Spiel drei: Mit Schimm am schönen Seilersee

BeskoJaspy

Jarkko-, Lemay- und Brüggemann-Trikots. Fanclubs, die sich Sauerländer Bauerntölpel nennen oder Sitzplatzkanacken. Eine Fallblattanzeigetafel. Zuschauer direkt hinter der Bande. Es war ein schöner, ein sentimentaler Trip in die Eishockey-Vergangenheit, dieser Sonntagsausflug an den Seilersee. Und wie schon nach dem Playoff-Qualifikationsspiel im Berliner Wellblechpalast vor einem Jahr war da plötzlich wieder diese Sehnsucht nach dem Linde-Stadion. Eine unerklärliche Sehnsucht, die wohl erst vergehen wird, wenn in der Arena Nürnberger Versicherung mal wieder ein echter Playoff-Erfolg gefeiert werden kann. Eine Aussicht, die nach dem 4:1 in der wunderbaren Atmosphäre in der Eishalle am Seilersee plötzlich wieder realistisch zu sein scheint.

Ein Satz, ein Stockschlag

  • Diese aktuelle Ice Tigers-Mannschaft wurde für die Playoffs gebaut – nach 120 bestätigenden Minuten gilt dieser Satz (bis die Ice Tigers das Gegenteil beweisen).
  • Beim 4:1 (1:0, 1:1, 2:0) haben „beide Mannschaften hart, hart gekämpft“ (Rob Wilson), Nürnberg hat dazu den Körper benutzt, Iserlohn den Schläger.
  • Marius Möchel muss am Dienstagabend gefeiert werden – natürlich, weil er Nürnberger ist, natürlich, weil er gerade eben ein „großes, großes Tor“ (Rob Wilson) geschossen hat, vor allem aber weil er ein Eishockey-Krieger ist.
  • Offensichtlich lassen sich nicht alle Schiedsrichter von der Atmosphäre in Iserlohn beeinflussen.
  • Dany Heatley fällt in dieser Serie offensiv bislang kaum auf, das heißt allerdings nicht, dass er schlecht spielt.
  • Es sieht so aus, als hätten sich Derek Joslin und Matt Murley in so manchem Punkterundenspiel tatsächlich für die Playoffs geschont.
  • „Geschenke kannst du an Weihnachten verteilen, aber nicht jetzt.“ (Jari Pasanen war sauer, auf seine Mannschaft, auf die Schiedsrichter, auf die Alkoholpreise in Imatra, auf die Wahlerfolge der AfD und auf alles, auf was man in diesen Tagen noch so sauer sein kann)

Das Spiel (präsentiert vom Naherholungsgebiet Griesenbrauck-Bilveringsen)

Sie hatten gesagt, dass sie genauso spielen wollen wie zu Hause; dass sie hart und offensiv auftreten wollen; dass sie ihre Gastgeber gar nicht erst in Spiel kommen lassen wollen. Natürlich durfte da lächeln, wer diese Sätze schon 2001, 2002, 2003, 2004, 2005, 2006, 2008. 2009, 2010, 2014 und 2015 gehört hat. Die Ice Tigers haben während ihrer Kurzurlaube im gelobten Playoff-Land immer wieder mal wieder bewiesen, dass sie bereit sind, zu Hause angemessen hart zu sich und anderen zu sein. Playoffs tun aber vor allem in der Fremde weh, deshalb musste man ihnen nicht glauben nach diesem netten 4:2 in Spiel zwei. Nach dem furiosen Auftakt am Sonntag aber durfte man schon zweifeln an der eigenen Skepsis. So selbstbewusst und sicher war schon lange keine Nürnberger Mannschaft mehr aufgetreten – nur in einer Phase hatten die Ice Tigers die Kontrolle über das Spiel verloren, aber da wurden sie von Marius Möchel gerettet. So clever hat schon lange keine Nürnberger Mannschaft das richtige Maß zwischen Aggressivität und Unfairness ausgelotet – allein beim unter Umständen folgenreichen Check gegen Brad Ross und beim schlecht getimten Körpereinsatz von David Steckel (nach neun Minuten Nürnberger Power-Play hätte jeder Schiedsrichter, der nicht Rick Looker heißt, den Arm bei der geringsten Berührung gehoben) überschritten sie die Grenze. So unerbittlich hat schon lange keine Nürnberger Mannschaft ihre Chancen ausgenutzt – lediglich während des Power-Play-Exzesses im zweiten Drittel fehlte der präzise und schnelle Abschluss. Die Ice Tigers checkten die Roosters an diesem Nachmittag allmählich mürbe. Jari Pasanen glaubte zwar nicht, dass die körperliche Überlegenheit den Unterschied gemacht hatte. Wer die Angst in den Augen seiner Spieler sah, wenn sie als Erste in die Rundung fuhren, um einen Puck aufzunehmen, der weiß, dass das falsch war. Der Finne machte allein die individuellen Fehler seiner Spieler für die Niederlage verantwortlich. Die Fehler aber entstanden, weil die Iserlohner mit Hektik (und Stockfouls) auf die Wucht der Nürnberger reagierten. „Jari, hol die Jungs vom Eis“, sangen die Fans irgendwann – wahrscheinlich weniger aus Protest über die Schiedsrichterentscheidungen als aus Fürsorge für die Jungs.

Das heutige Playoff-Monster

Sein Name lässt Fans der Ice Tigers traditionell fränkisch-wehklagend aufheulen. In der Beliebtheitsskala kämpft Willi Schimm seit dem Ausscheiden von Ulpi Sicorschi (Was macht der eigentlich?) mit Simon Aicher, Marcus Brill und Christian Oswald um den Platz hinter dem unangefochtenen Spitzenreiter Roland Aumüllerraus. Manchmal lohnt es sich aber, genauer hinzusehen. Zum Beispiel, wenn Schimm sieht, dass Steckel seinen Check zu Ende fährt, dabei aber eigentlich zu spät kommt, ihn aber nicht rausstellt, sondern in der nächsten Unterbrechung zu dem US-Amerikaner an die Bank fährt, um ihm zu signalisieren, dass er beim nächsten Mal pfeifen wird. Dass er genau das auch gemacht hat, spricht eher für als gegen ihn (vor allem aber spricht es in diesem Fall gegen Steckel). Schimm hat auch gepfiffen, als Jason Jaspers (formerly known as Playoff-Monster) Casey Borer den Schläger aus den Händen geschlagen hat – obwohl er und sein Kumpel Rohatsch zuvor schon Brodie Dupont zum Duschen und Cody Sylvester und Brooks Macek auf die Strafbank geschickt hatten. Sie haben die Stockfouls geahndet und Härte zugelassen und sich niemals wirklich von der Dauerempörung des Publikums (und ich dachte tatsächlich, in Nürnberg wäre das schlimm) beeinflussen lassen. Starke Leistung.

Ehrenvolle Erwähnung: Derek Joslin (den ich defensiv noch nie so aufmerksam und so resolut gesehen habe), Matt Murley (sehr überzeugende Lesitung als Zwei-Wege-Stürmer), Steven Reinprecht (was für eine grandiose Vorarbeit vor dem 0:1), Tyler Beskorowany (keine Schwächen, keine Wackler, kein Glück nötig für diese souveräne Leistung) und natürlich Marius Möchel (für dessen Würdigung: am Montag die Nürnberger Nachrichten kaufen – Zeitung, Druckerschwärze auf Zellstoff, kennt‘ ihr ja vielleicht noch).

Playoffs, Baby?

Aber hallo! Jari Pasanen sprach danach vom „intensivsten Drittel seit langem“. In den ersten 20 Minuten zeigten erstmals in dieser Serie beide Mannschaften Playoff-Eishockey – bislang schaffte das immer nur ein Team. Danach wurde es taktisch, dafür im letzten Drittel wieder verzweifelt und intensiv. Jeder Zweikampf wurde da mit vollem Einsatz geführt. Weitere Indizien für fortgeschrittene Playoff-Intensität: Dany Heatley war offensiv erneut nahezu kein Faktor, hechtete sich aber zweimal nach Pucks, klärte mehrmals clever und machte den Puck schnell (ohne selbst schnell zu sein). Dasselbe gilt für Patrick Reimer, der zwar offensiv durchaus ein Faktor war (ein Lattenknaller, die Vorlage zum 2:0), defensiv aber ebenso überzeugte. Und der Einsatz, mit dem die Ice Tigers die Flanken klärten, mit denen die Roosters in der Schlussphase versuchten, die blaue Linie zu überqueren. „Ich kann versprechen, dass wir so weiter spielen werden wie heute“, sagte Marius Möchel ins Fanradio-Mikrofon. Dann können wir uns diese Kategorie ja eigentlich auch sparen.

Gerhard, die Rolle (alles über Torhüter und den ganzen Rest)

Rob Wilson hatte sich erneut für Tyler Beskorowany entschieden, weil er fand, dass der Kanadier am Freitag nicht allzu viel zu tun hatte. Jari Pasanen hatte sich gegen Matthias Lange entschieden, weil der Österreicher (das „Deutsch-“ kann man sich bei den Roosters sparen, gilt ja eh für fast alle) sehr viel zu tun hatte und davor und danach noch ein bisschen länger im Bus gesessen ist. Nur eine dieser Entscheidungen war eine gute. Beskorowany wirkte wie jener Beskorowany, der die DEG vor einem Jahr ins Halbfinale geführt hatte. Es bedurfte schon einer sehr feinen Einzelleistung durch Cody Sylvester, um ihn zu bezwingen. Sein Save gegen Jason Jaspers war Extraklasse, vor allem aber war seine Körpersprache beeindruckend. Und wer spielt am Dienstag? Das weiß noch nicht einmal Rob Wilson – zumindest behauptet er das.

Ladies and gentlemen, this is your coach speaking:

„Auch unser Power-Play war nicht schlecht: Der Eintritt war exzellent, die Puckbehauptung war exzellent, die Bewegung war exzellent. Nur der Abschluss war schwach.“

„Unsere Fans waren am Freitag unglaublich. Die Lautstärke, die Banner, die Choreografie, das war furchteinflößend.“ (Rob Wilson)

Unsere Männer auf der Tribüne

Das Fenster der Möglichkeit hat sich für Kurtis Foster wieder geschlossen. Wenn Rob Wilson nach der Freitagsleistung von Casey Borer nicht daran geglaubt hatte, dass Foster das besser kann, wird er es nach dem 4:1 in Iserlohn erst recht nicht glauben. Vor allem an der Bande spielte Borer stark. Zwischendurch fiel Marco Pfleger aus, der Check von Brodie Dupont hatte ihm aber nur die Luft genommen, eine Gehirnerschütterung kann da wohl ausschließen. Vor allem, weil Pfleger ganz normal wieder eingesetzt wurde. Und Marc El-Sayed weiter auf seine Chance warten muss.

Und was würde Jens Riewa dazu sagen?

Die Atmosphäre war großartig, natürlich liegt das auch an der Enge der Eishalle, natürlich liegt das daran, dass es nicht nur einen Fanblock, sondern eine ganze Fangerade gibt. Aber man merkt auch, dass die Ansprüche nach diesen 52 Spielen gestiegen sind. Die Roosters haben nicht präzise gepasst, das hat auch den Fans nicht gefallen. Umso beeindruckender war, dass sie nach Steckels 4:1 noch inbrünstiger gesungen haben. Vielleicht auch, weil sie ahnen, dass am Donnerstag das letzte Heimspiel ansteht.

11 Kommentare in “Spiel drei: Mit Schimm am schönen Seilersee

  1. Die Anfeuerung wurde erhört – ein Auswärtsblog, klasse! Bin jetzt schon Fan von „Ein Satz, ein Stockschlag“ – gute Rubrik!

    Mir war bis eben gar nicht aufgefallen, dass Ulpi Siculpi gar nicht mehr DEL pfeift – ist ja n Ding. Die „Was macht eigentlich“-Frage lässt sich jedenfalls schnell beantworten: Er darf jetzt in der Oberliga Süd ran und hat diese Woche bei Regensburg – Weiden 101 Strafminuten verteilt. Da ruft einer seine Leistungen auch in unteren Ligen ab.

    Der Schlimme Willi hat schon viele Spiele sinnlos kaputtgepfiffen, aber imo tatsächlich auch oft durch einsame, ungewöhnliche und absolut richtige Entscheidungen geglänzt. Der Eric Chouinard unter den Schiedsrichtern.

    (By the way: Warum pfeift eingentlich der Schütz nur noch so selten? Weiß das jemand? Der hat mir immer gefallen, hat zwar selten was gemacht, über das man am nächsten Tag noch geredet hat, aber meist ohne Fehl und Tadel gepfiffen. Der Adrian Grygiel unter den Schiedsrichtern.)

    Freu mich tierisch auf Dienstag. Hatte die Saison nach Spiel 1 schon abgehakt, ich geb’s zu, und bin jetzt so optimistisch wie seit Jahren nicht mehr.

  2. @Booker: welchen Schütz meinst du? Richard oder Markus Schütz? Richard Schütz hat vor ein paar Jahren aufgehört und der andere ist in der Serie RBM vs STR unterwegs.

    Wünschenswert wäre Schimm auch am Donnerstag gewesen, da haben wir aber dann Brill und Schukies. Gibt ein besseres Los für den Seilersee…

  3. Wir sind gerne am Seilersee. Dir Stimmung ist klasse und sehr emotional. Und es ist richtig laut. Gestern war es allerdings sehr beengt im Gästeblock. Die Iserlohner hinter uns verhielten sich korrekt, haben aber einigen unserer Fans den Platz genommen. Aber auch das habe ich schon in Hauptrundenspielen erlebt.
    Nach dem Spiel hatten wir wie immer netten Kontakt mit echten Fans des Iserlohner Anhangs. Nur den gewünschten Trikot Tausch konnte ich nicht annehmen. Wie sagte mein Gegenüber: „Reinprecht ist der beste Spieler der Liga. Es ist so genial ihm zuzuschauen“. Das aus dem Mund eines gegnerischen Fans…
    Aber dieses Away kann man so nicht mehr bekommen. Er hofft nun am Dienstag jemanden zu finden…

    Zur prognostizieren Müdigkeit. Die wird eine Rolle spielen. War da nicht gegen Ende des zweiten Drittels, als das Gegentor fiel, was von zu sehen? Doch auch die Roosters Beine wirkten nicht immer total spritzig.

    Entscheidend war sicher, das wir beim Körperspiel dort weiter gemacht haben, wo wir am Freitag aufhörten…

    Wir sehen uns am Dienstag #10togo

  4. Hallo,

    großartige Sache, ein Auswärtsblog! Besten Dank an die unermüdlichen Berichterstatter der NN, den Kauf der Print-Ausgabe kann man schon alleine wegen des Kästchens zu M. Möchel empfehlen (und natürlich wegen der anderen 37 Seiten guten Journalismus´)

    Konnte leider beim Spiel nicht dabei sein, daher kein Kommentar.

    ABER: wenn ich mir Friedrich im Interview so anhöre, klang das schon ziemlich ratlos. Wie eine Mannschaft, die nur ein Konzept hat und in den Playoffs nicht mehr variieren kann. Nicht mehr in der Lage ist, eine Schippe drauf zu packen… Woran erinnert mich das jetzt…??

    Egal: #nurnoch10 #nurderTitel

    Gruß
    Stefan

  5. @blackhawk: Ich meinte Richard und dachte, dass er noch gelegentlich pfeift, aber da hab ich ihn dann wohl mit dem Markus verwechselt. Danke für die Aufklärung!

  6. Dass ich das nochmal erleben darf, dass wir mal cleverer und gemeiner als der Gegner spielen…da hätte ich nicht im Traum dran gedacht nach den ersten (wirklich furchtbaren) 10 Minuten am Mittwoch. Da habe ich mich noch in der Play-Off-Versager-Endlos-Dauerschleife gefühlt.

    Stark, dass es jetzt 2mal geschafft wurde, dem Gegner unser Spiel aufzuzwingen.

    Trotzdem sollte man nicht in Euphorie und Überheblichkeit verfallen. Da muss ich mich selber etwas bremsen.

    Demut täte gerade uns Nürnbergern ganz gut!

  7. Ich bin völlig außer Rand und Band angesichts der Tatsache, dass unser Bloggott den Ruf seiner Jünger erhört und einen Auswärtsblog geschmiedet hat. Vielen Dank dafür!
    Die Mannschaft scheint den Schalter umgelegt zu haben. Am Seilersee zu gewinnen, noch dazu in einer so überzeugenden Manier ist wirklich aller Ehren wert! Wenn das Team die deutliche physische Überlegenheit weiterhin so clever einsetzt, steht morgen Abend um 22 Uhr die Tür zum Halbfinale sperrangelweit offen.

    Fernseh-Tipp des Tages von meiner Wenigkeit: Die Zusammenfassung des Spiel auf DEL.org anschauen und dabei genau darauf achten, was Reinprecht vor dem 0:1 macht. Danach hingebungsvoll seufzen und auf die Knie sinken. Weltklasse im Sauerland!

    Online-Tipp des Tages von meiner Wenigkeit: Ein wenig im Forum der Iserlohn Rossters schmökern. Und sich daran erinnern, wie oft wir in den letzten Jahren exakt jene Probleme hatten, die jetzt unter Rosstersfans diskutiert werden. Anschließend erleichtert aufatmen und hoffen, dass diese Probleme auch weiterhin beim Gegner bleiben.

    Es siegt gut aus, liebe Freunde, aber dennoch: It ain’t over ‚till the fat lady sings! Für das Halbfinale braucht man 4 Siege, nicht 2. Zwei Worte, die sowohl für Mannschaft und Fans daher von besonderer Bedeutung sind: Konzentration und Bescheidenheit!

  8. Ich kann den bisherigen Beiträgen nur noch zustimmen. Jetzt so weiter machen, dann kann uns Iserlohn nicht mehr stoppen. Vielen Dank an unseren Chefblogger für die Extraschicht!

  9. Es steht zwei zu eins und die Serie ist noch lange nicht gewonnen. Bis dahin schadet etwas Demut nicht …

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