Spiel 12: Endlich wieder DEL-Eishockey (Ironie aus)

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Du hast dir diesmal Zeit gelassen, Deutsche Eishockey Liga, hast uns bis zu diesem Sonntagabend vorgegaukelt, aufregend zu sein, rassig, interessant, fordernd, jedes einzelne Date wert. Dabei hast du es tatsächlich geschafft, dass wir, Fans, Erfolgsfans, Journalisten, Erfolgsjournalisten, Grantler und Erfolgsgrantler, tatsächlich vergessen hatten, wie langweilig du sein kannst, wie sehr es nerven kann, einen Abend mit dir zu verbringen. Aber natürlich hast du es nicht durchgehalten. Heute hast du dein wahres Gesicht gezeigt. Und die Ice Tigers, dass sie keine Übermannschaft sind. Das kann auch beruhigend sein.

Die Fakten:

„Schwenningen hat verdient gewonnen. Absolut.“ (Marco Pfleger)
„Ich will Schwenningen nichts wegnehmen. Aber wenn wir so spielen, werden wir in dieser Liga kein Spiel mehr gewinnen.“ (Martin Jiranek)
„Das war eine schlechte Leistung – von oben bis unten.“ (Martin Jiranek)
„Wir hatten kein Glück, aber du musst dir dein Glück auch erarbeiten – das hat heute nur Schwenningen gemacht.“ (Und noch einmal Martin Jiranek)
Nürnberg ist dank eines sehr ordentlichen Saisonstarts (zwölf Spiele, acht Siege, 23 Punkte, 33:30 Tore) Tabellenzweiter, das sollte man auch nach dieser unverschämt überheblichen Leistung nicht vergessen.

Die Superlative:

Tore: 6 – Patrick Reimer (obwohl er in den letzten sechs Spielen nicht mehr getroffen hat)
Vorlagen: 7 – Yasin Ehliz
Punkte: 14 – Patrick Reimer
Plus: +4 – Matt Murley und David Printz
Minus: -3 – Colin Fraser und Brandon Segal
Strafminuten: 42 – Kurtis Foster
Power-Play-Tore: 3 – Dany Heatley
Shorthander: 1 – Patrick Reimer
Game-Winner: 2 – Derek Joslin und Dany Heatley
Schüsse: 66 – Patrick Reimer (führt damit auch noch immer die DEL-Statistik an)

Nach der Pressekonferenz:

„Schwenningen war es scheißegal, dass wir Erster sind. Schwenningen war es scheißegal, dass wir zu Hause spielen. Schwenningen war es scheißegal, dass wir einen Lauf haben. Sie wollten einfach nur gewinnen.“ (Martin Jiranek)

Der NN-Moment des Spiels (präsentiert von der Bochumer Ausgabe der Bild-Zeitung):

Dass Martin Jiranek für die Ice Tigers spricht und nicht Rob Wilson, der Cheftrainer, spielte nach den schönen Siegen in Mannheim, gegen Ingolstadt und gegen München keine Rolle. Jiranek ist ein freundlicher, zuweilen ungewöhnlich auskunftsfreudiger Gesprächspartner. In seine Aussagen nach diesem unangenehmen 1:5 könnte man hingegen so einiges hineininterpretieren, zum Beispiel Meinungsverschiedenheiten zwischen Cheftrainer und Sportdirektor. Jiranek erzählte ungefragt, dass es Wilsons Entscheidung war, Leo Pföderl sitzen zu lassen, und dass Wilson in der zweiten Drittelpause zwar überlegt hatte, Jenike durch Lehr zu ersetzen, dass sich der Cheftrainer aber dagegen entschieden hatte. Warum meinte Jiranek diesbezüglich zum ersten Mal differenzieren zu müssen? Ich glaube nicht, dass Jiranek das bewusst gemacht hat. Aber er wollte für diese (natürlich keineswegs entscheidenden Personalia) auch nicht die Verantwortung übernehmen. Bemerkenswert ist das allemal – vorerst aber auch nicht viel mehr.

Die Partie:

Insgeheim lieben Coaches solche Spiele, weil sie danach neue Reize setzen können, weil danach wieder ernsthafter, engagierter trainiert wird, weil ihre Entscheidungen danach zunächst einmal nicht mehr hinterfragt werden, weil sie massig neues Material für Video-Sitzungen haben. Dieses schöne 1:0 durch Kyle Klubertanz und Matt Murley (die sich heute auffällig oft gesucht, aber danach nicht mehr gefunden haben) war fatal für das Spiel der Ice Tigers. Der Ausgleich war unglücklich, natürlich. In Unterzahl aber hätte Damien Fleury schon nie so frei alleine vor Jenike zum Schuss kommen dürfen – Murley war es, der einen Puck zuvor nicht hatte kontrollieren können, Joslin, der den Schwenninger Befreiungsversuch nicht im Drittel halten konnte. Danach erst wurde offensichtlich, wie wenig die Ice Tigers bereit waren, ihre wuchtigen Körper einzusetzen – ich kann mich an keinen krachenden Check erinnern, an keinen einzigen -, wie arrogant sie auf die cleveren Angriffsversuche der Schwenninger reagierten, wie sehr sie ihre hungrigen Gegner mit dieser Spielweise provozierten. Die Ice Tigers schenkten den Wild Wings Erfolgserlebnisse in jedem Shift, die zwangsläufig zu Toren führen mussten – noch dazu, wenn man so viel Zeit und Platz hat, wie Hult und der großartige Gimli, Gloins Sohn (immer wieder großartig: Philipp Schlager – und heute sogar noch ein wenig besser). Das 1:5 habe ich auf der Playstation auch schon des öfteren kassiert und mir jedesmal gedacht, wie unrealistisch EA-Sports programmieren lässt – jetzt weiß ich es besser. Dass dieses Spiel ohne jegliches Nürnberger Aufbäumen zu Ende ging, war schon überraschend – gibt Jiranek und Wilson aber noch mehr Material.
Uns gibt dieses 1:5 nebenbei auch die Gelegenheit, den Finger wieder näher an jene Wunden heranzurücken, die man zuletzt nicht hatte sehen wollen:

  • Dass Wilson/Jiranek im Power-Play Spielmacher (Reinprecht, Murley/Pfleger), Torjäger (Reimer/Heatley, Joslin/Klubertanz), Bully-Spezialisten (Steckel) und schlittschuhlaufende Paravans (Steckel – Oblinger) auf dem Eis haben wollen, ist verständlich. Allerdings ist völlig unverständlich, warum da kein Platz mehr für Yasin Ehliz sein sollte. „It’s number’s game“, sagte Jiranek und stellte Ehliz in Aussicht, dass der kampf- und spielstarke Nationalspieler sicher wieder Chancen im Power-Play bekommen wird. Die richtige Mischung aber scheinen die Coaches da noch nicht gefunden haben.
  • Das gilt auch für die Sturmreihen, die nicht von Steven Reinprecht geführt werden (oder von Reimer oder von Ehliz – je nach Sichtweise). Der hier bislang vollkommen zurecht hochgelobte Colin Fraser ist offensiv nahezu wirkungslos, das gilt auch für Dave Steckel, wenn er zwischen Fraser und Brandon Segal spielt (der sich im Gegensatz zu Ehliz zudem nicht gerade für Einsätze im Power-Play aufdrängt). Heatley ist (aus immer noch nachvollziehbaren Gründen) bei Fünf-gegen-Fünf völlig ungefährlich (im Power-Play überfordert er zuweilen selbst seine talentiertesten Nebenleute mit seinen Ideen und Pässen). Und die vierte Reihe rumpelt schön, aber das war es auch schon.
  • Und: Diese Mannschaft hat ein Problem mit der Disziplin. Kurtis Foster soll am Freitag beinahe das Comeback in Iserlohn verhindert haben, am Sonntag leisteten sich Steckel und Ehliz Fouls zum schlechtest möglichen Zeitpunkt.

NN-Three Stars (präsentiert von allen Eishockey hassenden Ehefrauen und Ehemännern, die ziemlich genau gewusst hätten, womit man diesen Nachmittag auch hätte zubringen können):

Bronze: Marco Nowak hat heute engagiert gespielt.

Silber: Marcus Weber hat heute gut gespielt.

Gold: Fehlerlos aber blieb nur Philip Lehr (wann, wenn nicht heute, will man Jenike eigentlich eine Pause gönnen und dem Ersatztorhüter eine Chance bieten?).

And now for something completely different:

An alle, die jetzt nickend vor dem Rechner sitzen oder sich den Schaum vom Mund wischen und die Kommentarspalte gedanklich bereits mit allerlei schönen Gehässigkeiten füllen: Es war nur ein Spiel; ein Spiel, das Fans so auch in Berlin und Mannheim selbst in Meisterjahren nicht nur einmal wutschnaubend hatten ertragen müssen; ein Spiel, das zu jeder DEL-Saison gehört. Entscheidend ist wie immer wie die Mannschaft darauf reagiert, unter der Woche im Training, am Freitag in Krefeld und am kommenden Sonntag gegen Iserlohn. Und mal ehrlich, wie hätte das hier den weitegehen sollen? Wer kann denn wirklich eine ganze Saison nur loben und schwärmen wollen?

14 Kommentare in “Spiel 12: Endlich wieder DEL-Eishockey (Ironie aus)

  1. Ja, das war heute einfach gar nichts. Schlechte Einstellung, schlechte Körpersprache. Mit angezogener Handbremse geht es selbst in der DEL nicht.

    Fraser und Steckel haben ihren Wert für das Team, ohne Frage. Offensiv sind beide bisher kein Faktor und bei Fraser wird das wohl so bleiben. Dafür ist er einfach zu limitiert. Mittlerweile muss man fast dankbar für die Verletzung von Reinprecht sein, so kam mit Murley wenigstens noch ein kreativer Offensivspieler.

    Bevor ich einen Torjäger wie Pföderl sitzen lasse, soll Fraser lieber El-Sayed in Reihe vier ersetzen und seine Qualtäten in Unterzahl zeigen.

    Powerplay hat mir heute gar nicht gefallen. Ehliz würde bei mir auch Powerplay spielen, aber das sehen Jiranek und Wilson wohl anders.

    Für was wurde eigentlich Kurtis Foster verpflichtet? Er spielt bisher noch schlechter, als ich es schon vor der Saison befürchtet habe.

  2. (Kein Schaum vorm Mund, da ich auch am Samstag beim Glubb weilte und jeglicher Schaum dort eh schon verbraucht wurde)

    Beim oben aufgelegten Power-Play-Bingo fehlt irgendwie Kurtis Foster.
    Meiner Meinung nach, jetzt allein mal mit dem Argument „Bester Wums der Liga“, gehört Foster nicht zwingend neben den eh schon recht schußfreudigen Reimer, sondern in den 2.Block neben Joslin. Neben Reimer würde ich, falls ich Trainer wäre (und Ahnung hätte) eher Klubertanz sehen.

    Na klar, in dem ersten Saisonviertel kann man noch viel ausprobieren, vor allem wenn die Punktausbeute passt und irgendwie merkt man ja auch, das Optimum an Kombination ist da noch nicht gefunden. Zu bedenken ist dabei sicher auch, dass die Anzahl der Spieler, die über DEL-Einsatzqualität momentan vorhanden ist, in Nürnberg nicht immer so selbstverständlich war und eine gewisse Rotation da sein muß.
    Will sagen, es gibt gröbere Probleme. als dass man auf Platz 2 steht und noch am experimentieren ist.

    Einzig bin ich kein so großer Freund davon, die Power-Play-Formationen zu sehr aus verschiedenen „normalen“ Reihen zu mischen, da dies nach Ablauf des Powerplay häufig zwei bis vier Shifts nachwirkt, bei denen dann als Folge auch gemixt werden muß oder eben Doppelschichten gefahren werden müssen und dadurch gewisse Risiken und Probleme verbunden sind. Speziell wenn in diese Phasen dann wieder Special-Teams-Situationen entstehen, wird es (unnötig) kompliziert. …nur mal so als Gedanke

    Noch eine Frage, falls einer der Leser in Iserlohn war und konkretere Infos hat.
    War in Iserlohn wirklich Pfleger der „Übrige“ und Reimer-Reinpecht-Heatley so am Eis unterwegs?
    http://www.pointstreak.com/prostats/startinglineups.html?gameid=2697132

  3. Überheblich, unkonzentriert, körperlos, müde… die Liste an Adjektiven, die zur Beschreibung der bisherigen Saisonauftritte nicht notwendig waren, liese sich nahezu beliebig fortsetzen. Dank des grauenvollen Auftritts heute, düfen jedoch genau diese Wörter wieder aus der Mottenkiste geholt werden.

    Da ich mir vor dem Einschlafen nicht mehr allzu viele Details dieser Darbietung ins Gedächtnis rufen möchte, nur ein paar kurze Bemerkungen.

    1. So kann man nicht spielen. Da hätte mancher Oberligist noch das ein oder andere Pünktchen entführen können. Niemand erwartet dies gesamte Saison über Topleistung, ein wenig Mühe geben darf man sich aber schon.

    2. Vielleicht täte es, wie schon im Blog angesprochen, unserem Spiel gut, wenn sich die Coaches langsam mal auf feste Reihenkostellationen einigen könnten. Knapp ein Viertel der Saison ist rum, so langsam merkt man doch was geht und was nicht.

    3. Jenikes heutige Leistung rechtfertigt diesen kalten Schauer, der mir jedes Mal über den Rücken läuft, wenn ich daran denke alleine mit ihm, ohne mindestens gleichwertigen Back-up in die Playoffs zu gehen. Wie Philipp Lehr sich wohl gefühlt haben muss, selbst an einem solche Tag keine einzige Minute Einsatzzeit zu bekommen?

    4. Die Mannschaft dürfte gemerkt haben, dass selbst die DEL zu gut ist um spielerische Totalausfälle nicht zu bestrafen. Vielleicht ist es ein Dämpfer zur rechten Zeit. Routine ist gut, Arroganz nicht.

    Eine Anekdote eines Blocknachbarn zum Schluss: Nach einem ähnlich schwachen Auftritt Ende der Neunziger, soll Sergio Momesso in der zweiten Drittelpause mehreren Mitspielern heftig an den Ohren gezogen haben. Danach drehte man das Spiel im Schlussdrittel. Auf der Heimfahrt hatte ich mehrere Male den Eindruck, Momesso säße in einem entgegekommende Auto und führe Richtung Arena…

  4. Das war gestern das völlige Gegenteil vom Spiel in Iserlohn. Dort wollte man unbedingt gewinnen. Gegen eine gute Iserlohner Mannschaft, gegen das laute Publikum (das permanent irgendwas unsinniges vom Schiedsrichter fordert) und gegen Roland Aumüller. Nachdem offensichtliche Strafen gegen Iserlohn nicht gegeben wurden, wir aber für Kleinigkeiten raus mussten, hat Reimer irgendwann viel mit den Schiedsrichtern diskutiert. Das war vor der Aktion von Foster. Man kan schon über Disiplinlosigkeit reden, aber für uns im Block war das verständlich. Ein unsinniges Gepfeife gegen Nürnberg. Der Roland eben…
    Und wir waren im letzten Drittel so stark, dass wir bei 4 gegen 5 das bessere Team waren. Die Mannschaft wollte diesen Sieg unbedingt.
    Die Reihen waren in Iserlohn wie gestern auf dem Eis. Butschi war healthy scratch.

    Ich bin mir nicht mehr sicher. Hat Ehliz nicht vor der Verletzung im Powerplay gespielt? Das er es seit dieser nicht mehr tut ist für mich aber auch verständlich, auch wenn Segal nicht wirklich glänzt. Denn aus einer Zweikampfqoute mit über gefühlten über 80% sind eher unter 40% geworden. Und Pässe kommen von ihm derzeit auch nicht an. Ich finde nicht, dass sich Ehliz anbietet. Aber unser „C“ tut sich da derzeit auch schwer.

    Und zur Tribüne muss ich sagen. Sicher tut sich der Leo derzeit schwer. Aber er bringt noch Geschwindigkeit mit. Diese ist beim Obi nicht wirklich zu sehen. Das der in der 4. Minute in Iserlohn nicht trifft dafür aber im Heimspiel, passt irgendwie zu seiner Verfassung. Hätte ich eher als den Leo draußen gelassen.

    Viele Grüße

  5. Ach ja. Noch was aus meiner Sicht für einige Fans. „Aumüller raus“ wie in Iserlohn schon vor dem Spiel zu schreien macht nicht wirklich Sinn. Das scheint ihn anzustacheln.
    Da wird der kommende Sonntag richtig spannend. Da haben wir ihn gegen Iserlohn schon wieder…

  6. Hallo,

    „Maddin“ beschreibt das sehr treffend, mit der Einstellung werden wir kein Spiel in der laufenden DEL Saison mehr gewinnen. Btw.: Schaum gab`s nie, dazu war die Leistung einfach zu schwach.

    Spiel:
    Endtäuschung schon, zu wenig war das Team bereit zu geben. Physis = 0, Wille = 0, Emotion = 0, Arroganz = 99… da reicht es, wenn der Gegner bei den ersten Parametern dagegen hält. Schwenningen, allen voran der immer wieder sehenswerte Schlager, stehen dafür. Jenike agierte unglücklich, die Defender fahrig, die Offensive lustlos und ohne die letzte Konsequenz.

    Three Stars:
    – da fällt mir ehrlich nix ein und Lehr will ich mal nicht nennen… Vielleicht Ehliz…
    – Weber sah ich deutlich schwächer, allerdings stach er da auch nicht negativ hervor
    – Novak war, gerade nach Verletzung, ok.

    Schiris:
    ok, die wesentlichen Pfiffe waren für mich in Ordnung. Die Pedanterie der DEL bezüglich Anspiel kann ich allerdings noch immer nicht nachvollziehen…
    Highlight: Steckel`s völlig unmotivierte 2 Minuten wegen Stockschlag. Mir völlig unverständlich…

    Trainer:
    Was Wilson an Oblinger findet, kann ich nicht verstehen. Obi spielt bislang eine äußerst mäßige Saison, selbst in dominanten Spielen tauchte er bestenfalls ab oder fiel durch unnötige Strafen auf. Auch wen diese Rolle gestern andere übernommen haben, siehe oben.
    Die Aufstellung der Special Teams erschließen sich mir ebenfalls nicht.

    Fazit:
    Bislang noch immer eine außergewöhnlich gute Saison, nicht nur von den Ergebnissen! Vielleicht / hoffentlich nur ein Schuss vor den Bug zur rechten Zeit. Jetzt sind Trainer gefordert, dem Team dies Aufzuzeigen und dafür zu sorgen, dass es keinen so arroganten Auftritt in der Arena mehr zu sehen gibt.

    Gruß
    Stefan

  7. Danke für den wieder einmal sehr informativen Blogeintrag. Gerade nach solch einem grottigen Auftritt ist es immer sehr interessant, auch ein paar Infos von hinter den Kulissen zu bekommen.

    Über die gestrige Niederlage an sich braucht man sich angesichts des immer noch schwachsinnigen 52er-Doppelrunden-Modus (welches Gewicht hat da eigentlich ein Hauptrundenspiel?) nicht allzu lange zu ärgern, wohl aber über die Art und Weise, die von allen Kommentatoren schon treffend beschrieben wurde. Ein Auftritt wie gestern kann jedoch auch einen positiven Nebenaspekt haben, nämlich dass er nochmal zusätzlich die Sinne schärft und eine Mannschaft mit Charakter (furchtbare Phrase, klingt wie der Lieblingssatz von Benoit Laporte) eine Trotzreaktion in den nächsten Spielen zeigt. So etwas wird dieser vielversprechenden Truppe hoffentlich nicht mehr passieren.

    Die Aussagen von Jiranek zu Wilsons (und den eben nicht gemeinsamen ?) Personalentscheidungen, vor allem das, was zwischen den Zeilen mitschwingt, klingen jedoch schon seltsam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Martin das nur aus der Emotion heraus gesagt hat…

    Ein Gedanke dazu: Jiranek ist als Sportdirektor Wilsons Vorgesetzter. Beim Coaching assistiert er ihm jedoch als Co-Trainer und hat damit nur eine beratende/unterstützende Funktion. Wozu dieses seltsame Konstrukt? Jiranek war doch letztes Jahr nach der Trennung von Toumie / Mansi auch der „Teamchef“, also der sportliche Entscheidungsträger und Wilson ein starker Co-Trainer mit vielen Kompetenzen. Das hat gut funktioniert und die Saison noch halbwegs gerettet. Konnte man das nicht so beibehalten? Jiranek ist nach wie vor unzweifelhaft das „Gesicht“ der Ice Tigers, der Kaderplaner, der Kommunikator nach außen (die Innensicht haben wir alle nicht). Wenn das so nicht gewünscht ist, hätte man Wilson eben eine dritte Person, also einen echten, unterstellten Co-Trainer zur Verfügung stellen müssen. Ich halte das aktuelle Modell aber nicht für glücklich; es birgt definitiv Konfliktpotential. Dennoch bin ich sicher, dass wir keine größere sportliche Krise erleben werden, in der es zu einer Zerreißprobe kommen könnte.

    Zum Powerplay wurde bereits vieles gesagt. Ein solches Toptalent wie Ehliz – eigentlich ist er ja längst viel mehr, absoluter Leistungsträger – würde ich persönlich auch dauerhaft in der ersten Formation sehen. Das hätte den Vorteil, dass man die Reihen nicht so viel durcheinanderwürfeln müsste, R-R-E wie gewohnt miteinander kombinieren könnten. Reimer als überragender Direktschütze mit einem „Linken“ (Joslin) an die Linie, Reino als Taktgeber, Ehliz als Wühler und Scheibentransporteur und dazu Heatley für den Slot – das würde wohl mehr Fluss und Abschlüsse versprechen als mit dem momentanen Experimentieren.

    Eine andere Frage habe ich mir schon mehrfach gestellt: Welche Rolle ist eigentlich Colin Fraser zugedacht? Ich war zugegebenermaßen von Beginn an (vielleicht zu) kritisch ihm gegenüber eingestellt, konnte mich dem Lob über seine aggressive, mitreißende Spielweise nicht uneingeschränkt anschließen, weil ich mir von einer mutmaßlich nicht günstigen Offensiv-AL einfach ein besseres Gesamtpaket erwarte. Falls er der Ersatz für den nicht minder rackernden, aber fleißig scorenden Jason Jaspers sein soll, haben wir uns meines Erachtens für mehr Geld klar verschlechtert.

    Fazit: Erstes richtig schlechtes Spiel, ansonsten haben die Jungs einen sehr guten Start hingelegt. Ich bleibe optimistisch, heuer geht’s weit!

  8. Das Gute an der Niederlage ?! Ingolstadt ist damit letzter geblieben … das war´s dann aber auch schon mit den positiven Meldungen des gestrigen Abends.

    Allerdings ist es völlig falsch jetzt die Mannschaft zu kritisieren oder grundsätzliches in Frage zu stellen. Wir haben aus 12 Spielen acht gewonnen, was keiner von uns nach dem verkorksten Start-Wochenende erwartet hatte. Und das wir nicht weiterhin ungeschlagen durch die Liga ziehen werden, dürfte auch jedem klar sein.

    Mir ist eine Niederlage gegen Schwenningen gar nicht so unrecht: Jetzt weiß jeder Spieler in der Mannschaft was passiert, wenn man in dieser Liga einen Gegner unterschätzt … und außerdem gebe ich die Punkte lieber gegen ein Kellerkind als gegen einen direkten Gegner ab.

    Alles kein Drama … diese Mannschaft ist nicht auf Spektakel ausgelegt (weswegen ich auch die Kritik am Scoring von Fraser und Steckel nicht nachvollziehen kann) sondern einzig und allein auf Effektivität und Kampf. Und wenn die Herren diese Attribute aus den Augen verlieren, dann pssieren solche Spiele wie gestern.

    Eines noch: Murley fand ich gestern gut. Der bekommt langsam die Form, dass er für die Mannschaft eine absolute Verstärkung wird.

  9. @Flo
    In meinen Augen ist Fraser eine absolute Topverpflichtung. Das ist einer, der jeden Gegenspieler bei jedem Wechsel zum überlegen bringt ob die Berufswahl „Eishockey-Profi“ doch die richtige war.
    Fraser ist ein Krieger, bei dem jeder Kontakt Schmerzen verursacht, einer über den in der gegnerischen Kabine diskutiert wird, einer der einen Gegner zum verzweifeln bringt.
    Und wenn er am Ende fünf Tore und sieben Vorlagen hat, war er trotzdem eine gute Verpflichtung, da man einen wie ihn nicht an Punkten messen kann.
    Wäre für mich einer, den ich sofort weiter verpflichten würde.

  10. Wenn Steckel und Fraser auf Dauer kaum offensiv wirksam werden, kann es schon ein Problem werden, dann haben wir wieder nur eine produktive Reihe. Segal kommt nach starker Vorbereitung schwer in Tritt, Pföderl fehlt noch der passende Center und bei Heatley kann ich schwer abschätzen, bei wieviel Prozent er aktuell ist. Bleibt einzig noch Murley, der sehr kreativ ist und langsam Fahrt aufnimmt.

    Von zwei AL-Centern für die vorderen Reihen muss schon auch etwas Produktives kommen. Momentan denke ich eher, Fraser oder Steckel wäre die richtige Entscheidung vor der Saison gewesen. Nicht falsch verstehen, ich mag die Art von Fraser total, aber ich hatte mir offensiv zumindest auf DEL-Niveau etwas mehr erhofft.

    Auch Steckel hat bis hierher Probleme seine Außenstürmer vernünftig zu bedienen. Besonders Pföderl und Segal leiden darunter.

  11. @Flo: Achte auf die Ansprachen von Fraser, er ist ein Lead, wie schon langer keiner mehr bei uns unter Vertrag war.
    @Klaus: right. dieses Jahr dauert die Saison länger
    @Sebastian: Selbst ein solches Spiel kann das Level der Kommentare nicht in den Keller versenken…
    @all: sachlich, niveauvoll und konstruktiv… Glückwunsch an den Block und seine Leser… 🙂

  12. @Klaus: Klar, das wäre ein plausibler Erklärungsansatz.
    Unbestritten ist natürlich, dass der Kerl ein Stanley-Cup-Sieger ist, was sicher – völlig zurecht – dem ein oder anderen Gegner etwas mehr Respekt abnötigt. Ok. Aber das war es dann auch, die Gegenspieler sind auch Profis und ich glaube ehrlich gesagt nicht wirklich an die im US-Sport gern übertrieben dargestellten Schweißausbrüche oder Angstzustände in der gegnerischen Defense, insbesondere wenn eine ganze Sturmreihe – Fraser hab ich bewusst mal exemplarisch rausgenommen – absolut null Torgefahr ausstrahlt. Die Erfahrung lehrt uns ja eher, dass solche Spielertypen keinen großen Effekt in der DEL erzielen. Rein körperliches Spiel wird hierzulande nicht belohnt, oft von unfähigen Schiedsrichtern oder Disziplinarausschüssen noch bestraft, auch wenn sie uns Fans emotional vielleicht etwas mehr zusagt. Deswegen hätte ich persönlich einen ausgewogeneren Spielertyp bevorzugt.
    Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich möchte mich nicht auf einen einzelnen Spieler einschießen, an Fraser wird der Erfolg sicher nicht scheitern. Entscheidend wird es m.E. viel mehr, ob es die Coaches schaffen, die unterschiedlichen Typen langsam aber sicher stimmig auf die vier Reihen zu verteilen, sodass die hinzugewonnene Qualität im Kader auch tatsächlich ausgenutzt wird. Oder wie es Sebastian Böhm oben formuliert hat: Eine 4.Rumpelreihe hatten wir schon immer…

  13. Danke, Klaus, besser hätte ich das sicher nicht erklären können. Fraser halte ich weiterhin für die wichtigste Verpflichtung und glaube, auch wenn ich mich wiederhole, dass er seinen wahren Wert erst in den Playoffs beweisen wird. Meine Kritik bezog sich allein darauf, dass die Coaches noch keinen Weg gefunden haben, Fraser und Steckel bei Fünf-gegen-Fünf optimal zu nutzen. Irgendjemand hat das hier schon geschrieben, ich glaube auch, dass Fraser als Mittelstürmer der vierten Reihe am besten aufgehoben wäre, wahrscheinlich hätte er selbst damit auch gar kein Problem, seinen Einfluss auf den Gegner, auf das Penalty killing und das Defensivverhalten würde das nicht mindern. Heute Abend werden sie es anders probieren, auch gut, für solche Experimente ist diese 52-Spiele-Punkterunde ja bestens geeignet.

  14. So, erst Kommentare genehmigen, dann selbst schreiben.
    @Stefan:
    Unter den jüngsten Eindrücken mag es tatsächlich so aussehen, dass sich diese Mannschaft erneut nur auf eine Reihe verlassen kann (und in den Playoffs dann auf gar keine mehr). Ich glaube allerdings vielmehr, dass da noch die richtige Mischung gefunden werden muss. Drei Torjäger (Reimer, Heatley, Pföderl), drei Spielmacher (Pfleger, Murley, Ehliz), zwei wertvolle Rollenspieler (Steckel, Fraser), zwei (derzeit völlig ungefährliche) Unterzahlspezialisten (El-Sayed, Möchel), drei Spieler, die überall und nirgends einzuordnen wären (Buzas, Oblinger, Segal) und ein Gott – das sollte schon reichen für drei Scoring lines und ein ordentlich rumpelnden vierten Reihe. Dauert vielleicht noch ein bisschen.
    @Bidole:
    Davon bin ich jedesmal wieder aufs Neue überrascht. Und dankbar, dass sich hier mittlerweile so viele Eishockey-Fans auf immer noch wunderbarem Niveau austauschen.

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