Spiel 25: Give me five!

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Bleiben wir zunächst bei den nüchternen Fakten. Die Thomas Sabo Ice Tigers (Anmerkung: Für dich Roman!) haben auch das fünfte Spiel nach der Länderspielpause gewonnen, sie haben dafür zum zweiten Mal in Folge keine Verlängerung und auch kein Penaltyschießen gebraucht. Nürnberg ist nach gut der Hälfte der Hauptrunde Tabellenführer der Deutschen Eishockey-Liga. Eishockey besteht aber aus weitaus mehr als ein paar nüchternen Fakten, die im November einer Saison zwar schon einiges aussagen, aber in ein paar Monaten dann doch wieder irrelevant sind. Das, was die Ice Tigers an diesem späten Sonntagnachmittag gegen den amtierenden Deutschen Meister gezeigt haben, war allerdings tatsächlich große Klasse. Sie haben gegen die beste Offensive der Liga kaum Chancen zugelassen und selbst fünf Tore erzielt. Grund genug, genauer auf dieses beeindruckende 5:1 zu blicken.

Warm-Up

  • Don Jackson wollte „ein Statement setzen“. Fünfmal hatte der Trainer des EHC Red Bull München zuletzt mitansehen müssen, wie seine Mannschaft von den Ice Tigers ihre Grenzen aufgezeigt bekommen hatte. Im sechsten Versuch sollte alles anders werden.
  • Dass es das nicht wurde, hätte wohl jeder erkannt, der Jackson um kurz vor 20 Uhr in den kleinen Pressekonferenzraum der Arena laufen sah. Am Freitag hatte der Meister schon 2:5 gegen Wolfsburg verloren, auf die Frage des Münchner Kollegen Günter Klein, ob er eine Reaktion seiner Mannschaft auf diese heftige Pleite hatte erkennen können, antwortete Don Jackson mit nur einem Wort: No. Dann setzte er zu einem minutenlangen Monolog aus Deutsch und Englisch an,  sprach von einer großartigen Nürnberger Defensive, „unsere sollte es auch sein“ – dass sie es nicht war, freute den Mann, der zwei Stühle weiter saß.
  • Rob Wilson hob dann gleich zu einem Lobgesang auf seine Mannschaft an. „They did a great job“, sagte er, das, was er seinen Spielern mit auf den Weg gegeben hatte, hätten die perfekt umgesetzt. „Ich bin glücklich über das, was ich von jedem heute gesehen habe“, sagte Wilson. „Wenn man den Champion schlägt, fühlt man sich gut.“ Von den bislang 25 Spielen dieser Saison sei dieses 5:1 jedenfalls das wohl beste gewesen. Der Weg, befand der Trainer schließlich, sei allerdings noch ein sehr weiter. Allerdings geht ihn Nürnberg derzeit in einer Form, die tatsächlich wieder Hoffnungen weckt für das kommende Frühjahr.
  • Genossen hat Rob Wilson den Sonntag nicht. Das hat er mit Berichterstattern gemein, die während der 60 Minuten schon einen Spielbericht für das Online-Angebot der Nürnberger Nachrichten schreiben müssen und deshalb ab dem zweiten Drittel nur noch alle zwei Sekunden auf das Eis schauen können. „Ich genieße erst, wenn ich daheim bin, mich entspanne und mir das Spiel nochmal anschaue“, sagte Wilson.
  • Dane Fox fehlte zwischenzeitlich für mehrere Minuten. Auf der Pressetribüne machten sich die ersten schon Sorgen, ob sich der beste Torschütze der Ice Tigers womöglich verletzt haben könnte. Irgendwann war er wieder da – als wäre nichts gewesen. Irgendetwas aber war. Rob Wilson ließ sich allerdings nicht entlocken, was genau. „Foxy ist gesund“, sagte er auf Nachfrage. Und grinste vielsagend. Dann hob der Kollege Jennemann nochmals zur Nachfrage an. Rob Wilson unterbrach ihn und sagte: „Er ist gesund. Foxy geht es gut.“
  • Im Tor stand Niklas Treutle. Der Nürnberger Junge durfte gegen seinen ehemaligen Verein wieder ran – und hätte beinahe einen Shutout feiern dürfen, den ihm Maximilian Kastner sieben Minuten vor Schluss versaute. „Nik war lange draußen, dann kam er zurück und hat gegen Krefeld sehr gut gespielt“, sagte sein Trainer. „Andy hat sehr viele Spiele gemacht und Nik war vor seiner Verletzung gut, deshalb war es heute sinnvoll, mit Nik ins Spiel zu gehen.“ Thema beendet.
  • Patrick Buzas wurde vor dem Spiel, etwas verspätet, für sein 500. DEL-Spiel geehrt. Herzlichen Glückwunsch an dieser Stelle!

Das Spiel

„Ein Tor kann ein Spiel entscheiden“, sagte Rob Wilson hinterher. Und tatsächlich hätte dieses Spiel auch anders laufen können, wenn Brooks Macek gleich zu Beginn, als er alleine auf Niklas Treutle zu lief, getroffen hätte. Wenn München sein erstes Power-Play nach 79 Sekunden zum 1:0 genutzt hätte. Wenn. Hätte. Danach hatten die Ice Tigers das Spiel weitgehend im Griff, David Steckel traf abgezockt zum 1:0, legte ebenso abgezockt das 2:0 von Leo Pföderl auf. Ihre erste Überzahl nutzten die Ice Tigers schon nach 16 Minuten, als hätten sie den Münchnern zeigen wollen, wie man ein Power-Play als Tabellenführer ausspielt. Patrick Reimer legte überlegt quer auf Dane Fox, der zum 3:0 traf. Marcus Weber schlenzte einfach mal aufs Tor, Steven Reinprecht war wohl noch dran und fälschte ab, offiziell wird der Treffer dennoch dem sehr starken Weber (zu ihm kommen wir noch) zugeschrieben. Marius Möchel legte sogar noch das 5:0 nach, ja, und dann war da noch das 1:5, das eigentlich kaum jemanden interessierte – außer Niklas Treutle. Von Dominanz wollte Rob Wilson dennoch nicht sprechen. Auch nicht davon, dass sie München kontrolliert hätten. „Wir haben unser Spiel dominiert“, sagte er. Wer das ganze Spiel nochmal nachlesen möchte, besorgt sich die Print-Ausgabe der Nürnberger Nachrichten (lohnt sich!) oder klickt einfach auf diesen Link: www.nordbayern.de/sport/machtdemonstration-ice-tigers-zerlegen-munchen-mit-5-1-1.6922652

Der Moment

Ein Moment? An einem solchen Tag? Ernsthaft? Man könnte von David Steckels Präsenz sprechen, von jedem einzelnen Tor, weil jedes für sich irgendwie schön war. Davon, dass Steve Pinizzotto auch ohne Extrabehandlung kaum aufmuckte. Vom Strahlen in den Gesichtern der Spieler, als sie mit ihren Kindern noch einmal in die volle Arena hinausliefen, die ihnen stehend Applaus spendete. Aber es soll ja ein Moment sein – und dieser Moment war wohl das Interview mit David Steckel hinterher. Er bewies nämlich, dass solche Gespräche nicht immer nur aus Phrasen wie „tough game“bestehen müssen. Nein, Steckel wusste dieses 5:1 realistisch einzuschätzen und dachte zurück an die vergangene Saison. „Da haben wir sie viermal besiegt“, sagte er, am Ende wurde aber München Meister und die Ice Tigers durften im Halbfinale der unendlichen Leidensgeschichte in und gegen Wolfsburg ein neues Kapitel hinzufügen. „Es war ein großes Spiel heute“, sagte Steckel also, „aber für diesen Sieg gibt es auch nur drei Punkte“.

Three Stars

Und schon wieder David Steckel. „Er war heute der beste Spieler beider Mannschaften“, sagte Rob Wilson hinterher, als er auf die außergewöhnliche Leistung seines Offensivspielers angesprochen wurde. Er ebnete mit seinem Tor zum 1:0 den Weg zum Sieg, behauptete vor dem 2:0 klug den Puck und passte ihn zielgenau auf Leo Pföderl. Er war überall, eroberte Pucks, checkte, kämpfte, biss, er war tatsächlich: der beste Mann auf dem Eis. Sein Trainer adelte ihn mit diesen Worten: „Er ist eine Maschine. Er spielt hart, mit viel Charakter und viel Beharrlichkeit. Deswegen war er auch so lange in der NHL, er ist ein Top-Spieler und bringt das auch in unsere Mannschaft.“ Spiele wie dieses München liegen Steckel besonders, hat sein Trainer gerausgefunden, „er mag jedes Team, das ihn hasst und tut alles, um zu gewinnen. Er liebt es zu kämpfen, das kommt in solchen Spielen wie heute raus.“

Marcus Weber war nicht mehr sehr gesprächig. Erst sollte er dem Fernsehen etwas erzählen, dann kamen auch noch die Kollegen vom Radio – und als er sich schon unter der Dusche wähnte, stand auch noch so ein Zeitungsjournalist vor ihm. Er verzog kurz das Gesicht – und plauderte dann trotzdem noch ein paar Minuten. Seinen eigenen Anteil am Erfolg wollte er gar nicht so hoch hängen, er sprach lieber von einer „super Mannschaftsleistung, das hat Spaß gemacht, darum spielen wir Eishockey“. Sein Schlenzer zum 4:0 sei ein „schöner Bonus“, er habe „einfach mal geschossen, weil ich gesehen habe, dass Reino dem Torwart die Sicht nimmt“. Und tatsächlich war dieses Tor nur die Krönung einer bärenstarken Leistung von Marcus Weber, der sich an der Seite des erfahrenen Tom Gilbert prächtig entwickelt hat. „Wir sprechen sehr viel miteinander, er gibt mir viele Tipps“, sagte Weber. „Wir passen gut zusammen als Pärchen.“

Der dritte Stern könnte wohl an jeden anderen Tiger gehen, der an diesem sonntäglichen Eishockey-Fest mitgewirkt hatte. Das sah auch Rob Wilson so, der eigentlich niemanden herausheben wollte. Und deshalb küren wir Rob Wilson zum dritten Mann des Tages, weil man es ihm – bei aller journalistischen Distanz – auch einfach mal gönnen darf, dass sich seine intensive und akribische Auszeit auszahlt. Rob Wilson ist ein sehr sympathischer Mensch, er ist ein sehr guter Eishockey-Trainer – es fehlt nur noch, dass er nicht mehr nur ein erfolgreicher Coach ist, sondern der, der es zum ersten Mal geschafft hat, Nürnberg zum Meister zu machen. Aber das ist noch weit weg, am Mittwoch ist Halbzeit. Und Nürnberg muss in Iserlohn ran. Harter Alltag. Für Rob Wilson, die Ice Tigers und Berichterstatter.

Und sonst?

Es ist inzwischen 22:51 Uhr, ich arbeite seit 10 Uhr morgens. Habe zwei Texte über Ringen geschrieben, über Fußball, einen Online-Spielbericht über die Ice Tigers, einen Artikel für die gedruckte Ausgabe der Nürnberger Nachrichten. Und ich will auch gar nicht klagen. Denn andere hat es schlimmer erwischt. Sebastian Böhm hat das Eishockeyfieber auf zwei Kollegen der Sportredaktion der Nürnberger Nachrichten übertragen. 52 Hauptrundenspiele, dazu noch möglichst viele in den Playoffs, das kann selbst ein ausgewiesener Experte auf Dauer nicht leisten. Aber Spiele wie dieses sind eigentlich Chefsache. Wer dienstags gegen Iserlohn und Bremerhaven mit 4000 anderen in der Arena sitzt, der will natürlich auch dabei sein, wenn die Ice Tigers München empfangen, noch dazu als Tabellenerster. Aber diesmal hat irgendjemand eine diffuse Fieber-Unwohl-Kopfweh-Krankheit (nein, keine Männergrippe) auf Sebastian Böhm übertragen. Deshalb gab es nach dem vergangenen Heimspiel gegen Ingolstadt keinen Blogeintrag – und deshalb musste ein Fürther Arzt ertragen, wie ein 40 Jahre alter Mann ihn vergeblich anflehte, ihn doch bitte nicht zu lange krankzuschreiben, keinesfalls länger als bis Sonntagnachmittag um 16.30 Uhr. „Bis einschließlich Montag bleiben sie daheim“, sagte der nette Arzt aber bloß. Gegen Eishockeyfieber scheint der werte Mediziner scheinbar also bereits geimpft zu sein. Am Sonntagnachmittag um 16.30 Uhr hat sich Sebastian Böhm deshalb zuhause auf dem Sofa erholt, hat ein bisschen mit seinen Kindern gespielt und nebenbei Eishockey geschaut. Am Freitag darf er wieder in die Arena. Gegen Schwenningen. Er freut sich schon. Wirklich. Gegen München dürfen die Ice Tigers in dieser Saison ja noch öfter ran.

6 Kommentare in “Spiel 25: Give me five!

6 Comments
  1. Bestes Spiel der Ice Tigers in dieser Saison. Überragende Defensivleistung, viel Biss in den Zweikämpfen und endlich mal wieder spielerische Linie. Weiter so!
    Pföderl-Steckel-Mitchell: Diese Reihe wird uns noch viel Freude bereiten!
    Weber mit starker Saison bisher, setzt sich auch offensiv immer besser in Szene.

  2. Danke für den prima Beitrag. Da ist nicht so viel hinzufügen. Vielleicht noch ein paar Dinge.

    Die Defensive ist in aller Munde. Alle Medien berichten ja inzwischen darüber. Doch nicht nur bei gleicher Spielerzahl auf dem Eis arbeitet das ganze Team defensiv sehr stark. Auch in Unterzahl steigen die Werte. In den letzten 10 Spielen haben wir eine Unterzahlquote von 92%. Wir haben nur 3 Gegentreffer bei 4to5 und einen bei 3to5 erhalten. Ein echtes Bollwerk in allen Situationen.
    Auch wenn es im Sturm mal nicht so läuft mit dem Tore schießen, haben wir durch die Defensive in jedem Spiel die Chance auf Punkte (in 21 von 25 Spielen gepunktet).
    Zuhause sehen die Werte noch besser aus. Ein Gegentorschnitt von 1,57 ist brutal gut. Und in 13 von 14 Spielen gepunktet. Wir werden echt verwöhnt.

    Übrigens hat mir Reinprecht gestern auch wieder sehr gut gefallen. Gibt es sonst einen Stürmer im Team, der so viel Eiszeit hat? Absoluter Respekt

    Bin sehr gespannt wie es weiter läuft. Die nächsten beiden Spiele werden sicher spannend. Denn Iserlohn und Schwenningen sind aktuell zwei Top6 Teams.

  3. Vielen Dank für den Beitrag Herr Fischer, bestens gelungen. Tolle Leistung gegen München. Die bisherigen Leistungen machen Hoffnung auf mehr in dieser Saison. Wobei ich nicht verhehlen kann das es mit den Siegen nicht immer so weiter gehen wird. Das Spiel in Iserlohn und Daheim gegen Schwenningen sowie die 4 Auswärtsspiele hintereinander werden schon ein bisschen die Richtung aufzeigen wohin die Reise geht. Ansonsten erfreue ich mich an den bisher gezeigten Leistungen.

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