Spiel 39: Wilsons Fingerabdrücke

Rob Wilson hatte ein Spiel mit Playoff-Charakter erwartet, wie er hinterher erzählte. Tatsächlich war das 2:1 gegen Ingolstadt ein intensives Spiel, einen Siegtreffer in der Overtime hätten Wilsons Ice Tigers im Frühling aber sicher nicht so routiniert bejubelt. Bereits am Sonntag, wenn Nürnberg in Mannheim zu Gast ist, wird dieser Derby-Sieg schon wieder vergessen sein. Ein paar interessante Erkenntnisse brachte der Freitagabend trotzdem. Über einen unangebrachten Hang zur Solidarität, die Schönheit eines hässlichen Sieges und Wilsons Fingerabdrücke.

Warm-up

  • Zunächst ein Kompliment an die vielen Feens aus Nürnberg und Umgebung, die sich am Freitagabend in ihre alten und nicht ganz so alten Weiman-, Kaufmann- und Reimer-Trikots geworfen haben, sich trotz des hässlichen Wetters bis zur Arena am Kurt-Leucht-Weg zu quälen, um dann einen „hässlichen Sieg“ (Rob Wilson) ihrer Mannschaft zu sehen. 7672 Zuschauer am 5. Januar, das ist bemerkenswert.
  • Als nächstes ein Hinweis an die Menschen, die für die Sauberkeit in der Arena Nürnberger Versicherung zuständig sind: Es könnte sich lohnen, nach dem Feiertag im Pressekonferenzraum gründlich über den Fernseher zu wischen. Rob Wilson hat dort sehr viele, sehr große Fingerabdrücke hinterlassen. Aber dazu später mehr.
  • Das Derby gegen Ingolstadt war intensiv, Playoff-Charakter hatte die Partie aber nur phasenweise. Dafür wurden zu wenige Checks zu Ende gefahren, dafür eskalierte Dane Fox noch viel zu kontrolliert kurz nach dem Ausgleichstreffer, als Fabio Wagner Gesprächsbedarf hatte. Trotzdem lag Wilson natürlich richtig, vor dem wiedererstarkten Eissport- und Rollschuhclub und seinem „sehr erfahrenen Trainer“ Doug Shedden zu warnen. Ingolstadt braucht jeden Punkt, um die Saison zu verlängern, so spielten sie auch. Wenigstens in den ersten acht Minuten und nach dem Treffer zum 1:1..
  • Am Dienstag, als Iserlohn zu Gast war in der Arena, war Wilson sehr zufrieden mit dem Powerplay, als nun Ingolstadt am Kurt-Leucht-Weg vorbeischaute, konnte er das nur bedingt sein. „Vielleicht hätten wir den Puck schneller bewegen müssen“, überlegte er nach der Partie, in der seine Spieler im dritten Abschnitt mehrmals verpasst hatten, in Überzahl vorzeitig den Sieg klarzumachen. „Andererseits“, überlegte Wilson weiter, „hat uns ein Powerplay den Siegtreffer gebracht, es gibt also keinen Grund, allzu enttäuscht zu sein“.
  • Für Mannheim, den nächsten Gegner seiner Mannschaft, gilt das nicht. 0:5 in Köln, Platz 12, drei Punkte entfernt von den Playoff-Plätzen – „ich wüsste, wie ich mich jetzt fühle, wenn ich in ihrem Bus sitzen würde“, sagte Wilson am Freitagabend und erwartet für Sonntag deshalb ein weiteres Spiel mit Playoff-Charakter. Die Adler stecken in der Krise – und sind deshalb noch gefährlicher, glaubt Wilson.
  • Die Playoffs: Sind immer noch unendlich weit und eine Olympia-Pause entfernt. Und wer denkt, dass sich das Feld 13 Spieltage vor Ende der Punkterunde sortiert hat, der hat keine Ahnung. So darf man zumindest den Dozenten des Seminars „Was am Ende der Punkterunde noch alles passieren kann“ übersetzen. Als die Tabelle auf dem Fernseher im Pressekonferenzraum angezeigt wurde, nutzte Wilson die Gelegenheit um den Anwesenden zu erklären, welches Team noch auf welchen Platz klettern wird. Dass er den Bildschirm des nicht mehr ganz so neuen Fernsehers mit einem Touchscreen verwechselte, wird man aber wohl erst bemerken, wenn irgendwann einmal die Sonne sehr ungünstig in diesen Raum fällt. Also nie. Dass seine Mannschaft auch nach 39 Spielen ganz oben auf dem Bildschirm gelistet war, dass sie auch solche komplizierten Spiele wie das gegen Ingolstadt gewinnt, darf man durchaus als Wilsons Fingerabdruck bezeichnen.
  • Die Olympischen Spiele: Hat der Bundestrainer eigentlich schon angerufen, Herr Reimer, Patrick? Nein, seit dem Deutschland Cup hat Nürnbergs Kapitän nicht mehr mit Marco Sturm gesprochen, schon bald wird er aber vermutlich einen Anruf erhalten. „Es wartet jeder darauf, dass es jetzt auch mal losgeht, aber am Ende wird sich an den Entscheidungen auch nicht mehr viel ändern“, glaubt Reimer, und: „Wir werden sicherlich mehr als fünf Minuten vor Abflug bescheid bekommen.“

Das Spiel

Als Spielfilm. Naja, als Kurzfilm: Yasin Ehliz hat nach 30 Sekunden die erste gute Chance und sorgt damit dafür, dass auch der ERC in der Arena ankommt. Danach dominiert Ingolstadt die ersten Minuten und trifft in Person von John Laliberte in Überzahl den Pfosten (7.). Die Nürnberger Führung durch David Steckel (9.) nach Vorarbeit von Ehliz und Reimer kommt deshalb in dieser Phase auch eher überraschend, eine Minute später verpasst es Leo Pföderl, auf 2:0 zu erhöhen. Gefährlich wird es für Niklas Treutle fortan vor allem immer dann, wenn seine Vorderleute den Gästen Geschenke machen. Als Michael Collins alleine auf das Nürnberger Tor zufahren darf und an Treutle scheitert (19.), kam das Zuspiel von den Ice Tigers. Als Kael Mouillierat den Ausgleich erzielen darf (38.) hat der ehemalige Ingolstädter Petr Pohl vorher nicht zum ersten Mal an diesem Abend zu lange gebraucht, um die Scheibe zu klären. Als 74 Sekunden später Laurin Braun wieder nur den Pfosten trifft, hat sich Ehilz zuvor den Puck im eigenen Drittel stehlen lassen. Auch Iserlohn und Krefeld haben die Ice Tigers zuletzt erst selbst wieder stark gemacht, bis zu den Playoffs sollten sie diesen Hang zur Solidarität ablegen. Im Schlussabschnitt… Oh, ich höre gerade von der Regie, dass es ja ein Kurzfilm sein sollte… Im Schlussabschnitt also passiert außer einer guten Chance von Pföderl nicht mehr allzu viel, in der Overtime haben die Schiedsrichter nach 42 Sekunden offenbar genug gesehen und schicken Ingolstadts Ville Koistinen etwas überhastet auf die Strafbank. Sekunden bevor der zurück aufs Eis darf, trifft Steckel wieder nach Vorarbeit von Reimer und Ehliz zum Endstand (63.).

Der Moment

Veteranen des Sports und Leo Pföderl werden vermutlich sagen: Joa mei. Ich, der nur alle paar Wochen Eishockey live in der Arena sieht, wenn die Kollegen Böhm und Fischer mal nicht auf Tiger starren, sage: Was für ein Tor! Oder? Also das 1:0. Ehliz legt zurück, Reimer umkurvt Thomas Greilinger, der sich zu früh aufs Eis gelegt hat, Pass auf Steckel, der sich noch die Zeit nimmt, den Puck zu kontrollieren und rein damit. Habt ihr schon Hundert Mal gesehen? Lässt euch kalt? Mich nicht. Wahrscheinlich habt ihr auch beim „Seltsamen Fall des Benjamin Button“ nicht weinen müssen, ihr abgebrühten Hunde.

Three Stars

Nein, die erste Auszeichnung geht nicht an den Mann, der die beiden Nürnberger Tore erzielt hat an diesem Abend. Patrick Reimer und Yasin Ehliz teilen sie sich: Begründung: Einsatzbereitschaft, Spielfreude und jeweils zwei Assists, da die Deutsche Eishockey Liga ja auch der Vorlage zur Vorlage große Bedeutung zumisst.

Jetzt aber: David Steckel. Begründung: Nunja, zwei Tore eben – auch wenn ihm schon komplexere Aufgaben gestellt wurden. „Wir haben ihn vermisst“, hat Wilson bei der Pressekonferenz danach gesagt und nebenbei erwähnt, dass sich der lange Stürmer während seiner Verletzungspause vor Weihnachten operieren hat lassen müssen. Über die Details schweigt man sich aus. „Er war hungrig zurückzukommen, überhaupt war heute die ganze Reihe sehr hungrig.“

Bei nur einem Gegentreffer kommt man eigentlich nicht am Torhüter vorbei, deshalb: Niklas Treutle. Begründung: Beim Gegentreffer konnte er nicht mehr viel ausrichten, ansonsten hat Treutle aber Schüsse gehalten, die er nicht unbedingt hätte halten müssen; zum Beispiel den von Michael Collins, Ende des ersten Drittels.

Und sonst so?

Ist das hier die zweite Version des Blog-Eintrags, die Sie lesen. Leider nicht präsentiert vom Anwenderservice, sondern noch einmal handgetippt, mit angemessen Wut im Bauch. Dazu der Tweet von Freitagnacht.

5 Kommentare in “Spiel 39: Wilsons Fingerabdrücke

  1. Guter BLOG wieder, vielen Dank!
    Mir kam es gestern so vor, als dass die Ice Tigers nicht zu 100% bei der Sache waren, ohne dass das die gute Leistung der Ingolstädter relativieren soll. Den einen Punkt haben sich die Panther redlich verdient.
    Besonders in den Zweikämpfen waren die Ice Tigers zu passiv, im Powerplay größtenteils zu unkonzentriert.
    Wenn das dann trotzdem zu immerhin zwei Punkten reicht unterstreicht das die Klasse dieses Teams. Auch weil einige Ice Tigers derzeit nicht in Topform agieren – Fox wäre da an erster Stelle zu nennen. Selbst Yasin Ehliz, dem man natürlich ansteigende Form attestieren muss, ist noch längst nicht bei 100%.

  2. Dein Twitterpostfoto 😀

    Ach, so was ist verdammt ärgerlich, trotzdem hast du es noch sehr sehr gut hinbekommen.

    In letzter Zeit kommt es häufiger vor, dass wir gegen vermeintlich schlechtere Teams nicht ganz auf der höhe sind.
    In den Playoffs wird sich das aber ändern, daran besteht für mich kein Zweifel.

  3. Ich fand Ingolstadt gestern richtig stark. Auch sehr gut auf uns eingestellt. (Da waren wir uns in der Diskussion nach dem Spiel in der Fankneipe einig). Vor allem hat der ERCI mit seinen zone entries überrascht. 6-10 mal (oder noch mehr?) haben sie von hinter der roten Linie auf Treutle geschossen, um einen Bully im Angriffsdrittel zu erhalten oder einen forecheck auf den abgewehrten Schuss durchzuführen. Gar nicht schlecht mit schnellen Stürmern.
    In dieser Konsequenz bisher nicht gesehen. Ich glaube mit dem Trainer könnten die ein sehr unangenehmer PO-Gegner werden…

    Sonst fällt mit noch ein, dass der Scoring-Streak von Mitchell nach neun (ich hoffe das stimmt @Sebastian) Spielen endete. Unsere #79 hat die letzten beiden Spiele nicht mehr den „Kleber am Schläger“ gehabt. Einige Puckverluste, die man bisher nicht bei ihm kannte.

    Das wird morgen in Mnnhm sicher wieder ein enges Spiel. Vor allem, weil alle drei Spiele bisher ziemlich eng waren (mal von den letzten 25 min des letzten Spiels abgesehen). Ich hoffe auch, dass die nicht zu rüde spielen werden, und der ein oder andere Verletzte bei uns dazu kommt.
    Wird auf jeden Fall spannend…

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