Spiel 16: Oh, wie ist das schön!

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Um 19.30 Uhr hatte man nicht unbedingt damit rechnen können, dass die Fans knapp zwei Stunden später dieses Lied singen würden. Sie taten es aber. Tatsächlich: Oh, wie ist das schön. Ja, einen Erfolg der Ice Tigers hatte man nun wirklich einige Zeit nicht mehr gesehen. Ob dieses 5:2 gegen Straubing auch schön war? Die Antwort liegt wie immer nur einen Klick entfernt.

Warm-Up

  • Plötzlich war Steven Reinprecht wieder da. Seine Nummer, sein Name, die Fans skandierten ihn lautstark. Es schien, als würde die #28 gleich aufs Eis springen und mitspielen. Es war dann aber doch nur die Werbung für den 7. Dezember, die Retirement Ceremony. Nach diesem Abend, dem Heimspiel gegen München, wird er immer vom Hallendach auf die Ice Tigers schauen.
  • „Wenn er gesund ist, kann man ihn fast nicht stoppen.“ Wen Martin Jiranek wohl meinte? Er sprach voller Hochachtung von einem seiner Spieler, den Jirankes Vorgänger noch verschmäht hatte. An diesem Abend war Eugen Alanov daheim im Bett. Nach dem Morning Skate hatte er erkennen müssen, dass es keine gute Idee ist, mit Fieber Eishockey spielen zu wollen.
  • Leo Pföderl war in Berlin 13. Stürmer, gegen Straubing nun in der vierten Reihe – mit weniger Eiszeit als der junge Max Kislinger. Auch in Überzahl darf er nicht mehr spielen. „Es ist nicht, dass er nicht will“, sagte sein Trainer. „Er hat Frust, jeder hat das irgendwann. Er muss sich zurück kämpfen. Wenn sich jemand verletzt oder jemand schlecht spielt, dann bekommt er seine Chance. Ich bin sein größter Fan, wenn er einen Lauf hat.“ Trotz dieser schweren Zeit gelangen ihm zwei Assists.
  • Der Kollege Meyer von den Eishockey News hatte es schon fünf Minuten nach Spielbeginn erwähnt, am Ende waren es dann mehr als sechs Minuten, in denen die Ice Tigers nicht wirklich ins Straubinger Drittel kamen. Kurz danach aber legten sie los. Martin Jiranek sah sich deshalb bestätigt, der schläfrige Beginn sei das Zeichen einer übermüdeten Mannschaft, in der momentan viele zu lange auf dem Eis sein müssen.
  • In den Minuten zuvor war Nürnberg defensiv nicht gut, Straubing hätte früh im Spiel führen können. Dann wäre der Negativtrend wieder da gewesen, der Rucksack wäre noch ein bisschen schwerer geworden. Wurde er aber nicht. Glück und Niklas Treutle sei Dank.
  • Die neuen Reihen scheinen zu funktionieren – fand auch Martin Jiranek. Er lobte Dane Fox, der für die „Harmonie“ in der Reihe sehr wichtig sei, er sprach aber auch von „Weiß, Acton und Brown, die alle etwas Besonderes mitbringen.“
  • Will Acton hat ein Tor geschossen. Er hat eines vorbereitet. Am Dienstag habe ich mich länger mit ihm unterhalten, er wirkte nachdenklich, er sagte, dass er der Mannschaft gerne mehr helfen würde – dass er mit dieser Ansicht aber nicht alleine sei. Und: Dass er an sich und seine Ice Tigers glaube. 30 Stunden später wirkte er wie ein fester Teil dieser Mannschaft – das war ja bislang nicht immer so. Und ja: Ich habe es ihm gegönnt, dass ihm dieser Abpraller in Überzahl vor die Füße viel. Vielleicht hilft es ihm.

Das Spiel

Nach acht Minuten schenkte Philippe Dupuis seinen Mitspielern einen doppelten Espresso. Oder einen dreifachen. Jedenfalls wirkten die Ice Tigers bis zum sehenswerten Solo ihres Kollegen verschlafen, danach aber kamen sie gut ins Spiel. Das Koffein beflügelte, Taylor Aronson spielte auf Jason Bast, Max Kislinger traf zum 1:0. Es folgten Playoff-Szenarien, die Menschen standen auf, gestikulierten, brüllten, immer wieder – aber es half alles nichts. Sechseinhalb Minuten verbrachten die Ice Tigers in Unterzahl, überstanden diese aber. Die eigene Überzahl nutzte Shawn Lalonde dann zum 2:0, danach aber bewies diese Mannschaft mal wieder, dass noch vieles im Argen liegt. Die zwei Gegentreffer wären vermeidbar gewesen, vor allem der zweite. Dann übernahm Leo Pföderl in seinen wenigen Sekunden auf dem Eis die Rolle des Aufbauspielers, schickte Bast, der spielte perfekt auf Buck: 4:2. Und dann: 5:2, Will Acton. Schluss. Oh, wie ist das schön.

Der Moment

Dienstagvormittag, kurz nach 11 Uhr, Arena. Auf dem Eis übten Marcus Weber, Max Kislinger und Leo Pföderl noch ihren Torabschluss, André Dietzsch schaute sich an, was sie da so taten, spielte ihnen die Pucks zu und registrierte die vielen Paraden von Andy Jenike sicher sehr wohlwollend. Dann kam Martin Jiranek aus seiner Trainerkabine, es sollte eigentlich nur ein kurzes Gespräch werden. Die Verletzten, die Stimmung, man möchte ja immer etwas Futter für unsere Online-Spielvorschau „Bandencheck“ auf nordbayern.de haben. Dann aber habe ich mir erlaubt, eine kurze Nachfrage zu den vielen Strafen in Berlin zu stellen – und hatte damit die Redelust von Martin Jiranek geweckt. Erst nahm er einen der vielen Schläger im Kabinengang zur Hand, imitierte Dane Fox im letzten Drittel und sagte, dass es da viele, viele ähnliche Aktionen im Spiel gegeben habe, die nicht bestraft wurden.

Dann bat er plötzlich darum, die Sprachaufnahme auf dem Handy auszuschalten und ihm zu folgen. Im Fitnessraum übte Ecki Acker gerade mit ein paar Spielern, im kleinen Trainerbüro dahinter stöpselte Martin Jiranek seinen Laptop an den Fernseher und legte los: Er malte rote Kreise und Pfeile auf den Bildschirm, er spulte vor, wieder zurück, „Siehst du das?“ – er tat das insgesamt mit drei Szenen. Es waren die drei letzten Gegentore in Berlin, die allesamt auf Wechselfehler zurückzuführen waren. Dann wandte er sich seinem Line-Up auf der Magnettafel zu, er zeigte nochmal, wie er sich die Mannschaft vorgestellt hatte: Auf der Verteidiger-Seite Gilbert, Aronson, Festerling ganz oben, weiter unten folgten dann Namen wie Bender, noch weiter unten folgten Stephan und Grosse. Er schob die Verletzten auf die andere Seite der Tafel – und alle anderen weiter nach oben. Jurcina an Nummer eins? Sehr viel Eiszeit für Bender? Unerwartet viel für Grosse („Er war bis zum Sommer ein Amateur!“) und Stephan?

Man merkte, dass Martin Jiranek ein Gespür für die Stimmung unter den Fans hat. Als er sich verabschiedete, um eine neue Marmeladenlieferung für die Mannschaftskabine entgegenzunehmen, sagte er: „Als Rob Wilson in Straubing war, da haben alle gesagt: Scheiß Wilson, er ist zu schlecht für uns. Dabei waren bei ihm auch sehr viele Verteidiger verletzt. Wenn ich jetzt einen neuen Trainer hole, hat der die gleichen Probleme.“

Als wir uns nach diesem 5:2 wieder sahen, da lachte er. Und sagte: „Heute keine Wechselfehler.“

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Three Stars

Der Aufbaupass vor dem 1:0 würde wohl schon die Nominierung für diese Kategorie rechtfertigen. Taylor Aronson war aber in allen Dritteln stark, er wird nach seiner Gehirnerschütterung mit jedem Spiel besser. Nach dem Spiel war er sehr glücklich, er hat nach eigener Aussage mittlerweile keine Angst mehr – die Gedanken an eine neuerliche Verletzung hatten ihn zu Beginn allerdings schon auf dem Eis begleitet. Die Tage nach dem brutalen Hit von Chris Rumble beschrieb er sehr eindrucksam: „Man sitzt mit Kopfschmerzen in einem dunklen Zimmer. Man ist alleine und kann nicht viel machen. Und immer, wenn man etwas versucht, bekommt man Kopfweh. Dann liegt man im Bett und schaut Fernseh. Es ist lästig.“

Er trägt immer noch den Helm des Topscorers, es könnte aber auch ein Bauarbeiterhelm sein. Jason Bast arbeitet viel, die abermalige Erwähnung an dieser Stelle hat er sich verdient. Allein schon, wie er vor dem entscheidenden 4:2 den perfekten Zeitpunkt abwartete und dann auf Brandon Buck querlegte.

Eine ehrenvolle Erwähnung für Pascal Grosse. Der junge Verteidiger konnte einem stellenweise leidtun, wie sie ihn da über den Haufen fuhren, wie sie ihn herumschubsten. Er ist körperlich noch nicht reif für die DEL, aber er lässt sich das nicht anmerken. Mir ist eine Szene im Kopf, als er direkt vor der Pressetribüne einem Straubinger an der Bande die Scheibe frech abnahm. „Er ist ein Teil dieser Mannschaft, aber er war bis zum Sommer ein Amateur“, sagte sein Trainer. „Es wäre unfair, wenn wir von ihm so viel erwarten wie von jemandem, der seit zehn Jahren Profi ist. “

Und sonst?

Martin Jiranek wollte in der kleinen Medienrunde nach der Pressekonferenz auch eine Frage stellen. „Wann hat Ingolstadt zum letzten Mal gespielt?“, fragte er also. Die Antwort: am Sonntag. Die Ice Tigers reisen also am Freitag zu einem ausgeruhten Gegner. Wie sich das anfühlt? „Das wird ein Spaß, aber das ist die Realität. Wir müssen uns durchbeißen und irgendwie Punkte holen. Wenn man da dann gewinnt, schmeckt es noch besser.“

3 Kommentare in “Spiel 16: Oh, wie ist das schön!

3 Comments
  1. In der Nachbetrachtung des Spiels sieht man sehr viele Dinge sehr positiv, was ja nicht schlecht sein muss. Optimismus ist immer angebracht angesichts des Tabellenstandes. Die Straubinger haben das Spiel selber versaut und das sehr leichtfertig, viele solche Chancen werden sie in der Liga nicht bekommen. Aber was wäre wenn die Straubinger in den ersten Minuten oder in zweifacher überzahl in Führung gegangen wären? Ist unsere Mannschaft so gefestigt dass sie ohne weiteres wieder zurückkommen würde, Zweifel wären auch an diesem erfolgreichen Abend angebracht. Es fällt auf wenn der Gegner schnell spielt gerät unsere Abwehr sehr schnell in schwimmen und kann sich kaum befreien. Im Spiel nach vorne ist noch sehr viel Luft nach oben, auch wenn eine Steigerung deutlich erkennbar ist. Was dieser Sieg wert ist wird sich am Freitag in Ingolstadt zeigen. Vielleicht gelingt es den Sieg zu bestätigen. Am Sonntag die auswärts noch sieglosen Iserlohner und dann in die verdiente Länderspielpause. Danach hoffen wir alle auf einen Neustart. Sehr interessant ihre Beschreibung des Gefühlslebens eines Trainers, der sich trotz aller augenblicklichen Widrigkeiten für sie Zeit genommen hat. Respekt Herr Jiranek. Ich will keinen Spieler benennen, denn es Siegen und verlieren alle als Team.

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