Spiel 22: Plüschgetier für Tante Elfriede

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

Die Geschichte stimmt tatsächlich. Patrick Reimer hat sich in der ersten Drittelpause danach erkundigt, wie viele Teddy-Bären noch erhältlich sind und hat dann erklärt, dass die Spieler den Rest kaufen, die Fans sie abholen können, um sie mit dem anderen Plüschgetier aufs Eis fliegen zu lassen. Man kann die Freude ignorieren, die die Kuscheltiere in vielen sozialen Einrichtungen auslösen werden, die Spenden, die gesammelt wurden, und den Family Day samt Teddy Bear Toss als neumodischen Exzess eines sich immer mehr vor seinen Ursprüngen entfernenden Sports verurteilen. Letztlich aber bleibt ein Eindruck zurück: Patrick Reimer cares, Patrick Reimer kümmert sich. Es folgt, für einen neutralen Journalisten zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, ein von Reimer-Würdigungen strotzender Blog-Eintrag zum 2:1-Penalty-Sieg gegen Straubing:

Warm-up

  • Straubing ist Letzter, hat aber nicht die Mannschaft eines Letzten und hat auch nicht gespielt wie ein Letzter, womit eine beliebte Sportphrase schon zu Beginn abgearbeitet ist. Sehr schön.
  • Ein Punktverlust des Ersten gegen einen Letzten muss nicht immer peinlich oder das Ergebnis unzureichender Leistungsbereitschaft sein. Ein Punktverlust des Ersten gegen einen Letzten kann zuweilen auch das Ergebnis einer überzeugenden Leistung des Letzten sein.
  • Straubing hatte einen Plan, an den offensichtlich auch die Spieler geglaubt hatten: Nürnberg das Tempo nehmen, die Ice Tigers in aufreibende Bandenzweikämpfe zwingen, nur bei Fehlern schnell und konsequent umschalten, auf Drew MacIntyre vertrauen. Guter Plan.
  • In Augsburg waren die Ice Tigers nicht vorbereitet, in Düsseldorf waren sie arrogant, in Bremerhaven eine halbe Stunde eindeutig schlechter als die Pinguins [sick!]. Gegen Straubing aber war die Leistung bis zur 30. Minute absolut in Ordnung, mal abgesehen, dass es manchen Aktionen angesichts von fünf Spielen in elf Tagen an absoluter Entschlossenheit mangelte. Danach rieben sie sich auf, während ihre Gegner mit jedem gewonnenen Bandengerumpel selbstbewusster wurden.
  • Ein Manko war allerdings auch gegen Straubing auffällig: Wirklich krachen haben es die Ice Tigers in dieser Saison noch nicht lassen. Milan Jurcina ist immer mal wieder böse, Brett Festerling konsequent. Dass die ganze Mannschaft ihre Körperlichkeit voll ausspielt, das meine ich bislang noch nicht gesehen zu haben. Aber auch das ist wohl okay, wenn sie vor dem ersten Playoff-Spiel den Schalter umlegt. Das Konzept Jeden-Check-zu-Ende-fahren halte ich ohnehin für überholt.

  • Eine Frage, die ich zu stellen vergessen habe: Versuchen die Ice Tigers den gegnerischen Torhüter mit ihren Penaltys einzuschläfern? In Bremerhaven sind sie schon kaum in der Nähe des Torraums angekommen, gegen Straubing waren Dupuis und Mitchell auch wieder extrem langsam. Nur Patrick Reimer beschleunigte angemessen, schien das zu machen, was er immer macht, und traf trotzdem. Auf seinen Gesichtsausdruck kommen wir später noch zurück.
  • Für Leo Pföderl gilt auch weiterhin: In den Playoffs würde er spielen. Steven Reinprecht kam in die Arena wollte spielen, obwohl er die letzten zwölf Stunden entweder im Bett oder auf der Toilette oder auch dem Weg zwischen Bett und Toilette zugebracht hatte. Offenbar war ihm diese etwas eigene Spielvorbereitung anzusehen, weshalb ihn Wilson wieder nach Hause schickte.
  • Nachdem Rob Leask 40 wurde, habe ich gefragt, inwiefern sich seine Ernährung auf seinen außergewöhnlichen Fitnesszustand auswirkt. Mittlerweile ist Leask Co-Trainer in Straubing, 46 Jahre alt und immer noch eine Maschine. Im Sommer oder zum Beispiel in der Deutschland Cup-Pause trainiert Leask in der selben Crossfit-Box wie ich. Vor einer Woche haben wir einen Workout zusammen absolviert – oder eher: gegeneinander. Leask hatte nicht bis ins hohe Profi-Alter spielen können, weil er nach sechs Uhr abends keine Kohlehydrate mehr oder Zucker nur mittwochs von 11.37 Uhr bis 11.58 Uhr zu sich genommen hat. Leask war und ist einfach fit.

Das Spiel

Tom Pokel hatte genug gesehen. Und zwar bereits nach 26 Minuten. Eishockey-Trainer behandeln ihre lächerlich kurzen Auszeiten meist, als könnte man mit ihnen im richtigen Moment, Trump zur Aufgabe zwingen oder den Nahost-Konflikt lösen. Pokel aber ahnte, dass nach einem Icing beim Stand von 0:1 der richtige Zeitpunkt gekommen war. Das Ergebnis war ein weiteres Icing. Zwei weitere Wechsel später aber hatte Thomas Brandl tatsächlich eine Chance, was zuvor nahezu überhaupt nicht vorgekommen war. Plötzlich hatte Andreas Jenike gut zu tun, plötzlich war Andreas Jenike der Grund, warum die Ice Tigers eine halbe Spielstunde später in der Verlängerung doch noch ihre Überlegenheit vorführen durften. Coach Wilson bemängelte danach, dass es seine Mannschaft verpasst hatte, zwischen Philippe Dupuis‘ (oder Oliver Mebus‘) 1:0 und Pokels Auszeit das 2:0 nachzulegen. Spätestens in der Overtime aber hätten die Ice Tigers treffen müssen. Wilsons Zusammenstellungen (Steckel und Gilbert in einem Trio, Dupuis nicht mit Ehliz, zu viel Eiszeit für Reimer, Fox erst im Power-Play, nach einem groben Fehler aber mit einer unverhofften zweiten Chance) aber wirkten nicht besonders glücklich und dann hatten diese Straubinger ja auch noch einen ganz okayen Goalie.

Der Moment

Nach dem Spiel in Bremerhaven sagte Coach Wilson Ehliz, Reinprecht und Reimer, dass er sie in der Saison noch nicht so stark gesehen habe wie bei diesem wilden 5:4. Der Kollege Joachim Meyer von den Eishockey News und ich sagen, dass wir alleine Reimer noch nicht so stark gesehen hatten. Sein Pass auf Oliver Mebus war Extraklasse und auch ansonsten wirkte er wieder spritziger und kreativer als vor der Deutschland Cup-Pause. Gegen Straubing setzte er das fort, wenngleich die Reihe ohne Reinprecht sowie mit einem seltsam gehemmt wirkenden Yasin Ehliz und dem noch immer arg puckverliebten John Mitchell nicht wirklich zu harmonieren schien. Vor dem entscheidenden Penalty sagte Wilson: „Captain, go, get us the win!“ Und so kam es dann auch. „Das hilft ihm vor allem mental“, sagte der Coach danach. „Patrick arbeitet so hart. Er kümmert sich so sehr. Er will dem Team helfen. Und er hilft dem Team auf so vielfältige Weise. Jeder sieht seine Tore, aber es gibt so viele andere Dinge, die er macht. Jetzt hat er keinen Druck mehr, seine Reihe hat bereits so viele Spiele verpasst, und niemand, weder die Fans, die Presse noch er selbst, muss sich darum kümmern, ob er Topscorer wird. Nein. Er kann sich darauf fokussieren, Eishockey zu spielen. Jeder hat ihm diesen Siegtreffer heute gegönnt.“ Blenden wir aus dem Pressekonferenzraum in das Gesicht von Patrick Reimer, beobachten wir die Freude, die Erleichterung, vor allem die Bestätigung. Der Kapitän hat sich mit diesem 2:1 bestätigt, dass er es noch kann. Vielleicht war dieser Penaltysieg wertvoller als jedes andere 3:1

Three Stars

Es ist unwahrscheinlich, dass Andreas Jenike überhaupt noch einmal von einem gegnerischen Penalty-Schützen überwunden wird. Aber schon zuvor hat er gezeigt, ja, hat er zeigen müssen, wie stark er gerade im Eins-gegen-Eins ist. Dazu hat er eine Strafe gezogen, seine Fanghand mehrmals ausgeführt und seine Schoner flitzen lassen. Jenike ruht in sich, wenn ihm nicht gerade ein Pinguin [sick!] unter der Arbeitskleidung herumstochert.

Wer hatte heute die meisten Chancen? Reimer, Fox, Dupuis. Vielleicht. Gefühlt war es Oliver Mebus, der sich immer wieder geschickt mit einschaltete und vielleicht sogar seinen zweiten Saisontreffer (zugleich sein drittes Tor für die Ice Tigers insgesamt, oder: das zweite Tor in zwei Spielen) erzielte. Wahrscheinlich wird der CAS klären müssen, ob es Philippe Dupuis war oder ein Straubinger war, der den Schuss des Nürnberger Verteidiger entscheidend abfälschte. Es ist aber auch egal, weil Mebus derzeit mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein spielt. Mebus war von Beginn ein umsichtiger, cleverer Verteidiger mit der größten Reichweite der gesamten Liga. Dass sich sein großes Talent nicht jedem offenbarte, liegt allein an seinen 2,06 Metern. Derzeit aber ist Mebus Nürnbergs vielleicht bester Verteidiger. Wie bitte? Ja, Mebus ist derzeit vielleicht Nürnbergs bester Verteidiger. (Mehr über den derzeit vielleicht besten Nürnberger Verteidiger in der Dienstagsausgabe der Nürnberger Nachrichten)

Noch einmal Patrick Reimer: Nürnbergs auffälligster Stürmer heute. Dass er im (weiterhin schwächelnden) Power-Play nicht mehr die erste Anspielstation ist, kann derweil eine gute Entwicklung sein. Dass Dane Fox auf der anderen Seite seine Rolle eingenommen hat, das wiederum muss keine gute Entwicklung sein.

Für Tante Elfriede

Literaturagent ruft an, fragt, ob ich ein Buch über die Ice Tigers schreiben will. Von 111 Gründen spricht er. Ich frage, wer soll das kaufen. Er sagt, sie werden sich wundern. Wir einigen uns. Er schickt zwei Verträge, in einem steht etwas davon, dass ich für Lesereisen zur Verfügung stehen muss. Ich lache. Ein dreiviertel Jahr später sitze ich vor erstaunlich vielen Menschen neben Patrick Reimer auf einem Barhocker. Neben uns erzählt die Chefin der Thalia-Filiale, dass diese Veranstaltungen im dritten Stock selten von so vielen Menschen besucht werden. Danach reden wir drei mal zwanzig Minuten miteinander. Entgegen der Prophezeiungen meines sieben Jahre alten Sohns („Ich stelle mir eine Lesung so vor: Du sitzt auf einer Tribüne, drumherum sitzen Menschen und starren dich an. Irgendwann schlafen alle ein.“) nickt niemand ein, immer wieder wird gelacht. Es macht Spaß. Eine Lesung findet nicht statt. Offensichtlich haben alle Besucher das Buch längst gelesen. Danach signieren wir Bücher. Ich schreibe zum Beispiel: „Für Tante Elfriede Sebastian Böhm.“ Patrick Reimer schreibt dazu: „Patrick Reimer.“

Patrick Reimer ist ein großartiger Eishockey-Spieler, einer der besten in der Geschichte der Deutschen Eishockey Liga. Patrick Reimer ist vor allem aber ein großartiger Mensch. Rob Wilson hat das schon des öfteren gesagt, ich habe das schon häufiger geschrieben, zuletzt auch im Buch „111 Gründe, die Ice Tigers zu lieben“. Am Samstag hat er das erneut bewiesen. Nicht weil er dazu vertraglich verpflichtet gewesen wäre. Oder weil er sonst irgendeinen Vorteil davon gehabt hätte. Er hat es einfach für seine Fans gemacht. Und für mich. Vielen Dank.

Foto: Thomas Hahn/Sportfoto Zink

6 Kommentare in “Spiel 22: Plüschgetier für Tante Elfriede

6 Comments
  1. Ich war zwar nicht bei der Vorstellung von Sebastian Böhm´s Buch, habe mich aber bereits seit einiger Zeit in dieses tolle Buch verliebt. Immer wieder lese ich einige Geschichten und schmunzle in mich hinein. EIN MUSS FÜR JEDEN EISHOCKEFAN.

  2. Schweres Spiel gestern, mir hat Festi noch gut gefallen, zudem spielt Weber seit Wochen wie verändert, hat eine gute Entwicklung genommen.

    Erfrischend fand ich auch Tom Pokel auf der PK, sehr zutreffende Spielanalyse, offen und klar. Er könnte zu Straubing passen.

    John Mitchell muss aufpassen, dass er hier in der Liga nicht sein ursprüngliches Spiel verliert, in den meisten Szenen einfach zu puckverliebt. Die Reihe mit Reimer und Ehliz war vor allem daher überhaupt kein Faktor gestern.

  3. Zum Glück gab’s am Samstag die Buchvostellung als Wochenhighlight des Nürnberger Eishockeys. Mein Buch-Exemplar kommt (hoffentlich) heute. Da ich schon Gelegenheit hatte etwas reinzulesen, ist die Vorfreude umso größer…
    Die beiden drumherum gelegten Spiele – puh. Typische, zähe DEL-Herbst-Kost. Leider vor allem unsererseits. Dennoch: vier Punkte erkämpft.

    Ich gebe Stefan bezüglich Mitchell zwar recht, dass er mitunter schon zu puckverliebt agiert, halte aber entgegen, dass er vielleicht gerade deswegen als einer von ganz wenigen Torgefahr ausstrahlt – siehe Bremerhaven. Wer soll sonst im Moment außer ihm und Dupuis treffen?

    Neben der leidigen Dauerbaustelle Powerplay macht mir unser Offensivspiel ohnehin gewisse Sorgen. Nicht nur die Anzahl der erzielten Treffer ist gemessen an der Qualität der Stürmer relativ gering. Vor allem die Tatsache, dass vieles über die individuelle Klasse Einzelner, aber zu wenig über gelungene Spielzüge funktioniert, ist auffällig.
    Die physische Wucht gepaart mit gefälligem, schnörkellosem Offensivspiel, eben das, was uns vor ziemlich genau einem Jahr so stark machte, vermisse ich in dieser Saison weitestgehend. Wirkliche Dominanz hat man bisher selten ausgestrahlt.
    Insofern freue ich mich über ein überraschend gut gefülltes Punktekonto, das meines Erachtens zu einem nicht unerheblichen Teil den bärenstarken Torhütern zu verdanken ist und hoffe, dass man die verbleibenden 30 Spiele nutzt, um weiter fleißig zu punkten, aber auch an den offenkundigen Mängeln zu arbeiten.

  4. Leider leider war ich am Samstag verhindert, denn ich hätte so gerne ein Exemplar mit deiner Unterschrift, Sebastian.

    Deshalb: Habt ihr vielleicht mehr Bücher unterschrieben als gewünscht?
    Liegen eventuell in Thalia von dir unterschriebene Bücher bereit?

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