Das graue Sofa: Vom stärksten (deutschen NHL-) Buch der Welt

Dieses Blog, also wir alle, wird im Anhang auch erwähnt, warum auch immer. Ganz sicher nicht, um hier positiv besprochen zu werden. Ließ sich dann allerdings doch nicht vermeiden.

Was kann man erwarten, wenn die Pussy von den Schmuckrüpeln ein Werk von seinem hockey buddy Bernd Schwickerath rezensiert? „Rosarote Komplimentchen“ vielleicht, ein bisschen famos hier, ein wenig großartig da und ein Witz über Nate Prosser auf dem Cover, aber doch sicherlich keine kritische Auseinandersetzung mit den 346 Seiten über „Die stärkste Liga der Welt“, oder? Wer so denkt, verkennt allerdings die Eitelkeit von Sportjournalisten im Allgemeinen und meine Überheblichkeit im Speziellen. Nichts reizte mich mehr als der Verriss eines Eishockey-Buchs, das ich selbst gerne geschrieben hätte.

Bernd Schwickerath erzählt im Vorwort schließlich meine Geschichte. Auch ich wurde durch die Freizeitgestaltung meines Vaters mit dem Sport infiziert, der EHC 80 Nürnberg war meine Einstiegsdroge, Horst Eckerts Eishockey-Almanache haben mich mit internationalem Eishockey angefixt, Kinder sind seltsam. Bewegtbilder aus der NHL aber waren rar, der regelmäßige Besuch beim Zeitschriftenhändler in der Passage der U-Bahn-Station Lorenzkirche war mein Methadon-Programm. Aber selbst in der USA Today, die nur dort erhältlich war, wurden ausführliche Statistiken und (noch wichtiger) Transactions eher zufällig abgedruckt. EA-Sports‘ NHL-Serie hat dann alles verändert, über mein souverän bestandenes Abitur (3,5) war mein Vater so glücklich, dass er mit mir in den Nordosten der USA flog, um die Devils, die Islanders und die Bruins zu sehen. Mit dem ersten eigenen Geld bezahlte ich eine Reise zu den Maple Leafs. Schwickerath erzählt eine sehr ähnliche Geschichte. Doch während meine Finger für die Gamepads zu langsam wurden und sich meine tägliche Auseinandersetzung mit der NHL auf meine Aufgabe als Fantasy-Manager reduzierte, ist er dabei geblieben. Es ist okay, dass er das Buch geschrieben hat und nicht ich.

Nur, was wollte er deutschen Eishockey-Nerds und mir Neues erzählen, was wir nicht längst wussten oder im Original gelesen oder gesehen hatten? Zum Beispiel die Geschichten von Eddie Livingstone, Bruce McNall und Anzor Kikalishvili, die in mir die beruhigende Erkenntnis reifen ließ, dass wir die Sonnenkönige, Blender, Träumer und Gauner, die unseren Sport in Deutschland bezahlten, bezahlen und zerstören, nicht exklusiv für uns haben. Die Entstehung der NHL, die harten Jahre, die Original Six, all das hat Schwickerath gründlich aufgearbeitet – vor allem aber hat er es flott erzählt. Allerdings merkt man so mancher Wiederholung an, dass er die Kapitel des Buchs nicht chronologisch geschrieben hat. Aber wer bin ich, darüber zu urteilen? Genau das ist einer der vielen Kritikpunkte an dem bislang einzigen Buch, das ich geschrieben habe (befasst sich, zumindest meistens, auch mit Eishockey).

Besonders stark ist aber vor allem Schwickeraths Leistung im Mitteldrittel, wenn er erst das System erklärt und sich dann mit den hässlichen Nebenwirkungen des Geschäfts befasst: Gewalt, Rassismus, Doping. Den Ex-Düsseldorfer Norm Milley lässt er eindrucksvoll von der Zeit der Ungewissheit zwischen AHL und NHL erzählen. Die Kapitel über den weißen und vermeintlich blütenreinen Sport sind sehr gut recherchiert und gerade deshalb kein Lesevergnügen. So muss das sein. Erst im Schlussdrittel geht ihm der Spielwitz aus. Aber auch das muss wohl so sein.

Ein deutsches Buch über die NHL muss sich mit deutschen NHL-Spielern beschäftigen. Das verstehe ich, brauche es allerdings nicht. Und noch ein Interview mit Marco Sturm hätte ich auch nicht gebraucht – bis ich es gelesen habe. Der Silbertrainer von Pyeongchang erzählt angenehm ehrlich, wie sehr ihn der Trade von San José nach Boston belastet hat, von den harten Jahren der Wanderschaft von einer Traumstadt zur nächsten und von der Schönheit von Faustkämpfen.

Diese Besprechung könnte jetzt mit einem generellen Lob enden und der albernen Einschränkung, dass ich es wahrscheinlich schöner geschrieben hätte. Das Fazit aber sollte so seriös und ehrlich ausfallen, wie mir das eben möglich ist: „Die stärkste Liga der Welt“ von Bernd Schwickerath sollte jeder deutschsprachige Eishockey-Fan im Regal stehen haben.

 

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