CHL3: Der Chris-Brown-Hattrick

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Am Montag hatte ich bei den Shorthanded News erzählen sollen, was man von den Thomas Sabo Ice Tigers 2017/2018 erwarten kann. Am Freitag hat Basti Schwele in der Vorbereitung auf das Spiel gegen Mountfield Hradec Kralove angerufen, auch er wollte wissen, was wohl werden wird mit Kevin Gaudet und den Ice Tigers in der 25. Saison in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Nach 120 Minuten ernstzunehmenden Eishockeys waren meine Antworten wahrscheinlich nicht wirklich befriedigend. Das hat sich nach 180 Minuten und 31 Sekunden nicht geändert, aber das man mit diesen Ice Tigers Spaß haben kann, das hat dieses dritte Champions League-Spiel in acht Tagen zweifelsohne bewiesen.

Warm-up

  • Das Beste zuerst: 4081 Zuschauer kann man angesichts eines Champions League-Spiels als Enttäuschung ansehen, aber was diese 4081 Zuschauer dann veranstaltet haben, war beeindruckend. Es ist noch gar nicht so lange her, dass der Unmut bei einem solchen Spielverlauf spätestens nach dem 1:2 in der Arena zu spüren gewesen wäre. Und doch kann man sich nicht mehr vorstellen, wie diese Zeit war, in der die Mannschaft nicht unaufhörlich angefeuert wurde. Gerade in der Südkurve hat sich da Erstaunliches entwickelt. Es ist nicht nur der Professionalität von Spielern und Trainern zuzurechnen, dass sie dieses Publikum auch ungefragt immer wieder preisen.
  • Und dann gleich das Schlechteste: Besonders lernfähig scheint diese Mannschaft nicht zu sein. Schon in Hradec Kralove hätte man einen Eindruck davon bekommen können, zu welchem Stil Schiedsrichter in dieser Liga angehalten werden. In Oulu war von dieser Erfahrung nichts zu sehen. Und in Nürnberg an diesem Freitag auch nicht. Milan Jurcinas Bud-Spencer-Einlage war überflüssig und hat die Provokation eines Tschechen belohnt. Und nachgerade dämlich war Chris Browns übertriebener Einsatz, der zu vier Minuten Unterzahl führte und somit zum 2:3. Dass der Texaner das Spiel danach doch noch positiv entschieden hat, das war die erstaunlichste Geschichte des Abends.
  • Zweimal 40 Sekunden hat Pascal Grosse mitspielen dürfen. Seine ersten 40 Sekunden im ersten Drittel haben auf eine lange Karriere als DEL-Verteidiger hingedeutet (robust an der gegnerischen blauen Linie, stark im Eins-gegen-Eins). Seine zweiten 40 Sekunden im zweiten Drittel haben wiederum gezeigt, dass noch ein wenig Eis abgeschabt werden muss, bis diese Karriere beginnt.
  • Huba Sekesi wäre wahrscheinlich mit einmal 40 Sekunden bereits zufrieden gewesen. Tatsächlich ist der Ex-Tölzer nur für dieses Wochenende lizenziert worden, für den Fall, dass sich noch weitere Spieler verletzen sollten. Auch für Max Kislinger war es ein eher frustrierender Abend, zumal Eugen Alanov weiter andeutet, dass er nicht ein Mann für die vierte Reihe bleiben muss.
  • Letztlich ergebnislose, aber dennoch spektakuläre Szenen: Leo Pföderl dribbelt sich vor das Tor von Maxwell, legt sich tatsächlich den Puck zwei-, dreimal in der Luft vor (selbst mit einem Tennisschläger wäre ich bei dieser Geschwindigkeit an diesem Vorhaben gescheitert); Jason Bast nimmt einen Pass von Eugen Alanov auf und legt sich den Puck in einer Bewegung an seinem Gegenspieler vorbei.
  • Womit nach der Vorstellung gegen die Vienna Capitals niemand mehr gerechnet hat: In dieser Form und in diesen Formationen wird das Power-Play wohl auch in dieser Saison ein Thema bleiben. Die fünf Stürmer schafften es kaum in die Aufstellung. Mit Tim Bender und Taylor Aronson schien der zweite Überzahlblock zumindest strukturierter vorzugehen.
  • Fünf Punkte gegen Mountfield Hradec Kralove, fünf von möglichen neun Punkten: Die Ice Tigers dürfen alles in allem zufrieden mit ihren ersten drei CHL-Auftritten sein, allerdings sind in alle Rechnungen sechs Punkte gegen Rouen und mindestens eine Niederlage von Mountfield gegen Oulu einkalkuliert. Gewinnt Hradec Kralove allerdings zweimal gegen Kärpät wird es in Gruppe 3 erst so richtig interessant. Soll heißen, nach der Hälfte der Partien ist noch immer nichts entschieden, selbst der finnische Meister, am Sonntag (17 Uhr) in der Arena Nürnberger Versicherung zu Gast, ist nach drei Siegen noch nicht durch.
  • Wohl nicht alle aktuellen Verletzungen der Ice Tigers sind auf „little knocks“ zu reduzieren.
  • Und abschließend ist es an der Zeit für ein bisschen Habe-ich-doch-schon-immer-gesagt: Dem Geschäftsstellenleiter der Ice Tigers habe ich Ende des Frühjahrs/Anfang des Sommers per Whatsapp die Frage gestellt, ob er denn wisse, warum die Düss ldorfer EG (in einer früheren Version standen hier fälschlicherweise die Ice Tigers – Danke für den Hinweis, Roman und Thomas) eigentlich diesen Daniel Weiß loswerden wolle. Aus einer anderen Quelle kenne ich mittlerweile die Antwort. Daraus ergibt sich allerdings eine zweite Frage: Warum hat denn niemand außer den Ehliz-losen Ice Tigers erkannt, dass es in der DEL kaum einen besseren deutschen Defensivstürmer gibt als Weiß?

Das Spiel

Kevin Gaudet hat danach wieder auf die längere Vorbereitungszeit tschechischer Mannschaften verwiesen. Natürlich mag sich das auch an diesem Freitag in Geschwindigkeitsvorteilen ausgedrückt haben. Nur ist es bezeichnend, dass dies als Erklärung dafür angesehen wird, dass eine Spitzenmannschaft der DEL von einer tschechischen Spitzenmannschaft phasenweise die Luft genommen wird. Vielleicht kommt ja doch irgendwann ein Klub auf die Idee, in ein vernünftiges Sommertraining zu investieren (ja, ich weiß, Thomas Sabo hat das schon gemacht). Und auch wenn der jetzige Zustand eigentlich allen recht ist: die Klubs sparen Geld, die Profis haben mehr vom Sommer. Nur wird man so nicht besser. Wer war denn auch an diesem Freitag wieder einer der auffälligsten Spieler? Richtig, Eugen Alanov. Und, warum? Ja, weil er es kann, aber vor allem auch, weil er dafür den Sommer über hart in Nowosibirsk trainiert hat. Aber auch so mancher Nordamerikaner hatte so seine Probleme mit dem Tempo, nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Im ersten Drittel waren die Gäste jedenfalls beinahe durchwegs flotter, auf den Schlittschuhen und im Kopf. Vor allem das Umschaltspiel der Ice Tigers funktionierte überhaupt nicht. Das 1:0 durch Brandon Segal fiel dann eher zufällig, zwei schnelle Treffer von Mountfield HK passten das Zwischenergebnis dem Eindruck an. Hradec Kralove war klar besser, das gab auch Gaudet danach zu. Auch seine Erklärung war vielsagend: Seine Spieler trainierten ja nur untereinander, an das Tempo und die Technik solcher Gegner müssten sie sich erst gewöhnen. Brandon Buck aber führte dann vor, dass auch DEL-Spieler in diesen Kategorien glänzen können. Chris Brown brachte den Gegner durch sein törichtes Foul wieder ins Spiel. Mountfield hatte wieder vorgelegt, also beendete Brown das Spiel mit seinem Ausgleichs- und seinem Siegtreffer. Spielerisch und läuferisch war Hrade Kralove klar überlegen. Nicht selten aber entscheidet im Eishockey das Herz. So auch diesmal.

Foto: Thomas Hahn/Zink

Der Moment

Radovan Pavlik lehnte sein Kinn auf den Schaft seines Schlägers und wünschte sich offensichtlich ganz weit weg auf einen einsame Insel. Sekunden zuvor hatte ihm Niklas Treutle ein Tor geklaut und damit vielleicht auch ein wenig Geld. Zuvor hatte Pavlik eine großartige Chance, Treutle aber offenbar vor, überhaupt keine Treffer zuzulassen. Das hat sich nicht durchhalten lassen. Zurückbleiben aber wird dieses Monument von einem Save, der selbst den Schützen zu einem stillen Bewunderer hat werden lassen.

Das Interview

Eine blutige Nase, eine Zwei-plus-zwei-Strafe und der Game-Winner – nennt man das nicht einen Chris Brown-Hattrick?
Chris Brown: Das nehme ich jedenfalls. Es ist ein Sieg. Und was auch immer für einen Sieg nötig ist, werde ich machen. Aber der MVP des Abends war Turtle (für den einen Leser dieses Blogs, der das noch nicht weiß: Niklas Treutle), der beste Spieler mit großem Abstand.

Auf dem Rückflug von Finnland hat Thomas Sabo gesagt, dass die CHL für die Mannschaft ein Lernprozess ist. Das scheint auf jeden einzelnen Spieler zuzutreffen?
Brown: Ja, die Liga ist ungewohnt, unsere Gegner sind ungewohnt, wir spielen gegen Mannschaften, die wir nicht kennen. Es geht schneller zu, technisch ein bisschen besser als wir das gewohnt sind. [Mountfield] ist eine gute Mannschaft, sie werden sich in ihrer Liga sehr gut schlagen. Aber wir brauchen noch mindestens zwei Siege, um auch im November noch in dieser Liga spielen zu dürfen.

Wie haben Sie die Atmosphäre in Ihrem ersten richtigen Spiel in Nürnberg empfunden?
Brown: Großartig. In Iserlohn war es wirklich laut, aber was den Lärm angeht, haben die Fans der Ice Tigers da heute Abend mithalten können. Das hat uns am Ende wirklich Energie gegeben.

Und natürlich muss ich Sie auf Ihren Hut ansprechen. Was soll das sein?
Brown: Das ist ein kaputter Fußball, mit dem wir uns wamrgespielt haben – bis ein Zamboni drübergefahren ist. Ralfi, unserer Betreuer hat einen Hut daraus gemacht, den wir nun als „Player of the game“-Hut verwenden.

Über die ganze Saison?
Brown: Sieht so aus. Wenn er nicht vorher auseinanderfällt.

Three Stars

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Da kann man sich nur der Meinung des „Players of the game“ anschließen. Niklas Treutle war wohl nur deshalb nicht gewählt worden, damit es nicht zu langweilig wird. Denn in dieser Form müsste man ihm jedesmal den halben Fußball aufsetzen. Sein Save gegen Radovan Pavlik war NHL-Highlight-Material, seine Vorstellung im ersten Drittel eine konsequente Fortführung seiner herausragenden Leistung in Hradec Kralove. Und tatsächlich muss man sich in Nürnberg mittlerweile darüber freuen, dass Treutles NHL-Karriere unglücklicher kaum hätte verlaufen können. Denn in dieser Form ist der gebürtige Nürnberger erst recht ein Kandidat für die beste Liga der Welt. Beruhigend ist zudem die Lackierung seiner neuen Maske, die Andrej Mezin und Roman Turek die Ehre erweist.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Eugen Alanov hat seinen Urlaub zu Hause verbracht, zu Hause in Nowosibirsk. Das ist wahrscheinlich sehr viel schöner als es klingt. Vor allem aber hat Alanov Eishockey spielen und trainieren können. Den ganzen Sommer über. Tim Bender und Daniel Weiß sind bislang die Gewinner der Vorbereitung, Will Acton das Rätsel, den am meisten verbesserten Spieler gibt jedoch Eugen Alanov ab.

Und dann eben doch noch Chris Brown, obwohl ihm bis zu dem Moment, als er kurz nach dem 2:3 von der Strafbank kam, kaum etwas gelungen war. Seine Aufbaupässe waren schlampig, seine Moves zu fancy für sein Talentniveau und das Niveau des Gegners. Und doch hat er dieses Spiel entschieden, das 3:3 war eben auch noch: Glück. Das 4:3 hingegen, das war Kunst, von Brandon Buck wunderbar vorbereitete Kunst.

Ehrenvolle Erwähnung: Jason Bast.

Und sonst?

Wird am Montagvormittag wird Tim Bender in unserem Aufnahmestudio von nordbayern.de Platz nehmen. Am Montagabend sollte dann die vierte Folge der #Sitzplatzultras spätestens geschnitten und aufgehübscht und hochgeladen sein.

4 Kommentare in “CHL3: Der Chris-Brown-Hattrick

4 Comments
  1. Das erste Drittel war mit das schnellste Eishockey, was ich seit langem von einem Gegner in der Arena sah. War schon schön anzusehen, was die Tschechen da aufs Eis brachten. Auch war es beeindruckend zu sehen wie schnell Mountfield jedes mal in der Verteilung den Slot zu machte.

    Treutle mit einem Monstersave, den man in nicht alle Tage sieht, chapeau!

    Ansonsten war es eine gute kämpferische Leistung. Was mir gar nicht gefiel war der Aufbau des 5-Mann offensiv Powerplay. Da fehlte mir die Ruhe im Aufbau, der erste gute Pass. Ob es wirklich so bleibt wird man sehen.

    Buck scheint mir eher der Reino Ersatz zu sein wie Acton. Bei Buck merkte man irgendwie, dass er im Kopf immer einen Schritt/Pass weiterdenkt. Acton wirkte mir dagegen noch nicht angekommen.
    Zu Alanov ist alles gesagt. Wer mir aber gestern noch positiv aufgefallen ist war Weber. Hätte nicht erwartet, dass er sein Spiel konservieren kann über den Sommer, aber das war schon ganz gut.

    Bis Sonntag

  2. Weil ich die Szene bisher nur am Stadionwürfel gesehen habe, hätte ich gerne noch kurz eure Meinung: War das wirklich eine Kickbewegung bei Reimers nicht gegebenen Schlittschuhtor?

    Zum Spiel: die Tschechen werden sich sicher fragen müssen, warum sie in aller Welt dieses Spiel nicht gewonnen haben…

  3. Zum Schlittschuhtor: Wenn ich das dem Regelwerk richtig entnommen habe, reicht es nach IIHF-Regeln, wenn der Spieler seinen Schlittschuh richtig stellt, um den Puck ins Tor abzufälschen. Muss also nicht einmal eine Kickbewegung sein. Und war demnach die richtige Entscheidung.

    Nach NHL-Regeln wäre m.E. wahrscheinlich auf Tor entschieden worden. Hier muss es eine „distinct kicking motion“ geben. Die NHL will meines Wissens vor allem verhindern, dass vor dem Tor (wo gerne mal jemand rumliegt) die scharfen Kufen vom Eis genommen werden und dadurch andere Spieler gefährdet werden.

    Ich hätte da gern ein Tor gesehen. Bei der Geschwindigkeit war die Bauernspitze Reimers fast schon Kunst und eben kein unfairer Vorteil, wie wenn man den Puck ins Tor werfen würde. Aber leben kann ich mit der IIHF-Regel schon auch.

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