Spiel 50: Good goal

Foto: Thomas Hahn/Zink

Rob Wilson ist am Sonntag noch ein wenig früher aufgestanden, früher noch, als er eigentlich hätte aufstehen müssen. Dann hat er sich das Finale des Olympischen Eishockeyturniers von Pyeongchang angesehen. Er hat sich geärgert, als Slava Voinov den Puck eine halbe Sekunde vor der ersten Drittelpause ins deutsche Tor geschweißt hatte. Mit jedem deutschen Tor ist er euphorischer und wacher geworden, so wie die fünf Millionen Menschen, die genauso wie er vor dem Fernseher gesessen waren. Und natürlich war er niedergeschlagen, als passiert ist, was sie alle vorausgesehen hatten, er, jeder andere, der wusste, wie tödlich ein 4-3-Power-Play mit Datsyuk, Gusev und Kaprizov ist, und der einsame Patrick Reimer auf der Strafbank in Gangneung. Danach hat sein Smartphone in den Dauervibrationsmodus geschalten, weil ihm so viele Menschen mitteilen wollten, wie sehr sie diese deutsche Mannschaft beeindruckt hatte. Wilson hat dann noch von den „Ausländers“ der Ice Tigers erzählt, die alle mit Ehliz, Pföderl und Reimer, „mit ihrer Familie“ gezittert hatten und die so stolz auf diese drei Silbermedaillen waren, als hätten sie sie selbst für Kanada, die USA, die Slowakei oder Schweden errungen. Irgendwann wird die Aufregung um die Playoffs die Geschichten über das größte Spiel in der Geschichte des deutschen Eishockeys verdrängen. An diesem Mittwoch danach aber waren sie noch wunderbar aktuell. Und aufregender als das 2:1 gegen die DEG waren sie allemal.

Warm-up

  • Weil ich das im Spielbericht törichterweise vergessen habe: Steven Reinprecht geht es gut. In Ingolstadt wird er zwischen zwei Silbermedaillengewinnern spielen dürfen, am Sonntag gegen Straubing auch. Und da Wilson im Bezug auf Patrick Bjorkstrand ebenfalls von Änderungen gesprochen hat, kann man wohl davon ausgehen, dass die Erfolgsreihe Mitchell/Steckel/Pföderl wiedervereinigt wird.
  • Tom Gilbert geht es wohl ebenfalls gut, auch wenn Wilson das böse Wort (reimt sich auf Stock) verwendet hat, um den Zustand des Verteidigers zu beschreiben. Gilbert ist im ersten Drittel während eines Angriffs zur Bank gefahren und ward danach nicht mehr gesehen. Laut Wilson eine Vorsichtsmaßnahme.
  • Nürnberg hat noch immer zwei Punkte Vorsprung auf Berlin und kann München noch immer nicht einholen. Die Eisbären spielen am Freitag in Düsseldorf, die wiederum weiterhin drei Punkte hinter Rang zehn und somit der ersten Playoff-Runde platziert sind. Tobi Abstreiter überraschte mit der Einschätzung: „Ein Pflichtsieg für uns.“ Die Ice Tigers spielen in Ingolstadt vor, ein Sieg ist ebenfalls Pflicht – das gilt für beide Mannschaften. Sarkasmus-Modus aus.
  • Lasse Kopitz‘ beste Aktion heute? Als er Daniel Weiß den Schnee vom Trikot geklopft hat.
  • Zum Düsseldorfer Ausgleich gibt es mehrere Versionen, auf Roman Horlamus‘ Laptop haben wir nicht erkennen können, dass der Puck vollständig die Linie überquert hat, weshalb wir davon ausgingen, dass die Schiedsrichter das Tor gaben, weil der Videobeweis ihre ursprüngliche Entscheidung (Tor) nicht eindeutig widerlegen hat können. Patrick Ehelechner, Gerhard Leinauer und andere Eishockeyexperten (Grüße) haben hingegen das Weiße in den Augen neben dem Puck aufblitzen sehen. Interessant hingegen ist nur noch die Ergänzung eines Mannes, der weiß, wovon er twittert:

  • Weil man David Wolf und Marcus Kink neuerdings nicht mehr nicht mögen darf (wo blieb heute eigentlich der Jubel während der Trailer lief?), hat sich Kevin Marshall um die Rolle des Bösewichts beworben. Allerdings kam danach nicht mehr viel, nachdem er Strodel auf Reimer gecheckt und dafür Reimer angegriffen hatte.
  • Nächste Woche werden Ehliz, Pföderl und Reimer frei bekommen. „Und zwar am Sonntagnachmittag von 17 bis 24 Uhr.“ Und dann hat er gelacht, der Cheftrainer der Ice Tigers. Also: Montag bis Mittwoch werden sich die drei Nürnberger Silbersurfer ausruhen dürfen, vielleicht sogar noch am Donnerstag. Und die anderen? „Die hatten genug Pause“, antwortete Wilson.

Das Spiel (präsentiert von den Shorthanded News)

Im ersten Drittel war Nürnberg besser und hätte höher führen müssen. Im zweiten Drittel war Düsseldorf besser und hätte mehr Tore als dieses eine von Dane Fox [sic] schießen müssen. Das dritte Drittel war dann sehr eng. Eishockey scheint so einfach zu sein, zumindest wenn Tobi Abstreiter das Spiel erklärt. Was der einstige Co-Trainer von Marco Sturm nicht wissen konnte: In Nürnberg wird dieses Spiel immer wieder zur Aufführung gebracht. Grandioser Beginn, auf skurrile Art und Weise vergebene Vielzahl an Chancen, ein schwaches zweites Drittel, ein wichtiges Tor, ein unansehnliches Schlussdrittel. In solchen Spielen waren es nicht selten die Torhüter, die den Ice Tigers die Punkte gesichert hatten. So war das auch diesmal. Niklas Treutle hatte einige famose Saves in den zweiten 20 Minuten, vor allem den 2-0-Konter klärte er gegen Weiß und Spencer Machacek sehenswert. „Wir haben großartig gespielt – im ersten Drittel. Danach waren wir etwas überheblich. Aber das geht natürlich nicht gegen eine Mannschaft, die um ihr Leben kämpft“, stellte Brandon Segal fest. „Wichtig aber waren nur die drei Punkte.“ Mehr muss man nicht über diese Partie schreiben. Wie viele Rückschlüsse dieses 2:1 auf die Playoff-Form der Ice Tigers zulässt? Nullkommanull.

Brandon Segal, Schland-Fan

„Ich bin so stolz auf die Jungs, ich bin so stolz, mit ihnen spielen zu dürfen. Wir haben uns jedes Spiel angesehen und sie angefeuert. Als Patty in der Overtime gegen Schweden getroffen hat, habe ich so laut geschrien, dass meine Kinder das Weinen angefangen haben, weil sie sich gefürchtet haben. Es war großartig, ihnen dabei zuzusehen, wie sie das Beste aus einer großen Chance gemacht haben.“

Foto: Instagram-Profil von Brandon Segal

Der Moment (präsentiert von der Sportstadt Düsseldorf)

Gut, fünf Minuten waren es dann vielleicht doch nicht. Aber es war sehr angemessen, wie sich Nürnberg bei Ehliz, Pföderl und Reimer bedankt hat. Ein unvergesslicher Moment für das Puckkind, das mit zwei Silbermedaillengewinnern fist bumps austauschen durfte. Und ein unvergesslicher Moment für Thomas Sabo – schon allein, weil er ihn mit seinem Smartphone mitgefilmt hat.

Three Stars (Power-Play, der Eishockey-Talk)

Ja, im Nachhinein liest sich nicht mehr alles so souverän, was hier und auf Twitter über die Nominierung, vor allem aber über das Prozedere zu lesen war. Und auch, wenn es Marco Sturm ziemlich einerlei gewesen sein dürfte, kann man sich für so manch entglittene Einschätzung entschuldigen. Trotzdem lässt sich immer noch vortrefflich behaupten, dass es eine gute Idee gewesen wäre, Niklas Treutle mit nach Südkorea zu nehmen. Der Torhüter ist vorbildlich aus der Pause gekommen. Stellungsspiel, seitliche Bewegungen, Fanghand – alles hervorragend. Dank Treutle haben es die Ice Tigers weiterhin selbst in der Hand, sich für die Champions Hockey League zu qualifizieren.

Bester Offensivspieler: Oliver Mebus. Moment, soll das ein… Nein, das soll kein Scherz sein. Mebus war an vielen gelungenen Aktionen beteiligt – und im Gegensatz zu anderen Nürnberger Verteidigern war er immer rechtzeitig wieder zurück, wenn er sich ins Angriffsspiel eingeklinkt hatte. Sein Agent hatte sich in der Olympia-Pause empört darüber geäußert, dass sein längster Klient nicht mit nach Pyeongchang reisen durfte. Mit jedem weiteren Spiel in dieser Qualität gewinnt dieser Vorwurf an Berechtigung.

Leo Pföderl hat danach über Bäckereien, ständig neue Menschen an seiner Seite und Tölzer Fans gesprochen. Was genau er gesagt hat, muss ich mir für die Zeitung aufsparen. Pardon. Hier kann man schon einmal schreiben, dass er sich blöd vorgekommen wäre, wenn er gegen die DEG nicht aufgelaufen wäre. Für seine Formkurve scheinen diese Olympischen Spiele genau richtig gewesen zu sein. Wenig Eiszeit in Südkorea, trotzdem ein ungemein wichtiges Tor und ein weiterer Motivationsschub. Pföderl fiel auf – nicht nur wegen seines Game-Winners.

5 Kommentare in “Spiel 50: Good goal

  1. Ein Spiel, das wir schnell vergessen werden. Segal beschreibt die Einstellung recht treffend.
    Doch eine Mannschaft, die um das Überleben kämpft? Daniel Weiß hat das gezeigt. Viele Spieler der DEG liefen ziemlich blutleer über das Eis. Das es wirklich um ALLES geht, konnte man so nicht wirklich sehen.
    Es wird Zeit, das Mitchell zurück auf den Flügel kehrt. Gegen Prag sah das etwas besser aus. Aber gestern fiel er zurück ihn extreme Puck-Verliebtheit.
    Gespannt sind wir auch auf die weitere Entwicklung bei Bjorkstrand. Er ging den Zweikämpfen ja weitgehend aus dem Weg. Das wird er in den PO nicht so machen können.
    Gespannt auf die nächsten beiden Spiele, die dazu dienen sollen, wieder in den Rhythmus zu kommen.

    Grüße Frank

  2. Die Ice Tigers begannen druckvoll um vielleicht bereits im ersten Drittel den Sack zu zumachen scheiterten aber an zu viel Schönheit vor dem Tor und schalteten dann einen Gang zurück. Man merkte irgendwie, dass sich jetzt keiner mehr unbedingt verletzten will. Die DEG hat mich ehrlich gesagt enttäuscht dafür dass sie noch um die PPO kämpfen müssen. Das war mir für meinen Geschmack zu wenig Biss und Gegenwehr. Aber seis drum, die Entscheidung um Platz 2 fällt wohl zu meinem persönlichen Leid wohl erst am letzten Spieltag ;).

    Wie von Frank Strube gestern bei einem Bierchen – danke nochmal 🙂 – richtig angemerkt ist Mitchell derzeit ein Phänomen was Puckbesitz angeht. Da ist mir derzeit wirklich zu viel Verliebtheit dabei und gestern verpasste er das ein oder andere Mal den richtigen Moment zum Pass. Schade eigentlich, denn er ist eigentlich ein richtig starker Spieler, wie man gestern im Zweikampf sehen konnte.
    Der Neuzugang Bjorkstrand scheut momentan noch etwas das Körperspiel wird aber sicher kommen. Passt aber bereits gut zu Pföderl und Mitchell und sucht auch schnell den Weg zum Tor.
    Mebus suchte gestern im Vergleich zur Phase vor Olympia öfters das direkte Körperspiel – ich denke er wird sich in den PO nochmals steigern.

    Ansonsten hab ich das Gefühl, dass diese Silbermedaille aus Pyeongchang im April goldwert sein wird für die Organisation der Ice Tigers. Ich hab gestern drei Olympiarückkehrer gesehen, die viel Willen und Stärke ausgestrahlt haben. Alleine Reimer war gestern nochmals giftiger und bissiger im Zweikampf. Ehliz mit enorm viel Power auf dem Eis sowie Pföderl mit viel Spielfreude.

  3. Weil man David Wolf und Marcus Kink neuerdings nicht mehr nicht mögen darf (wo blieb heute eigentlich der Jubel während der Trailer lief?)

    Die Szene wurde aus dem Trailer geschnitten…

  4. Hier noch ein kurzer Kommentar zum Trailer. Vor dem Spiel hatte ich noch gehofft, dass Videos aus Südkorea mit eingebunden werden. Dann wurde ich dennoch überrascht als ich das Video im Trailer gesehen hatte. Ein riesen Kompliment für die Macher der Trailer, für die Feinfühligkeit des moments. Und ja, ich hatte das zweite mal nach 1999 im Linde Tränen in den Augen, diesmal aus Rührung und stolz.

  5. Ein paar Statistiken nach dem 50. Spiel:

    Die meisten Tore der IceTigers in Überzahl:
    5 – Fox (davon 3 Tore gegen die DEG)
    4 – Reimer, Pföderl
    3 – Mitchell, Dupuis

    Die IceTigers haben zuhause 77 Tore in den 25 Spielen erzielt. 58 Tore bei gleicher Spieleranzahl.
    14 in Überzahl. Das entspricht einer Quote von 18,2%.
    Bei nur 47 Gegentoren (38 bei EQ) kommt das Team bei der 5to5 F-A Ratio auf einen überragenden Wert von 1,53. Sehr stark wie das Team bei gleicher Spielerzahl zuhause agiert.
    Das Powerplay hat aktuell eine Quote von 15,9%. Zuhause liegen die IceTigers jedoch bei 20%.
    Das Penaltykilling liegt zuhause bei 89%.
    In den 25 Heimspielen gab es 14x Siege mit 3 Punkten und 6 Siege mit 2 Punkten. Bei 2 Niederlagen wurde gepunktet. Nur in 3 Heimspielen gingen die Ice Tigers leer aus. Macht 56 Punkte und 2,24 Punkte pro Spiel. Es war der 11. Sieg mit einem Tor Unterschied.

    Schaut man sich die guten Werte an, sieht man, wie wichtig ein Heimvorteil auch in PO werden kann – klar haben PO eigene Gesetze – aber ich glaube der Heimvorteil ist absolut nicht zu unterschätzen.

    Bei den Game Winning Goals hatte Dupuis lange geführt – sogar in der Liga. Inzwischen sind es 7 Spiele, die er mit seinen 12 Toren entschieden hat. Leo Pföderl hat ihn jedoch überflügelt. Gestern war sein 9. GWG mit dem 21. Tor dieser Saison. Damit ist er hinter Macek (10 GWG) die Nummer 2 in der Liga.

    Zu den Schussverhältnissen gegen die DEG:
    SOG 36-27 sind 57,1%
    Corsi (alle Schüsse) 61-39 sind 61%
    Fenwick (ohne geblockte Schüsse) 48-32 sind 60%
    Nach dem Rückstand hatte die DEG nur noch 8 Schüsse auf das Tor von Treutle (3 gehalten, 2 vorbei, 3 Schüsse geblockt).
    Zu wenig, wenn es noch um einen PO-Platz geht. Oder einfach defensiv solide von den IceTigers gespielt.

    Gespannt auf morgen… 😉

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