CHL1: Niklas, der Libero

Frühzeitig angereist, um noch Zeit für ein Pivo und paar Knödel zu haben, also in einer Seitenstraße in der Nähe der CPP-Arena geparkt. Ausgestiegen und Nikola direkt in die schwarzen Augen geblickt. Nikola ist ein Gaul, eher klein, vielleicht ein Pony – was weiß ich schon, Hippologie habe ich nach dem ersten Semester abgelegt. Direkt neben dem Stadion eines der besten tschechischen Eishockeyklubs wohnt also ein Pferd, direkt an der Straße. Das meinten die Spieler wohl, als sie immer wieder betonten, wie interessant es doch sei, auch mal in anderen Städten als Iserbing und Straulohn spielen zu dürfen. Die Knödel waren übrigens famos, das Pivo auch – und das Spiel? Die Antwort ist nur einen Klick entfernt.

Warm-up

  • Um ins Achtelfinale einzuziehen, brauchen die Ice Tigers, weil es gegen die Hermeline aus Oulu normalerweise nichts zu holen gibt, mindestens zwei Siege gegen die Drachen aus Rouen und einen Sieg gegen die Rasenmäher aus Hradec Kralove. Dass der bereits in den ersten 60 Minuten eingefahren wurde, ist erstaunlich und ein ziemlich klares Zeichen dafür, dass dieser Klub diesen Wettbewerb sicherlich nicht als nettes Vorbereitungsgymmick ansieht. Und da steht ganz bewusst Klub und nicht Mannschaft.
  • Auf dem Weg zum Parkplatz Thomas Sabo getroffen, der Mann, der dieses 2:1 wechselweise auf sechs bequemen Logensesseln sitzend hätte verfolgen können, der in Oulu aber wohl dort zu finden sein wird, wo er sich offensichtlich am wohlsten fühlt: im Stehplatzblock. Sabo war kein einziges Mal gesessen und danach glücklich. „Denn das war doch jetzt auch keine Laufkundschaft, oder?“
  • Nein, war es nicht, Herr Sabo. Auf dem Papier hat mich Mountfield Hradec Kralove nicht beeindruckt. Nach zwei bis 20 Jahren intensiver Eishockeybetrachtung aber weiß man es besser. Tschechische Spitzenmannschaften rollen mit vier läuferisch starken Reihen an, technisch, vor allem taktisch sind sie alle gut ausgebildet. Und Spieler wie Petr Koukal werden mit jedem Lebensjahr eher noch besser. Die Mounties haben keineswegs schlecht gespielt, sie haben sich am Anfang nur zwei Fehler zu viel geleistet. Das hat den Ice Tigers an diesem Abend gereicht. Den Rest hat ihr Torhüter erledigt.
  • Niklas Treutle sieht im August noch ein bisschen besser aus als im April und im Mai. Sein Stellungsspiel kann einen nicht mehr überraschen. Aber wie macht er das mit der Reboundkontrolle, diese flachen Schüsse schluckt er allesamt mit seinen Schonern – ernsthaft, wie geht das?
  • Tomas Vincour ist mir erstmals in der 25. Minute aufgefallen, Will Acton zehn Minuten später – beide vermeintlichen Top-Spieler übrigens nicht spielerisch.
  • Das Vertrauen Gaudets in Eric Stephan scheint bislang auch noch nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Seine zwei Kurzeinsätze haben daran nichts geändert. Ganz offensichtlich kein Gewinner der Vorbereitung.
  • Die Geschichte von Petr Pohl ist bitter. Nach dem Mittwochstraining ist er in die Bande gekracht, wie er das gemacht, weiß keiner. Der Stürmer war alleine in der Rundung. Und er selbst wird es auch nicht wissen, weil er sich dabei eine Gehirnerschütterung zugezogen hat.
  • Taylor Aronson, der am Donnerstag schon wieder hatte mittrainieren können, und Jason Bast, dessen Rückenprobleme wohl doch nicht so gravierend sind, wie das am Anfang befürchtet wurde, sollen bestenfalls schon bei den „Rückspielen“ gegen Mountfield und Oulu in der Arena wieder zum Einsatz kommen.
  • Sehr nett war, dass die tschechischen Fans jeden Treutle-Save mit einem herausgestoßenen „Yeeeeah!“ gefeiert haben. Ansonsten war die Stimmung eher so wolfburgesk, dafür das kulinarische Angebot grandios.
  • (Dieser Text war schon kurz vor Pilsen fertig. Da aber standen wir aus unerfindlichen Gründen eine Stunde lang im Stau, danach musste ich fahren, weshalb es doch wieder Samstag wurde. Ich bitte, das zu entschuldigen.)

Das Spiel

Inkonsequentes Defensivverhalten, ein überlegter, exakt getimter Pass, der Abschluss eines Torjägers; ein bisschen Druck auf einen Verteidiger, ein missglückter Aufbaupass, ein selbstbewusster Nürnberger alleine vor dem Tor – schon steht es 2:0 für die Gäste aus Nemecko. Und danach hat Rob Wilson seine Spieler… Moment, steht da wirklich der Name des beliebten Trainers der Peterborough Petes? Ja, aber das kann man erklären. Denn unter der Anleitung von Kevin Gaudet war dieses erste Spiel in der Champions Hockey League kaum von einem beliebigen Hauptrundenauswärtsspiel der Ice Tigers in der Saison 2017/2018 zu unterscheiden. Nürnberg war passiv, hat versucht, die Räume vor dem Tor eng zu machen (was nicht immer ganz so gut geklappt hat), Schläger in Passwege zu bringen (schon besser) und Niklas Treutle die Arbeit zu erleichtern (war gar nicht nötig). Allerdings gab es dafür natürlich eine Ausrede, mal abgesehen davon, dass es schon am Sonntag in Oulu niemanden mehr interessiert, wie man in der CHL Punkte geholt hat: Vier Verletzte. Das Erstaunliche war, dass es so manchem Nürnberger nicht erst in der Schlussphase anzusehen war, dass die Vorbereitung bislang arg kurz war. Tom Gilbert war nur ein Schatten des Verteidigers, der in den Playoffs so herausragend aufgetreten war. Dass sich die Ice Tigers spätestens nach dem 1:2 kaum noch befreien konnten, lag nicht nur an der Aggressivität ihrer Gastgeber, sondern auch am unpräzisen Aufbauspiel. Dass das alles keine Rolle spielte, lag natürlich am herausragenden Treutle, aber auch am aufopferungsvollen Spiel seiner Vorderleute. Im Schlussdrittel fühlte sich das wie ein Playoffspiel an, nur eben im August.

Das Interview

Das erste Spiel in der Champions League nicht nur für die Ice Tigers, sondern auch für Sie persönlich. Lassen Sie uns, die wir da so überhaupt keine Erfahrung haben, teilhaben: Wie fühlt sich das an, Herr Bender?
Tim Bender: Es war auf jeden Fall megageil, das Spiel war auch superklasse. Dass wir gewonnen haben, ist noch das i-Tüpfelchen. Super gekämpft, super gespielt, der Niklas hat das hinten super gemacht. Es war einfach mal geil, gegen jemand anderes zu spielen. Und dass wir gewonnen haben, ist einfach unfassbar geil.

Vor diesem Spiel wurde viel darüber geredet, dass die Tschechen so viel länger auf dem Eis sind. Abgebrühter aber haben die Ice Tigers gewirkt. Wie erklären Sie sich das?
Bender: Wir hatten ja auch schon vier Vorbereitungsspiele, wir sind auch schon gut dabei. Und ich denke so langsam greift auch das System. Jeder versteht es so langsam, es läuft immer besser – deshalb haben wir auch verdient gewonnen.

Wir haben die Mannschaftsleistung geredet, das System, Niklas Treutle. Wollen wir noch über Glück reden?
Bender: Natürlich hatten wir heute auch den einen oder anderen guten Bounce. Das erste Tor vom Leo, da fällt ihm der Puck direkt auf den Schläger. Aber die Chancen haben wir uns auch erarbeitet. Das Glück kommt nicht einfach so. Und selbst wenn es nur Glück gewesen ist, ist uns das auch wurscht – die drei Punkte sind das wichtigste.

Und zu Letzt reden wir noch über den Spieler mit der Nummer 77 – Ray Bourque, Paul Coffey, wie hieß der gleich? Zufrieden mit der eigenen Leistung?
Bender: Ich denke heute waren wir alle super, heute ist keiner negativ aufgefallen. Und ich will mal was zu der 77 sagen, die geht nämlich an Uli Maurer und nicht an Ray Bourque. Uli Maurer ist einfach der geilste Typ auf der ganzen Welt und ich hab gesagt, wenn ich irgendwann den Verein wechsel, dann nehme ich auf jeden Fall die 77, wenn sie frei ist.

Der Moment

Nur ein Beispiel dafür, wie souverän Niklas Treutle in Hradec Kralove aufgetreten ist: 57. Minute, Nürnberg in Unterzahl, der Puck liegt frei, der Torhüter der Ice Tigers hätte ihn seinen Verteidigern überlassen können. Eishockey aber ist kein Spiel für den Konjunktiv, also hat er die Scheibe zwischen drei Tschechen hindurch aus dem Drittel gechippt. Wie Manuel Neuer in seinen besten Partien hätte Treutle an diesem Freitagabend auch den Libero oder den Linksaußen geben können.

Three Stars

Niklas Treutle hätte ein Tor erzielen können, okay. Ein Purzelbaum während des Spiels hat auch gefehlt – Gerhard Hegen hätte das gemacht, damals in Memmingen oder in Klostersee. So ein shutout wäre natürlich auch knorke gewesen. Aber ansonsten muss man das wohl ein perfektes Torhüterspiel nennen. 39 Saves, kein Fehler, kein Wackler, kein Moment der Unsicherheit. Danach hat er übrigens gesagt, wie hart Andreas Jenike und er für solche Spiele arbeiten.

Am Ende waren sie alle müde. Nur zwei nicht: Treutle und Patrick Reimer. Der Eindruck hat nicht getäuscht, der Kapitän wirkt in dieser Vorbereitung wieder etwas fokussierter (das kann man auch in einem großen Interview mit den Nürnberger Nachrichten/Samstagausgabe nachlesen). In Hradec Kralove hat er sehr hart für den Erfolg gearbeitet. Wichtiger waren aber vielleicht die zwei, drei kreativen Offensivmomente.

Am Mittwoch war Brett Festerling noch maximal angepisst. Zweimal hat er den Puck ins Gesicht bekommen, einmal verschwand er für fünf Minuten in der Kabine. Als er nach dem Training mit zwei Beulen unter den Augen vom Eis ging, sagte er: „Just another day at the office.“ Das galt auch für das Spiel in Hradec Kralove. Seine Kollegen leisteten sich fast alle Unsicherheiten, Festerling nicht. Solche Auftritte sind mittlerweile derart normal, dass es niemandem mehr auffällt. Einer der unterschätztesten Leistungsträger der DEL.

Ehrenvolle Erwähnung: Tim Bender.

Und sonst?

Habe ich noch mit Niklas Treutle gesprochen. Allerdings wird das Ergebnis erst am Montag bei den Sitzplatzultras, dem Sportpodcast von nordbayern.de zu hören sein. Schalten Sie Ihre Volksempfänger ein.

Werde ich morgen mit im Flieger nach Finnland sitzen. Ich bin ansprechbar, erzählt mir, was ihr im Blog oder in den Nürnberger Nachrichten lesen wollt, wir werden Zeit dafür haben. Und am Sonntagabend (oder eher am Montagmorgen) lade ich dann den neuesten Blog-Beitrag aus Oulu hoch.

4 Kommentare in “CHL1: Niklas, der Libero

4 Comments
  1. Danke! Danke! Danke!
    Eigentlich würde ich ja am liebsten den Blogeintrag 5 Min nach Spielende lesen, aber wahrscheinlich könnte ich auch überleben wenn er erst 48h fertig ist!

  2. 🎶 jaja, es geht schon wieder los … 🎶
    danke, seb, für den ersten report! ich les sie alle, immer, sofort, auch wenn ich nie was schreibe dazu. please keep on keepin‘ on!

  3. Grundsätzlich gut geschrieben, doch anscheinend habe ich ein anderes Spiel in MHK gesehen.

    Gilbert war bockstark gestern-er hat sich voll reingedchmissen.

    Festerling war der größte Unsicherheitsfaktor-es war nicht sein Abend.

  4. Und ich fand Reimer total daneben mit seiner teilweise überheblichen Art, vorallem im eigenen Drittel wo er immer das besondre machen will und so im 1 Drittel den Puck verloren hat wo es fast geklingelt hätte. Dazu hat er diesen 3 auf 1 Konter ziemlich erbärmlich lässig verbockt statt es einfach zu spielen. So langsam mach ich mir Sorgen ob wir wieder den wahren Reimer auf dem Eis sehen, der er mal war.

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