19/52: Guter Grizzly, böser Grizzly

Foto: Steffen Oliver Riese

Foto: Steffen Oliver Riese

Da ist also dieser namenlose Gegner, der erfolgreich ist, aber nicht ernst genommen wird, so lange er nicht aus das letzte Spiel der Saison gewinnt und der es sich derweil zur Aufgabe gemacht hat, einen bestimmten Gegner zu demoralisieren; der immer an der Grenze des Erlaubten agiert und so oft auch darüber hinaus, dass er Schiedsrichter beeinflusst, ja, manipuliert; der in den wirklich wichtigen Spielen unbesiegbar ist; und der sich auf drei, vier Personen reduzieren lässt. Lange Zeit war das Mannheim für die Ice Tigers, doch in den letzten Jahren ist der EHC Wolfsburg an diese Stelle getreten und mit Pavel Gross, Tyler Haskins und Jeff Likens. Für die Fans mag diese Rivalität schmerzhaft sein, für den Klub ist sie langfristig ein Gewinn – für neutrale Beobachter ist sie es auch kurzfristig schon. Intensiver als dieses 4:2 geht es im November kaum. 

 

Das Spiel

Es war eine alberne Frage. Rob Wilson sah das genauso. Natürlich hätte Nürnberg dieses Spiel auch vor sechs Wochen schon gewonnen. Sagte der Cheftrainer. Ich bin mir da nicht so sicher. Das erste Drittel war sensationell, aber das hatte man auch vor der Siegesserie schon gesehen, diese Energie, dieses Tempo, das schnelle Umschaltspiel – in die eine, wie in die andere Richtung. Im zweiten Drittel aber wirbelten die Wolfsburger das Nürnberger Spiel gehörig durcheinander, ich kann mich nicht erinnern, zwei solch ungleiche Drittel von einer Mannschaft gesehen zu haben. Die Gäste drehten von Wechsel zu Wechsel an der Aggressivitätsschraube, Wolfsburg wollte den Puck ins Tor zwingen und zwang zunächst doch nur die Schiedsrichter zu umstrittenen Entscheidungen. Nürnbergs Penalty Killing aber war exzellent, dass der Puck vom Schlittschuh (des Wolfsburger Dixons?) ins Tor prallte gehört wohl traditionell zu dieser Begegnung. Der Rest war Wille – und der Siegtorschütze kein Zufall. Nürnberg wird solche Spiele auch wieder verlieren. An dieser Qualität aber werden sie sich die Saison über messen lassen müssen.

Der NN-Moment des Spiels

Es gibt Spiele, da gibt es diesen einen kuriosen, witzigen, entscheidenden oder bemerkenswerten Moment nicht. Und dann gibt es Spiele, die bieten davon unzählige. So wie dieses 4:2, diese Schrei-Therapie für Gerechtigkeitsliebhaber und Schiedsrichterkritiker, dieses Fest für Fans von intensivem Eishockey, dieser Triumph über den allenfalls noch respektierten Rivalen. Über die Schiedsrichter muss geschrieben werden, aber noch nicht an dieser Stelle. An dieser Stelle sollen die Momente aufgeführt werden, in denen sich das derzeitige Selbstbewusstsein der Ice Tigers offenbarte.

Zum Beispiel, als…

  • der keineswegs schmächtige Björn Krupp an Brandon Segal abprallte, wie
  • als Brett Festerling seine Aufbaupässe immer und immer wieder quer durch den eigenen Torraum schickte;
  • Jochen Reimer gegen Tyler Haskins rettete (ein beeindruckender Save, der nur deshalb unterging, weil Oliver Mebus seinem Torhüter nicht vertraute und Haskins vorsichtshalber schon einmal foulte);
  • sich der ohnhehin derzeit denkbar lässige Philippe Dupuis mit Jeff Likens anlegte und Brandon Segal sich den ehemaligen Nürnberger von hinten griff;
  • als David Steckel die Aufforderung der Fans, sich der Nummer zehn besonders liebevoll zu widmen, immer wieder Folge leistete;
  • Jesse Blacker nach dem Fehler gegen Stephen Dixon, selbigem den Puck wieder vom Schläger klaute.

Aber mir ist natürlich bewusst, dass es für viele Fans nur eine Szene des Spiels gab. Nein, nicht die Treffer von Patrick Reimer, auch nicht das 3:2 durch Yasin Ehliz oder die Ehrenrunde danach. Und auch nicht jener Spatz, der im Gegensatz zu Wolfsburgs Torhüter durch die Arena flatternd jenes Mantra bestätigte, wonach Vogl nervös ist. Sondern das hier:

Zebrakunde

Vorneweg: In vielen jener Szenen, die in der Arena kollektive Empörung auslösten (Wurm gegen Pföderl, Krupp gegen Reinprecht, alle gegen Kozek und Dupuis), hatten die Schiedsrichter korrekt entschieden. Und auch als sich Grizzlys und Ice Tigers im Nürnberger Torraum so richtig lieb hatten, hatten sie die Strafen richtig verteilt – nur eben nicht an den richtigen Spieler. Philippe Dupuis‘ Crosscheck in das Gesicht von Gerrit Fauser (nach dem Crosscheck in den Rücken von Tyler Haskins) wäre eine Spieldauerdisziplinarstrafe wert gewesen. Auch die Strafe gegen Jochen Reimer war korrekt. Eine völlige Fehlentscheidung waren die darauffolgenden zwei Minuten gegen David Steckel. Natürlich war das verheerend, insgesamt aber war diese Schiedsrichterleistung nicht sehr viel schlechter als jede normale Schiedsrichterleistung in der DEL. Das Problem in diesen Spielen sind auch nicht die Schiedsrichter, sondern der Gegner. Wolfsburg sorgt für Hektik, Emotionen, das ist der Stil dieser Mannschaft, das ist der Stil von Pavel Gross. Zu diesem Stil gehört aber offenbar auch, die Schiedsrichter hinters Licht zu führen, so wie Mark Voakes das gemacht hat, so wie Stephen Dixon das das gesamte Spiel über gemacht hat, so wie das auch Jeff Likens und Tyler Haskins immer wieder gerne machen. Das ist unlauter, damit verdient man sich nicht den Respekt seiner Gegner. Und auch deshalb darf man es durchaus gerecht nennen, dass der EHC Wolfsburg dieses Spiel verloren hat.

Die NN-Three-Stars

Die Ice Tigers haben stark gespielt, verdient gewonnen, sie haben Charakter gezeigt und ihr Selbstvertrauen in weitere wichtige Punkte umgesetzt. Wenn aber nicht Jochen Reimer im zweiten Drittel eine Glanzparade an die nächste gereiht hätte, das Spiel hätte auch frühzeitig in eine ganz andere Richtung abbiegen können. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man vermuten, dass ihn Andreas Jenikes sensationeller Save in Mannheim herausgefordert hatte.

Zugegeben, gegen Wolfsburg war Colten Teubert keine prägende Figur. Wirklich auffällig ist er aber ohnehin selten. Und trotzdem ungemein wichtig. In Mannheim war er ausnahmsweise auffällig und wichtig. Dass David Wolf sein ohnehin beeindruckendes Strafenkonto um weitere sechs Minuten aufstockte, war größtenteils sein Verdienst. In der Geschichte dieser Paarung hatte man das oft anders herum gesehen, es kann nur erfolgversprechend sein, wenn diese Aufgabe künftig ein Nürnberger übernimmt. Am Sonntag machte Teubert dann erneut alles richtig, war dabei aber naturgemäß nicht so auffällig.

Überragend: Yasin Ehliz (mehr fällt mir dazu nicht mehr ein).

Noch ein paar Fakten

Leo Pföderl scoring streak (4 Tore, 4 Assists) endete in Spiel sieben.
Dass Philippe Dupuis seine scoring streak auf sieben Spiele ausbauen durfte, verdankte er dem Schweizer Schiedsrichter und Brandon Segal.
Die besten Scorer während der Siegesserie:
1. Pföderl 4/4 – 8
2. P. Reimer 5/2 – 7
3. Dupuis 4/3 – 7
4. Ehliz 4/2 – 6
5. Segal 3/3 – 6
6. Blacker 0/6 – 6
7. Steckel 3/2 – 5
8. Jurcina 1/3 – 4
(Es fehlt Steven Reinprecht, 0/3 – 3. Hat der Eishockey-Gott schlecht gespielt? Keineswegs. Noch so ein Zeichen für die derzeitige Qualität der Ice Tigers.)

Lesetipp

Die Ice Tigers spielen in der Dienstagsausgabe der Nürnberger Nachrichten nur am Rande eine Rolle, dafür äußert sich Thomas Sabo klar und ausgiebig zu den Problemen in der DEL (das ist auch der Grund, warum sich dieser Blogeintrag gar so verspätet hat).

 

13 Kommentare in “19/52: Guter Grizzly, böser Grizzly

  1. Wie immer ein sehr treffender Bericht über ein richtiges Playoff-Spiel im November. Wenn diese niedersächsische Betriebsmannschaft mangels Fans und Umfeld nicht gar so steril wäre, hätte die Begegnung Nürnberg gegen Wolfsburg tatsächlich das Zeug zum DEL-Klassiker. Rein sportlich sind diese Duelle jedenfalls immer sehr sehenswert.

    Ansonsten ist ja eigentlich alles gesagt, außer: Ich habe ein absolut reguläres Tor von Patrick Buzas gesehen. Weder konnte man in zig Wiederholungen eine Kickbewegung erkennen, noch war irgendjemand mit dem ich gesprochen habe der Ansicht, dass er nicht mehr mit dem Schläger dran war. In der Anfangsphase hätte man es allerdings auch nicht für möglich gehalten, dass diese Unzulänglichkeit der Schiedsrichter aus der Schweiz im Spielverlauf noch getoppt werden würde…

    Möge der tolle Lauf am Mittwoch fortgesetzt werden!

    Eine Frage an den Blogger: Wird im NN-Interview mit Thomas Sabo auch dessen angebliches Befürworten einer Aufstockung des Ausländerkontingents thematisiert? Rick Goldmann hatte am Freitag etwas kryptisch derartige Absichten u.a. unseres Gesellschafters angedeutet. Bevor ich mich (hoffentlich unnötig) aufrege, würde ich mir gerne morgen die NN kaufen und etwas über die Hintergründe lesen ; )

  2. Bärenstarkes Wochenende und tolles Spiel gestern.
    Habe die Ice Tigers auch im 2. und 3. Drittel mindestens auf Augenhöhe gesehen. Klar, dass man die Wolfsburger nach dem überragenden ersten Drittel mit der 2:0-Führung etwas kommen lassen wollte. Sehr viel hat man aber nicht zugelassen, und wenn dann in Unterzahl. Absolut verdienter Sieg!
    Sehe es auch so, dass das Tor von Buzas hätte zählen müssen. Wurde der Puck nicht von Vogls Schoner noch abgefälscht?
    Zu den Schiris: Wenn man sich Auamüller und Schlimm herbei sehnt (sorgen hin und wieder für Erheiterung), kann irgendetwas nicht stimmen! Ja, eben normales DEL-Schirniveau…

  3. Klasse Spiel und verdienter Sieg! Defensive deutlich stärker als letzte Saison. Jurcina ist der absolute Abwehrchef und der beste und kompletteste Verteidiger seit langem.
    @Sabo Interview morgen in Print Ausgabe:
    Bin mal gespannt zu seiner Aussage zu Ausländeranzahl, Zuschauerentwicklung und Wahrnehmung in der lokalen Presse.4400 Zuschauer nach dieser Erfolgsserie ist wenig. Dem HC Erlangen wird deutlich mehr Präsenz in der NN durch Herrn Benesch gewährt als den IceTigers. Das ist nicht angemessen.

  4. Gedanken zum Spiel:
    Ein sehr emotionales Spiel gegen Wolfsburg. Wie immer in den letzten Jahren. Nicht nur in den PO Partien. Da hat sich eine wirkliche Rivalität entwickelt.

    Kann ein Team besser gegen eine gute Mannschaft spielen als die Ice Tigers im ersten Drittel? Unglaublicher Druck. Sehr starke und konsequente Defensive. Laufstark. In der Offensive gute Chancen kreiert. Tore erzielt. Das war unglaublich und unheimlich viel Spaß.

    Natürlich kam Wolfsburg etwas besser aus der Kabine. Aber das viele Halten (richtig gesehen?) und die harten Aktionen gegen den Goalie hat die Ice Tigers provoziert und die haben doch sehr emotional reagiert. Folgerichtig hat WOB den Anschluss gefunden, jedoch ohne die bessere Mannschaft zu sein (das Überzahl der Grizzlies ist einfach gut).

    Habe die Szene zur Spieldauerstrafe mehrfach angesehen. Blacker sticht auf den am Boden liegenden Haskins ein. Deutlich nachdem die Szene abgepfiffen war. Ich denke das war ein Stockstich und unfair. Das Dupuis für den Crosscheck ins Gesicht nix bekommt… Seltsam. Dagegen war das Schubserchen vom Joker keine zwei Minuten wert. Da haben die Schiris den Überblick verloren.

    Hätte man erwartet, dass das Spiel nach dem 2:2 kippt, wurde man eines Besseren belehrt. Es sah nur kurz aus als würde das Momentum auf die Wolfsburger Seite kippen. Die Mannschaft hat enormen Charakter bewiesen und den Plan befolgt. Das war einfach richtig cool. Irgendwann sah es so aus, als könne nur ein Team gewinnen. Das sieht schon wie ein höherer Level aus. Bin sehr gespannt, wie das weiter geht.

    Selbst die #5 hat ein ordentliches Spiel gemacht. Doch die Verteidiger Teubert, Festerling, Jurcina und auch Weber haben einen richtig geilen Job gemacht (nicht nur gestern). Ist das ein Unterschied zur letzten Saison. Wann hatten wir Verteidiger mit einer +11, +10 oder +8? Einfach Wow. Einfach stark. Und sehr viel Spaß für uns Fans.

    Stats:
    Reimer mit 14 Toren Top-Torschütze der Liga
    Steckel hat eine +12
    Reino schon 14 Assists
    Ehliz mit dem fünften Tor in Überzahl
    Überzahl 16,7% / Unterzahl 84,6%
    Wir brauchen die Überzahl nicht oft im Spiel. Gestern war es notwendig und wir haben die Chancen genutzt…
    Unsere Bully Statistiken sind der Hammer…

    Wermutstropfen: Zwei Checks gegen Filin sahen sehr hart aus. Der zweite für mich auch unsauber. Ergebnis: Gehirnerschütterung. Wünsche ihm gute Besserung.

    Jetzt Vorfreude auf den Mittwoch. Sehr gespannt.
    Prognose: Weber im Sturm. Martinovic wieder dabei 🙂

    • Die Checks gegen Filin habe ich tatsächlich vergessen, nach dem Spiel war ich ob des Sabo-Interviews auch nicht so aufmerksam. Muss ich mir noch einmal ansehen. Deine Prognose sollte übrigens zutreffen.

  5. Wie immer ein Fest den Blog lesen – allerdings hat sich heute der Fehlerteufel eingeschlichen: Uwe Krupp ist Trainer der Eisbären, Björn Krupp spielt für Wolfsburg 😉

    • Dabei meinte ich natürlich Karlchen Krupp, den vergessenen Großonkel.
      Danke, Philippe, das ist natürlich peinlich und wird sogleich ausgebessert.

  6. @Flo: im Interview deutet Sabo u.a. an, dass das Nachwuchskonzept der DEL amateurhaft präsentiert wurde. 11 Vereine haben positiv zur Aufstockung der AL im Spielbericht gestimmt. Sabo denkt aber auch an den Nachwuchs und hat auch ein Nachwuchsmodell im Hinterkopf

  7. @ Blackhawk: Danke, hab mir das interessante Interview und den Kommentar von Sebastian Böhm in der NN durchgelesen.

    Schon interessant welche Missstände da ans Licht kommen. Erster Eindruck: Wenn sich die Klubs weitgehend einig sind, muss es wohl über kurz oder lang eine Neugründung einer „1.Bundesliga“ geben. Dieses tote Pferd DEL kann man nicht mehr ewig reiten. Das ist nicht nur ein personelles, sondern viel mehr ein Organisationsproblem. Da lohnt sich durchaus mal ein Blick über den Tellerrand in Richtung HBL und BBL, die ja in Deutschland in ähnlichen Dimensionen trotz mancher Schwierigkeiten deutlich besser funktionieren.

    • Ich glaube schon, dass es zunächst einmal ein personelles Problem ist. Die Defizite in Sachen Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und interner Kommunikation sind natürlich auf einzelne Personen zurückzuführen. Die Aufgabe eines Geschäftsführers ist es schließlich auch, die Liga zu einen und trotz unterschiedlicher Interessen auf einen Weg zu bringen.

  8. Wenn man es in erster Linie auf die Außendarstellung runterbricht, kann ich folgen.
    Die DEL ist jetzt aber 22 (?) Jahre alt und ich kann mich trotz meiner in den Anfangsjahren noch eher kindlich-jugendlichen Wahrnehmung nicht erinnern, dass es auch wirtschaftlich und sportlich-organisatorisch jemals ruhig oder reibungslos lief, völlig egal ob die Muftis Reindl, Schäfer III, Tripcke oder sonstwie hießen. Wieviele Vereinspleiten, Rückzüge, Lizenzverkäufe etc. hat es in dieser Zeit gegeben? Wie oft wurde der Spielmodus geändert? Wie oft wurde die Ausländerregelung angepasst? Wie lange gibt es die Diskussion um Auf- und Abstieg bzw. zur Verzahnung mit ESBG / DEL 2 schon? Und wurden diese Umstände auch nur ein einziges Mal vernünftig kommuniziert? Ich glaube, dass – im wahrsten Sinne – professionelles Eishockey in dieser Organisationsform einfach nicht gut funktioniert. Dass dann noch unfähiges Führungspersonal dazu kommt, macht es natürlich nicht besser. Nebenbei: Tripcke z.B. ist schon seit 2000 im Amt. Mir ist nicht ganz klar geworden warum Thomas Sabo von acht Jahren spricht, in denen „man“ zugesehen hätte.

  9. Evtl. bezieht Thomas Sabo die Aussage mit den 8 Jahren auf die Dauer seines Engagements bei den Ice Tigers. Ich bilde mir ein, er ist 2008 als Sponsor eingestiegen, kann mich aber auch täuschen.

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