die Sache aber auch damit erledigt. Ehliz hat den ihm gebührenden Empfang bekommen. Ich persönlich muss ihn jetzt aber nicht in jedem Spiel wieder auspfeifen.

  9. Servus,
    die Länge des Blogs passd scho, ist dem Thema durchaus angemessen und wie immer eine Freude zu lesen. Gleiches gilt auch für die Kommentare…DANKE allseits…
    Die Zeremonie war sehr stimmig und einem Menschen (natürlich auch Spieler) wie Steven Reinprecht würdig.
    Die Pfiffe während der Zeremonie waren einfach voll daneben, ebenso bestimmte Sprechgesänge und Zwischenrufe bezüglich Yasin Ehliz (Niveau ist für viele doch eben eine Creme). Leider werden in unserer heutigen Welt zu oft unreflektiert Aussagen übernommen (weswegen ja auch die AFD bei ca. 15 % steht). So liegen die Fehler in der Causa Ehliz wohl auf beiden Seiten, lagen Missverständnisse vor, welche bis heute anscheinend nicht allen auf beiden Seiten bekannt sind.

    …zur Sache „Reino als Tigers Trainer“ : wäre schön, irgendwann…aber im Sommer als erste richtige Trainerstelle, ohne große Erfahrung, da hätte ich doch Bedenken…

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