HF2: Ein Fehler zu viel

Plötzlich war da nur noch der EHC. Es ist eine der letzten Traditionen, dass die Fans der Thomas Sabo Ice Tigers den Stammverein der Profi-GmbH hochleben lassen. Und als die Anhänger des orangefarbenen EHC, auf ihren orangefarbenen Schalensitzen, in ihren orangefarbenen Fantrikots der ewigen Playoff-Spiele gegen Nürnberg offenbar überdrüssig eine Pause einlegten, übernahm die Besatzung der sechs Busse aus Franken die Stimmungshoheit in der Eis-Arena am Allersee. „Nur der EHC“, begannen die Fans aus Nürnberg mit dem Bully zum zweiten Drittel zu singen, eingeleitet mit einem schmissigen Olé, Olé´, Olé, unterbrochen vom zweimaligen Torjubel. Hätten die Ice Tigers das zweite Halbfinalspiel nach einem 0:3 noch gewonnen, es wäre auch der Sieg der Nürnberger Fans gewesen. So müssen sie am Freitag wiederkommen. Müssen wir ja alle.

Warm-up

  • Sieben Power-Play in zwei Halbfinalspielen nach zwei Power-Play-Treffern in sieben Viertelfinalspielen – wobei sich nun natürlich nicht mehr fragen, wie gut die Ice Tiger wohl wären, wenn endlich auch das Power-Play funktionierte?
  • Ich hatte mir per Twitter den schlechten Gag erlaubt, wonach die Ice Tigers in den Playoffs mehr erzielt hätten als in der Punkterunde – auf Patrick Reimer trifft das beinahe zu. Der Spieler des Jahres/DEL-Topscorer hatte in 52 Spielen dreimal in Überzahl getroffen, in neun Playoff-Spielen ebenfalls.
  • Dafür scheint nun das even-strength-Spiel durchzuhängen. Nürnberg dominierte auch das in Wolfsburg, aber nur Yasin Ehliz (im Schlussdrittel) und Jesse Blacker hatten bei Fünf-gegen-Fünf gute Chancen.
  • Baumarkt, Müllmänner, Werksklub, alles klar. Mir war das immer ein bisschen zuwider, vor allem, wenn es aus der Eishockey-Hochburg Nürnberg kam. Bei den Playoffniederlagen 2013, 2014 und 2016 empfand ich die Stimmung immer als ordentlich. Heute aber war Musikauswahl des Hallen-DJs unerträglich und der Support nahezu nicht wahrzunehmen. Umso erstaunlicher, wie erfolgreich Pavel Gross in diesem Umfeld arbeitet.
  • Tyler Haskins hatte zwei gute Momente, die beide in Tore umgewandelt wurden. Gerrit Fauser (Notiz an mich selbst: Petition „Holt den Jungen heim!“ ins Leben rufen) erzielte zwei Tore. Herz und Seele des Grizzlys aber waren heute: Brent Aubin. Zwei blitzsaubere Treffer, vor allem mit seinem Jubel brachte er jeweils Leben in den Baumarkt.
  • Ansonten wirken die Grizzlies nicht mehr so souverän. Jeremy Dehner ist um Ruhe und Organisation bemüht, vor allem in Spiel eins aber hatte er sich dabei viele Fehler geleistet. Nick Johnson man ins leere Tor getroffen haben, viel mehr hatte er nicht zu bieten. Von Mulock, Hisey war nur wenig zu sehen. Nürnbergs Ausfälle sind weitaus prominenter. Ohne Höhenleitner, Weiß, bis heute Riefers und ab heute Pfohl aber fehlt es dem EHC Wolfsburg an Tiefe.
  • Warum genau Sasa Martinovic ab dem zweiten Drittel hat von der Bank aus zusehen müssen, war mir nicht ersichtlich. Ist aber ja nicht das erste Mal, dass der Verteidiger im Hundehaus des Cheftrainers sitzt.

Das Spiel

Rob Wilson war, nein, er war nicht sauer. Rob Wilson war angepisst. Eine Szene hatte ihm die Stimmung und den Ice Tigers den Sieg verdorben. Tatsächlich war es nur diese eine Szene. Man muss damit zurechtkommen, dass dieser EHC Wolfsburg die von der Schiedsrichtern gewährte Steilvorlage zu einem Energieschub nutzt (kein Vorworf, aber genau diese Strafen hätte man nicht geben müssen). Nur zwischen dem 1:0 und dem 3:0 erinnerten die Grizzlies an ihre Vorgängermannschaften – und natürlich vor dem 4:3. Drei Nürnberger rumpeln die Bande entlang, der letzte verbliebene verhält sich. Wieder Aubin, wieder ein Treffer. Abgesehen von diesen Minuten geriet den Ice Tigers wieder ein Auftritt, der mit „clinical“ gut umschrieben ist. Vor nicht allzu langer Zeit schien es so aus, als wollten die Ice Tigers gar nicht mit einem Mann mehr spielen. Seit zwei Spielen scheinen sie einen Weg gefunden zu haben, die Lücken im Unerzahlspiel zu erkennen und zu nutzen. Zudem hat Wilson seinen Spielern immer viel Freiheiten gewährt, das scheint sich auszuzahlen. Aber dennoch sind es die Grizzlies, die aus der best-od-seven- eine best-of-five-Serie zu machen. Wolfsburg scheint nicht mehr so stark zu sein wie noch im Vorjahr.

Das Interview

Rob Wilson pflegt immer zu sagen, dass es ein lange Serie werden wird. Heute hatten die Ice Tigers die Chance, diese Serie etwas abzukürzen. Wie enttäuscht sind Sie, dass Ihnen das nicht gelungen ist?
Brett Festerling: Wir haben im zweiten und im dritten Drittel besser gespielt. Wir haben ihnen nur eine Möglichkeit gewährt, die wir ihnen besser nicht hätten gewähren sollen. Das lief unglücklich, aber niemand hat erwartet, dass das hier einfach werden würde. Unsere Gedanken gelten nur noch Spiel drei am Mittwoch.

Aber ist es nicht schwierig, nach solch einem Spiel nach vorne zu schauen?
Festerling: Ja, wir hatten das Momentum nach dem 3:3 auf unserer Seite. Und noch einmal: Wir hätten ihnen diese Chance nicht geben dürfen. Natürlich ist das scheiße (Original: it sucks). Und natürlich ist das nicht so leicht zu vergessen. Aber jetzt geht es weiter. Wenn wir zurück in Nürnberg sind, geht es nur noch um Spiel drei.

Mit Spiel sechs in der Viertelfinalserie haben die Ice Tigers zu ihrem souveränen Spiel zurückgefunden, das sie so lange ausgezeichnet hat, richtig?
Festerling: Dass wir gut spielen, sieht man an den kleinen Dingen. Immer wenn wir uns an das System halten, können wir eine gute Mannschaft sein. Nur müssen wir das auch 60 Minuten lang machen – und nicht nur 45 Minuten lang. So geht das nicht.

Der Moment

Vielleicht habe ich die Szene auch nicht richtig gesehen, aber dieser Oliver Mebus muss in den entscheidenden Momenten besser aufpassen. Es kann einfach nicht sein, dass er die Aufholjagd unterbricht, nur weil er mit dem Helm an einem Deckenscheinwerfer hängenbleibt. Oder, wie der Kollege Meyer von den Eishockey News die lange Unterbrechung im zweiten Drittel interpretiert hat:

(Seht es mir nach, mir ist einfach kein anderer, noch nicht ausgiebig diskutierter Moment auf- und eingefallen, vielleicht könnt Ihr das in der Kommentarspalte seriös nachholen.)

Die drei Stars

Am Ende schlitterte Danny Syvret bäuchlings in sein Unglück. Im Gegensatz zu Rob Wilson fand ich nicht, dass er der Hauptschuldige an Aubins 4:3 war. Und deshalb wird er hier trotzdem erwähnt. Syvret hatte zuvor schließlich viele starke Defensivaktionen – ebenso wie der von Wilson (auf Nachfrage) gelobte Nichlas Torp, der wiederum bei Fausers 3:0 und vor Aubins 4:3 unglücklich agierte. Syvret ist zudem das Sinnbild für das wiedergewonnene Selbstvertrauen der Ice Tigers.

Ich dachte eigentlich, dass Rob Schremp mit drei Assists in der Scorerliste ganz weit nach vorne gerutscht wäre. Er bekam dann aber nur eine Vorlage gutgeschrieben (muss ich mir noch einmal anschauen). Dass er das Power-Play plötzlich so viel besser macht, ist kein Zufall. Schremp beschäftigt sich im Training ausgiebig mit dem Überzahlspiel, redet viel mit Wilson, redet viel mit Patrick Reimer. Wer will, kann das auch sehen.

Und abschließend wieder einmal: Philippe Dupuis. Zwischendurch höre ich gerne die diversen Podcasts, die um die Aufmerksamkeit von uns Hockey-Nerds buhlen. Wenn dann allerdings immer noch die Rede davon ist, dass die Nürnberg eine Ein-Reihen-Mannschaft ist, dann bin ich geneigt, sofort abzuschalten. Dupuis sorgt in diesen Playoffs bislang für Spielwitz und Härte. Heute hat er zum zweiten Mal getroffen. Seine Reihe liefert angemessen ab. Und auch Steckel wird offensiv von Spiel zu Spiel wieder besser – auch ohne Shooting Star Leo Pföderl an seiner Seite.

Und sonst?

Sollte man sich heute noch diesen Artikel durchlesen. Kris Drapers Geschichte kann Eishockey-Fans anwidern oder faszinieren, dass sie einen kaltlässt, ist hingegen ausgeschlossen.

Und hier ist das Video zum 20. Jahrestag:

7 Kommentare in “HF2: Ein Fehler zu viel

  1. Sollen wir nun Lachen oder Weinen? Sieg verschenkt oder doch „Moral gezeigt, Rückstand aufgeholt und blöd verloren“?

    Das erste Drittel hat die Mannschaft sicher nicht schlecht gespielt. Mit den Strafen und ein paar Fehlern hat es dennoch zu einem deutlichen Rückstand geführt. Doch in der Drittelpause war unter den Fans keine Resignation zu spüren. Anders als in Spiel 5 der Serie im VF gab es gute Chancen für die Ice Tigers. Alle waren sich einig: Da geht noch was.

    Und wie erwartet bringt das Team viel Energie auf das Eis und spielt sich richtig gut in die Partie zurück. Ein Pfostenschuss (gleicht sich mit Spiel eins aus) hätte fast den Ausgleich gebracht. Und dann doch der Captain. Nach dem 3:3 hätte man das Gefühl, diese Partie kann nur ein Team gewinnen. Tja, so ist das mit Gefühlen. Ein dummer Fehler und die Serie ist nach Siegen ausgeglichen. Nach der bekannten Böhm’schen WOB-Rechnung: 4:1 Drittel besser (eines ausgeglichen). Dennoch 1:1…

    Unser Unterzahl (62% in der Wob Serie) ist nicht so stark wie noch in der Hauptrunde. Da bekommen wir einfach zu viele Gegentore. Unser Überzahl (nie daran gezweifelt) ist richtig stark. Bei 5to5 haben wir nur ein Tor erzielt, aber auch nur zwei bekommen. Ausbaufähig…
    War das wirklich kein Tor von Ehliz im ersten Drittel? Er stochert nach, aber es sah aus als wäre der Puck spielbar. Er bekommt stattdessen die Strafe und es endet leider mit dem 2:0…

    WOB hat eigentlich nur zwei gute Reihen. Die anderen beiden nehmen nur Zeit von der Uhr und versuchen Schaden zu vermeiden. Da sind wir besser aufgestellt. In einer langen Serie sollten wir da einen Vorteil haben. Der Schlüsselspieler bei WOB ist Aubin. Absolut…

    Auf der langen Rückfahrt war die die Stimmung in unserem Bus (5) eher positiv. Nicht so wie in der Serie im Vorjahr. Es herrscht Zuversicht.

    Viele Diskussionen und unterschiedliche Meinungen zu Pfleger (zu wenig Körperspiel), Nowak, Schüle, Holzer (kommt der im nächsten Jahr?), Prust (unbedingt halten – wenn er denn will), Syvret (an ihm scheiden sich auch die Geister), Torp (muss man halten – aber wer ist dann der Blueliner), Schwere der Verletzungen unserer Defender und und und…
    Danke für die guten Diskussionen Jungs (ich denke ihr Zwei wisst schon). Hat viel Spaß gemacht 🙂

    Freuen wir uns auf ein spannendes Spiel am Mittwoch. Wird schon…

  2. Bin auch der Meinung, dass die Chancen auf das Finale diesmal besser stehen, als letzte Saison. Obwohl auch letzte Saison nur wenige Kleinigkeiten (sprich Fehler) entscheidend waren.
    Aber aufgepasst: Pavel wäre nicht Groß, wenn der nicht noch was in der Hinterhand hätte. Wir müssen diese Fehler -wie vor dem 3:4- einfach vermeiden und hinten konstant besser stehen (gestern nicht optimal!).

    War übrigens auch der Meinung, dass man das Tor von Ehliz im ersten Drittel hätte geben müssen.

  3. Ich fand die Ice Tigers haben gestern viel richtig gemacht und ein richtig gutes Play Off Auswärtsspiel abgeliefert.

    Den schnellen Rückstand, mit einer Mischung aus unnötigen, strittigen und unglücklichen Strafen, sowie einem aus dem Winkel vermeidbaren 3. Gegentor, ließ man 40 ganz starke Minuten folgen, die dann auch mit dem 3:3 belohnt wurden. Leider konnte man den Druck die letzten 10 Spielminuten nicht mehr aufrecht halten und Wolfsburg legte nochmals zu.

    Es wäre trotz allem nichts passiert und in die Verlängerung gegangen, hätte man sich nicht einen dummen Stellungsfehler hinten erlaubt. Ob man da Torp oder Syvret oder den gerade heranhechelnden Stürmern die Schuld geben möchte, ist einerlei. In den Play Offs gewinnst und verlierst du noch mehr als in der Hauptrunde als Mannschaft.

    Wolfsburg scheint Stand jetzt nach 2 Spielen nicht mehr so angsteinflößend zu sein, wie in vergangenen Jahren. Aber bei Pavel Gross weiß man nie was noch passiert. Wenn die Ice Tigers weiter ihr Spiel durchziehen können, inklusive eines überragenden Powerplays, ist das Finale ein erreichbares Ziel.

    Aber jetzt wieder ruhig durchatmen und auf Spiel 3 konzentrieren. Immer schön Spiel für Spiel.

  4. Die Strafe gegen Ehliz war berechtigt, wenn wir alle die gutsitzende Fanbrille abnehmen. Der Puck war unter Brückmann begraben, der Schiri hatte das Zeichen für Situation beendet gegeben. Dass dann beim Nachstochern eine Strafe folgt, ist die ganze Saison zu beobachten. Ehliz hat nicht die erste Strafe auf diese Art und Weise kassiert. Leider einwandfrei von den sehr guten Schiedsrichtern gesehen. Eine Überlegenheit unserer Mannschaft bei 5 gegen 5 habe ich nicht gesehen. Beeindruckend ist, dass WOB immer wieder eine Schippe drauf legen kann. In den letzten Spielminuten waren sie deutlich präsenter und giftiger als wir, insofern hatte sich der Treffer ein bisschen abgezeichnet.

  5. Es ist uns schleierhaft warum die Mannschaft im letzten Drittel den faden vollkommen verloren hat. Ab dem 3-3 war das Momentum auf unserer Seite. Es ist auch auffällig wenn der Gegner das Tempo erhöht unsere Abwehr Probleme hat den Puck kontrolliert aus dem eigenen Drittel zu spielen. Aber wie sie treffend schreiben wird die Runde weitergehen und wir werden sehen welches Team das besserer oder glücklichere sein wird.

  6. Als Wolfsburger habe ich mich wieder auf die Serie mit Nürnberg gefreut und bin nicht enttäuscht worden. Die Nürnberger spielen hart aber fair (kein Vergleich zu den Kölner aus dem VF). Reimer, Reinprecht, Ehliz und Steckel machen immer wieder Spass beim Anschauen. Viel mehr begeistert bin ich aber vom Nürnberger Trainer und deswegen zittere ich mehr den je mit meinen Wolfsburgern. Die Taktik erst beim aggressiven und später beim defensiv ausgerichteten Unterzahl der Wolfsburger ist einfach nur TOP. Auch die grundsätzliche Verteidigung im 5 gegen 5 der Nürnberger klappt auch besser als im Vorjahr und das liegt eindeutig bei den Laufwegen. Wolfsburgs Star ist für mich weniger Aubin als Voakes, der in jeder ! seiner Aktionen Gefahr ausstrahlt. Das gibt mir auch Hoffnung für die weitere Serie, da wir mit zwei sehr guten Reihen spielen (für mich ist erste Reihe der Nürnberger die beste der Liga !, aber danach ist der Bruch trotz Steckel – hier fehlt euch wirklich Pföderl -, einfach vorhanden). Bezüglich der Stimmung in Wolfsburg verstehe ich hier nicht alle Kommentare, aber das bleibt jedem, selbst überlassen. Ich hatte gestern Gänsehaut Ende des 1ten und des 3ten Drittels.

    • Willkommen Wolfsburger.
      Ich hatte auch Gänsehaut in Wolfsburg, hervorgerufen allerdings durch die wahrlich unerträgliche Musikauswahl. Ansonsten darf mein Beiträge zur Stimmung niemals und nirgendwo ernst nehmen. Wer 60 Minuten selbst durchsingt, dürfte in dieser Saison selbst in Krefeld zufrieden gewesen sein. Noch dazu ist die Pressetribüne in Wolfsburg vom Gästefanblock eingerahmt, eine faire Beurteilung ist da gar nicht möglich.
      Ich meine jedoch, dass die Atmosphäre bei euch schon einmal aufgeregter war – ein gewisser Spannungsabfall ist dort aber wohl, wo auch ein Halbfinale Normalität geworden ist.
      Ich befürchte ohnehin, dass ich das noch zweimal werden vergleichen können.
      Sebastian

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