CHL2: Wer den Hermelin reizt

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Bei Regen ist Oulu wahrscheinlich ein bisschen Langwasser, ziemlich sicher langweilig, in der Fußgängerzone vielleicht sogar Gelsenkirchen. Bei Sonnenschein und 18 Grad ist die nördlichste Großstadt Europas hingegen die wahrscheinlich schönste Stadt der Welt. Überall Wasser, überall moderne, freundliche, höfliche Menschen, von denen an diesem Wochenende viele Fränkisch sprachen. In einem Flugzeug voller Ice Tigers-Fans waren sie am Samstag gekommen, stolz hatten sie ihre T-Shirts, Schals und Trikots getragen. So viel Vorfreude auf 60 Minuten Eishockey war selten im September. Es war ein wunderschönes Wochenende. Dann begann ein erfreulich missratenes Eishockeyspiel.

Warm-up

  • Das muss man natürlich sofort erklären. Wie kann ein Eishockeyspiel erfreulich missraten sein? Noch dazu eines, das 3:9 endete. Drei zu NEUN? Die Ice Tigers liegen nach den ersten beiden Spieltagen in der Champions Hockey League (CHL) im Soll. Drei Punkte war das Wunschergebnis nach den ersten beiden Auswärtsspielen. Drei Punkte sind es nach dem 2:1 in Hradec Kralove und dem 3:9 in Oulu geworden. In der Oulun Energia Areena, einer herunter gerockten, engen, (tatsächlich) mit Gaffa-Tape zusammengeklebten, schlichtweg wunderbaren Eishalle, die Eishockey ausdünstet, haben an die 200 Fans aus Nürnberg ein Spiel erlebt, das sowohl der Anfang von einer großen als auch der Beginn einer schwierigen Saison gewesen sein kann. Entweder haben sich an diesem Sonntag in Oulu eine neu formierte Mannschaft und ihr neuer Coach gefunden oder sie haben erkannt, dass noch sehr viel Arbeit vor ihnen liegt.
  • Trotzdem muss man jetzt gleich erwähnen, was am Ende dieses Eintrags noch einmal gewürdigt wird: Die Szenen nach dem Spiel werden viele, die dabei waren so schnell nicht vergessen. Zum Beispiel Mike Flanagen, der Co-Trainer, der als einer der Letzten sehr ergriffen vom Eis gegangen ist und mir danach gesagt hat: „Das sind sehr, sehr außergewöhnliche Menschen. Sie sind diesen weiten Weg wegen uns gekommen. Nürnberg ist wundervoller Ort, um Eishockey zu spielen. Wir haben mit die besten Fans in der DEL. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich genieße den Moment.“
  • Bast, Aronson, Pohl und Mieszkowski waren gar nicht erst dabei. Dann verabschiedeten sich nacheinander Brown, Dupuis, Reimer und Fox. Reimer ließ sich die Unterlippe flicken und kam im Schlussdrittel wieder. Zwischendurch aber hatten die Ice Tigers sieben Verteidiger und ebenso viele Stürmer. Von 14 Stürmern waren nur noch die Hälfte übriggeblieben. Zum Power-Play waren zwischendurch auf dem Eis: Jurcina, Bender, Alanov, Fox und Weiß. Die Überzahlformation wird so in dieser Saison keine Sekunde mehr bekommen.
  • Philippe Dupuis wird wohl zumindest beim ersten Heimspiel gegen Mountfield Hradec Kralove am Freitag fehlen. Die Verantwortlichen der Ice Tigers waren noch am Sonntagabend sehr darum bemüht, einen Verantwortlichen der CHL zu erreichen – „Er kann mich zurückrufen. JEDERZEIT!“ – um zumindest die zweite Spieldauerdisziplinarstrafe in ihrer Entstehung, nunja, anzuprangern. Dupuis war auf der Strafbank, als die Schiedsrichter ihn wegen des Kniechecks an Lasse Kukkonen zum Duschen schickten. Auf dem Weg in die Kabine stellte sich ihm Atte Ohtamaa in den Weg, Dupuis schubste ihn – zweite große Strafe für den Frankokanadier, keine Strafe für Kärpäts Kapitän. Duppuis wird trotzdem belangt werden – für den Kniecheck und das auch zurecht.
  • Am frühen Nachmittag hatte ich Thomas Sabo für unseren Podcast #Sitzplatzultras interviewt. Es ging auch um die Bedeutung und die der Champions Hockey League und wie sie von manchen ihrer Teilnehmer noch immer wahrgenommen wird. Man hat ein weiteres Mal gemerkt, wie wichtig ihm das Thema ist („Wer es nicht ernst nimmt, soll zu Hause bleiben.“). Es ist vielleicht ganz gut, dass Sabo am Abend dann nicht vollumfänglich erfahren hat, wie ernst Kärpät Oulu den Wettbewerb zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt nimmt: Kein Wlan für die Presse, keine stat sheets, die Pressekonferenz fand direkt vor der sehr schweren, sehr lauten Kabinentür statt, als zwei Spieler rauskamen, führten finnische Kollegen lautstark ihre Interviews – während Coach Mikko Manner gerade ein Statement abgab, für das sich niemand interessierte.
  • 108 Strafminuten hatten die Adler Mannheim im skandalösen Achtelfinalrückspiel in Brynäs gesammelt (Larkin). Die Ice Tigers kamen an diesem Sonntag auf sieben mehr. Ich werde das in dieser Nacht nicht mehr überprüfen können, aber wenn es darum geht, Strafminutenrekorde aufzustellen, waren Nürnberger Mannschaften ja schon immer ganz vorne dran.
  • Aleksi Heponiemi hat es tatsächlich geschafft, an diesem Spiel 20 Minuten und 42 Sekunden teilzunehmen, ohne einen Punkt mitzunehmen. Erstaunlich. Aber natürlich hat er immer mal wieder andeuten können, warum sich die Florida Panthers so sehr darauf freuen, ihn irgendwann in der NHL einsetzen zu dürfen. Nach dem Spiel stand dann ein kleiner Junge vor der Kabine der Heimmannschaft, ein kleiner Junge, von dem alle finnischen Journalisten (also alle drei) etwas wissen wollten. Es war Aleksi Heponiemi. Nach dem letzten Interview war die Tür zur Kabine verschlossen. Den Code kannte er nicht, vielleicht hat man ihm ihn auch noch nicht verraten. Er hat dann noch sehr lange, sehr laut klopfen müssen.
  • Kein Wlan, kein Bier auf den Rängen, dafür als erste Eishalle in Europa eine Untereis-LED-Werbung. Trockener Kommentar von Roman Horlamus: „Von dem Geld, das das gekostet haben muss, hätten sie sich gleich eine neue Halle kaufen können.“ 

Das Spiel

Hart, unangenehm, schnell, mit vollem Einsatz und dem vollen Glauben an die Möglichkeit, das Unmögliche zu schaffen – so haben sie diese starke finnische Mannschaft besiegt. What? Es geht natürlich um den HC Bolzano, der an diesem Sonntag den Idrottsföreningen Kamraterna, Helsingfors (IFK Helsinki) tatsächlich mit 4:1 besiegt hat. Man kann Finnen also besiegen, selbst wenn man eigentlich keine Chance haben sollte. Zwölf Minuten hat es auch in Oulu so ausgesehen, als könnten selbst die Ice Tigers für eine Überraschung sorgen, indem sie Kärpät mit den eigenen Waffen schlagen. Dann aber bauten die Kärpät ein Dreieck auf, an dessen Spitze Mika Pyorälä stand. Sein Schuss über Andreas Jenikes Stockhand hinweg war schnell und präzise. Es bleibt ein Rätsel, wie es diesem Spieler gelungen ist, für den SC Bern in der letzten Saison nur neun Punkte in einer gesamten Saison zu sammeln. 20 Sekunden später stand es 2:0. Und tatsächlich fühlte es sich da schon an, als sollte dieses Spiel nicht mehr allzu interessant werden. Wie man sich doch täuschen kann. Nach den ersten Eskalationen war es dann Eric Stephan, der daran scheiterte den Puck aus dem Drittel zu bringen, und Andreas Jenike war es, der den Puck etwas seltsam auf den Schläger des Slowaken Michal Kristof prallen ließ. Und wieder genau 20 Sekunden stand es 4:0. Natürlich kann man über die Schiedsrichterleistung diskutieren, machen wir ja auch gleich. Bis zu diesem 4:0 aber spielten ihre Pfiffe kaum eine Rolle. Ein Nürnberger Spieler nannte den Auftritt danach eine Vollkatastrophe, auch er sprach nicht von der Leistung der Referees. Oulu war an diesem Abend (auch nicht wirklich überraschend) hochüberlegen. „Das ist eine Maschine. 20 Roboter – das meine ich positiv“, sagte Kevin Gaudet bei der Presse“konferenz“. Zwischendurch war es ein Genuss dieser Maschine zuzusehen. Vor allem im Power-Play: Atte Ohtamaa an der blauen Linie, Kristof oder Heponiemi auf den Halbpositionen, schafften es, aus dem Nichts mit einer Drehung, einem Flippass oder einer Finte, gefährliche Situationen heraufzubeschwören. Dazu dieses Skating, diese Beweglichkeit – dass der von mir zuvor angepriesene Torhüter Veini Vehviläinen verletzt fehlte, spielte keine Rolle. Dass es Oulu nicht bei einem knapperen Sieg beließ, haben sich die Ice Tigers selbst zuzuschreiben. Wer den Hermelin reizt, der riskiert, unangemessen lange gebissen zu werden. Hermelinie können doch beißen, oder?

Das Interview

Coach Gaudet, in der Pressekonferenz haben Sie gerade erzählt, dass Ihre Mannschaft offenbar Ihr Unterzahlspiel trainieren wollte. Natürlich haben Sie das nicht ernst gemeint. Wirklich erfreut dürften Sie über die vielen Strafen aber kaum gewesen sein, oder?
Kevin Gaudet: „Ich kann mit Ihnen sprechen, ohne eine Strafe zu riskieren? Die Wahrheit?“

Natürlich.
Gaudet: „Ich war wahrscheinlich lange nicht mehr so enttäuscht. Wir spielen hier Champions League und haben in den ersten 30 Minuten kein Überzahl und sie hatten fünf oder sechs. Ich habe geglaubt, wir sind im falschen Film. Das war eines der unfairsten Spiele, das ich auf diesem Niveau von Schiedsrichtern gesehen habe. Ich verstehe das nicht.“

Sie wurden aber bereits in der 23. Minute zu einer Auszeit gezwungen, beim Spielstand von 0:4.
Gaudet: „Wir haben in den ersten 30 Minuten super gekämpft. Wir hatten super Chancen, den Spielplan perfekt umgesetzt. Dann kam eine Strafe nach der anderen. Vielleicht haben wir die Hälfte davon verdient. Aber wir hätten auch selbst eine Überzahl verdient. Meine Mannschaft hat gesehen, dass ihnen die Schieris kein Power-Play geben wollten. Da ist es normal, dass du frustriert reagierst, wenn du ein Kämpfer bist. Das ist schon vielen Mannschaften passiert. Wir haben einfach zu viele Strafen genommen.“

Am Anfang hatten die Ice Tigers beinahe noch mehr Chancen.
Gaudet: „Ja, das war perfekt. Nach dem 0:4 haben wir zwei schnelle Tore gemacht. Dann gab es wieder eine Strafe. Da ist es sehr, sehr schwer, gegen so eine Mannschaft zu gewinnen mit solchen Schiedsrichtern.“

Also kein Vorwurf an Chris Brown und Dane Fox, dass sie sich auf Fights einließen, obwohl ihnen die Folgen bewusst hätten sein müssen?
Gaudet: „Fox behauptet, einen Stockstich bekommen zu haben. Er hat mir den Cut an seiner Hand gezeigt. Das ist eigentlich unglaublich.“

Wie bewerten Sie das Spiel sportlich?
Gaudet: „Als Trainer willst du die Schieris nicht als Entschuldigung nehmen. Aber das war einfach nicht fair, wenn eine Mannschaft acht, neun Strafen hat und die andere nur eine. Wie im falschen Film.“

Die Schiedsrichter

Ja, es verfestigt nicht unbedingt den Eindruck einer professionellen Liga, wenn immer mindestens einer von vier Schiedsrichtern aus dem Land des Gastgebers kommt. Ja, es wirkt seltsam, wenn die Schiedsrichter mit Spielern in deren gemeinsamer Sprache scherzen. Ja, es gab Entscheidungen dieser drei Finnen und des einen Schweden, die auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar waren. Und, ja, es gibt in der Geschichte der Ice Tigers genügend Spiele, nach denen es gerechtfertigt war, die Leistung von Schiedsrichtern zu thematisieren. Dieses Spiel zählt nicht dazu. Die Ice Tigers haben einfach nicht clever gespielt. Brandon Segal hat ebenso wie Eugen Alanov am Freitag am Sonntag einen Check sehr spät zu Ende gefahren – zwei plus zwei Strafminuten. Milan Jurcina hat zweimal mindestens einmal zu oft geschubst und gecheckt. Den Ice Tigers wird das egal sein: Philippe Dupuis‘ Kniecheck, das Verhalten von Dane Fox, das Motzen und Maulen, aber Nürnberg hat in Oulu keine Sympathiepunkte sammeln können. Es gab Spieler, die waren vor allem deshalb frustriert waren („so kann man gegen eine solche Mannschaft nicht glauben, gewinnen zu können.“). Am kommenden Wochenende wird bei den beiden Spielen jeweils mindestens ein deutscher Schiedsrichter eingesetzt. Zum Beispiel: Daniel Piechaczek. Damit macht man keine Scherze. Ich weiß und habe es trotzdem gemacht.

Der Moment

Im Schlussdrittel haben sie angefangen zu singen. Und nicht mehr aufgehört. 2:7, 2:8, 2:9, 3:9, Schlusssirene, wen kümmert es. Sie haben einfach weitergesungen. Dann kam tatsächlich noch einmal die Mannschaft aus der Kabine. Man hat den Spielern angesehen, dass ihnen das unangenehm und zugleich genehm war. Besonders berührt schienen die oftmals unnahbar wirkenden Mike Flanagan und Milan Jurcina zu sein. Am Ende haben dann die finnischen Ordner den Fans der Ice Tigers applaudiert. Vielleicht bleiben die Nürnberger Fans in Oulu eher in Erinnerung als die Nürnberger Spieler.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Three Stars

Es ist spät, so spät, dass es beinahe schon wieder früh ist, machen wir es kurz:

Die Fans – sie haben viel Geld für eine Reise mit den Ice Tigers bezahlt, andere haben hervorragend geplant (die Geschichte der fünf Fans, die von Nürnberg nach Hradec Kralove nach Berlin nach Helsinki nach Oulu nach Helsinki…, die spare ich mir für die Dienstagsausgabe der Nürnberger Nachrichten/Stadtausgabe auf), laut und leidenschaftlich waren sie alle.

Das Organisationsteam – besser kann man so eine Reise wohl nicht planen. Alles klappte dann genau so, wie es auf den Info-Zetteln aufgeschrieben worden war. Vielleicht sollte das Team der Ice Tigers künftig auch die Ausrichtung der CHL-Spiele in Oulu übernehmen. Vielen Dank.

Thomas Hahn, der für seine Fotos an diesem Wochenende immer wieder von Spielern und Fans gelobt wurde – und jetzt auch hier.

Die ehrenvolle Erwähnung geht an Daniel Weiß, Brandon Segal und Eugen Alanov: Natürlich haben sie auch Fehler gemacht, aber bei einem 3:9 ist es nicht einfach, immer mal wieder positiv aufzufallen. Diese drei Stürmer haben es trotzdem geschafft.

Und sonst?

Ist es jetzt wirklich spät geworden. Es tut mir leid für all jene, die vielleicht sogar noch darauf gewartet haben. Es gab aber auch viel zu schreiben. Weit mehr als 13.000 Zeichen sind es es geworden, das sind vier lange Zeitungsartikel. Mal sehen, ob mir da morgen noch etwas für den Podcast, zwei weitere Zeitungsartikel und den Gastauftritt bei den Shorthanded News am Abend einfällt. Um 7.01 Uhr ist die Nacht vorbei.

 

4 Kommentare in “CHL2: Wer den Hermelin reizt

  1. Es war einfach ein tolles Wochenende. Okay, wir haben deutlich und meiner Meinung nach auch zu Recht verloren. Ich bin aber vollkommen bei Dir, dass die Refs dieses Spiel nicht entschieden haben. Die gegen die Icetigers verhängten Strafen konnte man alle, bis auf die zweite Spieldauer gegen Dupps nachvollziehen. Es waren aber für meinen Geschmack zu wenige auf Seiten der Finnen. Bezeichend war allerdings zu diesem Thema eine Szene kurz vor Ende des Spiels, als der Schiedsrichter erst dann auf Strafe entschied, als der finnische Spieler etwas übertrieben die Hand schüttelte. Spielerisch war es ein Erlebnis diesen „Kindern“ zuzuschauen. Da werden wir in Deutschland noch einen langen Weg vor uns haben, um annähernd dieses spielerische Niveau zu erreichen.
    Ansonsten ist Finnland auch landschaftlich eine Reise wert. Jedenfalls dann, wenn man mit dem Wetter so viel Glück hat, wie wir es hatten.
    Der absolute Hammer waren aber unsere Fans. Ansonsten waren wenige finnische Zuschauer da. Ich bin gespannt, wie es bei unseren Heimspielen wird.

  2. Wie immer ein Genuss, den Blog zu lesen. Heute war ich gespannt auf den Artikel „Captain Sabo speaking“. Finde ihn leider nicht in der Dienstagsausgabe der Fürther Nachrichten. Kann mir wer helfen?

    • Wenn ich das recht verstanden habe, wird er im Laufe des Tages auf nordbayern.de online gehen.

  3. Habe heute das erste Mal den Blog gelesen und es hat wirklich Spaß gemacht!
    Auch wenn ich eigentlich auf der Suche nach dem Artikel „Captain Sabo speaking“ war.
    Apropos: Geht der irgendwann noch online?

Kommentare geschlossen.