15/52: Nürnberg in Ontario

moechel

Eine Pause bewirkt Wunder. Den Kopf freibekommen. Zeit mit der Familie verbringen. Nach Lissabon fliegen mit Mannschaftskollegen, so wie Marius Möchel. Mit der Frau irgendwohin fahren, wo es ruhig ist und es auch nicht den Journalisten verraten – sonst ist es da ja nicht mehr ruhig, so wie Rob Wilson. Zur Schwester nach Köln fahren und mit den Nichten spielen, so wie Patrick Buzas. Monatelang nicht mehr über Eishockey berichten, so wie ich. Ja, wir hatten heute etwas gemeinsam, die Ice Tigers und der einsame, bebrillte Sportjournalist in der Winterjacke. Es war ein bisschen auch ein Sieg für mich.

Mittelfranken/Ontario

Marius Möchel ist Nürnberger. In Nürnberg sind die Winter nasskühl, nicht nasskalt. Dicke Tropfen, die den Glühwein am Christkindlsmarkt verwässern, Dauerregen, der an Weihnachten an die Scheiben klopft im falschen Rhythmus zum „Stille Nacht“-Flötenspiel der Tochter. Nein, Marius Möchel wird keinen See hinter dem Haus gehabt haben, auf dem er im Winter jeden Tag bis es dunkel wurde mit seinen Freunden, und ja, die Stadt ist toll und ja, Deutschland ist toll und ja, es ist alles sehr alt und so… – Nein! Marius Möchel ist, wie schon gesagt, Nürnberger und nicht Kanadier. Und trotzdem war Marius Möchel aus Mittelfranken und nicht Ontario, heute der beste Mann auf dem Eis. / Seine zwei Punkte hätten aber drei sein müssen (starker Move nach Alleingang in Unterzahl blieb hängen als starker Move nach Alleingang in Unterzahl ohne Tor. Er hat die Rückhand eines Mittelfranken, nicht die eines Gottes).

Das Penalty-Killing war stark./Das Überzahlspiel bleibt trotz aller Arbeit ein Schwachpunkt.

Die Reihe Pföderl, Steckel, Möchel steht im Schatten der Paradereihe. / Sie darf aber der Reihe Ehliz/Reimer/Reinprecht gern die Show stehlen.

Vladislav Filin ist ein junger, sehr talentierter, körperlich sehr leichter Spieler aus Berlin. / Er sollte sich aber kurz vor Ende der Partie nicht vom Ex-Düsseldorfer Daniel Fischbuch provozieren lassen.

Das Spiel

Es war kaum anzunehmen, dass ein Eishockeyspiel nach elf Tagen Pause tatsächlich eine Frage der Kraft werden würde. Wurde es aber, weil Berlin am Dienstag in der Champions League gegen Göteborg auf die Nuss bekommen hat wie früher nur Axel Schulz. „Wir wussten, sie haben eine weite Anreise und ihnen steckt das Dienstagsspiel in den Knochen“, sagte Rob Wilson. „Wir wussten, sie haben eine weite Anreise und ihnen steckt das Dienstagsspiel in den Knochen“, sagte Marius Möchel. Somit war klar: Sie hatten eine weite Anreise und ihnen steckt das Dienstagsspiel in den Knochen. Also war es eine Frage der Zeit, bis die Kraft der Berliner nachlassen würde. Ob sie alle mit Fackelmann-Schirmmützen in den Bus gestiegen sind, weiß ich nicht.

Auf die Müdigkeit aufgebaut war Wilsons Matchplan: Erstes Drittel hart auf die ausgelaugten Körper gehen, zweites Drittel hart aufs Tor der ausgelaugten Verteidiger gehen, drittes Drittel Sieg gegen kollektive Ausgelaugtheit nach Hause fahren und Wutausbruch von Uwe Krupp in der Gästekabine provozieren. Alles (vielleicht auch das mit Krupp) hat geklappt, weil Berlin wie ein Eisbär, der einen schwimmenden Plastikmüll mit einer Robbe verwechselt, in die Falle tappte und das erste Drittel in ähnlich hohem Tempo und Engagement anging wie die ausgeruhten Ice Tigers, die ja mit Mannschaftskollegen in Lissabon, mit der Frau an einem geheimenen, ruhigen Ort und mit den Nichten in Köln waren und daher allenfalls müde Zeigefinger vom Fotoschießen hatten. Das 1:1, begünstigt durch eine unberechtigte, einseitige Strafe gegen Marcus Weber und eine vorausgegangene, vermutliche Abseitsposition, waren demnach nur ein letztes Aufbäumen der ausgelauten Gäste. Der Lattentreffer von Müller, gut, ein allerletztes, aber wirklich allerletztes Lebenszeichen. Dann zeigten die wunderbaren Leo Pföderl und Marius Möchel allen, wie Fliegen geht – und nahmen ihre Ice Tigers in wenigen Minuten mit auf eine Reise zum 4-1.

Der NN-Moment des Spiels (präsentiert von Maurerarbeiten Pföderl, Bad Tölz):

Leo Pföderl erzielte sein erstes Länderspieltor gegen die Schweiz. Ja, es war eine Erlösung, dass es endlich geklappt hat, aber man solle das nun nicht überbewerten, musste er brav in alle Mikrofone sagen, die ihm seitdem unter die Nase gehalten worden waren. Was dieser Treffer für Energie, für Selbstbewusstsein freisetzte, durfte man gegen die Eisbären bewundern. Pföderl lief, Pföderl kämpfte, Pföderls Hände waren so schnell, als müsse er im Neubau eines Dax-Vorsitzenden das 50-Quadratmeter-Badezimmer mit Schwammputztechnik innerhalb von fünf Minuten verputzen. Pföderl umspielte drei Gegenspieler so spielend leicht, als seien es die spätgotischen Säulen im Badezimmer des Dax-Vorsitzenden. Sein Querpass fand den freien Marius Möchel, der dem armen Petri Vehanen keine Chance ließ. Pföderl hat sozusagen auch noch schnell den goldenen Wasserhahn angeschraubt.

Rob Wilson

„Ich habe immer wieder gesagt: Jungs, die sind müde. Jungs, die haben ein Spiel in den Beinen, wir nicht. Aber man spürt diese eigene Pause, dass man nicht im Rhythmus ist. Da werden die Beine selbst schnell schwer, deshalb habe ich immer wieder gerufen: Haltet das Level hoch, bewegt euch. Auch in der Pause haben wir das angesprochen: Bleibt oben mit dem Level, schaltet nicht zurück, gebt Gas. Es hat heute den Unterschied gemacht.“

Die NN-Three Stars

Marius Möchel. Laufstark, agil, körperlich präsent, ideenreich, beweglich, mit erstaunlich sicheren Moves. Dazu immer wieder am „Möcheln“, wie die Kollegen Meyer und Jennemann es nennen: „Anpirschen mit unschuldigem Nürnberger Lebkuchengesicht, aber störend, ärgernd, nach dem Puck löffelnd – erfolgreich löffelnd – Möchelnd eben.“ Ein Tor, eine Vorlage – ein starker Auftritt. „Ich weiß auch nicht“, sagte er später, „aber die Spiele nach den Pausen liegen mir irgendwie. Offenbar ist dann der Kopf frei oder sowas.“

Er hat immernoch Entwicklungspotential, auch wenn er schon so verdammt abgeklärt sein kann: Leo Pföderl hat die Berufung in die Nationalmannschaft und der Treffer gegen die Schweiz sichtlich gut getan. Ein Aktivposten nicht nur vor dem Tor, sondern auch mit beeindruckendem Auge unter Druck für die Mitspieler.

Ja, ich gebe zu, ich bin ein Fan von Milan Jurcina. Er ist üppig, rustikal, deftig – genau wie Svickova mit Bramborak, also Lendenbraten mit Kartoffelpuffer böhmische Art. Dazu ein satter Schuss, sogar aus dem Stand, der auf der Kirmes die Hau-den-Lukas-Kugel sofort auf eine Umlaufbahn mit Hector III katapultiert hätte. Ganz Deutschland hätte nach der 37. Minute kein RTL mehr empfangen. Seine Schüsse wurden zu Abprallern genutzt, starke Taktik von Wilson.

Vladislav Filin

„Nein, da gab es keine offene Rechnung zwischen Fischbuch und mir. Das war einfach so, wir haben uns halt in die Haare bekommen, nichts Ernstes.“ Dafür habt ihr jetzt eine.

Und sonst?

Warte ich darauf, bis Oliver Mebus sich endlich den Kopf anschlägt – am Raubtiergitter beim Einlauf, an der Kabinentür, durch die er sich ducken (!) muss, beim skaten unter dem Videowürfel hindurch, an einem Tag, an dem die Wolken besonders tief hängen.

 

7 Kommentare in “15/52: Nürnberg in Ontario

  1. Ein interessanter Matchplan, der auch so auf dem Eis zu erkennen war. Und Berlin war in den ersten 30 min sicher nicht schlechter. Ein wieder starker Jochen Reimer hat mit guten Paraden verhindert, dass die Eisbären in Führung gehen und dann die zweite Luft bekommen.
    Vor allem im letzten Drittel hat man noch den Willen der Eisbären gesehen. Aber da waren sie einfach zu platt.

    Zum Unterzahlspiel habe ich eine etwas andere Sicht. Wenn der Gegner bei 4 Möglichkeiten 2 Tore macht ist dies sicher nicht richtig stark. Es war ganz ok. Sicher haben die guten Szenen von Möchel das ganze etwas besser erscheinen lassen.

    Patrick Reimer hat im 250. Spiel (Gratulation dazu) seinen 129. Treffer erzielt. Das ist absolut super. Schön, dass wir ihn noch viele Jahre in Nürnberg sehen werden…

    Und jetzt Vorfreude auf die nächsten Spiele… 🙂

  2. Aufgrund einer starken Halsentzündung musste ich die gestrige Partie leider vor dem TV verfolgen. Die Tatsache, dass es mir heute schon ein ganzes Stück besser geht, mag auch mit dem gelungenen Auftritt der Ice Tigers zusammenhängen.
    Im ersten Drittel, so mein Eindruck, war die Mannschaft etwas überrascht vom aggressiven Forechecking der Berliner und lies sich phasenweiße zu lange im eigenen Drittel einschnüren. In dieser Phase hat mir auch ein bisschen die körperliche Präsenz gefehlt.
    Ab dem zweiten Drittel waren wir dann klar besser und haben das Spiel letztlich völlig verdient gewonnen.
    So wie alle anderen hier, habe ich mich auch sehr über die 2 Punkte von Marius Möchel gefreut. Er ist ein – im besten Sinne- unauffälliger Arbeiter, einer, der keinen Puck verloren gibt, weite Wege geht, Pucks erarbeitet und so manchen Gegner mürbe machen kann. Uneitel, fleißig und praktisch in der Arena geboren – das ist Marius Möchel. Schön, wenn er sich für seine Arbeit belohnen kann.

    Mir hat, offenbar im Gegensatz zum Autor dieses Blogs, die Einlage von Vladislaw Filin sehr gut gefallen. Klar, unnötige Strafzeit. Klar, Daniel Fischbuch ist nicht David Wolf, Tim Conboy oder Jason Pinizzotto. Klar, wenn man 5:2 führt muss das nicht unbedingt sein. Aber kleine Einlagen wie diese gehören zu unserem Sport. Und es spricht für Filin, dass er sich, obwohl jung, technisch orientiert und relativ leicht auch mal eine körperliche Auseinandersetzung zutraut. Dass er relativ angstfrei ist, hat er übrigens auch schon mit seinem harten Check gegen David Wolf bewiesen. Überhaupt bin ich großer Fan von Vladislaw Filin. Technisch begabt, lernbereit, hoch motiviert, Zug zum Tor, sympathisches boy-next-door-Gesicht. An Jiraneks Stelle würde ich früh die Option für ein weiteres Jahr ziehen. Die Ice Tigers könnten in Zukunft noch sehr viel Freude an ihm haben….

    Gut übrigens, dass der Mannschaft mal ein überzeugendes Spiel vor einer größeren Kulisse gelingt. Heimniederlagen gegen Straubing, Bremerhaven und co. sind dem Zuschauerschnitt auf Dauer nicht zuträglich.

  3. Eine clevere taktische Marschroute der Icetigers, eine sehr geschlossene Mannschaftsleistung dazu – und ein talentierter Gegner, der sich in Anbetracht der Mehrbelastung durch die Champions League denkbar dämlich verhalten hat. Die Berliner hätten es sein müssen, die auswärts kompakt stehen und dann immer wieder schnell umschalten, stattdessen haben sie relativ uninspiriert mit der Scheibe agiert und sich an der körperlich überlegenen Nürnberger Mannschaft noch gänzlich aufgerieben. Sie sind dann eigentlich erst nachdem das Spiel entschieden war mit (übertriebener) Härte aufgefallen.
    Hervorzuheben auf Nürnberger Seite sind natürlich Möchel, natürlich Pföderl (grandiose Willensleistung!), auch Dupuis und Kozek haben gute Aktionen gehabt. Steckel und Segal arbeiten viel, kommen heuer aber insgesamt leider noch nicht so zur Geltung. Ich hoffe, dass sie uns in den Playoffs in Topform entscheidend helfen. Extralob mal wieder für Steven Reinprecht, der mit seinen 40 Lenzen im zweiten Drittel in eigener Unterzahl alleine hinter dem gegnerischen Tor mehrere Gegner narrt und dann mit letzter Kraft einige Sekunden im Bandenzweikampf herausholt – Hut ab!

  4. Hallo,

    starke Teamleistung, vor allem ab dem zweiten Drittel.

    J. Reimer stand gut, konnte bei beiden Toren nix machen. Hinten stabil und schneller, präziser erster Pass hat viele gute Chancen generiert. Im Sturm kaltschnäuzig und entschlossen die Chancen rein gemacht.

    Die Szene vor dem 5:2, als Segal den Berliner locker überläuft und dann präzise passt, war für das Spiel charakteristisch. Berlin hinten zerfahren, wirkte irgendwie noch nicht ganz bei der Sache und in vor dem eigenem Tor inkonsequent. Schön, dass das Team dies erkannt und konsequent genutzt hat.

    Bei der Beurteilung der Aktion von Filin schließe ich mich Dominik an. Fischbuch mit klarem Foul an der Bande, dann noch auf dem am Boden liegenden Filin draufgeschlagen. Lächerliche Aktion, unnötig und völlig ok, dass sich Filin da gewehrt hat. Filin macht sich wirklich gut und ich denke auch, ein neuer Zweijahresvertrag wäre nicht verkehrt.

    Btw., auch die Aktionen von Müller vs. Reinprecht und Ehliz (glaub ich) einige Augenblicke vorher waren dämlich, unnötig und unverständlich. Wenn schön pöpeln und Zeichen setzten, dann hätten die Bären da doch andere Kaliber am Start. Offenbar wollten sich die Leichtgewichte noch in Szene setzten. Zumindest Müller hatte das nicht nötig, war imo einer der besten Berliner gestern Abend.

    So Long, freue mich schon das Team, zumindest auf TelekomEishockey…, am Sonntag und Dienstag wieder zu sehen.

    Herzlicher Gruß
    Stefan

  5. @ Bidole

    Müller war mit Abstand DER beste Eisbär gestern Abend. Selten einen Verteidiger in der DEL gesehen, der für sein Alter schon so weit ist. Hatte gestern extrem viel Eiszeit und hat seine Sache außerordentlich gut gemacht.

    Ab dem zweiten Drittel war es eine sehr solide Leistung der ICE Tigers. Hab mich für Möchel gefreut, so einen Abend hatte er sich verdient.

    Schönes Wochenende.

  6. @Flo: ein +11 bei Steckel spricht wohl dafür, dass er heuer nicht nur an Punkten zu messen ist 😉

  7. @ Blackhawk:_Sind die +11 von der Telekom gezählt? 😉 Nicht nur heuer, entspricht ja eh nicht seiner Vita dass er 20 Tore macht wie in der letzten Saison. Ihm fehlt ein wenig die Leichtigkeit des letzten Jahres, aber wer sich so einbringt, dürfte schon irgendwann automatisch wieder besser scoren.

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