HF1: La Mannschaft

Eishockey ist ein einfaches Spiel: 40 Männer jagen einer Hartgummischeibe hinterher – und immer, wenn es wichtig wird, gewinnt Wolfsburg. Gary Lineker soll das vor einem Jahr als Beobachter der Halbfinalserie zwischen den Ice Tigers und den Grizzlies (man schreibt es: GrizzlIEs, ihr Grizzlys) eingefallen sein. Vielleicht war es aber auch ganz anders. Ein Jahr später hat sich die Prominenz erst für Spiel drei der Serie angesagt (Goldmann, Buschmann, Ehemann und Schwelmann), der Auftakt aber hat die alten Klischees schon einmal widerlegt. Und wie immer ist die Frage nach einem solchen 5:1: War Nürnberg nun so stark oder Wolfsburg so zurückhaltend?

Warm-up

  • Zuschauerrekord bei den Fürther Kampfkarpfen: Mindestens 20 Menschen hatten sich auf den Rängen der Arena Nürnberger Versicherung verloren, es waren dann aber doch keine Eishockey-Exzentriker auf der Suche nach der etwas anderen Unterhaltung. Während wir auf dem Eis gegen Material, unsere Unzulänglichkeiten und die formidable Eisbärenlegende Hansi Klimmt kämpften, bereiteten die Enthusiasten von „Wir Fans“ die Choreografie für das erste Halbfinalspiel vor: hochkonzentriert, kontrolliert, leidenschaftlich und mit der angemessenen Freude an der Arbeit. 24 Stunden später galt genau das auch für das Spiel der Ice Tigers.
  • Natürlich bedeutet dieses 5:1 lediglich, dass Nürnberg nur noch drei Siege braucht, um sich zum ersten Mal seit zehn Jahren für eine Finalserie zu qualifizieren. Wolfsburg hat nicht mehr vier, sondern nur noch drei Gelegenheiten jenes Spiel zu klauen, das sie klauen müssen, um zum zweiten Mal in Folge ins Finale einzuziehen.
  • Nur zur Erinnerung: Nürnberg ist schon einmal mit einem Sieg in eine Serie gegen Wolfsburg gestartet (Pre-Playoffs 2013: 3:2). Und in der jüngsten Viertelfinalserie hat Augsburg die erste Partie gewonnen.
  • Trotzdem: So souverän hat man die Ice Tigers in den Playoffs auch noch nicht oft gegen die Oranier vom Allersee auftreten sehen.
  • Nur mal nebenbei die Bilanz von Robert Schremp in seinen letzten beiden Spielen: ein Tor, drei Assists.
  • Wolfgang Gastner ist jedes Wortspiel zu gönnen, aber dass ich nicht selbst auf das naheliegende „Schlitzohr“ gekommen bin, das betrübt mich etwas.
  • Seit der Lektüre dieses Artikels halte ich die Bully-Statistik zwar für überbewertet, dass die Ice Tigers aber in diesen Playoffs bislang 316 ihrer 546 Faceoffs gewonnen haben, das ist dann doch eine Dominanz, die man berücksichtigen sollte. Und: Das ist keinesfalls ein Zufall.
  • Der alte Mann auf dem Eis hat mittlerweile die Führung in der Scorerwertung übernommen: 8 Spiele, drei Tore, acht Vorlagen – allein Steven Reinprecht gibt mir die Hoffnung, dass das nach meinem 40. Geburtstag noch einmal was wird bei den Kampfkarpfen.

Das Spiel

Am Ende hat Tyler Haskins wenigstens noch Nichlas Torp besprungen, ansonsten hätte man sich ja noch darüber aufregen müssen, dass Gross den Vorteil für das Heimteam beim Wechseln zunächst ignorierte. Mal abgesehen vielleicht von Spiel vier wirkte jede einzelne Viertelfinalpartie gegen Augsburg emotional aufgeladener – und das war genau der richtige Weg gegen Wolfsburg. Die eindrücklichste Szene aus der Serie gegen Köln war das Lachen Gerrit Fausers, als er sich ungerührt von irgendeinem Turnbull bearbeiten ließ. Nürnberg aber hatte das heute gar nicht nötig. Natürlich lag das daran, dass sich die Ice Tigers zum ersten Mal seit einem Vierteljahr auf ihr Power-Play verlassen konnten. Mit den Überzahltreffern von Yasin Ehliz, Patrick Reimer, Brandon Segal und Rob Schremp hat sich Nürnberg von 7,7 Prozent und dem zehnten und letzten Platz unter den Playoff-Teams auf 19,4 Prozent und den fünften Rang verbessert. Vielleicht war es einmalig, aber so geduldig und sauber das Duo Reinprecht/Schremp die ersten beiden Treffer inszeniert hat, so virtuos Ehliz den Puck abgelenkt hat, so resolut die Ice Tigers, wenn sinnvoll, Schüsse und Nachschüsse aneinanderreihten, so sehr fragt man sich, warum plötzlich so locker aussah, was vorher so verkrampft wirkte. Auch als interessierter, aber ahnungsloser Beobachter meinte man, Anpassungen an das Wolfsburger Penalty-Killing beobachten zu können. Die Häufung der Schüsse aus spitzem Winkel (zum Beispiel: Pfleger vor Segals 3:1) war sicher kein Zufall. Das eigene Unterzahlspiel war hingegen herausragend. Als „clinical“ bezeichnete Wilson das Spiel seiner Mannschaft, das kann man als abgebrüht und kaltschnäuzig übersetzen, aber eben auch als emotionslos, was Wilson wiederum nach der Pressekonferenz nicht gerne hörte. Und natürlich hatte er Recht. Die Ice Tigers spielten nicht emotionslos, sie hatten ihre Emotionen aber stets unter Kontrolle. Diesmal fuhren die Grizzlies ihren Gegnern nicht unter die Haut. Noch nicht einmal Haskins. Und auch nicht Felix Brückmann, der gegen Brandon Prust zwar einen sensationellen Fanghand-Save zeigte, der aber nach sieben Kölner Treffern in sieben Spielen fünf Nürnberger Treffer in einem Spiel kassierte und dabei wie ein völlig normaler Spitzentorhüter wirkte. Gross wird auf die Erkenntnisse aus Spiel eins reagieren, wahrscheinlich arbeitet er bereits genau in diesen Minuten daran.

Der Moment

Die Freude in den Augen Patrick Reimers, als er realisierte, dass er soeben den Schuss jenes Spielers zu einem Assist gemacht hat, den er noch drei Tage zuvor zu präzise traf; oder der Eifer, mit dem Reinprecht jenen Puck aus dem Netz geholt hat, der Schremp für immer an seinen ersten ersten DEL-Treffer erinnern wird; das Einstehen von Dupuis, Segal und Festerling nach dem eingesprungenen Haskins gegen Torp: Nicht, dass ich am Wahrheitsgehalt der Aussagen von Spielern und Trainern gezweifelt hätte, aber dieses erste Halbfinalspiel bestand aus vielen Momenten, die beweisen, dass diese Nürnberger Mannschaft nichts auseinanderbringt.

Die drei Stars

Marco Pfleger bleibt ein Dauergast in dieser Rubrik. Am Freitag musste er zwei harte Checks einstecken, an sich aber ist Pfleger robuster geworden. Und auch im ersten Halbfinalspiel brachte er seine Qualitäten als lauffreudiger, spiel- und defensivstarker Außenstürmer voll mit ein.

Der Verteidiger Marcus Weber begann als Stürmer, in der Schlussphase wechselte er zurück in die Verteidigung – am Ende spielte er einen universell einsetzbaren Außenangreifer. Am Tag zuvor hatte ich mit ihm darüber geredet und darüber, dass es nicht so leicht ist, sich von einem Shift zum nächsten auf eine neue Position einzustellen. Trotzdem hat es in seinem Fall ziemlich gut funktioniert. Weber setzte an der Bande Zeichen, seine Vorstöße waren nicht erfolgreich, aber sie waren mit Bedacht gewählt. Wer nicht verstanden hat, warum Sportdirektor Martin Jiranek Webers Vertrag verlängert hat, der bekam die Antwort heute aufgezeigt.

Apropos Jiranek: Nach Jurcina und Prust schien sich das Händchen des Sportdirektors merklich abgekühlt zu haben. Die Nachverpflichtungen von Torp und Rob Schremp konnten viele nicht nachvollziehen (ich auch nicht). Mittlerweile sind der junge Schwede und der etwas ältere US-Amerikaner keine Fehleinkäufe mehr. Wie der Torp den Haskins… zum Beispiel. Oder aber die Ruhe Schremps am Puck, seine Übersicht, seine Technik. „Rob versteht das Spiel. Manche Jungs aber brauchen Monate, um sich sportlich zu integrieren. Rob nicht“, sagte Wilson. Und: „Dabei haben wir noch lange nicht das Beste von ihm gesehen.“

8 Kommentare in “HF1: La Mannschaft

  1. „Grizzlys“ ist völlig korrekt. Eingedeutschte ursprünglich englische Wörter auf -y haben bei uns den Plural -ys, nicht -ies: Babys, Partys, Handys, Ponys, Guppys, Grizzlys. Das haben, wenn man so will, vor fast 50 Jahren in der DDR sogar schon die Puhdys richtig gemacht. 🙂 Der englische Plural -ies wäre nur zwingend, wenn ein anderer Bestandteil des Vereinsnamens diesen als englisch markiert hätte, etwa „Black Grizzlies“ oder „Ice Grizzlies“ oder so. Aber gegen „Grizzlys Wolfsburg“ ist nichts zu sagen. Jedenfalls im Hinblick auf die Schreibung nicht, sonst natürlich schon… 😀

  2. @Blackhawk: Das kann regionalen Ursprung haben, wie es mag. Wenn in beiden Namensteilen Denglish-Fehler zu finden sind (Es ist ja nicht nur die Fis[c]htown, es sind ja auch die Pi[/e]nguins), dann rollen sich einfach jedem zuerst mal die Fußnägel auf. Bei der Fishtown könnt‘ ich’s evtl. noch dem Lokalkolirit zuliebe nachvollziehen, bei den Penguins spätestens hört das Verständnis auf.

    @Booker: Da hast Du Recht. Dadurch wird allerdings die Schreibweise mit „ie“ nicht falsch und diese Eindeutscherei fand ich noch nie besonders sexy. Ich finde Babies auch besser als Babys – und Smarties schmecken übrigens auch besser als Smarty’s. 😉

  3. Ein klasse Start in diese Serie. Hartes Eishockey. Schnelles Eishockey. Und klasse Powerplay der Ice Tigers.

    #7togo @Ice_Tigers

  4. @Frank: Ich habe ja nicht gesagt, dass „Grizzlies“ nicht falsch wäre. Sebastian hat geschrieben, dass „Grizzlys“ falsch ist, das habe ich korrigiert.

    Im Übrigen: Es geht um Wörter, die im Singular ein -y haben. Natürlich sind es Smarties, weil die einzelne Schokolinse Smartie getauft wurde und nicht Smarty. Du schießt ein Selfie mit einem Brownie im Mund, also schießt du Selfies mit Brownies. Kein y, nirgends. Dass dir Babies besser gefallen als Babys, sei dir unbenommen, in der deutschen Sprache ist es trotzdem falsch.

    Aber das gehört ja eigentlich alles nicht hierher, außerdem hab ich Feierabend, mit so was schlag ich mich den ganzen Tag rum, job ist job und hockey is hockey. It’s Playoffs, BabYs!

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