1/7: Jesus Greiss, oder?

Foto: dpa

Die Arena war kleiner, einen Weltrekord hatte dieser Abend auch nicht nötig, aber es waren eben nunmal 70000 Zuschauer weniger, das Leuchten in den Augen der Spieler war dann doch das gleiche wie vor sieben Jahren, als die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft schon einmal ein WM-Auftaktspiel gegen die USA gewonnen hatte. Und so wichtig dieses 2:1 für die Stimmung rund um dieses Turnier war, für die Kartenverkäufe, die Einschaltquoten und dafür, dass diese wie so oft ins Unrealistische überhöhte Erwartungshaltung an die noch immer allenfalls achtbeste Länderauswahl der Welt zunächst einmal tatsächlich bestätigt wird – so unvergesslich bleiben diese 60 Minuten und vor allem das offizielle Protokoll danach für Yasin Ehliz, Konrad Abeltshauser oder Frederik Tiffels, für die jungen Spieler, die es Thomas Greiss, Tobias Rieder und Patrick Hager möglich gemacht hatten, diese Partie zu gewinnen. Teil eins aus der kurzen Serie „Männer, die auf Adler starren“.

Warm-up

„Wenn man dann am Ende, Arm in Arm mit seinen Mitspielern – und jeder weiß vom anderen, dass er sein Bestes gegeben hat, an der blauen Linie stehen darf und vor einem ausverkauften Stadion die Hymne singen darf und alle 16.000, 18.000 Zuschauer, ich weiß gar nicht, wie viele es waren, mitsingen – dann ist das einfach unglaublich.“
(In ein anderes Smartphone hat Konrad Abeltshauser dann noch gesagt, dass er diesen Moment durchaus mit der Feier nach der Münchner Meisterschaft vergleichen würde)

  • Natürlich muss auf diesen Einstieg ein ernüchternder Stockschlag folgen: Die USA waren besser, aber Deutschland wird bei diesem Turnier nicht viele Spiele gegen Schweden, Russland oder später gegen Kanada, Finnland, Tschechien und selbst gegen die Schweiz gewinnen, die sie dominieren. Die Stärke einer deutscher Mannschaft (ohne Leon Draisaitl) muss es sein, Spiele zu gewinnen, in denen sie nicht besser ist – was auch immer „besser“ im Eishockey bedeuten mag.
  • Natürlich hat man gesehen, welche Mannschaft sich vier Wochen auf diesen Auftakt vorbereitet hat – und welche nur fünf Tage.
  • Und natürlich lässt ein solch glückliches 2:1 gegen ein hochtalentiertes, aber sehr junges US-Team nicht darauf schließen, dass die wichtigen Spiele gegen die Slowakei, Dänemark und Lettland nun zwangsläufig gewonnen werden.
  • Für den Moment aber darf man sich als Freund dieser Sportart darüber freuen, dass Deutschland 2017 eine Eishockey-Nationalmannschaft stellt, die sich derlei Herausforderungen nach einer langen Saison mutig und unverzagt stellt, die leidenschaftlich verteidigt, aber immer torgefährlich bleibt.

Das Spiel

Selbst Marco Sturm hatte nicht gesehen, dass sich dieser winzigkleine und doch so atemberaubend spektakuläre Johnny Hockey an die blaue Linie geschlichen hatte. Seine Verteidiger auch nicht, allein Jacob Trouba hatte die Sehstärke, um Gaudreau am Horizont zu erkennen und ihn mit dem Puck erstmals auf die Reise zu schicken. Wenn nicht Thomas Greiss da bereits sein sehr kontrolliertes Stellungsspiel und seine explosive Beweglichkeit vorgeführt hätte, die schöne Bild.de-Schlagzeile „Ehe-Krieg in Wontorra-Villa“, Moment, Pardon, natürlich diese schöne Bild.de-Schlagzeile „SO macht ihr uns wieder WM-GEIL, Jungs!“ hätte es wohl nie gegeben. Sturm hatte seine Spieler „mit den richtigen Worten“ (Yasin Ehliz) „runtergebracht“ (Ehliz und Sturm), trotzdem mangelte es den ersten Aktionen noch an der nötigen Ruhe, der Plan aber, Murphy, DeKeyser, Trouba, Hanifin und so stets durch einen Stürmer zu beschäftigen, war schon zu erkennen. Genau so ist dann auch das 1:0 entstanden: langer Pass von Konrad Abeltshauser, ein geistesgegewärtiger Patrick Reimer, der einmal aufblickt und den Puck ganz bewusst hart an den kurzen Pfosten schießt und ein aufmerksamer, handlungsschneller Tobias Rieder, der aus der NHL die Geduld mitgebracht hat, so lange zu warten, bis Jimmy Howard eine Lücke lässt. Das Tor, jaja, hatte (zumindest) dem (deutschen) Spiel gutgetan. Trotzdem kündigte sich der Ausgleich 41 Minuten lang an, weil Johnny Hockey zu den besten reinen Offensivspielern der Welt gezählt werden muss, weil sich vor allem die Kölner Reihe immer mal wieder tief ins eigene Drittel drücken ließ und weil Thomas Greiss ein großartiges, aber eben kein makelloses Spiel zeigte. Connor Murphys Schlenzer war sehr präzise – und trotzdem haltbar. Die Geschichte um den von den Haien verstoßenen Patrick Hager aber rundete diesen Abend doch noch ab. Was das für das Spiel gegen Schweden bedeutet? Wenig. Was das für die wirklich wichtigen Spiele gegen die Slowakei, gegen Dänemark und gegen Lettland bedeutet? Noch viel weniger. Diese drei Punkte, die seriös keinesfalls eingeplant werden konnten, können der deutschen Mannschaft aber dann doch nicht mehr aberkannt werden.

Der Moment (präsentiert von De Höhner)

Man tritt also aus dieser schönen Arena, trifft Jochen Reimer (hier schon mal erwähnt, dass sein Abschied von den Ice Tigers nachvollziehbar, aber höchst bedauerlich ist?) mit seiner wunderbar gelaunten Allgäuer Entourage, unterhält sich viel zu kurz, setzt sich in der U-Bahn zwischen zwei Pfützen auf eine Bank, fängt an zu schreiben und muss registrieren, dass um einen herum viele Fans eine sehr gute Zeit, dass diese Fans zuvor aber kein Eishockey-Spiel gesehen haben. In der Lanxess-Arena (Kann es effizientes Namenssponsoring sein, wenn ich bis heute noch nicht weiß, was Lanxess so produziert/verkauft – und es auch nicht wissen will?) mag es sich so angefühlt haben, als wäre der Bully-Punkt der Mittelpunkt der Sport-Welt. Das Spiel in Köln an diesem Freitagabend, von dem Sportdeutschland am meisten Notiz genommen hat, aber was das 4:3 des EffZeh gegen Werder Bremen.

Die drei Stars

Thomas Greiss und Tobias Rieder – natürlich, das ist zwar langweilig, aber unumgänglich. Aber trotz der Ruhe von Jesus Greiss und der Unruhe von Rieder on the storm war es die Arbeit aller, die die Leistungen der beiden NHL-Stammkräfte erst möglich machte und das insgesamt eher schwache Spiel (mir ist bewusst, wer in Köln zuletzt nicht mehr hatte mitspielen dürfen und wer an diesem Freitagabend trotzdem den Siegtreffer erzielt hat) der Kölner Reihe und gelegentliche Phasen der Überforderung im Spiel von Denis Reul über 60 Minuten kompensierte. Stellvertretend deshalb:

In Spielen, mit denen nicht zufällig gerade Weltmeisterschaften eröffnet werden, hätte Yannic Seidenberg derbe auf die Fresse bekommen. Der Final-MVP der DEL spielt in der Nationalmannschaft wieder seine alte Rolle des Agitators – und diese Rolle spielte er gegen die USA perfekt.

Und sonst?

Bin ich mir nicht sicher, was man aus dieser niedlichen Twitter-Empörung rund um Jesus Greiss machen soll? Während des US-Wahlkampfs ist aufgefallen, dass der deutsche Torhüter Thomas Greiss über seinen Instagram-Account geschmacklose bis unerträgliche Anti-Hillary-Memes und -Fotos geliked hat. Am Freitagabend wurde diese Diskussion wieder in die Timelines gespült. Nun scheint es sich tatsächlich um Greiss selbst zu handeln (der Account ist verifiziert), aber glaubt denn wirklich jemand, dass es die Aufgabe eines Journalisten ist, den deutschen Torhüter in der Mixed Zone zu fragen, ob es er denn wirklich so witzig findet, Hillary Clinton mit Adolf Hitler zu vergleichen? Ich kann nicht leugnen, dass mich seine Reaktion interessiert hätte, aber offenbart das nicht eher mein gestörtes Verhältnis zu Voyeurismus und Social Media? Ich weiß es tatsächlich nicht. Schönes Thema für eine Diskussion in der Kommentarspalte.

4 Kommentare in “1/7: Jesus Greiss, oder?

4 Comments
  1. Hallo,

    hab leider das erste Drittel verpasst, ab dem zweiten waren die US – Boys aber drückend überlegen. Unsere Burschen haben aber dennoch clever verteidigt und Greiss war tatsächlich sehr stark.

    Das 1:1 war daher keine klare Chance, sicher nicht unhaltbar, aber typisch dass so einer dann rein rutscht. Super für Hager, irgendwo gleicht sich vieles wieder aus, ich gönne es Ihm…
    Unsere Jungs eher unauffällig, Yasin zum Ende hin mit einigen starken Aktionen an der Bande.

    Der Sieg bringt auf jeden Fall gute Stimmung und mediale Aufmerksamkeit. Hab gestern irgendwo gelesen, dass in der Spitze 1,8 m Zuschauer vor den TV Geräten dabei waren. Sicher kein Schaden für unseren Sport. Aufmerksamkeit und eine gute WM tut auch dem Ligabetrieb gut, selbst wenn sich DEL und DEL2 mit dem vergeigten Auf-/Abstieg wieder selbst ins Knie schießen. Ist man von deutschen Eishockeyfunktionären zwischenzeitlich aber ja leider gewohnt.

    Freu mich auf das Spiel gegen Schweden, Draisaitl würde uns, wie jeder Mannschaft zur Zeit, natürlich gut tun. Holzer hat gestern übrigens nicht gespielt…

    Greiss‘ Clinton – Bashing im US – Wahlkampf find ich befremdlich und dumm. Politische Meinung kann und darf kommuniziert und vertreten werden. Auf diesem Weg und mit diesen Vergleichen hat er sich allerdings auf das Niveau des Bodensatzes in den sozialen Netzwerken begeben. Unentschuldbar. Vielleicht lernt er daraus, hoffe es gibt dazu auch im Team eine Diskussion und es wird dort kritisch reflektiert. Sport und Politik findet nun mal auf dem gleichen Planeten statt…

    Herzlicher Gruß
    Stefan

    • Holzer ist in Deutschland – allerdings nicht, um Eishockey zu spielen.
      Grundsätzlich gebe ich dir in der Causa Greiss vollumfänglich recht. Allerdings hat er die Vergleiche nicht selbst verbreitet. Ich finde schon, dass man da keine Riesennummer draus machen muss. Colten Teuberts für grünlinksgutmenschversifftes Verständnis seltsame Ansichten wurden auch nichts thematisiert.

  2. Ok. Klingt ungut…

    Richtig, hat er nicht selbst gemacht. Aber als NHL Profi ist er eine Person des öffentlichen Interesses. Und als solche muss er einfach nachdenken vor einem solchen Post. Zumal als deutscher. Riesennummer findet imo auch nicht statt, außer ein paar Tweets hab ich dazu nix gesehen. Und der Diskussion hier 😉

    Und ja, Teubert find ich auch schräg aber deutlich nicht auf dem Level. Zumindest hätte ich vergleichbares von Ihm noch nie gesehen. Hast Du was von Ihm gehört bzgl. Genesung & nächste Saison?

  3. Meine alternden Augen freuen sich darüber, auch nach Abschluss der DEL-Saison noch Blogtexte auf dieser Seite erblicken zu dürfen.
    Ich denke, man kann die Leistung der deutschen Mannschaft gegen die USA nicht ausführlich genug würdigen. Auch, weil wohl vielen weniger sachverständigen Zuschauern nicht klar gewesen sein dürfte, wie viel es für eine deutsche Eishockeynationalmannschaft bedeutet, ein Team wie die USA zu schlagen. Team Deutschland hat all das gezeigt, was notwendig ist um einen so hoch talentierten Gegener zu bezwingen: Ein überragende Torhüterleistung, guter Körperspiel, wenige Strafzeiten und eine effiziente Chancenverwertung. Trotzdem, und auch das soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, wäre ohne die entschlossene Mithilfe des Eishockeygottes ein Sieg der USA wohl unvermeidbar gewesen.
    Die Einschätzung des Blog-Autors, das 1:1 sei möglicherweise haltbar gewesen, offenbart eine durchaus ambitionierte Erwartungshaltung hinsichtlich der Torhüterleistung. Soweit ich die Szene in Erinnerung habe, stehen da drei deutsche Spieler mehr oder weniger im Sichtfeld von Greiss und der Schuss war obendrein platziert in die Lücke zwischen Schoner und Stockhand. Da braucht man schon einen Dominik-Hasek-Gedächtnistag um den zu halten.

    Zur Causa Greiss:
    Ich war nie ein Verfechter der strikten Trennung von Sport und Politik. Wenn sich Personen des öffentlichen Lebens, und dazu gehören Spitzensportler nun mal eindeutig, zu politischen Sachverhalten äußern, müssen sie auch damit rechnen, zu diesen Äußerungen kritisch befragt zu werden. Wer seine politischen Überzeugungen nicht zum Gegenstand einer öffentlichen Debatte machen will, sollte in den sozialen Medien auf einschlägige Posts verzichten. Ich finde es daher wichtig und notwendig, Greiss zu diesem Thema zu befragen – allerdings nicht in der Mixed-Zone nach einem WM-Spiel. Es geht mir nicht darum, eine wie auch immer geartete politische Korrektheit wahren oder von Sportler einfordern zu wollen – in einer Demokratie ist die Bandbreite der Meinungen, die vertreten werden darf glücklicherweiße sehr groß. Wer aber Inhalte postet, die, zurückhaltend formuliert, zu einigem Stirnrunzeln Anlass geben, der muss darauf gefasst sein, sich dazu auch äußern zu müssen. Ich wäre jedenfalls gespannt auf die Antworten von Thomas Greiss – auch, weil ich auch ohne Kenntnis dieser Posts schon bislang nicht den Eindruck hatte, dass er dem engeren Kreis der deutschen Bildungselite zuzurechnen ist.
    Seine Leistung als Goalie soll das aber nicht schmälern. Da ist er über jeden Zweifel erhaben.

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