3/53: DEL-Eishockey, bloody hell!

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Zwischendurch musste man doch erst noch einmal draußen nachschauen: Bunte Bäume, kühle Morgen, dieser herbstwarme Sonnenschein, dieses Licht. Ja, Oktober 2016 hat noch nicht begonnen, aber wir haben in dieser Woche bereits 24 Penalties gesehen, einen geschundenen Tim Conboy, Unglaubliches von Auston Matthews und Raketenschnelles von Connor McDavid, eine stolze Europa-Auswahl, die die großzügige Einladung zu diesem unerträglichen, aber leider geilen World Cup ganz und gar nicht im Sinne der großen NHL missbraucht hat, und am Ende dieser frühen, furiosen Eishockey-Woche auch noch dieses 10:2 der Ice Tigers gegen die Tigers. Wie? Kein 10:2? Es kam alles ganz anders? 3:4? Das ist nicht möglich. DEL-Eishockey, bloody hell.

Wayne Gretzky/Brent Gretzky

Mit Tempo und Härte haben die Ice Tigers die Tigers zu unzähligen Fehlern und Fehlpässen gezwungen / Die Ice Tigers haben sich dabei viel weniger Fehler geleistet, nahezu jeder einzelne führte aber zu einem Gegentreffer.

Patrick Reimer ist 33 Jahre alt und scheint einer von maximal drei Eishockeyspielern auf der Welt zu sein, die von Jahr zu Jahr individuell immer noch besser werden / Selbst in dieser Form ist ein Patrick Reimer zu wenig, wenn sich seine Kollegen so viel Mühe geben, Chancen zu vergeben und ein Spiel zu verlieren, das man eigentlich nicht verlieren kann.

Milan Jurcina hat ganz wesentlich zu diesen spektakulären ersten 30 Minuten beigetragen / Milan Jurcina hat aber auch dazu beigetragen, dass die zweiten 30 Minuten so unerfreulich waren.

Ist es nicht großartig, dass sich Nürnberger Eishockey-Fans inzwischen auf so vielfältige Weise austauschen können? / Ist es nicht manchmal unerträglich, wie altklug, hysterisch und fränkisch sich Nürnberger Eishockey-Fans inzwischen auf so vielfältige Weise austauschen?

Die Ice Tigers haben noch 49 Spiele Zeit sich von Platz 13 (DREIZEHN, OMG!) auf Platz vier zu kämpfen / Zwei Punkte aus drei Spielen, in Anbetracht der Ambitionen der Ice Tigers ist das nichts anderes als ein Fehlstart.

Diese Ergebniskrise kann schon am Sonntag in Krefeld vorbei sein / In dieser Liga und bei der offensichtlichen aktuellen Anfälligkeit der Ice Tigers, gute Spiele vollkommen zu versauen, kann dieser Zustand aber auch noch sehr viel länger dauern.

Nicht nur Jesse Blackers Geschwindigkeit ist beeindruckend, auch die Art, wie er dieses Talent zu nutzen weiß / Nicht immer ist schnell auch gleich gut: Aufbaupässe, die 13 bis 21 Zentimeter zu lang sind, gefährliche Puckverluste, unpräzise Schüsse – erst, wenn Blacker ruhiger wird, wird er beweisen können, wie wertvoll er sein kann (bis dahin kann man sich einfach an seinem Skating erfreuen).

Rob Wilson I:

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir viele Spiele zu Hause besser spielen werden als dieses.“

Die Aufstellung

Unter der Woche hatte Colten Teubert bereits wieder mittrainiert. Und trotzdem konnte es sich Rob Wilson leisten, den Mann aus British Columbia ein weiteres mal zusehen zu lassen – wie jeder Trainer, der zusätzlich noch Milan Jurcina zum spielen bekommt. Zudem fehlte Marco Pfleger wegen leichter Rückenbeschwerden. Für „die besten Händer der DEL“ Jens Meilleur kam so zu einem soliden Debüt in der DEL. Im Tor stand Jochen Reimer, weshalb man davon ausgehen darf, dass Andreas Jenike am Sonntag in Krefeld gefragt sein wird.

Das Spiel

Nach dem Spiel in Iserlohn hatte Rob Wilson Vladislav Filin zur Seite genommen. „I was joking but I was serious.“ Wie bitte? Egal. Wilson sagte zu seinem jungen Angreifer: „Heute bist du der Held, aber morgen ist mir das egal.“ Und genau so wolle er auch nach diesem seltsamen 3:4 gegen Straubing verfahren. Nur werden das auch seine Spieler können, werden sie verdrängen können, wie überlegen sie waren, wie viel Spaß es gemacht hat, diese Straubinger vorzuführen und wie unerträglich es war, nach einem missglückten Schlussdrittel letztlich gar nicht so unverdient verloren zu haben? Denn natürlich ist es frustrierend, sich für einen solch starken Auftritt nicht zu belohnen, weil ein Angreifer in Unterzahl zu hoch steht und zwei Verteidiger zu weit auseinander, weil Yasin Ehliz den Puck nicht klären kann und weil in der entscheidenden Phase aus individuellen Fehlern Fehlerketten werden. „Wenn du ein Spiel derart kontrollierst, wenn ein Spiel derart dominierst, dann ist es wirklich, wirklich schwer, nach einem Fehler und einem Gegentor nicht die Köpfe hängen zu lassen.“ Noch einmal Rob Wilson, der diese Niederlage ziemlich plausibel hat erklären können. Das ändert aber nichts daran, dass diese erfahrene Mannschaft zunächst einmal damit zufrieden war, den Gegner vorzuführen und darüber vergaß, zumindest noch ein zweites Tor zu schießen. Und es ändert nichts daran, dass es mit Danny Syvret ein potenzieller Führungsspieler war, der vor dem 2:3 den Puck liegen ließ. Wilson behauptet, er wäre nur unzufrieden, „wenn wir vorgeführt worden wären“.

Der NN-Moment des Spiels

Plötzlich war Jesse Blacker ein Goon. Ein bisschen Boxtraining im Sommer, eine günstige Gelegenheit in einem Vorbereitungsspiel, ein rechter Hacken – und schon war der schnelle Verteidiger in der DEL gefürchtet. Und natürlich war damit auch Tim Miller bekannt, der am Ende von Blackers rechtem Hacken hatte erkennen müssen, dass es bei ihm zum Goon in der DEL trotz 179 Strafminuten in der kleinen DEL eventuell nicht reichen könnte. Stattdessen entpuppte sich der Deutsch-Amerikaner (vielen Dank noch einmal an den Eishockey-Fan im Einwohnermeldeamt in Bremerhaven) als Torjäger (zwei Tore in den ersten zwei Spielen). Nürnberg aber wird sich noch anstrengen müssen, um zu Millers Lieblingsgegner zu werden. Blacker hielt er sich diesmal fern, dafür traf er auf Milan Jurcina. Da sah dann auch nicht sehr schön aus, mit solch einer umwerfenden Konsequenz hat noch nicht einmal der unvergessene David Printz seine Zweikämpfe aufgelöst.

Ehrenvolle Erwähnung:

Die Vier-Meter-Verteidigung (Mebus und Jurcina) in der starting six.

Die vielen guten Pässe von, jawohl, Oliver Mebus.

Die Three Stars der NN

Ein Tor fehlt ihm noch, dann hat er Michael Wolf eingeholt. Mit seinem ersten Hattrick seit sechs Jahren hat Patrick Reimer den Rückstand auf den Münchner Meisterkapitän in der ewigen Torjägerliste beinahe wieder egalisiert. Wird ihm aber egal sein.

Das erste war leicht, das zweite eine Energieleistung und das dritte Tor ein Zusammenspiel aus Wille und Präzision. Am Ende aber wird sich Patrick Reimer nur darüber geärgert haben, dass er durchaus vorhandene Chancen nicht noch zu einem vierten Treffer genutzt hat.

Natürlich lässt sich das nicht nachprüfen, natürlich ist es müßig, zumal nach einem solchen Spiel, aber es wirkt tatsächlich so, als wäre Patrick Reimer noch einmal schneller und beweglicher geworden. Wird ihm aber egal sein.

Rob Wilson II:

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Paddy (Reimer) seine drei Tore gegen drei Punkte getauscht hätte.“

Patrick Reimer:

„Es darf uns nicht passieren, dass wir das Spielen aufhören, nur weil wir daran verzweifeln, dass wir keine Tore machen.“

Lesen!

Player’s tribune ist immer wieder ein Genuss, wir haben das nicht ohne Grund in den Nürnberger Nachrichten kopiert, in diesem Fall lernt man zudem wirklich Neues: http://www.theplayerstribune.com/mats-zuccarello-rangers-norway-hockey/

Das Inerview ist leider ein wenig harmlos und etwas eindimensional ausgefallen, trotzdem ist es Lüde natürlich wert:

http://www.zeit.de/sport/2016-09/mirko-luedemann-koelner-haie-eishockey-blutige-angelegenheit

Team USA war nicht erfolgsversprechend zusammengestellt? Sag bloß:

http://www.nytimes.com/2016/09/22/sports/hockey/roster-criticized-us-exits-world-cup-of-hockey-meekly.html?ref=hockey

Ansehen!

6 Kommentare in “3/53: DEL-Eishockey, bloody hell!

  1. Eine durchschnittliche Leistung in der Begegnung gegen einen biederen Gegner. Passables Debüt von Milan Jurcina der die körperliche Präsenz deutlich erhöht.. Befremdlich erscheint und die Aussage vom Trainer Wilson: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir viele Spiele zu Hause besser spielen werden als dieses.“. Wie soll es dann gegen München –Berlin – Köln –Ingolstadt reichen, wenn es gegen biederen Straubinger nicht zu einem dreier reicht.

  2. Den Gegner ganz klar beherrscht – aber doch nur im ersten Drittel. Da hätte das Spiel schon entschieden sein müssen! Ab dem zweiten kamen die Straubinger deutlich besser ins Spiel, auch wenn die Ice Tigers auch da die besseren Chancen hatten. Letztes Drittel ging meiner Meinung nach an Straubing, die da irgendwie spritziger wirkten. Die Gegentore fielen aber, weil der Gegner höflich dazu eingeladen wurde. War schon in den bisherigen beiden Spielen so und müsste dringend abgestellt werden, neben der suboptimalen Chancenverwertung natürlich.
    Von der zweiten und dritten Reihe kam insgesamt wieder viel zu wenig.
    Jurcina mit einem guten Debüt. Die fehlende Spielpraxis muss man ihm natürlich nachsehen.

    Bin aber guter Dinge, dass bald auch wieder bessere, sprich erfolgreicher Zeiten kommen werden. Das erste Drittel macht Mut.

  3. Liebe Gemeinde,

    auch dieses Jahr droht, selbst wenn die Stimmen einiger Fans bereits wieder gegenteiliges vermuten lassen, kein Abstieg aus der DEL. Das 3:4 gegen Straubing war ein bisweilen kurioses Spiel, aber auch eines, das von pädagogischer Bedeutung für die Mannschaft sein könnte.
    In Drittel 1 hatte man streckenweise den Eindruck, die Detroit Red Wings würden sich ein lockeres Trainingsspielchen gegen den EC Peiting gönnen. Selten hat man eine so gnadenlose Dominanz der Icetigers gesehen, selten allerdings auch ein derartig eklatentes Unvermögen in der Chancenverwertung. Bedauerlicherweise hat so ein Spiel nicht eines, sondern drei Drittel. Das ist eigentlich auch ziemlich logisch, denn hätte das Spiel nur ein Drittel, wäre dieses eine Drittel ja gar kein Drittel mehr, sondern bereits ein Ganzes (keine Sorge, das war der akademische Höhepunkt dieses Kommentars). Mit jedem weiteren Drittel liesen die Icetigers ein wenig mehr nach. Einsatz, Präzison, Konzentration, Spielfreude, all diese Tugenden schwanden im Verlauf der Begegnung immer mehr – sieht man mal von der Schlussoffensive ab. Die Niederlage war daher auch nicht ganz so unverdient wie sie manchem scheinen mag.

    Was muss also besser werden?
    1. Die Chancenverwertung!
    2. Der Defensive ist anzumerken, dass sich alle Verteidigerpaare neu finden müssen. Hier hilft nur Geduld – zum Glück wird es erst ab März so richtig ernst.
    3. Danny Syvret, Oliver Mebus, Andrew Kozek, Brandon Segal, um nur einige zu nennen.

    Was ist schon gut?
    1. Patrick Reimer. Ich frage mich, wie oft dieser Verein schon deutscher Meister geworden wäre, hätte er mehr Spieler seiner Qualität
    2. Das Körperspiel im allgemeinen und Milan Jurcina im besonderen. Auch dieser Jahrgang der Icetigers kann jedem Gegner wehtun.
    3. Der September. Weil zwischen ihm und dem März noch ganze 5 Monate liegen, die die Icetigers dazu nutzen werden, Spiele wie das gestrige nicht mehr zu verlieren.

    zum Zeit-Interview:
    Es ist erfreulich, dass eine große überregionale Wochenzeitung ein längeres Interview mit einem Eishockeyspieler führt. Noch dazu mit einem, der das deutsche Eishockey wie kaum ein zweiter geprägt hat. Weniger erfreulich ist es, wenn sich der fragende Journalist dabei wie ein Schuljunge gebiert, der sich einzig und allein daran aufgeilt (‚tschuldigung, das war der akademische Tiefpunkt dieses Kommentars), wie hart, gefährlich und böse Eishockey so ist. Was hätte man Lüdemann nicht alles fragen können….wie er damals zum Eishockey gekommen ist, wie er seine ersten Schritte in der Liga empfunden hat, wie er, die Liga und das Spiel sich seitdem verändert haben, warum er, in einem Sport in dem Mannschaften nach jeder Saison den halben Kader tauschen, nie den Verein gewechselt hat, warum er es nie in Nordamerkia versucht hat und ob es für diesen Versuch überhaupt die Gelegenheit gegeben hätte, wie er die Zukunft des deutschen Eishockeys sieht, wie es sich anfühlt, nach über 20 Jahren als Profisportler plötzlich nicht mehr Teil einer Mannschaft zu sein usw…….

    Zur Player’s tribune: Toller und bewegender Artikel über einen im Wortsinn kleinen Jungen, der auszog, die große Eishockeywelt zu erobern. Sehr lesenswert!

  4. Hallo,

    immerhin war das Spiel gestern deutlich unterhaltsamer als das seltsame 1:2 letzte Woche gegen Augsburg….

    Da das Spiel ja schon hinreichend beschrieben wurde… mein Kurzstatus zum Team nach den ersten drei Spielen:

    Torhüter:
    – Fand Reimer vs. AEV stärker, das 2:4 gestern sah aus meiner Position nicht unhaltbar aus… Jenike in Iserlohn ordentlich, wird das Ding morgen beim KEV als Starter gewinnen.

    Defense:
    – Milan Jurcina wird die Abwehr stärker machen, man merkt allerdings deutlich die fehlende Vorbereitung
    – Teubert auch wenn wieder dabei ist
    – Mebus bis auf die Szene vor dem 2:3 / 2:2 (weis nicht mehr genau…) hinter dem Tor mehr als ordentlich. Kritiker bedenkt: nur weil er schon so groß ist, ist er noch kein wirklich „ausgewachsener“ Verteidiger… Immer noch jung, darf auch mal einen Bock schießen
    – Weber, Martinovic, Festerling solide
    – Syvret find ich aktuell eigentlich am schwächsten hinten drin. Mal sehen, was noch kommt.

    Sturm:
    – Reimer Reihe gut, Yasin nach hinten allerdings gestern einige male konfus, wirkte übermotiviert
    – Steckel – Reihe durchwachsen, Pföderl noch nicht auf dem Level der letzten Saison, Steckel gewohnt einsatzfreudig
    – Segal – Reihe recht enttäuschend bislang sehr, hätte da deutlich mehr erwartet von den dreien…
    – Buzas- Reihe ordentlich, Filin gefällt mir gut, auch Meilleuer mit einem Spiel im Rahmen der Erwartungen.

    Insgesamt hätten wir auch 8 Punkte aus den drei Spielen ziehen können… So sind es nur 2 und damit ein Fehlstart. Ich bin mir sicher, wir werden dennoch unter den ersten 8 stehen am Ende der Saison, wenn das Glück zurück kommt auch unter den Top 4.

    Herzlicher Gruß
    Stefan

  5. Gerüchte-halber sind die Straubinger gestern völlig übernächtig beim Training aufgetaucht. Die konnten die ganze Nacht nicht schlafen, weil sie dauernd über die drei Punkte, die sie aus Nürnberg mitgenommen haben, lachen mussten …

    Selbst wenn es nach dem ersten Drittel 4-0 steht muss man über die mangelnde Chancen Auswertung sprechen.

    Unterm Strich hat die Mannschaft bisher in drei Spielen irgendo zwischen sechs und sieben billigen Punkten auf der Strecke liegen lassen …

    zu Jurcina: Für mich beachtlich, was er da nach sechs Monaten Spielpause und fehlender Vorbereitung aufs Eis gezaubert hat. Jedenfalls konnte man sehr gut einen Eindruck bekommen, was wir da in der Abwehr dazu bekommen haben. Die beiden „schwierigen“ Abspielfehler schiebe ich auf die mangelnde Wettkampferfahrung in dieser Saison.

    zu Mebus: Schön, einige scheinen der Meinung zu sein, dass der junge Mann talentiert ist (teile ich nicht, aber respektiere ich natürlich). Trotzdem hat er bisher in jedem Spiel ein, zwei „Kanten“ dabei, die zu direkten Gegentoren/Großchancen geführt haben. Für mich völlig fein, wenn er (und Markus Weber) ausreichend Eiszeit bekommen, allerdings frage ich mich schon, warum gerade in kritischen Momenten Mebus einem Martinovic vorgezogen wird. So weit ist der noch nicht ….

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