Spiel 43: Yasins Werk und Pavels Beitrag

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Yasin Ehliz ist kein Gott, Pavel Gross kein Teufel. Und doch passt der Titel ganz gut zu diesem aus Nürnberger Sicht erfolgreichen Freitagabend, der ja womöglich auch ein historischer war. Vielleicht war Pavel Gross das letzte Mal als Trainer der Grizzlys Wolfsburg in Nürnberg. Vielleicht gibt es aber auch noch sieben weitere Spiele in den Playoffs. Möglich ist alles, es gibt allerdings auch ein paar Konstanten. Welche? Dann lest mal weiter.

Warm-Up

  • Steven Reinprecht macht weiter Fortschritte, es gibt keine Komplikationen, hat Rob Wilson nach dem Spiel erzählt. Nach der Olympiapause wird der beste Spieler dieser Mannschaft also – Stand jetzt – wieder spielen. Für Nürnberg ist das sehr schön, für die Konkurrenz wohl eher weniger. „Wichtig ist, dass er gesund wird und die Verletzung nicht wieder ausbricht“, sagt Wilson.
  • Auch von Marco Pflegers Genesungsfortschritten hat sich der Trainer am Freitag erst erzählen lassen und erfreuliche Dinge gehört. Ende Februar soll also auch Pfleger wieder aufs Eis zurückkehren. Wenn Wilson ihn denn braucht.
  • Die Ice Tigers suchen und suchen, der passende Kandidat für die letzte freie Ausländerlizenz ist aber noch nicht im Sichtfeld aufgetaucht. Sie würden durchaus „aktiv schauen“, bekannte der Trainer auf die Frage des Kollegen Joachim Meyer von den Eishockey News, „aber wir haben noch keinen“.
  • Rob Wilson war unzufrieden.“Wir haben gut gespielt“, sagte er, „aber ich bin enttäuscht, dass wir nicht nach 60 Minuten gewonnen haben.“
  • In München, findet Wilson, haben die Ice Tigers eines ihrer besten Spiele gemacht, „aber wir haben einige Fehler gemacht, die man nicht machen sollte“. Vor allem: dass sie dort nicht das 4:1 gemacht haben und München haben zurückkommen lassen. Darüber wurde ausgiebig gesprochen – und doch machte Nürnberg den gleichen Fehler an diesem Freitagabend wieder.
  • Als Problem will der Trainer das aber nicht bezeichnen. „Wir sind in der Top 5 bei den Toren, wir sind die besten bei den Gegentoren“, sagt er.  „Wir wussten, dass es der Schlüssel sein wird, möglichst wenige Tore zu kassieren. Daran haben wir hart gearbeitet – und wir arbeiten noch immer daran. Das Scoring war nie ein Problem, aber auch daran arbeiten wir.“
  • Es war keine Entscheidung gegen Marius Möchel, ihn auf die Tribüne zu setzen. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt „zu sehen, was wir haben und was wir machen können“, sagt Wilson. „Ich kenne Marius lange, ich wollte sehen, was Alli (Eugen Alanov) kann.“
  • Dann klopfte Rob Wilson mit seinen riesigen Fingern auf Holz, er hofft natürlich, dass sie von Verletzungen verschont bleiben, aber für den Fall der Fälle will er jetzt schon vorsorgen. Also kündigte er an, dass auch in den nächsten Spielen einige Bewegung in die Reihen kommen wird, um zu sehen, was funktioniert – und was nicht.
  • Dane Fox steckt weiter in einem Loch und hat sich die wohl unnötigste Strafe abgeholt. Ob er den Videowürfel kaputtmachen oder doch lieber jemanden im Zuschauerblock mit seinem im hohen Bogen geschlenzten Puck treffen wollte, ließ sich nicht klären. Und deshalb auch nicht, was einen Menschen dazu treibt, so etwas zu tun.
  • Patrick Reimer ist ein Kapitän, wie ihn eine Mannschaft braucht. Eine triviale Aussage, aber die Präsenz und Klasse, die er während der 61 Minuten und 13 Sekunden ausgestrahlt hat, war grandios.

Das Spiel (ein Gastbeitrag von Pavel Gross)

„Wir haben uns mehr vorgenommen nach zwei Niederlagen. Es ist schwer, die passenden Worte zu finden. Wir haben gewusst, dass Spiele gegen Nürnberg torarm sind, sie haben die beste Defensive der Liga. Wir haben nicht das Eishockey gespielt, das wir spielen sollten, wir haben uns bemüht bis zum Schluss und ein Tor geschossen, weil wir nicht aufgegeben haben, aber das darf man auch nicht beim 1:0. In der Overtime haben wir verloren, das ist keine Lotterie wie beim Penaltyschießen.“

Einschub: Rob Wilson kaut genervt auf seinem Kaugummi und schaut auf den Tisch, den Zettel, der vor ihm liegt, dann wieder in die Luft. Sein Iserlohner Trainerkollege Rob Daum hat es zuletzt geschafft, sein Statement zum Spiel in genau einen Satz zu packen. Aber Pavel Gross hat noch nicht genug, er hat ja schließlich einen Ruf zu verlieren. Also weiter mit „Palaver-Pavel“.

„Wir könnten nach Ausreden suchen. Wir waren immer einen Meter zu spät, die Kleinigkeiten brechen uns das Genick. Man muss den extra Schritt mehr machen. Unsere big guys müssen big guys sein, sonst haben wir keine Chance. Wir haben nur drei Tore in 180 Minuten geschossen, da ist es schwer, Punkte zu sammeln. Okay ist nicht gut genug. Wir sind nicht hart genug in den Zweikämpfen, nicht genug konzentriert. Das müssen wir verbessern.“

Einschub: Stille im Raum. Kommt da noch was?

„Ah, ich habe eine Sache vergessen: zu gratulieren.“

Es war mal wieder ein skurriles Schauspiel, wie Pavel Gross da minutenlang vor sich hinredete, von einem Punkt zum nächsten kam und seine innere Zerrissenheit und Wut mit einem langen Monolog kompensierte. In der Kabine, so hörte man, soll er auch eine ausgiebige Predigt gehalten haben.

Ansonsten in aller Kürze: Nürnberg startet energisch, verpasst aber die Führung. Wolfsburg spielt hart, Nürnberg gibt Kontra, Tore fallen zunächst keine. Dann setzt Patrick Reimer energisch nach, Yasin Ehliz fährt in Position und trifft sehenswert in den Winkel zum 1:0. Im Gegenzug hält Niklas Treutle famos gegen Kamil Kreps, Wolfsburg wird wütender, aber Nürnberg verteidigt gut und hat hinten einen der besten (den besten?) Torhüter der Liga. Dann aber hat Kreps ein paar Meter zu viel Platz und trifft zum Ausgleich. In der Overtime drängt Patrick Reimer nach vorne, legt quer zu Yasin Ehliz, Schuss, Tor, Jubel. Aus. In einem Achtel der Zeit geschrieben, die Pavel Gross philosophiert hat.

Der Moment

Erst denkt man sich: der arme Eugen Alanov. Gerade hat er seine ersten zwei Tore in der DEL geschossen – und dann muss er gegen Wolfsburg wieder von der Tribüne aus zuschauen. Stattdessen darf/muss Marcus Weber stürmen. Doch dann wandert der Blick ein paar Zentimeter nach oben auf diesem Blatt Papier. Und man sieht: „95 ALANOV, Eugen“, da steht es, Schwarz auf Weiß, wird gegen Wolfsburg tatsächlich in der ersten Reihe spielen. Alanov selbst schien das auch alles nicht so recht fassen zu können, als er da mit Taylor Aronson, Brett Festerling, John Mitchell und Leo Pföderl im Scheinwerferlicht auf dem glitzernden Eis stand und alle 6118 Zuschauer auf ihn schauten. Seinen Blick hatte Alanov lange nur auf den Boden gerichtet, er wirkte nervös, unsicher, beinahe erstarrt. Erst als Arenasprecher Christian Rupp seinen Namen vorlas, schien er sich wieder zu bewegen. Alles weitere zu einem nicht gerade alltäglichen Abend für Eugen Alanov finden Sie, findet Ihr wieder ein paar Zentimeter weiter unten.

Three Stars

Nach dem Spiel sagte Eugen Alanov das, was man als junger Profi eben so sagt. Dass er sich natürlich gefreut hat, in der ersten Reihe spielen zu dürfen, aber dass das ja nun auch nicht all zu viel heißt, weil es bei den Ice Tigers ja eigentlich keine durchnummerierten Reihen gibt, sondern alle gleich wichtig sind. Warum Rob Wilson aber Marius Möchel auf die Tribüne schickte und ein 22 Jahre junger Mann, der anfangs noch wöchentlich zwischen Arena und dem Bayreuther Eisstadion pendelte, beim Tabellenzweiten stürmen durfte, bewies Eugen Alanov in den 60 Minuten danach. Unerschrocken warf er sich in den Zweikämpfe, ließ sich auch von den Checks der Wolfsburger nicht beirren und zeigte seine spielerische Klasse – für die er sich nur nicht mit einem Tor belohnen konnte.

Yasin Ehliz ist gesund, er lässt es nicht mehr nur rumpeln, er arbeitet nicht mehr nur hart, sondern kann auch wieder Tore schießen. Sogar zwei. Das ist ein gutes Zeichen zu diesem Zeitpunkt der Saison. Von drei hell scheinenden Sternen in dieser Aufzählung der hellste.

80 Sekunden fehlten Niklas Treutle zum Shutout, man darf annehmen, dass er sich am meisten über den späten Ausgleich geärgert hat. Ansonsten hat er tadellos gespielt, mit der Schulter gezuckt, wenn er mit der Schulter zucken musste, seinen Arm gehoben, wenn … ihr wisst Bescheid. Eine, wieder mal, tolle Leistung, die aber nicht von allen gewürdigt wird. Also außerhalb von Nürnberg. Hier jubeln und kreischen die Fans vor der Kabine, junge Mädchen rennen fast den Autor dieser Zeilen über den Haufen, weil sie hinter der Glastür einen frischgeduschten und gut gekleideten Niklas Treutle ins Treppenhaus laufen sehen.

Und sonst?

Ist Eugen Alanov ein sehr netter, aber auch sehr wortkarger junger Mann. Ob er einfach nicht gerne spricht oder doch nur sehr schüchtern ist, weiß ich nicht. Womöglich ist es beides. Nach vier Minuten Gespräch habe ich ihn noch nach seinen Zielen für die restliche Runde und seine Zukunft als Eishockeyprofi gefragt. Alanov schaute kurz perplex, dann sagte er trocken: „Ich schaue nicht so weit nach vorne. Wir müssen am Sonntag gewinnen.“ Und ging. Vielleicht direkt nach Schwenningen.

5 Kommentare in “Spiel 43: Yasins Werk und Pavels Beitrag

5 Comments
  1. Sehr schöner Beitrag. Mit dem wortkargem Verhalten vom neuen Superstar in der Nürnberger Mannschaft bin ich dann doch nicht einverstanden. Beim Interview in München redete er mir doch glatt volle drei Minuten aufs Band. Womöglich war er heute vielleicht ‚zu geplättet‘.

    Und zu Pavel: Ich fürchte, er wird noch ein paar Mal mit Wolfsburg zu uns kommen. Solange er denn wieder ohne Auswärtssiege in der Serie geht, ist ja alles fein.

  2. Hallo,

    schöner Blog, danke!

    Einzige Ergänzung noch: Steckel war gestern der emotionale Leader des Teams war. Bei jedem Bulli, bei jedem Wechsel, bei jeder Gelegenheit hat er Haskins erzählt, was grad so aktuell war… wunderbar zu beobachten 🙂 Er war auch sonst wichtig und wird, sollte er aufhören, mindestens so schwer zu ersetzten sein wie Reino… Mindestens!

    Halt, noch was…
    Unsere Unterzahl war deutlich besser als in den letzten Spielen, so gesehen hat doch ein Special Team das Spiel (mit)entschieden

    Gruß
    Stefan

  3. Moin Moin oft schreib ich hier ja nicht. @Olli Köln schmeißt WOB im VF raus, denk an mich wenn es soweit ist. Mir ist vollkommen klar wieviele Punkte noch zu vergeben sind und das selbst die IceTigers noch aus den POs rutschen können, aber seit gestern Abend bin ich absolut davon überzeugt. Seit Gross wechseln nach Mnnhm bekannt ist läuft es gar nicht mehr (war ja vorher schon nicht so toll).

    Im Gegensatz zu sehr vielen hier mag ich unser PP nur nicht was wir daraus machen. Wir sind kreativ, schlagen Haken und haben den Puck meist sehr lang im gegnerischen Drittel. Und dann…………kommt nix? Uns fehlen Spieler für One Timer, das kann Patrik nicht allein.
    In diesem Sinne,
    Servus, Pfiads eich, Ba Ba

  4. Das war gestern ein starke Leistung des ganzen Teams. Vom ersten Wechsel an zeigte die Körpersprache der Jungs, dass sie gewinnen wollen. „Wir lassen uns nicht rumschubsen. Wir lassen uns durch Eure Art nicht beeindrucken.“ Und das hat die Mannschaft konsequent über die 61 min durchgezogen. Das war sehr schön anzusehen. In den Playoffs wäre ein solcher Sieg ein deutliches Zeichen gewesen, gestern Abend war es leider ein Punktverlust. Aber ein wichtiger Sieg nach den drei knappen, teilweise auch unnötigen Niederlagen (die auch dazu gehören).

    Und wie Stefan schon geschrieben hat, war Steckel der Leader. Leader Qualitäten hat Reimer gestern auch deutlich gezeigt. Aber Steckel war für mich der Top Spieler des Spiels. Nicht nur die Körpersprache. Die Szene wie er in Unterzahl die Strafe rausholt, war symptomatisch für sein energisches Spiel gestern. Ehliz und Treutle vervollständigen meine three stars.

    Alanov hat eine gute Leistung abgegeben. Vor allem im ersten Drittel. Gegen Ende des zweiten Drittels merkte man ihm schon die vielen Shifts mit der hohen Intensität an. Im letzten Drittel war er dann meist weit von Gegner und Puck entfernt. Macht aber Spaß ihm zuzusehen. Wenn er weiterhin ordentlich Eiszeit erhält (auch in der vierten Reihe), wird es interessant sein wie er sich weiter entwickelt.

    Seit Weihnachten steigt die Formkurve von Buzas. Aktuell bringt die vierte Reihe durch seine Leistungssteigerung, und auch Pohl hat sich ja verbessert, soviel Energie aufs Eis, das man keine Angst haben muss, es fällt sofort ein Gegentor. Im Gegenteil. Die spielen nach vorne und entwickeln auch Torgefahr. Im Hinblick auf die Playoffs ist das eine wirklich gute Entwicklung. Und Buzas hat dann ja auch die letzten knapp 10min an der Seite von Mitchell (für Alanov) gespielt. Freut mich für Butschi…

    Sehr gespannt wie das morgen in Schwenningen mit der Unterstützung der vielen Fans wird. Mal sehen ob das Team das nutzen kann. Wünsche allen viel Spaß

  5. es ist erfreulich zu sehen, dass die vierte Reihe sich durch Buzas langsam zu mehr entwickelt als nur kurze Entlastung. Das könnte in den POs nicht unerheblich werden.
    Spieler wie Steckel, Segal und Reino werden eines Tages Martin Jiranek vor eine Mammutaufgabe stellen wenn sie ersetzt werden müssen.
    Ansonsten wurde schon alles zum Spiel und co gesagt.

    Was die AL-Suche macht dürfte es spannend werden, in der KHL fangen die Nicht-PO Teams an Spieler freizugeben oder man einer flieht freiwillig in die Schweiz aufgrund eines Schafes….

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