13/52: Schimm, das ist alles so schimm

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Neue Idee für einen Motto-Spieltag: Die Beach Party vor einem oder zwischen zwei Handballspielen. Die passenden Trikots lägen bereit, gesucht wird das beste Strand-Outfit und Willi Schimm darf in den Drittelpausen die Cocktails servieren. Ja, kuschelig warm war diese Red Night, vielen Dank noch einmal für den wunderbaren, ja, märchenhaften Handball-Boom in Erlangen, ähm, Nürnberg, Erlangen, whatever. Erstaunlich, dass dabei noch ein vernünftiges Eishockey-Spiel rausgekommen ist. Weiter lesen

11/52: Eine Ehrenrunde für alle

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Am 21. Oktober, um 21:47 Uhr, da konnten sie zum ersten Mal in dieser DEL-Saison alle zufrieden sein: die Ice Tigers- und die Eishockey-Fans, die Erfolgs- und die Objektivfans, die Aumüllerraus- und die Blinder-dou-Fans, die Syvret- und die Mebus-Fans, der Cheftrainer und der Mann, der tatsächlich Thomas Sabo heißt (an diesem Abend aber nicht in der Arena weilte). Selbst Jochen Reimer dürfte nach dem 5:2 bester Stimmung gewesen sein, über ein Eigentor kann dieser humorbegabte Mensch nur lächeln. Und auch die Männer, die auf Tiger starren, wollen nicht klagen, weil es immer angenehmer ist, über Heimsiege zu schreiben als über Spiele, die zu Heimsiegen hätten werden müssen. Weiter lesen

Die großen Zehn (und eine neue Verlosung)

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Eine solche Liste ohne Johnny Craighead? Ohne Daryl Coldwell? Ohne Andrej Mezin? Ein weiterer Beweis dafür, dass die Männer schon längst nicht mehr auf Tiger starren. Ist ja auch nur schwer möglich aus dem VIP-Raum. Und überhaupt: Was soll das sein, eine Sonne Bingold? Weiter lesen

10/52: Wir kaufen noch ein „e“

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Da kommen 85 Hamburger vorbei – und plötzlich war Stimmung in der Bude. Nein, mal ehrlich, das hat großen Spaß gemacht an diesem Nachmittag. Ich kann mich nicht erinnern, Mitte Oktober schon einmal ein solch rundes Spiel erlebt zu haben (wenn man von korrekter Defensivarbeit mal absieht). Das lag womöglich auch am Spiel selbst. Eishockey, Nürnberg, Mannheim – das war auch zum 119. Mal eine unterhaltsame Kombination. Weiter lesen

8/52: Frust

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Eishockey ist teuer, heißt es. Eishockey ist eigentlich nicht bezahlen. Die Fixkosten sind zu hoch, die Einnahmen zu gering. Eishockey ist teuer. Nur wird damit nie die andere Seite berücksichtigt. Eishockey ist schließlich zunächst einmal für all jene teuer, die in eine Stehplatzkarte, zwei Bier und Drei im Weckla 30 Euro investieren. Und das öfter als 26 Mal im Jahr. Natürlich erwirbt niemand dadurch den Anspruch auf ein spektakuläres Spiel, aber jene 3583 Menschen, die nicht nur gegen Mannheim kommen, sondern eben auch gegen Fischtown, die durften sich an diesem späten Sonntagabend durchaus veralbert fühlen. (Und trotzdem bin ich mir ziemlich sicher, dass man an dieses peinliche 2:3 im Februar nicht mehr erinnern wird.) Weiter lesen

6/52: Joker (and no thief)

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Es geht doch nur um Eishockey, oder? Stimmt, trotzdem ist gleich der Einstieg über den Beitrag zum 2:0 gegen den ERC Ingolstadt, so ausführlich und so angriffslustig geraten, dass nur diejenigen auf weiter lesen klicken sollten, die dazu bereit sind (click-baiting at its best). Weiter lesen

Die Zeitung aus dem letzten Jahr: „Was sind Schmerzen? Was ist normal?“

27.02.2015 --- Eishockey --- Saison 2014 2015 --- DEL --- 51. Spieltag: Thomas Sabo Icetigers Nürnberg - Hamburg Freezers --- Foto: Sport-/Pressefoto Wolfgang Zink / MaWi --- Jochen Reimer (32, Thomas Sabo Ice Tigers Nürnberg) - im Interview nach Spielende

Foto: Sport-/Pressefoto Wolfgang Zink / MaWi

(Aus aktuellem Anlass noch einmal Jochen Reimers Beitrag für die Nürnberger Nachrichten vom 24. Dezember 2015 aus der Serie „Die Stimme des Spiels“)

Als ich im Flieger gesessen bin, war mir zum ersten Mal klar, dass es Weihnachten ist, wenn ich wiederkomme. Dann habe ich wieder die Sitzposition gewechselt, weil es nicht auszuhalten war, weil die Schmerzen chronisch geworden sind, weil es keine Sitzposition gibt, in der es halbwegs erträglich ist auf einem Flug nach New York. Und dann waren da noch die tausend Dinge, die ich im Kopf hatte: Lasse ich meine Mannschaft im Stich? Vielleicht hätte ich noch eine Saison so durchkommen können, mit Spritzen und dann hätte ich mich im Sommer operieren lassen können. Hätte ich mich dann wieder verletzt? Oder hätte ich in den letzten Jahren noch bessere Leistungen bringen können, wenn sie nicht immer da gewesen wären, die Schmerzen?

Dann wechselte ich wieder die Position, der Schmerz fuhr mir wieder in die Hüfte, wie ein glühendes Messer, und ich wusste, dass es richtig war.

Das Labrum um meinen rechten Hüftknochen war eingerissen, Bänder, Muskeln, alles außen herum musste mehr arbeiten, daraus sind andere Verletzungen entstanden, zwei Leistenbrüche, die Muskelrisse. Mein rechter Bauchmuskel war nur noch halb so groß wie mein linker. Nur wusste ich das lange nicht. Ich wusste einfach nicht mehr, ob das nur ein Muskelkater war oder ein echtes Problem. Ich wusste nicht mehr: Was sind Schmerzen, was ist normal?

Im Leben eines Eishockeyprofis gibt es keine Tage ohne Schmerzen. Wir haben im Jahr drei Monate frei – allerdings um uns auf die nächste Saison vorzubereiten. Dann geht es Schlag auf Schlag. Bis auf Montag haben wir jeden Tag Training, wir haben Eistraining, Krafttraining, Ausdauertraining. Wir haben zwei Spiele am Wochenende, manchmal drei in der Woche. Eishockey ist körperbetont, auch für Torhüter (1), der Körper aber hat keine Zeit, sich zu erholen. Wenn mal was weh tut, spielt man trotzdem, weil es die anderen auch so machen. Wie eine Grippe, die man verschleppt hat. Immer wieder sagt man, es geht schon.

Das war auch bei mir so. Nur habe ich das erst nach drei Jahren gemerkt.

Ich bin nicht bei Facebook. Aber natürlich bekommt man mit, was da geschrieben wird. Zum Beispiel, wenn einer schreibt, dass ich eh immer nur verletzt bin. Wahrscheinlich habe ich das meinem guten Freund Pierre Pagé (2) zu verdanken, der gesagt hat, dass ich entweder verletzt bin oder krank. Dabei hatte ich bis dahin in 49 von 52 Spielen im Tor gestanden. In der Saison davor habe ich bis zur Muskelverletzung alle Spiele gemacht. In Wolfsburg war ich zuvor kein einziges Mal verletzt. Aber wenn dann auf Facebook steht, dass der Reimer immer verletzt ist, weil er nicht fit und überbewertet ist und viele andere auf den Wagen aufspringen, fragt man sich trotzdem: Hat er vielleicht recht?
Mein Bruder ist bei Facebook, 98 Prozent der Kommentare, die er bekommt, sind nett, so wie 98 Prozent der Fans auf der Tribüne, mit denen ich mich immer gerne unterhalte. Aber auf Facebook habe ich keine Lust darauf, nach Spielen lesen zu müssen: Was war heute denn wieder los? Habt ihr keine Lust gehabt? Oder spielt ihr gegen den Trainer? Ich bin seit zehn Jahren in der Deutschen Eishockey-Liga, Eishockey spiele ich, seit ich drei Jahre alt bin, und ich habe noch nie einen Spieler sagen hören: Jungs, heute sollten wir verlieren, weil dann schmeißen sie den Trainer raus. Das ist Quatsch. In München, das ist ja ein offenes Geheimnis, hatten wir ein furchtbar schweres Jahr mit Pierre Pagé. Trotz alledem hat niemals irgendjemand gesagt, heute verlieren wir. Nie.

Als ich noch bei Facebook war, habe ich persönliche Nachrichten bekommen, voller Beschimpfungen, auch gegen meine damalige Freundin und jetzige Verlobte. Das war ganz übel. Ich war Eishockeyspieler, habe immer versucht, alles zu geben; habe immer versucht, ein guter Mannschaftskamerad zu sein, ein guter Torwart und ein Vorbild; war immer nett zu den Fans. Und dann schreibt mir einer, dass ich ein schlechter Mensch sei, weil ich meiner Nichte ein Trikot geschenkt habe, statt es für einen guten Zweck versteigern zu lassen. Da frage ich mich schon, was ich da falsch gemacht habe.

Es heißt immer, dass wir deshalb ja auch gutes Geld verdienen. Das stimmt. Von Fußballergehältern sind wir zwar weit entfernt. Aber wir haben unser Hobby zum Beruf gemacht und wahrscheinlich gibt es nichts Schöneres. Aber viele sehen nicht, wie viel wir aufgeben, um Eishockey-Profi sein zu können. Im Sommer bin ich jeden Tag um sechs Uhr aufgestanden, um von sieben bis zehn Uhr trainieren zu können. Ich habe meine Ernährung umgestellt. Wenn meine Freunde weggegangen sind, bin ich zu Hause geblieben. Ab August gibt es kein Wochenende mehr, am Donnerstag und am Samstag gehe ich um zehn Uhr ins Bett, um am nächsten Tag fit zu sein. Zweimal die Woche sitze ich stundenlang im Bus. Man reißt sich den Arsch auf, natürlich auch für sich selbst, vor allem aber, weil man dem Verein, weil man der Mannschaft helfen will und weil man will, dass die Fans Spaß haben. Und dann muss man lesen, dass man sich nicht genug Mühe gibt, dass man nicht fit ist. Es gibt sicher Eishockey-Profis, die haben da ein dickeres Fell, aber ich bin ein sensibler Typ, ich mache mir Gedanken. Mit diesen Gedanken liegt man dann auf dem Operationstisch in New York und sagt sich noch, ich muss so schnell wie möglich wieder zurückkommen, damit die nicht recht behalten.

Aufgewacht bin ich in einer Maschine, die meine Hüfte bewegen sollte. Die ersten Tage danach waren fürchterlich, alle fünf Stunden habe ich ein Medikament nehmen dürfen, nach drei Stunden habe ich meine Verlobte angefleht, mir eine Tablette zu geben. Ich konnte nicht Autofahren, mir noch nicht einmal Socken anziehen. Sie hat alles für mich gemacht, am Abend ist sie dann selbst trainieren und arbeiten gegangen. Im Sommer hatten wir uns ein Haus in New Jersey gekauft, im Sommer stehen da schon mal drei, vier Rehe im Garten. In die Praxis von Dr. Bryan Kelly (3) an der 71. Straße in der Upper East Side von Manhattan haben wir trotzdem nur 35 Minuten gebraucht. Dabei war das doch alles nur ein Zufall.

Im Sommer hatte ich mich in den USA auf die Saison vorbereitet, ich hatte mir einen eigenen Trainer genommen, der mit mir vor allem an der Hüfte gearbeitet hatte. Dass wir damit alles nur noch schlimmer gemacht hatten, wusste ich nicht. Ich hatte einen Torhütertrainer und war mit NHL-Spielern wie Matt Carle auf dem Eis gestanden, das Wichtigste aber war im Nachhinein, dass ich den Chiropraktiker der New York Giants kennengelernt hatte. Der hat gesagt, wenn ich mal ein Problem habe, soll ich mich melden. Nach dem zweiten Vorbereitungsspiel bin ich in der Früh nicht aus dem Bett gekommen. Ich konnte nicht mehr laufen, jeder Schritt tat weh. Zu dem Zeitpunkt war ich 29 und ich habe mir gesagt, in einer Woche werde ich 30, aber nach einem Vorbereitungsspiel komme ich nicht mehr aus dem Bett. So kann es nicht weitergehen.

Ich habe also in New York angerufen und der Chiropraktiker hat mir einen der führenden Hüftspezialisten der Welt empfohlen. Dr. Bryan Kelly hat Tim Thomas operiert, der ein Jahr danach die Vezina-Trophy für den besten Torhüter der NHL bekommen hat. In seiner Dankesrede hat er sich bei dem Chirurgen bedankt, weil er seine Karriere gerettet hat. Und dann kommt der Reimer, DEL-Torhüter des Jahres, immerhin, aber ob den das interessiert hat? Der hat wahrscheinlich gar nicht gewusst, dass es Eishockey in Deutschland gibt. Aber zehn Minuten nachdem ich angerufen hatte, hat er zurückgerufen. Mittlerweile weiß ich, wie viele Patienten der hat und was das für eine große Nummer ist. Trotzdem hat er sich Zeit genommen, hat mich alles gefragt und ich hab ihm, ähnlich wie hier jetzt, alles erzählt. Als ich ihm Ultraschallbilder geschickt habe, hat er mir geantwortet, dass es ihm am liebsten wäre, wenn ich sofort komme. Dass er seine Praxis in der Nähe von unserem Haus hat, war praktisch, aber wirklich nur Zufall. Wäre er Finne, wäre ich nach Finnland geflogen.

Nach der Operation habe ich immer mit meinem Bruder Kontakt gehabt, mit Steven Reinprecht habe ich viel telefoniert. Aber vielleicht war es diesmal auch ganz gut, dass ich weit weg war. Ich habe mir in den letzten Jahren so viele Spiele hilflos von der Tribüne aus anschauen müssen und tausendmal wird man gefragt, na, Urlauber, wie geht’s, und tausendmal lächelt man gequält und sagt sich tausendmal, ja, verdammt noch mal, ich würde auch gerne spielen, aber ich kann nicht. New York auf Krücken kann ich nicht empfehlen, aber man kann sich gut ablenken. Ich habe meine Verlobte (4) zum ersten Mal auf höchstem Niveau Eishockey spielen sehen, außerdem drei NHL-Spiele und ein College-Football-Spiel. Wir waren auf dem Empire State Building und bei einer Broadway Show. Das war großartig. Aber am Tag danach geht man zur Reha und weiß, dass man wieder die gleichen Übungen machen wird. Noch einen Tag danach fragt man, und, was mache ich heute? Wieder die gleichen Übungen. Und wieder einen Tag später denkt man sich, heute wird es besser – und macht wieder die gleichen Übungen.

Aber jetzt wird alles gut.

Unter der Woche war ich das erste Mal wieder auf dem Eis. Es war wunderschön. Ich habe mich wieder wie ein Eishockeyspieler gefühlt.