Spiel 42: Die Tränen des Marius Möchel (sowie meine und Deine)

Foto: Sportfoto Zink/Matthias Winter

Foto: Sportfoto Zink/Matthias Winter

Vor einer Stunde hat der letzte Kollege den Pressekonferenzraum verlassen. In der Nebenhalle knallen noch immer Pucks an die Plexiglasscheibe, weil in dieser Arena immer irgendwo Pucks auf Plexiglas knallen. Und auch in der leeren Arena brennt noch Licht, gerade so viel, um zu erkennen, dass da ein Mann in Leder gedankenverloren durch den Mittelkreis übers Eis schlendert. Gut, tatsächlich stützt sich da ein überforderter Hobby-Eishockeyspieler erschöpft auf seinen Schläger. Aber das Bild des alleine übers Eis franzelnden Thomas Sabo hätte eben so gut zu diesem historischen 6:3 gegen Mannheim gepasst. Weitgehend fantasielose Anmerkungen gibt es hingegen nach dem Klick.

Die Fakten:

42 Spiele, 71 Punkte, 139:128 Tore – Platz fünf.

Und:

Mannheim hat alle vier Saison-Spiele gegen Nürnberg verloren.
Nürnberg hat vier Saison-Spiele gegen Mannheim gewonnen.
Mannheim hat von zwölf möglichen Punkten gegen Nürnberg exakt keinen geholt.
Nürnberg hat von zwölf möglichen Punkten gegen Mannheim zwölf geholt.
Die Ice Tigers haben in der DEL die meisten Tore geschossen.
Und von den Top-6-Mannschaften die meisten Tore kassiert.
Roland Aumüller kann auch konsequente und nachvollziehbare Entscheidungen treffen.
Marius Möchel hat sich endgültig seinen ganz persönlichen Chant verdient.
Und: Mannheim hat von vier Saison-Spielen gegen Nürnberg vier verloren.

Die Superlative:

Tore: 23 Patrick Reimer (Liga-Spitze, gleichauf mit Krefelds Schymainski; insgesamt 267 – auch das ist Spitze in der ewigen Torjägerliste der DEL)
Vorlagen: je 32, Patrick Reimer und Steven Reinprecht
Punkte: 55, Patrick Reimer (Liga-Spitze, sieben Punkte vor linemate Reinprecht, der allerdings sieben Spiele weniger absolviert hat)
Plus: 14, Patrick Reimer (Liga-Spitze)
Minus: -11, Marc El-Sayed
Strafminuten: 70, Kurtis Foster
Power-Play-Tore: 11, Dany Heatley
Unterzahltore: 4, David Steckel (Liga-Spitze, gleichauf mit Münchens Aucoin)
Siegtreffer: je 4, David Steckel und Steven Reinprecht
Schüsse: 208, Patrick Reimer (Liga-Spitze, 17 Schüsse vor Schwenningens Fleury)
Schussquote: 23,9 Prozent, Steven Reinprecht

Das Spiel:

Natürlich war Dennis Endras‘ Verletzung der Wendepunkt. Natürlich ist es bitter für den ziemlich großartigen Nationaltorhüter, dass ihn gerade der ungefährlichste Stürmer der DEL zu Boden gezwungen hat (von den Null-Tore-Spielern der DEL hat Alexander Oblinger mit 71 die meisten Schüsse – gefolgt von Düsseldorfs Conboy mit 69). Natürlich wird Teal Fowler sehr zum Missfallen von Jon Rheault noch ein namhaftes Kaninchen aus dem Fanghandschuh zaubern, sollte eintreten, wonach es sofort nach Endras‘ Spagat ausgesehen hat. Aber natürlich ist das nicht der einzige Grund, warum die Ice Tigers auch das vierte (von vier und damit alle) Saisonspiel gegen den Deutschen Meister gewonnen hat. Bemerkenswert war der Zug zum Tor im ersten Drittel (so stark habe ich Brandon Segal bislang noch nicht gesehen wie in diesen 20 Minuten). Bemerkenswert war die Qualität des Power-Plays genau zum richtigen Zeitpunkt. Bemerkenswert war, wie gut und sicher Derek Joslin und Kurtis Foster spielen können, wenn es gegen Mannschaften geht, die sie eines überdurchschnittlichen Einsatzes würdig erachten. Bemerkenswert war, dass es – anders, als beim 5:3 vor drei Wochen – nie so aussah, als könnte diese bis auf die letzte Position prominent besetzte Mannschaft, die vor einem Jahr noch unbesiegbar wirkte und letztlich auch war, diese Ice Tigers besiegen. Dass sie sie besiegen wollten, dass sie nicht auch noch die Punkte zehn, elf und zwölf hier lassen wollten, das war unverkennbar. Jochen Hecht kramte tief in seiner Trickkiste, Sinan Akdag wollte die Adler alleine tragen – und am Ende durfte Greg Ireland (ob aus Kalkül oder nicht) zurecht feststellen, dass seine Mannschaft viele Dinge richtig gemacht hat. Aber viele Dinge reichten eben nicht gegen Ice Tigers, die vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte dieser wunderbaren (und wahrscheinlich noch immer eher einseitigen) Rivalität auf entscheidenden Positionen qualitativ besser besetzt ist. Leo Pföderl setzt seine Entwicklung zu jenem Torjäger konsequent fort, der Martin Buchwieser dann vielleicht doch nicht mehr wird. Nürnbergs Nummer drei ist besser als Mannheims Nummer zwei. Zumindest auf Punkterundenniveau hat der Meister keine zwei Spieler, die Patrick Reimer und Steven Reinprecht in Sachen Finesse das Eis reichen können. Und einen Standeishockeyspieler wie Dany Heatley hätten Ireland und Fowler wahrscheinlich auch ganz gerne im Aufgebot. Und was bedeutet das alles, sollte es frühestens im Halbfinale doch wieder zu einem Aufeinandertreffen kommen? Richtig. Nüscht. Nada. Nothing. Die Momentaufnahme strahlt aber auch ohne Filter gerade recht schön.

Vor der Kabine, eins:

„Ich hab alle fünf Spiele gesehen. Und natürlich habe ich Tränen vergossen, wie wahrscheinlich das ganze Linde-Stadion.“ (Marius Möchel war acht, ich war einundzwanzig. Er war noch Fan, ich war noch Fan. Wir kannten uns nicht, aber näher werden wir uns nie mehr fühlen, als an diesem 27. April 1999)

Vor der Kabine, zwei:

„Für mich als Nürnberger ist es natürlich noch ein bisschen schöner, gegen Mannheim zu gewinnen. Auf jeden Fall. Ich weiß um diese jahrelange Rivalität. Jetzt müssen wir das in den Playoffs nur weiterführen, wenn wir gegen die spielen.“ (Noch einmal Marius Möchel, der zwei seiner drei Saisontreffer gegen Mannheim erzielt hat.)

Der NN-Moment des Spiels (präsentiert vom Optikermeister Roland Au. Müller, Höhenkirchen):

Natürlich war ich auch entsetzt, als Jamie Tardif auf die Strafbank fuhr und nicht in die Kabine wackelte. Natürlich hab‘ auch ich gesehen, dass Tardif Anlauf genommen hatte oder zumindest abgesprungen ist. Oder irgendetwas anderes veranstaltet hat, um sich fünf Minuten und eine Verhandlung vor dem unfehlbaren DEL-Schiedsgerichtzu zu verdienen. Natürlich hat Roland Aumüller eine Fehlentscheidung getroffen – und wenn dieser zweite Schiedsrichter auf zwei Minuten entschieden hat, war es trotzdem Aumüllers Fehler.

Aumüller raus. So heißt eine Facebook-Gruppe, der rotgesichtige Schiedsrichter hat sogar einen Fanclub. Und er sorgt dafür, dass sich vernünftige, gestandene und sympathische Männer fortgeschrittenen Alters vollends vergessen. Roland Aumüller trifft aber auch richtige Entscheidungen, selbst wenn man meint, das von der Pressetribüne oder vom Oberrang aus besser beurteilen zu können. Tardifs Check gegen Casey Borer habe ich jedenfalls gerade noch einmal auf einem großen Bildschirm im Büro der Ice Tigers gesehen. Was ich nicht gesehen habe, ist ein Foul, das eine Fünf-Minuten-Strafe gerechtfertigt hätte. Aumüller hat in diesem Spiel richtige Entscheidungen getroffen und mutige obendrein. Seine Doppelstrafe gegen Richmond und Buchwieser war absolut korrekt. Steven Reinprechts Schläger hat er später noch zu hoch gesehen. Ich natürlich nicht, aber mir ist ein Schiedsrichter lieber, der eine Entscheidung trifft, ohne den in diesem Fall ohnehin nutzlosen Videobeweis zu bemühen, weil er sich sicher ist, es richtig gesehen zu haben.

Natürlich ist Roland Aumüller noch immer kein guter Schiedsrichter. Tausende deutsche Eishockey-Fans und Dutzende vermeintliche Fachjournalisten können sich nicht immer irren – manchmal aber schon.

Die NN-Three-Stars:

Wurde Marius Möchel schon genug gelobt? Nein. Der Nürnberger hatte auch diesmal wenig Spielanteile, umso erstaunlicher ist, was er daraus gemacht hat. Schon in der zehnten Minute hatte er einen starken Moment, als Nikolai Goc erst stehen ließ, dann vorführte und den Angriff der Ice Tigers potenziell gefährlich hielt (mehr kann man von einer vierten Reihe, die nicht von Kink/Joudrey/Tardif gebildet wird, auch nicht erwarten). Bei seinem Tor zeigte er, dass zumindest er an seine Torjägerqualitäten glaubt. Steven Reinprecht war bereits auf dem Eis, er legte Möchel den Puck vor, wollte hinter ihm kreuzen – und wahrscheinlich hätten Patrick Reimer, Yasin Ehliz und Dany Heatley den Eishockey-Gott in dieser Situation auch noch einmal miteinbezogen. Möchel aber hat geschossen, gegen Endras‘ Laufrichtung, und er hat getroffen. Zuvor hatten es Segal, Murley, Segal, Segal, Murley, Pfleger, Pfleger, Pfleger, Heatley und Pfleger versucht und waren immer wieder an dem starken Mannheimer Torhüter gescheitert. Der selbstbewusste Möchel hat gezeigt, dass es manchmal auch ganz einfach geht.

In Düsseldorf muss das schon sehr beeindruckend gewesen sein. Mit zwei Punkten wurde er da auch zurecht zum First Star gewählt. Gegen Mannheim blieb Brandon Segal dagegen ohne statistischen Arbeitsnachweis. Dass seine Reihe im ersten Drittel jedoch gar so wuchtig auftrat, war hauptsächlich sein Verdienst. Lange hat sich niemand angeboten, der Colin Frasers Aufgaben übernimmt – und auch Segal wird sich kaum prügeln oder den Hechts und Wolfs dieser Liga gar so unter die Haut gehen, wie das Fraser vermocht hätte. Blockt und checkt Segal aber weiterhin so auffällig, wird von Fraser alsbald niemand mehr reden müssen.

Seine erste Vorlage war kaum erwähnenswert – schon eher, was Dany Heatley aus dieser Vorlage gemacht hat. Patrick Reimers zweiter Punkt an diesem Abend war da schon sehenswerter. Annahme, Drehung und Beschleunigung, obwohl er an der Bande fixiert worden war, der kurze Pass auf Marco Nowak. Jubel – 14 Sekunden nachdem das Spiel hätte noch einmal kippen können. Reimers Form macht Hoffnung, dass er diesmal auch in den Playoffs derart überragend auftreten wird. Derzeit ist der DEL-Rekordtorjäger nicht zu stoppen, selbst wenn er kein weiteres Tor erzielt.

Und noch mal 140 Zeichen:

4 Kommentare in “Spiel 42: Die Tränen des Marius Möchel (sowie meine und Deine)

  1. heute hat das Powerplay zum richtigen Zeitpunkt funktioniert. Die Leistung hat heute gepasst sieht man von Marley ab – derzeit der schlechteste Mann am Eis.
    Was mich heute gestört hat war aber mal wieder unser Verhalten vor dem 0-1 der Adler. Da wollte man wieder den Punkt in das Tor reintragen anstatt dass sich einer einfach mal ein Herz fasst und den Puck reinballert. Im Gegenzug wird mit einfachen Pässen ausgekontert und drin ist das Ding.
    Beskorowany überzeugt mich weiterhin nicht – im letzten Drittel waren da wieder einige Wackelt auf der Fanghand dabei.

    Endras sah nicht wirklich gut aus – bin gespannt wie die Adler da reagieren und wen sie hervorzaubern. Ansonsten: gute Besserung.

  2. Auch ohne virtuellen Fame war es ein toller Tag. Sehr solider Auftritt der Tigers, endlich mal gallig und bissig über 60 Minuten.

    Gegen gute Adler war das auch bitter nötig. Die sind schon brutal tief besetzt und werden ein sehr, sehr unangenehmer Gegner für alle Mannschaften in den Play-offs sein.

    Bin auf Krefeld am Sonntag gespannt. Eigentlich wieder eine perfekte Gelegenheit für die Mannschaft ihr weniger schönes Gesicht in dieser Saison zu zeigen.

  3. natürlich ist es sehr schön, 4x gegen diese unaussprechliche stadt gewonnen zu haben, schön ist auch ein um 400 personen besserer schnitt an besuchern in der arena ( vgl saison 14/15) aber wenn man an diese zeit im linde zurück denkt mit weit weniger zuschauern wird man dennoch reumütig. ich finde seit einiger zeit unsere lieder immer einfalltsloser

    wir wäre es gestern mal gewesen mit ihr seid nur ein punktelieferant …
    oder wie geil war es früher wenn man mal ein gummihuhn auf das eis warf und anschließend dies streifenhörnchen als hühnerdieb besungen wurden

    leo pföderl`s drehung und puckkontrolle vor dem tor waren klasse
    ich glaube auch, dass wir noch viel spass an unserem standspieler haben werden, wenn der in playoffs auch die wichtigen pp-tore macht, auch wird er finde ich agressiver beim forechecking etc

    martin sollte sich jetzt darum kümmern einige arbeitspapiere neu auszustellen ( steckel reino heatley) bzw mache vorzeitig verlängern wie pföderl, ehliz,

    ps das mit dem timeout ist immer noch da

  4. Wieder ein sehr gelungener BLOG über einen weitestgehend sehr gelungenen Auftritt unserer Ice Tigers.
    Eine entscheidende Szene – neben der Verletzung von Endrass (von hier aus Gute Besserung!)– war aber auch die direkte Antwort von Nowak auf den Mannheimer Anschlusstreffer zum 4:3. Nach dem 5:3 war ich mir ziemlich sicher, dass auch die Punkte 10,11 und 12 in Nürnberg bleiben.
    Aumüller:
    Zu Recht gelobt! Für seine Verhältnisse eine überragende Partie – wenngleich auch ich mir ziemlich sicher bin, dass der Schläger des Allmächtigen NICHT zu hoch war.

    Alternative Three Stars (mit den von Sebastian bin ich aber auch einverstanden):
    Marco Nowak: Hinten sicher und fast fehlerfrei, nach vorne auch mit guten Szenen (siehe oben). Wenn er doch nur öfter so auftreten würde, wäre das Thema Vertragsverlängerung eigentlich kein Thema.
    Tyler Beskorowany: Eines seiner besseren Spiele für die Ice Tigers. Ein, zwei richtig gute Saves und nur ganz wenige Wackler. Hat mit seinen zwei Assists übrigens El-Sayed in der internen Statistik überholt…
    Marcus Weber: Diesmal wieder als Verteidiger im Einsatz. Auch er fast fehlerfrei und sehr zweikampfstark. Starke Saison bisher!

Kommentare geschlossen.