Spiel 49: Noch darf sich das Pferd schonen

Foto: Sportfoto Zink/Matthias Winter

Foto: Sportfoto Zink/Matthias Winter

Ist es jetzt bedauerlich Gimli, Sohn von Gloin, den noch immer endlässigen Sascha Goc oder, ja, warum denn nicht, auch Matt Pelech nicht mehr sehen zu dürfen? Oder muss man sich mit den Thomas Sabo Ice Tigers freuen, dass sie sowohl in der greisen Punkterunde als auch in der schönsten Zeit des Jahres nicht mehr gegen die Schwenninger Wild Wings spielen müssen? Egal. Wichtig an diesem 4:2 war ja ohnehin nur, dass der Joker wieder aus voller Überzeugung grinsen kann.

Die Fakten:

49 Spiele, 83 Punkte, 156 Tore, 143 Gegentore – Platz drei.

Und:

  • Seitdem Leo Pföderl weiß, dass er sich in Nürnberg noch mindestens bis in den Frühling 2019 wohlfühlen wird, hat er drei Tore geschossen. Damit hat er 18 Saisontreffer, obwohl er sich noch nicht seit allzu langer Zeit in der ersten Power-Play-Formation versuchen darf. In der deutschen Torjägerliste liegen derweil nur noch Patrick Reimer, Schymainski, Furchner, Ullmann, Gogulla, Greilinger, Oppenheimer und Macek vor ihm – und von diesen Spielern hat er über die gesamte Saison gesehen sicherlich am wenigsten Eiszeit (was man schön behaupten kann, wenn es keine Statistik gibt, die einen widerlegt).
  • Und allmählich scheint sich Pföderl in die gewohnte Playoff-Form zu schießen: Im ersten Saisonviertel erzielte er zwei Treffer, sowohl im zweiten als auch im dritten jeweils fünf und in den bisherigen zehn von dreizehn Partien des Schlussviertels hat er schon sechs Mal getroffen.
  • „Die Mini-Playoffs werden dieses Jahr sehr unangenehm. Wenn du vor der Saison gesagt hättest, dass mit Köln, Hamburg und Mannheim drei der vier Topfavoriten… Auf dem Papier sind das starke Mannschaften und sie sind gebaut für die Playoffs.“ Martin Jiranek hatte das durchaus erleichtert festgestellt, da wusste er allerdings noch nicht, dass Matt Climie seinen Straubingern drei Punkte aus München mitgebracht hat und die Freezers deshalb gar nicht für das große Frühlingsfest vortanzen darf.
  • In Schwenningen hatten die Ice Tigers zuletzt wenig dafür getan, dass Patrick Reimer und Steven Reinprecht die Scorerliste nach 52 Spieltagen anführen. An diesem Sonntag hat sich Reinprecht dank des Empty-Netters von Yasin Ehliz wieder am diesmal auffällig unauffälligen Will Acton vorbeigeschoben.
  • Nach der zweiten Niederlage gegen die Ice Tigers haben es die Wild Wings trotz ihren beiden Siege nun doch nicht geschafft, sich endgültig für die Angstgegner-Rubrik zu qualifizieren.

Die Superlative:

Tore: 25 Patrick Reimer (Liga-Spitze, insgesamt 269auch das ist Spitze in der ewigen Torjägerliste der DEL)
Vorlagen: 38, Patrick Reimer (Liga-Spitze, gleichauf mit Schwenningens Acton)
Punkte: 63, Patrick Reimer (Liga-Spitze)
Plus: 16, Patrick Reimer (Liga.-Spitze, gleichauf mit Wolfsburgs Mark Voakes)
Minus: -11, Marc El-Sayed
Strafminuten: 74, Kurtis Foster
Power-Play-Tore: 11, Dany Heatley
Unterzahltore: 5, David Steckel (Liga-Spitze, den DEL-Rekord von Hicks, Kavanagh, Ciernik und Meloche hat der US-Amerikaner bereits eingestellt)
Siegtreffer: 6, Steven Reinprecht (In der DEL Zweiter hinter Steven Zalewski, 8)
Schüsse: 233, Patrick Reimer (Liga-Spitze)
Schussquote: 23,5 Prozent, Steven Reinprecht

Jochen Reimer, eins:

„Es ist überwältigend. Jetzt nehme ich alles mit, was noch kommt.“ (Über seine Gefühle nach der Schlusssirene)

Das Spiel:

Und schon wieder ein Coach, der ein unterdurchschnittlich intensives Spiel als „interessant für die Zuschauer“ und, ja, tatsächlich „intensiv“ verkaufen wollte. Wohlgemerkt jener Coach, dessen Torhüter soeben noch mit 55 Schüssen eingedeckt worden war und dessen Mannschaft selbst das (nicht ins) Tor selbst 27 Mal getroffen hatte. Allein diese 82 Schüsse sind kein Indikator für ein außergewöhnlich intensives Spiel, der ehemalige Torhüter Helmut de Raaf sollte das wissen. In Erinnerung bleiben allenfalls zwei Checks (Ehliz und Segal), trotzdem sind die Ice Tigers in Schutz zu nehmen. Im ersten Drittel stimmten Einstellung und Tempo durchaus. Dass Simon Danner Steven Reinprecht nur hakend am Torschuss hatte hindern können und die Schiedsrichter noch einen Stockschlag von Ashton Rome gesehen haben wollen, das war natürlich ein Geschenk. Danach war aber durchaus zu erkennen, dass die Ice Tigers nach 14 Misserfolgen zumindest die 15. Power-Play-Gelegenheit nutzen wollten. Und auch beim 2:0 bewies Leo Pföderl erneut, dass er dieses keinesfalls weitverbreitete Talent zum Tore schießen besitzt. Nach dem 3:0 durch Steven Reinprecht (ja, natürlich, Jochen Reimer mag der auch noch andere Tricks können, nur zeigt er leider nur noch Dir) hat diese „erfahrene Mannschaft den Fuß vom Gas genommen“ (Martin Jiranek) und das kann man ja auch als clever verkaufen. Marcel Kurth durfte deshalb beim 3:1 zeigen, dass auch er weiß, wie man das kleine Schwarze ins eckige Rote bekommt. Und Ashton Rome sorgte dafür, dass Jochen Reimer nicht übermütig wird. Aber so richtig spannend wurde es, anders als in vielen anderen Heimspielen gegen vermeintlich schwächere Mannschaften nicht mehr. „Mit etwas Glück“, meinte de Raaf zwar, „hätten wir noch etwas machen können.“ Das Glück aber hatte sich sein Team an diesem Abend nicht unbedingt verdient.

Jochen Reimer, zwei:

„So wie bei Asterix und Obelix nach dem Zaubertrank, so ist es nicht. Aber es fühlt sich natürlich gut an.“ (Über die positiven Folgen der Hüftoperation)

Der NN-Moment des Spiels (präsentiert von Dr. Bryan Kelly):

Er hat sich noch nach dem Puck gestreckt, Marcel Kurth aber hatte das zu gut, zu abgeklärt gemacht. Vor einem Jahr hatte Jochen Reimer ein ähnliches Tor kassiert. Gegen Mannheim. In den Playoffs. Und wie an jedes Gegentor, kann er sich auch an dieses noch gut erinnern. Millimeter fehlten damals und wenn seine Hüfte nicht gar so ruiniert gewesen wäre, dann hätte er vielleich noch an den Puck kommen können. Auch daran hat er oft denken müssen, als er vor der Entscheidung stand, seine Saison wegen einer überfälligen Operation erheblich zu verkürzen, wenn nicht gar zu beenden. Auch das 3:1 durch Kurth konnte Jochen Reimer nicht verhindern, danach aber richtete er sich auf und spielte ungerührt weiter. Das war vor einem Jahr noch anders. Der ewig lächelnde Joker quälte sich. Nach diesem 4:2 gegen den Tabellenletzten aber kehrte er schmerzfrei in die Kabine zurück und brauchte keine Eisbeutel, um auch noch die Ehrenrunde zu überstehen. Jochen Reimer ist endgültig wieder da, er braucht noch ein paar Schüsse, um in Topform zu kommen, aber ist fit – kurioserweise war das in keiner Szene deutlicher zu sehen, als nach seinem ersten Gegentreffer. Die Geschichten der Nürnberger Spiele handeln derzeit stets von Torhütern – für Freunde gepflegten Offensiv-Eishockeys mag das allmählich ein wenig langweilig sein. Reimers Geschichte aber darf einen durchaus berühren.

Jochen Reimer, drei:

„Ich fahr zum Spiel, um zu spielen, und nicht, um meinen Anzug durch die Gegend zu tragen.“ (Über seine Gedanken vor dem Spiel)

Die NN-Three-Stars:

Er hat kein Tor geschossen, keines vorbereitet. Und trotzdem scheint in diesem Spiel der Offensivverteidiger in Kyle Klubertanz wieder erwacht zu sein. Der US-Amerikaner hat sich gerne offensiv miteingeschaltet – und sich defensiv damit auszuschalten. Er ging kalkulierbare Risiken im Stickhandling ein. Und er zog doch zwei, dreimal so schwungvoll ab, dass man das durchaus Schlagschuss nennen konnte. Für mich zählt Klubertanz bisher zu den Enttäuschungen dieser Saison. Beim 4:2 gegen Schwenningen bewies er zumindest schon einmal ansteigende Form. Das mag man als gutes Zeichen deuten: Vor einem Jahr war er lange vor Playoff-Beginn in Topform.

Jochen Reimer bräuchte Spielpraxis, sein Pech ist nur, dass die anderen beiden Torhüter im Rhythmus bleiben müssen. Aber: „Das Spiel heute war kein Gefallen an Jochen. Er hat so hart gearbeitet für sein Comeback, er ist so fleißig im Training, das ist es, was Trainer sehen wollen“, gab Jiranek zu. „Und wir haben langsam ein Problem, weil alle drei Torhüter auf hohem Niveau spielen.“ Das muss der Trainer natürlich sagen, nach den Eindrücken der letzten Wochen dürften die Torhüterleistungen nicht der Grund sein, sollte die Saison wieder einmal bereits nach dem Viertelfinale zu Ende sein. Allerdings kann man auch nicht davon ausgehen, dass die Leistungen der Torhüter ein Grund dafür sein sollten, dass die Ice Tigers diesmal das Halbfinale erreichen. Und noch gelten für Jochen Reimer ohnehin andere Maßstäbe, der erste 60-Minüter seit beinahe einem Jahr geriet ihm sehr ordentlich.

Vier Schüsse wurden für Marius Möchel gezählt, obwohl er derzeit mit zwei Kollegen aufs Eis muss, die ihm keine Hilfe sind. Und natürlich braucht ein rustikaler Kämpfer wie Möchel Unterstützung. Nach eines starken Saisonzwischenspurts scheint Patrick Buzas aber wieder mit sich selbst beschäftigt zu sein. Alexander Oblinger scheint derweil die Hoffnung aufgegeben zu haben, in dieser Punkterunde noch ein Tor zu erzielen (wenn er in den Playoffs seinen ersten Treffer erzielt, werden die Ice Tigers Deutscher Meister – das haben Sie hier zuerst gelesen). Möchel hinterließ trotzdem einen guten Eindruck. Bei solchen Gesamtleistungen der vierten Reihe muss man sich (oder eher ihm) allerdings schon die Frage stellen, wie schwach sich Marc El-Sayed derzeit im Training präsentiert. Jiranek hatte in Aussicht gestellt, in den abschließenden Spielen noch ein wenig experimentierten zu wollen. Gegen seinen (wahrscheinlich) künftigen Arbeitgeber war es aber offenbar noch nicht an der Zeit, das El-Sayed-Experiment wagen zu wollen.

Nach der Pressekonferenz:

„Jetzt ist nicht die Zeit, um das Pferd zu peitschen. Gibt es das Wort: peitschen?“ (Martin Jiranek will das Pferd erst nach dem 52. Spieltag peitschen – soll heißen, die Ice Tigers für die Playoffs heiß zu machen.)

5 Kommentare in “Spiel 49: Noch darf sich das Pferd schonen

  1. Mein lieber Mann. Dass wir gegen die schon 2 mal verloren haben, man mag es kaum glauben. Oder es positiv werten, als Indiz dafür, dass diese Mannschft nun verstanden hat, dass auch die DEL zu stark besetzt ist, um einfach nur die Zeit runterlaufen zu lassen und zu hoffen, der Gegner schlage sich weitgehend selbst.
    Der Sieg war wichtig und über weite Strecken souverän. Im letzten Drittel hätte Schwenningen, mit Hilfe aller verfügbaren Eishockeygötter und Fortunas Beistand, zwar vielleicht noch ausgleichen können, nie jedoch hatte man das Gefühl, das Spiel könnte tatsächlich kippen.
    Auch wenn die Top 6 den Icetigers nun nicht mehr zu nehmen sind, Anlass sich auszuruhen besteht kaum. Speziell gegen Iserlohn wäre ein Heimrecht kaum hoch genug einzuschätzen. In welcher Atmosphäre ein Spiel 7 am Seilersee ablaufen würde, brauche ich hier keinem zu erklären. Darüber hinaus gilt es im Rhythmus zu bleiben, die Pause zwischen Hauptrunde und Viertelfinale ist auch so (bedenklich) lange.
    Ein paar Stichwörter:

    Powerplay: Spielt man meistens ganz ansehnlich. Mehr Tore braucht es dennoch.

    Chancenverwertung: Treibt selbst leidgeprüften Fans gegelegentlich Sorgenfalten auf die Stirn. Vielleicht sollte man eine Sondereinheit „Kaltschnäuzigkeit“ ansetzen? Die wenigen Chancen, die man in den Playoffs bekommt, muss man konsequent nutzen. Sonst treffen wir alle uns schon Ende März in der Ofenfabrik.

    Borer: Zeigt immer mehr, dass er ein körperlich robuster und wertvoller Defensivverteidiger sein kann. Kann, wohlgemerkt.

    J. Reimer: Beim ersten Gegentor kann er den Puck vielleicht konsequenter klären, dann entsteht keine Gefahr. Und trotzdem: Nach einem Jahr Pause ein sehr souveränes Comeback. Da formt sich ein stattlicher Kandidatenpool für den Platz zwischen den Pfosten. Der Joker scheint locker, sein Bruder allerdings erinnert bisweilen wieder zunehmend an seine verkrampften Playoff-Auftritte der Vorjahre.

    Kurtis Foster, Matt Murley, Brandon Segal: Dürfen zeigen, dass sie zu mehr imstande sind, als biederem DEL-Durchschnitt. Vielleicht verbergen diese drei Namen großes Playoff-Potenzial.

    Steven Reinprecht: Was frühstückt dieser Mann? Woher nimmt er diese Energie, diese Schnelligkeit, diese Klasse? Sollte es den Quell ewiger Jugend wirklich geben, Steven Reinprecht muss ihn gefunden haben.

    Und sonst? Mir vibrieren die Nasenhaare. Ein untrügliches Zeichen, die Playoffs stehen vor der Tür. Bald wird diese Mannschaft beweisen dürfen, ob sie tatsächlich eine Playoff-Mannschaft ist, wie ihr Chef gerne behauptet. Bald weicht das Hauptrundengeplänkel einem giftigen, verbissen geführten und hochdramatischem Spektakel. Bleibt zu hoffen, dass Martin Jiranek das Pferd ordentlich peitscht. Da hat der Gute ja wirklich die Mutter aller deutschen Redensarten ausgepackt.

  2. Wirklich Angst, dass „wir“ das Spiel verlieren, hatte ich eigentlich nie. Zu druckvoll sah das am Anfang aus und so wenig ließen die Tiger im ersten Drittel hinten zu.

    Die Chancenverwertung allerdings dann wie gewohnt eher ungenügend und so wurde es doch unnötig knapp.

    Der ersten Reihe zuzusehen war gestern wie so oft eine Augenweide. Dagegen sieht der Rest nur bieder aus. Erinnerte mich daran, dass ich mal Ronaldinho und Messi (zu dessen Anfangszeit) in Barcelona bestaunen durfte, die in einem Ligaspiel aufzauberten, als ob es nur Statisten auf der anderen Seite geben würde. Ging mir gestern auch ein paar Mal so – bis auf die fehlenden Tore.

    Die Möchel – Buzas – Oblinger Reihe fand ich maximal zweitligareif gestern. Vor allem Buzas fiel mir gefühlt bei jedem Wechsel mit einer unglücklichen Aktion auf. Um es positiv zu formulieren. Gefahr geht jedenfalls kaum von der Reihe aus und durch unnötige Scheibenverluste bringt mal die Verteidigung konsequent in Bedrängnis.

  3. Wieder einmal schön geschriebener Bericht, der die Diskrepanz zwischen den immer gleichen Trainerphrasen einerseits und der Außenwahrnehmung der Fans und vermutlich auch der Journalisten aufzeigt. Ich hoffe darauf, dass der tabellarische Aufwärtstrend zum Ende der Hauptrunde das angeblich ja extra für die Playoffs gezüchtete Turnierpferd endlich mal über die erste Hürde Viertelfinale springen lässt (und v.a. der erste Oxer nicht Wolfsburg heißt…). Mein Gefühl sagt mir allerdings, dass der Gaul besonders an den Hinterläufen noch ordentlich lahmt…

  4. Verdiente Siege gegen Köln und Schwenningen, wenn auch nicht sonderlich glanzvolle. Dafür hätte es aber auch nur die sechs Punkte gegeben. Läuft nun alles auf ein Viertelfinale gegen Wolfsburg raus, was meiner Vorfreude auf die Playoffs einen nicht unerheblichen Dämpfer versetzt. Möge es uns doch erspart bleiben!
    Sorgen bereitet mir vor allem die nun schon seit vielen Wochen anhaltende Formschwäche von Pfleger-Murley-Segal. Spielen mittlerweile auf nahezu gleichem Niveau wie Möchel-Buzas-Oblinger (was keineswegs als Lob für die Letztgenannten zu verstehen ist).
    Zu den Torhütern:
    Das 3:1 muss der Jochen auf seine Kappe nehmen, für das erste Spiel über 60 Minuten dennoch eine bemerkenswert gute Vorstellung, ebenso wie Beskorowany am Freitag.
    Über die diesbezüglichen Verlautbarungen der sportlichen Leitung (wer spielt wann, wer eventuell in dieser Saison gar nicht mehr, etc…) kann man leider nur den Kopf schütteln!

  5. Alexander Oblinger …. (wenn er in den Playoffs seinen ersten Treffer erzielt, werden die Ice Tigers Deutscher Meister – das haben Sie hier zuerst gelesen)

    Dann kann ja jetzt nix mehr schief gehen!

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