Spiel eins: Playoff-Pause

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Es sind wohl noch immer Playoffs. Zumindest behauptet das die Deutsche Eishockey-Liga. Es fühlt sich aber nicht mehr an wie Playoffs. Stimmung wie einst beim Wurmbergpokal und eine Nürnberger Mannschaft, die schon irgendwie wollte, aber wohl nicht mehr konnte, die auf auf dieses 2:6 aber immerhin völlig unbeeindruckt reagierte. Der Höhepunkt des Tages verrät alles über diesen unerfreulichen Ausflug nach Wolfsburg: Wir waren in Pissen.

Ein Satz, ein Stockschlag

  • Tyler Haskins, „die Zehn“, ist der beste Spieler der Deutschen Eishockey-Liga.
  • Der zum besten Spieler der Deutschen Eishockey-Liga erkorene Patrick Reimer hat nach seiner Leistung in Spiel eins noch ein wenig Luft nach oben gelassen.
  • Wolfsburg steht nicht ganz ohne Grund zum vierten Mal in Folge unter den besten vier DEL-Mannschaften.
  • Spontan würden mir jedoch dreizehn Eishallen an dreizehn DEL-Standorten einfallen, in denen ein Halbfinalspiel zu verfolgen, ein größeres Vergnügen ist.
  • Iserlohn war Nürnberg klar unterlegen, den Ice Tigers war heute aber anzumerken, wie hart diese Viertelfinalserie war.
  • Auch das erste Spiel dieser Serie hatten die Ice Tigers mit vier Toren Unterschied verloren – der Rest ist Geschichte.
  • Pissen gibt es wirklich, den Stadtteil von Merseburg muss allerdings wirklich nicht gesehen haben.

Das Spiel

Rob Wilson und der Sportdirektor durften danach zurecht auf die ersten zehn Minuten verweisen, in „denen wir vielleicht nicht besser, aber auf Augenhöhe waren“ (Martin Jiranek). Aber schon in der Anfangsphase fehlte den Ice Tigers die Dringlichkeit, die man strenggenommen seit Spiel vier gegen Iserlohn nicht mehr gesehen hat. Nürnberg führte nicht unverdient, weil Brandon Segal, Steven Reinprecht und Yasin Ehliz rund um den Führungstreffer frei und gefährlich zum Schuss kamen. Diese drei Versuche aber tauchten noch nicht einmal in der Statistik auf, weil Segal, Reinprecht und Ehliz nicht einmal ins leere Tor getroffen hätten. In jedem Punkterundenauswärtsspiel wäre der Start dennoch perfekt gewesen, für ein Playoff-Spiel aber mangelte es in den Zweikämpfen an Intensität, den Angriffsversuchen an Überzeugung und dem Defensivverhalten an Konsequenz. Die Gäste ließen ihre Gastgeber immer wieder kreiseln. Und das können die Grizzlys besser als jede andere DEL-Mannschaft. Noch eine Qualität der Mannschaft von Pavel Gross: Fouls provozieren. Noch ehe die Ice Tigers dieses Spiel mitspielten, machte Tyler Haskins das Beste aus einer eigenen Strafzeit. Viel zu tief war die zweite Nürnberger Formation aufgerückt, Haskins nahm einen langen Pass auf, lockte Sasa Martinovic in die Ecke und servierte den Puck mit der Rückhand blind und perfekt auf Sebastian Furchner. Das Ergebnis versuchten die Ice Tigers von der Strafbank aus zu drehen. Mag sein, dass die Schiedsrichter die Regeln für die Gästemannschaft etwas kleinlicher auslegten. Mag sein, dass so mancher Wolfsburger ebenfalls über seine Missetaten hätte nachdenken müssen. Letztendlich aber waren die Ice Tigers nicht diszipliniert genug, um Wolfsburg tatsächlich noch ärgern zu können: Eine Mannschaft bestätigte den Ruf, im Power-Play eiskalt zuzuschlagen. Die andere Mannschaft bestätigte die Eindrücke, die sie in Überzahl in diesen Playoffs bereits hinterlassen hatten. Ein Schlagschuss von Kurtis McLean, ein konsequentes Nachsetzen von Mark Voakes – es war erschreckend, wie leicht es die Ice Tigers ihrem Angstgegner machten.

Vor diesen Ice Tigers muss die Mannschaft von Pavel Gross jedenfalls keine Angst haben. Aber das hatte man in Iserlohn nach dem 4:0 in Spiel eins wahrscheinlich auch gedacht.

Das Playoff-Monster

Alle auf die Zehn. Am Freitag wird er mit diesem Gesang auf dem Eis empfangen werden. Es ist zu befürchten, dass ihn das nur noch stärker machen wird. Tyler Haskins hat das Spiel mit drei Vorlagen als First Star beendet – und trotzdem sagt diese Auszeichnung nur wenig darüber aus, wie dominant der Mann aus Ohio auch diesmal wieder war. Haskins band stets zwei Nürnberger, war immer anspielbar, machte mit einer Finte aus ungefährlichen Situationen gefährliche. Haskins zerstörte Nürnberger Angriffe und Nürnbergs Hoffnungen, irgendwann doch noch einmal in dieses Spiel zu finden. Und wenn er mit David Steckel, der im Viertelfinale für Iserlohn ähnlich nervig gewesen sein muss, im Mitteldrittel zusammenstieß, wurde natürlich nur der Nürnberger auf die Strafbank geschickt. Alle auf die Zehn? Lieber nicht.

Playoffs, Baby?

In Wolfsburg hat man die Fangegengerade zu einer Fankurve gemacht. Vielleicht war ich deshalb bislang der irrigen Meinung, dass die Stimmung in Wolfsburg besser als ihr Ruf ist. Was man eben so meint, wenn einem die Fans 60 oder 90 Minuten direkt ins Ohr trommeln und plärren. Umso enttäuschender war die Stimmung in diesem ersten Halbfinalspiel. Braves Anfeuern, nie zu laut, selten zu ausdauernd. Keine Pfiffe gegen die Gegner. Was in Iserlohn zu viel an Hass geboten wurde, hatte Wolfsburg zu wenig zu bieten. Vielleicht trauten sich die Ice Tigers deshalb nicht, die Männer in schwarz und orange etwas härter anzugehen. Rob Wilson wollte zuerst nicht bestätigen, dass dieses 2:6 auch ein Ergebnis nachlassender Kräfte sein könnte, gab dann aber doch zu, dass seine Spieler ihre Checks nicht so konsequent wie gewünscht zu Ende fuhren, weil sie dazu nicht mehr genug Kraft hatten. Marcus Weber fiel da noch positiv auf, Brandon Segal natürlich auch – und Derek Joslin, als es bereits zu spät war.

Gerhard, die Rolle

Rob Wilson hatte keinen Fehler gesehen. Philipp Lehr, der für die Ice Tigers die Statistik führte, hatten keinen Fehler gesehen. Aber es waren gar nicht so sehr die Gegentore, sondern viel mehr die Szenen, in den Ice Tigers Glück hatten, in denen Tyler Beskorowany plötzlich doch wieder wie ein sterblicher Eishockey-Torhüter wirkte. In Wolfsburg war Beskorowany noch nicht überlebensgroß. Alles andere wäre allerdings eine Überraschung gewesen, der Dude darf sich schließlich auch einmal einen normalen Tag leisten. Überraschend war hingegen, dass Wilson seine Nummer eins nicht bereits nach dem 1:3 auf die Bank beorderte. Vielleicht ist jetzt ohnehin der Zeitpunkt gekommen, den vermeintlichen Trumpf auszuspielen, drei starke Torhüter unter Vertrag zu haben.

(Un)Gesund gestrichen

Marc El-Sayed wirkt wie ein dritter Betreuer in diesen Playoffs. Das liest sich wahrscheinlich sehr viel gehässiger, als es gemeint ist. Der künftige Schwenninger lässt es sich aber keiner Sekunde anmerken, dass diese Saison für ihn unerträglich sein muss. Selbst in der Schlussphase der Saison war er nicht eine Sekunde zum Einsatz gekommen und trotzdem sortiert er Schläger, schleppt Material aus dem und in den Bus.

Marco Nowak und Casey Borer waren gar nicht erst nach Wolfsburg gekommen. Am Freitag wollen sie beide trotzdem wieder spielen. Ob und wenn ja, wie sich das auf die Aufstellung auswirken könnte, wollte Rob Wilson nicht verraten. Die Entscheidung wer von den beiden ins Line-up zurückkehrt und ob Kurtis Foster in Spiel zwei trotzdem auflaufen darf, wird der Cheftrainer erst im Laufe des Donnerstags treffen.

Auf der anderen Seite wäre es Wunder, könnte Björn Krupp am Freitag schon wieder auflaufen. Der Sohn des Stanley Cup-Siegers (nein, ausnahmsweise ist damit nicht Steven Reinprecht gemeint) blockte einen Schuss von Kurtis Foster und spielte den Shift danach mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Ende. Jetzt hat er den Respekt seiner Mitspieler, allerdings auch einen Verband am Arm, der nicht so ausgesehen hat, als würde er unter ein Trikot passen.

Ladies and gentlemen, this is your coach speaking

„In dieser Liga spielen 14 Mannschaften, von den vier Mannschaften, die jetzt noch übrig sind, haben es alle verdient. Es ist doch klar, dass jedes Spiel von jetzt an nur noch härter wird. Wir werden uns auf unsere Stärken konzentrieren und in diese Serie finden. Ganz sicher.“

2 Kommentare in “Spiel eins: Playoff-Pause

  1. Hallo,

    konnte das Spiel leider nur am Radio verfolgen, daher kein Kommentar diesbezüglich.

    Meiner Meinung nach können die Tigers ein Spiel in Wolfsburger Hexenkessel gewinnen, wenn wir noch in der Lage sind, mit der gleichen Physis zu spielen, die uns gegen Iserlohn so dominant gemacht hat.

    Viel schwieriger wird es sein, die drei notwendigen Heimspiele zu gewinnen. Ich wage die Prognose, unsere Leistung von Donnerstag hätte gegen Wolfsburg nicht gereicht. Wenn Haskins & Co. uns ein Spiel in Nürnberg wegnehmen, wird’s ganz, ganz schwer…

    Ich bin mir aber sicher, am Freitag werden die Jungs wieder anders auftreten und den Wolfsburgern die Lust am kringeln an der Bande auschecken.

    Gruß
    Stefan

    PS: Haskins mag ein außerordentlicher Eishockeyspieler sein, er bleibt ein Schiri – Liebchen und neben seinen genialen Momenten gibt’s eben auch die schmutzigen Checks und Schlittschuhtore… Ich kann ihn nicht leiden.

  2. Tyler Haskins ist der gewiefteste Spieler der DEL. Der Beste sicher nicht.

    Er ist ein guter, unangenehmer Gegenspieler. Künstlich überhöhen muss man ihn aber nicht.

    Deshalb: Alle auf die 10. Auch sie, Herr Böhm, geben sie sich einen Ruck :-).

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