Spiel 9: Wirklich ein sehr guter Mensch

Foto: Roland Fengler

Die Geschäftsstelle des EC Bad Tölz wird am Mittwochvormittag nicht besetzt sein. Und in Nürnberg wird am Vormittag nicht trainiert. Zu viele Spieler würden fehlen. In ganz Eishockey-Deutschland werden Trainingseinheiten ausfallen. Spieler, Trainer, Manager, für sie alle gibt es an diesem Mittwochvormittag etwas Wichtigeres. Eishockey-Deutschland – wahrscheinlich tatsächlich ein großer Teil davon – nimmt Abschied vom Mannsbild Lenz Funk. Seine Ideen, sein Humor und seine Wärme werden wir alle im Herzen behalten.
5:4 gegen Fischtown – alles weitere Unwichtige dazu nach dem Sprung.

Warm-up

  • Gegen Mannheim bewies diese Mannschaft 65 Minuten lang, wie gut sie sein kann. Ansonsten reichte es gegen Köln zu zwei starken Dritteln, in Berlin, gegen Schwenningen, Iserlohn und Düsseldorf ebenso. In Ingolstadt waren die Thomas Sabo Ice Tigers die Hälfte des Spiels besser als ihr Gegner, in Augsburg keine Sekunde. Konstanz ist noch nicht die Stärke dieses Jahrgangs.
  • Der Kollege Joachim Meyer von den Eishockey News hat mich auf etwas aufmerksam gemacht, was man hätte wissen müssen als Reimerologe. Seit Patrick Reimers Wechsel von Düsseldorf nach Nürnberg haben die Ice Tigers nur einmal zwei Spiele in Folge ohne ihn auskommen müssen. Drei Spiele, so lange hat die Mannschaft noch nie ohne ihren Führungsspieler spielen müssen. Wilsons letztes „little knock“ war beinahe zutreffend. Oliver Mebus spielte bereits eine Woche nach seiner schweren Knieprellung wieder. Reimers little knock ist hingegen doch nicht ganz so little.
  • Reinprecht, Reimer, Ehliz, Dupuis oder Pföderl? Nein, nach neun Spielen hat kein Ice Tiger mehr Punkte gesammelt als Dane Fox (5 Tore, 4 Vorlagen). Zweiter in der Scorerliste: Verteidiger Taylor Aronson (3/5). Auf ehky365.de soll traditionell die Arbeit von Martin Jiranek bewertet werden. Bislang ganz ordentlich – könnte man da antworten. Fox spielte in der Vorsaison noch in Kansas City, Aronson in Togliatti.
  • Tom Gilbert spielte ebenfalls nicht für die Ice Tigers, sondern zunächst sogar noch in der NHL. Wie Kurtis Foster und Danny Syvret wird er deshalb genau beobachtet, wie Foster und Syvret wird er allmählich von den Fans allmählich deutlicher kritisiert. Dabei hat er gegen Bremerhaven sogar getroffen – allerdings nur das Gesicht seines Kollegen Nichlas Torp. Gilbert hat offensichtlich noch Probleme damit, seine neue Rolle anzunehmen. Nummer-eins-Verteidiger, das musste er schon lange nicht mehr sein. Vielleicht hilft es ihm, in Europa anzukommen, dass längst Taylor Aronson der Nummer-eins-Verteidiger der Ice Tigers ist. Meine Prognose: Um Gilbert muss man sich keine Sorgen machen. Damit kann man mich nach 26 Saisonspielen gerne zitieren.
  • Warum beginnt dieses Aufwärmprogramm überwiegend mit negativen Einschätzungen? Um aufzuzeigen, wie positiv der Saisonstart der Ice Tigers zu bewerten ist. Trotz dieser Mängel und Schwächen sind sie Tabellenführer der DEL. Noch viel wichtiger aber ist, dass diese Mannschaft noch viel besser werden kann und Rob Wilson für die restlichen eher unbedeutenden 43 Spiele genug Arbeit hat.

Das Spiel

Es gibt einen Grund, warum die Ice Tigers seit Jahren diese Liga am Punkt dominieren. Rob Wilson ist ein Bully-Fetischist. Dass es ihm dabei nicht allein um die Quote geht, hat Spiel fünf gegen Fischtown exemplarisch vorgeführt. Wilson hat für jede Situation einen Plan vorgegeben. „Wir haben das in diesem Jahr exzellent gelöst.“ An diesem Tag der Einheit aber haben sie sich zweimal nicht daran gehalten. „Nachdem Steckel sein Bully verloren hat, haben wir uns falsch verhalten, obwohl wir das vor dem Spiel noch einmal vorbereitet hatten. Aber wir haben abgeschaltet und das Bully nicht richtig zu Ende gebracht. Das hat uns ein Tor gekostet. Dups hat danach sein Bully gewonnen, aber auch das haben wir nicht richtig zu Ende gebracht. Und bevor man zweimal hingesehen hat, haben uns diese zwei Bullys, mit denen wir wirklich bislang keine Probleme gehabt hatten, zwei Tore gekostet. Da geht es um Fokus. Ich mache dafür auch niemanden verantwortlich. Vielleicht war es Müdigkeit im dritten Spiel in fünf Tagen.“ Langes Zitat, kurzer Sinn: Coaches machen in den seltensten Fällen den Letzten einer Fehlerkette für ein Gegentor verantwortlich. Manchmal ist das erste Glied einer Fehlerkette ein Bully. Genau deshalb hat Wilson nach dem 3:3 eine Auszeit genommen. Wir Journalisten, Fans, Fanjournalisten stellen uns vor, dass Coaches in diesen 30 Sekunden laut und deutlich werden, dass sie ihrer Mannschaft zuraunen, dass sie sich verdammt noch einmal zusammenreißen soll. Dabei erinnern sie ihre Spieler zuweilen nur daran, wie sie sich nach dem Bully zu verhalten haben. Thomas Popiesch sagte danach: „Die Chancen von Nürnberg waren einfach zu deutlich. Vom Arbeitseinsatz hätte sich meine Mannschaft vielleicht einen Punkt verdient. Von der Qualität des Nürnberger Spiels, gerade in der offensiven Zone, geht denn der Sieg auch in Ordnung.“ Der Trainer der Pinguins bewertete das einseitige und dennoch denkbar spannende Spiel nüchtern. Die Ice Tigers waren klar besser, dominierten ihre Gäste im ersten Drittel, waren im zweiten besser, wackelten dennoch im Schlussabschnitt und mussten sich letztlich auf zwei Geniestreiche von Philippe Dupuis und Leo Pföderl verlassen. Das Spiel war trotzdem besser, als es die Torfolge aussagt. Die Ice Tigers zwangen die Pinguins immer wieder zu Fehlern im Aufbau. Die Defensive von Fischtown stand zu tief, die Offensive zu hoch – dazwischen holten sich die Ice Tigers ihre Pucks ab. Die Ice Tigers führten die Pinguins vor, verwerteten ihre viele Chancen nach dem Torhüterwechsel aber viel zu nachlässig. Und dann wurden auch noch zwei Bullys nachlässig bearbeitet – deshalb wurde ein einseitiges Spiel doch noch spannend.

Der Moment (präsentiert von der Einbürgerungsbehörde Bremen)

Schneller müsste es gehen, dieses Power-Play, präziser. Taylor Aronson müsste mehr eingebunden werden. Insofern war das Überzahlspiel in der 29. Minute ein deutlicher Fortschritt. Die Ice Tigers spielten Tic-Tac-Toe mit ihren Gegnern, eine Reihe von drei Kreuzen aber entstand nach eindrucksvollen 100 Sekunden dann doch nicht. Die Pinguins konnten sich wohl selbst nicht erklären, warum sie diese Unterzahl ohne Gegentor überstanden hatten, aber sie erkannten die sich daraus ergebende Chance. Auf den Höhepunkt der Nürnberger Überlegenheit folgte die beste Phase der Gäste. Und den Ice Tigers blieb ein weiteres Mal die Erkenntnis, dass das schönste Power-Play ohne Torerfolg nutzlos bleibt. Oder in den Worten von Leo Pföderl: „Wir haben uns einfach g’stellt (im Sinne von angestellt, der Autor). Wir hätten einfach die Tore schießen brauchen, dann hätte alles ‚passt.“

Leo Pföderl

Wir Ahnungslosen auf der Pressetribüne sagen in solchen Fällen immer: Wenn der Pföderl einmal trifft, dann trifft er das nächste Mal auch wieder. Ist das ein Gedanke, der Ihnen vor ihrem ersten Saisontor am Freitag auch gekommen ist?
Leo Pföderl: Das geht einem schon durch den Kopf. Das sagt ja nicht bloß ihr. Das hört man oft und überall. Ich bin einfach froh, dass es jetzt geklappt hat. Jetzt geht es einfach weiter. Viere san ned gnua für eine Saison und deswegen geht es ab morgen wieder an die Arbeit.

Am Freitag war es vielleicht ein wenig zu früh, darüber zu reden. Wie sehr hat Sie denn der Tod von Lenz Funk getroffen? War wahrscheinlich schwierig, das vor dem Spiel gegen Schwenningen auszublenden.
Pföderl: Ja… Das war schon ein Schock, weil ich eher auf dem Stand war, dass es ihm einigermaßen gut geht, den Umständen entsprechend. Dann ist der Yasin vor dem Spiel in die Kabine gekommen und hat mich gefragt: Hast es schon gehört? Ja, was gibt’s Neues? Der Lenz… Und dann haben wir erst einmal schlucken müssen. Dann gibt es immer noch Gedenkminuten, die machen es auch nicht immer besser. Das ist natürlich völlig verdient. Aber es schon hart gewesen, weil wir ihn wirklich gut gekannt haben und weil er wirklich ein überragender Mann war.

Am Mittwoch fahren Sie zu seiner Beerdigung?
Pföderl: Ja, nicht nur ich. Wir sind schon ein paar. Da wird viel los sein. Und das ist auch gut so. Weil er war wirklich ein sehr guter Mensch.

Three Stars

Philippe Dupuis. Im Treppenhaus sind wir uns danach über den Weg gelaufen. Ich nannte ihn Bobby Orr. Er grinste. Bei seinem Solo übers halbe Eis vor dem Bobby-Orr-Gedächtnissprung darf man nicht außer Acht lassen, wie mies Bremerhaven Dupuis verteidigt hat. Und nachdem er den Puck aus seinem Wohnzimmer in den Slot gerutscht hat, war Glück dabei, sonst wäre die Scheibe nicht beim geistesgegenwärtigen Dane Fox gelandet. Zwei Punkte in diesem Spiel, zusätzlich zur Defensivarbeit, reichen aber natürlich aus, um ihn in diese Shortlist aufzunehmen.

Leo Pföderl. Zweimal wurde er direkt vor dem Abschluss per Stockschlag am Torschuss gehindert, zweimal verfehlte er das Tor, zweimal verhinderte Pöpperle ein Erfolgserlebnis. Hätte Leo Pföderl nicht auch noch einmal per Vorhand und einmal per Rückhand getroffen, es wäre wohl das typische Spiel eines hadernden Torjägers geworden. Seit Freitag aber gibt es den nicht mehr. Pföderl vibriert wieder, strahlt in nahezu jedem Angriff Torgefahr aus und lacht ungläubig darüber, wenn ihm nur Zentimeter zum Glück fehlen.

Oliver Mebus. Ja, ja, der Mebus, der einmal den Puck leichtfertig vertändelte und nur von der Abseitsstellung eines Bremerhaveners gerettet wurde. Und eben auch der Mebus, der so viel wichtiger für diese Mannschaft ist, als das all jene glauben wollen, die einem 2,06 Meter großen Verteidiger nicht zugestehen wollen, dass er sich nicht ganz so elegant bewegt wie Erik Karlsson. Es gibt einen Grund, warum ihm Wilson so viel Eiszeit gibt. Mebus macht die Ice Tigers durch seine Reichweite, durch seine Spielintelligenz und seine Ruhe besser. Eine seiner drei Chancen hätte er gegen Bremerhaven allerdings schon nutzen können.

Und sonst?

Leo Pföderl sollte Rasenball München vor dem Spitzenspiel am Freitag einschätzen. Folgendes hat er sich dazu einfallen lassen: „Ich habe keine Ahnung, ich habe noch kein Spiel von München gesehen. Ich habe keine Ahnung, ob die Zweiter, Dritter, Zwölfter oder Vierzehnter sind.“ Sie sind Dritter, Leo. Die Ice Tigers sind übrigens Erster – es ist aber nicht unwahrscheinlich, dass ihm das ziemlich einerlei ist.

Ich fürchte, diesmal ist nichts dabei, um im weiterhin sehr empfehlenswerten Podcast der Shorthanded News erwähnt zu werden. Auch ich muss konstanter werden.

Auch wenn Brandon Prust nicht vorkommt, „Ice Guardians“ auf Netflix ist sehr empfehlenswert – nicht nur für jene, die der Faustkämpfe wegen zum Eishockey gehen, sondern auch für jene, die trotz der Faustkämpfe zum Eishockey gehen.

Weil mir gerade danach ist – „don’t let anyone say that it’s just a game“ (genau so eine Hymne braucht jeder Klub – gerade jene, die den ganzen Weg noch nicht gegangen sind):

5 Kommentare in “Spiel 9: Wirklich ein sehr guter Mensch

5 Comments
  1. Neun zum Teil sehenswerte Tore und Spannung bis zum Schluss. Letzteres war sicher auch der dürftigen Chancenverwertung geschuldet. Ich denke es war dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, ein sehr unterhaltsamer Nachmittag. Dass es ein verdienter Sieg war, dürfte zweifellos klar sein.

    Bei den Three Stars bin ich absolut dabei. Im Kollektiv würde ich diesmal noch die 4. Reihe nennen, die diesmal ordentlich Power und Speed auf’s Eis gebracht hat. Hätten einen Treffer verdient gehabt.
    Bin übrigens aus mehreren Gründen der Meinung, dass Weber im Sturm besser aufgehoben wäre, als hinten.

    Zu Gilbert:
    Er hat sich mMn schon gesteigert, wirkt aber hin und wieder noch unkonzentriert. Manchmal sieht man aber schon, dass er viel Routine und, ja, auch Klasse hat. Um ihn mache ich mir auch keine großen Sorgen.

  2. Alanov hat mir gestern gut gefallen,sollte definitiv regelmäßig bei uns spielen dürfen.
    Die 4te Reihe war gestern wirklich auffallend,es hätten gestern noch leicht 2 Tore mehr fallen können.
    Zum Glück is Pföderl endlich „on Fire „, fehlt nur noch Reimer.
    Schade dass Jenike oft alleine gelassen wird.

  3. Kann mich nur anschließen, ich finde Alanov auch einen gute Jungen, er sollte regelmäßig spielen und dafür Buzas nicht, das wäre für die 4. Reihe wünschenswert.
    Auch würde ich gerne mal sehen, wie Pohl mit Steckel unf Pföderl funktioniert wenn Reimer zurück ist. Dann die 4.Reihe. 77,47,95

  4. Bei der Reichweite und Ruhe von Mebus gehe ich konform, nur bei der Spielintelligenz tue ich mich echt schwer.

    Gilbert hat mit gestern besser gefalllen, auch Alanov hat sich gut präsentiert.

    Bremerhaven ist schon ein echtes Unikat in dieser Liga. Gestern war nur ein in Deutschland geborener Spieler auf dem Spielberichtsbogen, da kann jeder seine eigene Meinung dazu haben.

  5. …zum Spiel würde bereits alles gesagt…

    zu „Eishockeygott“ Reinprecht: so elegant wie er skatet, den Puck behandelt…es sieht so leicht bei ihm aus…wer ihn dann auch schon persönlich kennengelernt hat…ein wirklicher Star und so nahbar…einfach unglaublich dieser Mensch…für ihn müssen noch Superlativen erfunden werden…

    #8 Prusty: ich würde sofort ne Ausländerlizenz für ihn opfern…er ist, wie bereits ausführlich beschrieben, ein „Sheriff“, welchen unser Team gut gebrauchen könnte. Und das er auch spielen kann, hat man spätestens in den PlayOffs gesehen…er könnte in der Steckel-Reihe einspringen, in der Vierten sowieso…Möglichkeiten wären genug vorhanden…

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