Spiel 47: Gute Nachrichten von Gott

Foto: Daniel Marr/Zink

RB München hat sich für die Champions Hockey League qualifiziert – theoretisch noch nicht, praktisch schon. In Krefeld und Straubing darf man sich auf Freundschaftsspiele und den Sommer freuen – praktisch schon, theoretisch wahrscheinlich auch. Augsburg braucht ein Wunder, Düsseldorf einen Trainer. Für die Ice Tigers geht es nur noch darum, ob man sich vorzeitig für eine sportlich reizvolle, theoretisch großartige, praktisch aber unbekannte Liga qualifiziert. Ende Januar kann man da bereits von einer ordentlichen Saison sprechen. Nur zählt das alles nichts, wenn das letzte Halbfinalspiel verloren geht. Nürnberg ist der DEL-Standort mit den derzeit höchsten Ansprüchen. Das 2:1 gegen den Konkurrenten um einen Platz in der Champions Hockey League wurde diesen Ansprüchen immerhin schon einmal gerecht.

Warm-up

  • In den Eishockey News stand, dass man den Bundessturm nicht kritisieren darf. Schon gar nicht in „diesen sozialen Netzwerken“, zu denen man dieses Blog zuweilen zählen darf. Hier wird also nicht kritisiert, dass in Sturms Rangliste Niklas Treutle allenfalls an Nummer fünf steht – hinter Torhütern, die bei ihren Klubs entweder keine klare Nummer eins oder gar die klare Nummer zwei sind. Endras, Pielmeier, aus den Birken und Niederberger, der zumindest zehn Tage so tun musste, als ob er der endgültigen Nominierung entgegenfiebern würde, obwohl er tatsächlich nur auf eine Verletzung von Endras, Pielmeier oder aus den Birken hoffen darf, müssen jedenfalls überragend sein – sollten sie wirklich besser sein als Treutle in dieser Form. Sturm kann man da nur beglückwünschen.
  • Kurzer Blick auf das Restprogramm: Berlin wird noch gegen Augsburg und in Düsseldorf gewinnen, mit Punkten in Schwenningen und gegen München und Bremerhaven sollten die Eisbären nicht in voller Punktzahl rechnen. Nürnberg wird in Krefeld gewinnen, gegen Düsseldorf und gegen Straubing, in Bremerhaven und in Ingolstadt kann man schon mal verlieren. Das tendenziell leichtere Restprogramm haben die Ice Tigers, umso wichtiger war der Penalty von Petr Pohl.
  • Mit der Schlusssirene in Krefeld beginnt für die Ice Tigers am Freitag der Urlaub, im Einzelfall darf man das wörtlich verstehen. Eine Woche später fahren sie gemeinsam nach Bad Tölz. Dann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit mit auf dem Eis: Marco Pfleger und der Mann, den sie Eishockeygott nannten.
  • Wie Pfleger skatet Steven Reinprecht wieder. Rob Wilson aber ist vorsichtig geworden mit seinen Prognosen. Reinprecht ist seinem Zeitplan weit voraus, Thomas Sabo zeigte sich beeindruckt von den Übungen, die der ewig junge Kanadier in seinem Reha-Training bewältigt. Und man kann wohl davon ausgehen, dass kaum jemand so intensiv für seine Rückkehr gearbeitet hat wie der Stanley Cup-Sieger aus Edmonton. Aber natürlich wird man erst sehen müssen, wie Reinprechts Rückenmuskulatur auf die ersten Schüsse und die ersten Checks reagiert. Bisher aber gibt es ausschließlich gute Nachrichten von Nürnbergs Nummer-eins-Center.
  • Zehn Spiele, ein Tor, drei Vorlagen – vor der Saison wäre das ziemlich genau der Output den man von einem Viertreihen-Spieler hätte erwarten dürfen. 2018 ist das enttäuschend – gemessen an den Maßstäben, die Dane Fox 2017 selbst verschoben hatten. Derzeit bleibt er der erste Streichkandidat. Was passiert, wenn Reinprecht zurück- und ein weiterer Importspieler hinzukommt (Jiranek: „Zu 99 Prozent.“, Sabo: wird man sehen müssen)? Reimer/Reinprecht/Ehliz, Segal/Dupuis/Mitchell, Pföderl/Steckel/Möchel (Import), Pohl/Buzas (Import)/Pfleger (Alanov) – Aronson/Festerling, Gilbert/Weber, Mebus/Jurcina, Köppchen (Torp)? Oder Mitchell weiterhin mit Pföderl? Doch eher ein Backup-Goalie (Kay Whitmore wird diesmal keine Zeit haben)? Oder doch ein spielstarker Linksaußen/Center? Bislang steht nur fest, dass Wilson ziemlich viele Möglichkeiten hat.
  • Wilson hat auch über Colten Teubert gesprochen. Es gibt Kontakt, der Verteidiger kümmert sich derzeit um seine Familie. Teubert in dieser Saison nicht mehr auf dem Eis zu sehen, ist keine gewagte Prognose.

Das Spiel

Nürnberg hat alle Punkterundenspiele gegen Berlin gewonnen. Von einem Season-Sweep zu sprechen, wäre dann aber doch vermessen bei drei von vier Partien, die in der Overtime oder durch die Skills-Competition (Ihr habt so recht, EisbärenNerds) entschieden worden sind. Wer an schnellem Eishockey (nach DEL-Maßstäben) Spaß hat, der darf auf eine Fortsetzung in den Playoffs hoffen. Unwahrscheinlich ist das nicht, denn auch wenn der einstige Bundeskrupp noch davon sprach, dass die Mannschaften hinter Nürnberg und Berlin auch nicht viel schlechter seien, allenfalls inkonstanter. An diesem Sonntagabend aber hat man schon gesehen, warum Ice Tigers und Eisbären erstaunlich viel Punkte mehr gesammelt haben als nominell stärkere Adler und nominell gleichwertige Haie. Das war ein Spiel zweier taktisch offensichtlich gut eingestellter Mannschaften, die mutig aufgetreten sind und die sich im Ernstfall auf grandiose Torhüter verlassen konnten. Die Ice Tigers 2018 haben zunächst so ausgesehen wie die Ice Tigers 2017 (laufstark, schussfreudig) – nur eben mit dem akuten Problem der ergebnisorientierten Ice Tigers 2018, die Spiele derzeit weder früh noch spät entscheiden können. Angesprochen auf die Abschlussschwäche seiner Mannschaft verweist Wilson auf die Ausgeglichenheit der DEL, was nicht falsch ist, aber keine Antwort auf die Frage. Wie immer aber geht er davon aus, dass das spätestens in den Playoffs kein Problem mehr sein sollte. Nun mag das naiv sein, aber davon darf man ausgehen. Dieses Team braucht eine Pause, so wie elf weitere Teams eine Pause brauchen (in Krefeld und Straubing würde man wahrscheinlich ein schnelles Ende vorziehen), vor allem damit sich überstrapazierte Spieler wie Dupuis, Aronson, Gilbert, Segal, Reimer und Steckel erholen können. Umso erstaunlicher war, welch ein Tempo sie zu gehen in der Lage waren. Am Samstagmorgen sind die Ice Tigers aus Iserlohn zurückgekehrt, am Samstagnachmittag waren sie sich bei einem Team-Meeting darüber einig, dass sie im Sauerland und zuvor gegen Köln ihre Identität verloren hatten. Gegen Berlin war plötzlich alles wieder da: die kompakte Defensive, das schnelle Umschaltspiel, die Aggressivität nach dem Puckverlust. Mehr als das schöne 1:0 durch Leo Pföderl ist dabei zwar nicht herausgesprungen und natürlich war Jamie MacQueens durch Patrick Buzas‘ und Patrick Köppchens inkonsequente Bandenarbeit begünstigtes 1:1 verdient. Über die gesamten 65 Minuten aber haben die Ice Tigers bewiesen, dass sie selbst in einer schlechten Phase gut spielen können. Vor der schweren Partie in Bremerhaven war das beruhigend.

Der Moment

Die Ice Tigers haben ein sehr gutes Penalty Killing, nicht das statistisch beste, aber ein sehr gutes. Zuweilen aber haben die Gegner aber auch ein ziemlich gutes Power-Play, zum Beispiel heute, als die Eisbären die Nürnberger Box herauslockten und Mark Olver plötzlich ganz alleine vor Niklas Treutle auftauchte, von Milan Jurcina beunruhigend lange ignoriert. Olver hätte tricksen können oder genau zielen, er hätte den Puck mit der Vorhand oder mit der Rückhand versenken können. Olver aber hatte Angst. Angst vor dem allenfalls fünftbesten DEL-Torhüter (laut offizieller Sturmrangliste).

Three Stars

Über Taylor Aronson wurde auch hier schon ausreichend viel geschrieben. Meist aber nur über den Offensivverteidiger Aronson. Welch ein kompletter Verteidiger Aronson ist, wird dabei gerne vergessen. In einer Zeit, in der das Offensivspiel der Ice Tigers insgesamt zu vernachlässigen ist, kann man sich das durchaus in Erinnerung rufen. Sein Stellungsspiel und sein Stockeinsatz gehören derzeit zum Besten, was man in der DEL von einem Abwehrspieler erwarten kann.

Bester Feldspieler an diesem Sonntagabend: James Sheppard. Bester Spieler insgesamt: Niklas Treutle. Wobei das eine im direkten Zusammenhang mit dem anderen steht. Ohne Sheppard hätte Treutle im zweiten Drittel nicht gar so strahlend glänzen können. Sheppard hatte sich seine drei Großchancen zum Teil selbst erarbeitet, scheiterte aber immer wieder am großartigen Nürnberger Torhüter. Stellungsspiel, Körpersprache, seine Arbeit auf den Schonern – ein Torhüter darf nur nach einem Shutout von einem perfekten Spiel sprechen. Treutle war aber heute nahe dran. Dass dieser Nürnberger kommende Saison nicht mehr in Nürnberg spielt, ist unvorstellbar. Aus der Mixed Zone war zu hören, dass Treutle die Olympiapause für eine spannende Zeit hält – in Sachen Vertragsverlängerung.

„He is well liked by his teammates“ ist Coaches‘ Englisch für „Ich kann nichts mit ihm anfangen, aber immerhin ist er ganz nett“. Petr Pohl scheint aber vor allem sensibel zu sein, dass er kürzlich beim 1:2 gegen Augsburg eine Großchance vergeben hatte, soll ihn vor allem selbst hart getroffen zu haben. Zwei Tage später glückte ihm in München sein bislang bestes Spiel als Ice Tiger. Trotzdem stimmt weiterhin, was Rob Wilson über seine Nummer 55 sagt: „Er hat kein einfaches Jahr.“ Dann folgte die Offenbarung, wonach Pohl bei seinen Kollegen sehr beliebt sei. Naja. Trotzdem hatte es Wilson ihm anvertraut, den zweiten Punkt gegen Berlin zu retten. Und endlich durfte Pohl zeigen, was er technisch draufhat, diesmal blieb der Puck nicht liegen, diesmal nahm er das Tempo raus, blieb mit dem Schläger aber schnell. Zu schnell für den erstaunlich alten (und noch immer erstaunlich starken) Finnen im Berliner Tor. Pohl zockte Petri Vehanen aus, blieb geduldig und traf. Nürnberg hat gewonnen. Es war kein gutes Pohl-Spiel, eher ein normales. Nach diesem Penalty aber war das vergessen.

Foto: Daniel Marr/Zink

5 Kommentare in “Spiel 47: Gute Nachrichten von Gott

5 Comments
  1. Schön, dass du wieder da bist! Toller Blog, wie immer super reflektiert..

    Super Spiel heute auch von Gilbert und Stecks und auch schön zu sehen wie der Puck zwischen Reimer und Ehliz seit ein paar Spielen wieder so magisch läuft!

    Sein wohl schlechtestes Spiel diese Saison hat heute wohl Köppchen (Fan!) abgeliefert. Der Fehler zum Gegentor war da ja eher noch zu vernachlässigen bei den anderen kapitalen Böcken die er geschossen hat.

  2. Ich empfehle Ihnen den Eismeister-Podcast Episode 12. Dort erklärt Marco Sturm seine Auswahl.

    Kurzum: Er freut sich dass es viele junge Talente gibt, aber bei Olympia braucht er Leute, die sein System bereits kennen, weil er dort nur wenig Trainingszeit hat.

  3. Was die Abschlussschwäche betrifft ist da für mich der müde und bei manch einem verkrampfte Kopf verantwortlich. Aber die Pause sollte allen gut tun und wenn danach wieder die Hand Gottes zur Verfügung steht kann es ja eigentlich nur aufwärts gehen.
    Bezüglich der Verlängerung von Treutle dürfte es unter normalen Umständen keine Probleme geben aber ich bin mir sicher, dass man die auch in Glendale registriert hat, zumal dort ja diese Saison ein lustiges Torwartwechselspielchen stattgefunden hat. Ligaweit wird man ihn sicher halten können aber bei Verlockungen aus dem Ausland? Wird spannend.
    Die Sache mit der letzten Ausländerlizenz wird sehr interessant. Sabo will sie glaub nicht zwingend ziehen auch um den Teamfrieden nicht zu gefährden sollte Reino wieder fit werden – Interviewinterpretation meinerseits. Auf der anderen Seite sollte man sich ruhig nochmals absichern, gerade nach dem Loch von Fox oder es doch mal wieder einen der wichtigen Defender erwischt. Eine schwierige Aufgabe für die sportliche Leitung.
    Gesetz dem Fall einer zwölften Lizenz sehe ich derzeit erstmal Fox draußen. Wie es bei den deutschen Spielern aussieht ist für mich eigentlich derzeit auch klar: Buzas und Alanov haben einstellungstechnisch einen großen Vorsprung gegenüber Pfleger. Da kam in der fitten Phase einfach viel zu wenig, zumal Buzas derzeit auf einer guten Welle mitschwimmt.

  4. Nachtrag:

    @Sebastian: ist eigentlich bekannt, was Sabos Ausstieg aus dem operativen Geschäft in Lauf für die Ice Tigers bedeuten kann?

  5. @blackhawk: In der Samstagsausgabe der NN wurde Thomas Sabo folgendes gefragt: „Und wie steht es um Ihr sportliches Engagement als Sponsor der Ice Tigers? Werden Sie sich da sich zurückziehen?“

    Seine Antwort: „Das bleibt unverändert. Ich hoffe nur, dass die Mannschaft sich künftig wieder besser anstellt als zuletzt, als sie gegen die Kölner Haie zu Hause 1:3 verloren hat.“

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