Spiel 38: Spannung aus dem Nichts

Foto: Roland Fengler

Wenn man das Knirschen des Eises bis auf die Pressetribüne hört, wenn man die Kommandos der Spieler und das „Come on!“ der Schiedsrichter, als sich die Spieler zu langsam zum Bully bewegen, auf jedem Sitzplatz vernehmen kann – ja, dann spielen die Thomas Sabo Ice Tigers an einem Dienstagabend gegen Iserlohn. Für spannende Vergleiche stehen die Spiele zwischen Tigern und Hähnen ja eher weniger, das war an diesem Tag nicht anders, bis der Puck neun Minuten vor Schluss plötzlich von Milan Jurcinas Hand ins eigene Tor flog und die Schiedsrichter es eine Sekunde vor Schluss nochmal spannend machten. Ein paar Dinge konnte man bei diesem über weite Strecken routinierten 3:2 aber dann doch beobachten.

Warm-Up

  • David Steckel ist beim Bully so aggressiv und schnell, dass er dem armen Jake Weidner gleich bei einem der ersten Faceoffs den Schläger zertrümmert, weil der zu langsam reagiert, als der Puck das Eis berührt.
  • Nichlas Torp fiel kurzfristig aus, er durfte noch etwas länger an das Gastspiel in der Münchner Olympiahalle denken. Steve Pinizotto hatte ihn da mit dem Knie erwischt, ein schöner Bluterguss („it’s just a knock“, Rob Wilson) kündet noch vom Kontakt mit dem Liebling der Nürnberger Fans. Am Freitag gegen Ingolstadt soll er aber wieder aufs Eis zurückkehren.
  • Marco Pfleger fällt weiter aus, am Donnerstag wird er nochmal von einem Spezialisten untersucht. Bis jetzt will niemand etwas genaueres über seine Verletzung und eine mögliche Rückkehr aufs Eis sagen.
  • Hallensprecher und Pressekonferenz-Moderator Christian Rupp fragte Rob Wilson hinterher nach Eugen Alanov. Den würden viele ja gerne öfter auf dem Eis sehen, „er hat viel Energie, macht seine Sache gut und die kleinen Dinge richtig“, sagte Wilson. „Er arbeitet an seinen Fortschritten, er arbeitet daran, ins Aufgebot zu kommen und freut sich, wenn er spielen darf.“ Er sei dann jedenfalls „froh, ihn zu haben.“ An diesem Abend hat der junge Angreifer aber auch gezeigt, dass er noch etwas Zeit braucht, um wirklich dauerhaft mithalten zu können. Mal provozierte er ein total unnötiges Icing, dann überschätzte er sich komplett und wollte im Doppelpass mit der Bande seinen Gegner ausspielen, leitete damit aber einen Gegenstoß der Roosters ein.
  • Daniel Piechaczek hat sich in Nürnberg nicht unbedingt beliebter gemacht. „Du Blinder, dou!“ muss sich der Mann im schwarzweißen Dress ja schon anhören, wenn er es in der Arena auch nur wagt, Schlittschuh zu laufen. Bei der Strafe gegen Patrick Köppchen (einer von zwei, Stichwort Disziplin!) konnten vier eishockeyaffine Journalisten allerdings bei bestem Willen kein Foul erkennen – auch nicht bei näherer Betrachtung in Zeitlupe.
  • Nicht nur Piechaczek, sondern alle vier Schiedsrichter wollten diesen am Ende doch spannenden Abend nicht so einfach enden lassen. 1,4 Sekunden waren noch auf der Uhr, als Nürnberg den Puck aus dem eigenen Drittel schlenzte, wie viele es noch waren, als der im Iserlohner Teil des Eises ankam, ging in der hektischen Schlussphase etwas unter. Vielleicht 0,4, vielleicht 0,3 Sekunden? Sie pfiffen jedenfalls Icing – und ließen nach ausgiebigem Videostudium nochmal eine Sekunde nachspielen.
  • Im ersten Power-Play demonstrierten die Ice Tigers vor allem ihre Harmlosigkeit, danach aber bewiesen sie, dass sie es doch besser können. Erst traf Leo Pföderl in Überzahl, beim 5:3 im zweiten Drittel fand John Mitchell schon nach 19 Sekunden den freien Leo Pföderl, der Patrick Reimer das 3:1 auflegte. Auch Rob Wilson war hinterher zufrieden, „unsere Specialteams haben einen guten Job gemacht, wir haben zwei Tore im Power-Play erzielt“, sagte er. Seit drei, vier Wochen gefällt dem Trainer das Überzahlspiel seiner Mannschaft auch immer besser, „wir haben viel mehr Energie, haben mehr Selbstbewusstsein und kommen zu einem guten Zeitpunkt in Form.“

Das Spiel

Und plötzlich lag der Puck im Nürnberger Tor. Erklären konnte sich das wohl keiner so recht, am wenigsten Philippe Dupuis, der Luigi Caporusso da soeben das 1:2 aufgelegt hatte. Vor dem ersten Iserlohner Tor kontrollierten die Ice Tigers das Spiel und gingen nach fünf Minuten bereits in Führung. Wie Dupuis den Puck da in seinem Handschuh spazieren trug und ihn dann Brandon Segal auflegte, war sehenswert und ein Zeichen der individuellen Klasse Nürnbergs. Das zweite Tor war dem seit Wochen stärker werdenden Yasin Ehliz zu verdanken, der den Puck am Boden liegend im Iserlohner Drittel hielt, „ich habe mir gedacht, wenn ich ihn da jetzt verlier‘, dann wird’s richtig gefährlich, also habe ich nochmal richtig Effort reingebracht“, sagte Ehliz später. Patrick Reimer behielt die Übersicht, fand Leo Pföderl, der den Puck um Sebastian Dahm legte und in Überzahl zum 2:0 traf. Danach war vor allem viel Knirschen, das Spiel verflachte, ehe Patrick Reimer in doppelter Überzahl zum 3:1 traf – und das Spiel vermeintlich gelaufen war. Und plötzlich lag der Puck wieder im Nürnberger Tor, diesmal, weil er von Milan Jurcinas Hand abgeprallt war. Es wurde tatsächlich nochmal neun Minuten spannend, den einzigen Aufreger provozierten die Schiedsrichter mit ihrer nachgespielten Sekunde.

Der Moment

Die Sekunden verrannen, Nürnberg befreite sich ein letztes Mal, vielleicht war es auch der Versuch eines Empty Netters. Alle Iserlohner Spieler bewegten sich im Nürnberger Drittel, als der Puck in ihrem landete, die Schiedsrichter pfiffen trotzdem und zogen den Videobeweis zurate. „Sie haben gesehen, was auch immer sie gesehen haben“, sagte Rob Wilson ein paar Minuten danach, „zum Glück war es nur eine Sekunde und nicht drei oder vier, weil das hätte nochmal gefährlich werden können.“ Vielleicht gibt es regelfeste Experten, die die Szene aufklären können.

Three Stars

Es war nur ein kleiner Check, den vermutlich kaum jemand wahrnahm. Patrick Reimer machte Luigi Caporusso gleich zu Beginn deutlich, dass es für ihn kein schöner Abend in der Arena werden wird. Auch danach ging der Kapitän voran, bereitete in Überzahl das 2:0 von Leo Pföderl vor und traf selbst zum 3:1. Es scheint, als würde Reimer passend zur Schlussphase der Saison zur Höchstform auflaufen.

Leo Pföderl war in einer diesmal eher durchwachsen agierenden Reihe mit Petr Pohl und John Mitchell der Lichtblick, arbeitete stets und belohnte sich mit dem 2:0. Und wie er sich da von seinen Bewachern davon schlich, den Puck annahm und den Torhüter verlud, reicht eigentlich schon für die Nominierung in dieser Kategorie.

Weil es sonst untergeht: Andy Jenike hielt, was es zu halten gab. Bei beiden Gegentoren hatte er keine Chance, dass er keinen Shotout feiern durfte, lag nicht an ihm, sondern an einem kleinen Aussetzer des ansonsten starken Philippe Dupuis und einem unglücklichen Zusammenspiel von Milan Jurcinas Hand und dem Puck.

Und sonst so?

Die Forderung kam zuletzt immer wieder auf, angesichts der starken Leistungen des Nürnberger Torhüter-Duos ist sie, vor allem aus Sicht der Fans, eine nachvollziehbare. Also habe ich Andy Jenike nach dem Spiel gefragt, was er eigentlich davon hält, dass viele in Nürnberg ihn gerne auch einmal in der Nationalmannschaft sehen würden. Seine erste Reaktion: „Ich beschäftige mich damit nicht, der Bundestrainer hat seine Torhüter für Olympia beisammen.“ Dann aber ließ er doch ein paar Einblicke in sein Seelenleben zu, „ich war immer sehr stolz, wenn ich bei der Nationalmannschaft war, dieser Wunsch ist natürlich immer da“, sagte er. „Zuerst werde ich aber von Nürnberg bezahlt, mal schauen, was gehen kann.“

 

3 Kommentare in “Spiel 38: Spannung aus dem Nichts

3 Comments
  1. klasse eintrag, vielen Dank! Gibt es denn eine Deadline bzw ein fixes Datum, an dem Marco Sturm den endgültigen Kader für Pyongdingsbumms bekanntgeben wird? Viele Grüße

    • Ich habe heute beim DEB angerufen und gefragt, wann Marco Sturm gedenkt, den Kader bekanntzugeben. Die nette Dame konnte mir allerdings nicht weiterhelfen. Und der einzige, der das auf der Geschäftsstelle wissen könnte, sei erst nächste Woche wieder da, sagte sie.

  2. Mal wieder sehr schöne geschrieben, klasse Vertretung von Sebastian 🙂

    Typisches Dienstagsspiel würde ich mal sagen.

    Yasin mit der richtigen Reaktion nach der Aktionen gegen München, womit er dadurch die völlig unnötige Niederlage miteingeleitet hat.

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