Das Zeugnis (vielen Dank an alle)

Alle machen es: Fans, Journalisten, insgeheim auch Trainer und Manager. Noten zu vergeben, noch dazu in einer komplexen Sportart wie Eishockey, ist weiterhin unfair und denkbar subjektiv. Weil es aber auch weiterhin großen Spaß macht, haben wir die Leser unseres Eishockey-Blogs aufgerufen, uns zu unterstützen. Womit wir nicht gerechnet hatten, war die Zahl der Antworten: 49 Fans der Ice Tigers haben umfangreiche Zeugnisse geschrieben. Nach streng wissenschaftlichen Maßstäben mag das nicht repräsentativ sein. Nach unseren Maßstäben ergibt das ein ansehnliches Attest über die Bewertung der Leistung eines Spielers in der Öffentlichkeit. Und weil so viele Begründungen kein bisschen weniger kompetent und witziger ausgefallen sind als unsere eigenen Einschätzungen, haben wir zusätzlich zur Fannote (in schwarz) und der Journalistennote noch die schönsten Fankommentare hinzugenommen.
Andreas Jenike

Es hätte eine weitere unglückliche Saison für Andreas Jenike werden können. Zunächst: Schwacher Start, der seine Rolle als Nummer zwei verfestigt hat. Aber: Nach der letzten Verletzung von Jochen Reimer hat Jenike bewiesen, dass man ihn nicht mehr auf den intelligenten, ehrgeizigen, fleißigen, aber braven Ersatztorhüter reduzieren darf. Jenike ist ein Klassetorhüter und mittlerweile eine Identifikaktionsfigur der Ice Tigers.
„Ich liebe seinen Kampfgeist, wie er die anderen antreibt. Ein Goalie, der sich viel einmischt und sich glänzend selber verteidigt.“ (Bettina)
Wir: 2,5/Fans: 2,08

Jochen Reimer

Jahrelang hatten die Ice Tigers nette und überdurchschnittlich begabte Torhüter, die genau das nicht mehr nachweisen konnten, wenn es wichtig wurde. Der Bruder des Kapitäns hingegen wirbelte in seinem Torraum herum, er blockte, fing und wehrte ab, wie man das in Nürnberg schon lange nicht mehr gesehen hatte, obwohl sein Start aufgrund hartnäckiger Verletzungen unglücklicher kaum hätte sein können. Die Ice Tigers haben wieder einen Playoff-Torhüter (und mit Jenike einen, der deshalb nicht wird beweisen dürfen, dass er selbst einer ist).
„In den Playoffs hat er gezeigt, warum er noch immer zu Deutschlands Besten gehört.“ (Ein Statistiker)
Wir: 2,00/Fans: 1,92

Fredrik Eriksson

Es gibt in der DEL keinen besseren Verteidiger – zumindest läuferisch und technisch. Defensiv war Fredrik Eriksson zuletzt nicht immer auf der Höhe. Damit war er allerdings nicht alleine. In Nürnberg wird man den stillen Mann aus Örebrö vermissen.
„Gemessen an seinen großen Fähigkeiten eine unterdurchschnittliche Saison.“ (Dominik)
Wir: 2,50/Fans: 2,19

Derek Joslin

In 59 Spielen hat man gesehen, warum der Verteidiger in Nordamerika als vielversprechendes Talent gehandelt wurde. Viel öfter aber hat man gesehen, warum Derek Joslin mittlerweile in der DEL angekommen ist.
„Scheint fürs körperliche Spiel geschaffen, spielt aber nicht so, hat läuferische Schwächen.“ (AischTiger)
Wir: 3,75/Fans: 3,93

Kyle Klubertanz

Er mag nicht der schnellste und nicht der härteste sein: Kyle Klubertanz zählt aber sicher zu den cleversten Verteidigern der Liga. Zudem ist sein Schuss immer gefährlicher geworden. Zwischendurch hätte er wahrscheinlich auch von der Kabinentoilette aus ins gegnerische Tor getroffen.
„Man kann froh sein, dass er noch Vertrag hat, vor allem da der Schwede nach Köln geht.“ (Mario Engelhardt)
Wir: 2,50/Fans: 2,17

Marco Nowak

Ja, Verteidiger, noch dazu solche, die sich für Offensivverteidiger halten, reifen länger. Und ja, die schweren Schulterverletzungen haben diese Entwicklung bei Marco Nowak noch ein wenig verzögert. Aber, nein, als Erklärung für seine vogelwilde Saison reicht das allein nicht aus. Der Dresdner wird im Sommer 25 Jahre alt, den Bonus eines jungen, entwicklungsfähigen verliert er damit endgültig.
„War für viele (inklusive uns) schon ein kommender Nationalverteidiger. Die Entwicklung in den letzten beiden Spielzeiten lief aber in die falsche Richtung.“ (Norbert und Annalena)
Wir: 4,50/Fans: 3,82

David Printz

Seine Checks sind provozierend und krachend und dabei überwiegend fair – auch wenn das die DEL anders sehen mag. Die vielleicht größte Stärke von David Printz aber sieht man nicht: Der Schwede ist ein kompromissloser Teamplayer.
„Ich bin ein großer Fan, und das von Sebastian Böhm geprägte „You got printzed!” (nur stammt das leider nicht von mir, der Redakteur) ist Bestandteil meines Wortschatzes geworden. Man muss sich ehrlicherweise aber schon fragen, ob er dem Team wirklich so viel hilft, da seine Art des Körperspiels in der DEL offenbar nicht gewünscht ist.“ (booker)
Wir: 2,50/Fans: 2,39

Tim Schüle

Spätestens in den Playoffs sollten sich die Coaches Tomlinson, Tuomie und wohl auch Jiranek ernsthaft gefragt haben, warum sie diesem pfeilschnellen Verteidiger nicht jede Chance gegeben haben, sich zu einem außergewöhnlichen Spieler zu entwickeln. Tim Schüle hat sich nach fünf Jahren mit großartigen Spielen aus Nürnberg verabschiedet. Wenn es ein Problem mit dem noch immer jungen Verteidiger gegeben haben sollte, konnte man das von außen nicht erkennen.
„Hat wenig gespielt, da waren im letzten Saisonabschnitt gute Leistungen dabei, man hat aber bei ihm leider das Gefühl, dass er sich nicht weiterentwickelt.“ (Peter Herboldsheimer)
Wir: 3,00/Fans: 3,00

Marcus Weber

Auch wenn Marcus Weber nicht so wirkt, als wäre er diesbezüglich gefährdet, sollte man besser nicht schreiben, dass hier ein künftiger Nationalverteidiger heranreift (nicht jedem seiner Kollegen hat das gutgetan).
„Sein einziger wirklicher Patzer diese Saison war ausgerechnet der entscheidende im letzten Spiel. Ansonsten hat er immer solide verteidigt, checkt so gnadenlos, dass da selbst der Printz nur staunen kann und ich denke, er kann ein guter Offensivverteidiger werden. Die Frankfurter haben sich sehr gefreut, dass er so oft für sie spielen durfte.“ (Bettina)
Wir: 3,00/Fans: 3,00

JT Wyman

Vielleicht müssen die Ice Tigers James Thomas Wyman allein deshalb einen Vertrag geben, um zu sehen, ob sich seine einfache, aber clevere und mannschaftsdienliche Spielanlage in seiner zweiten Saison positiver auf das Gesamtergebnis auswirkt. Vielleicht will James Thomas Wyman das aber auch gar nicht beweisen müssen.
„War phasenweise der sicherste Verteidiger.“ (Kaddie)
Wir: 3,50/Fans: 2,64

Patrick Buzas

Fleißig, strebsam, harmlos. Menschlich ist nachvollziehbar, dass Patrick Buzas nach seinen schweren Verletzungen Schnelligkeit und Durchsetzungsvermögen eingebüßt hat. Streng sportlich betrachtet hat er den Ice Tigers aber wenig bieten können.
„War in der Vergangenheit immer wieder ein wichtiger und auffälliger deutscher Stürmer in den hinteren Reihen. In der abgelaufenen Spielzeit unauffällig und entbehrlich.“ (Some)
Wir: 5,0/Fans: 4,15

Yasin Ehliz

Die Frage hat sich längst umgedreht: Sind es doch eher Reimer und Reinprecht, die von ihrem spielstarken Nebenmann profitieren? Egal. Zusammen mit Pföderl Ehliz ist die Zukunft der Ice Tigers – und mittlerweile auch des deutschen Eishockeys
„In den Playoffs durchschnittlich, aber immer noch viel stärker als seine beiden prominenten Nebenleute, denen er leistungsmäßig aufs Jahr gesehen immer näher kommt.“ (Flo)
Wir: 1,50/Fans: 1,54

Marc El-Sayed

Kam nach Nürnberg, um das Stigma des biederen Vierte-Reihe-Stürmers loszuwerden. Verfestigte in Nürnberg seinen Status als: biederer Vierte-Reihe-Stürmer. In Unterzahl ist er unverzichtbar, ansonsten aber beweist der Hesse, dass Intelligenz und gutes Betragen in dieser Sportart nicht immer förderlich sind.
„Starker Kämpfer! Dafür, dass er nach Nürnberg gekommen ist, um sich weiterzuentwickeln, kam offensiv zu wenig.“ (Peter Herboldsheimer)
Wir: 4,50/Fans: 3,72

Connor James

So viel Aufwand, so wenig Ertrag. James wirkte gegen Saisonende, als würde er selbst das leere Tor nicht treffen. Und im ersten Spiel gegen Berlin bestätigte er diesen Eindruck, als er das leere Tor nicht traf. Der Kanadier hat 2015 nur zwei Treffer erzielt. Für einen Importstürmer ist das zu wenig.
„Nach seinem Durchhänger hat er sich wieder gesteigert. Kann den Gegner lange beschäftigen, hat aber seinen Torriecher eingebüßt.“ (Kaddie)
Wir: 4,00/Fans: 3,81

Jason Jaspers

Der Mann aus Thunder Bay ist noch immer ein Playoff-Monster – 52 Spiele lang. Wenn auch für die anderen Spieler die Playoffs anfangen, ist er mit seiner Opferbereitschaft nur noch einer von vielen. Aber natürlich ist es undenkbar, dass irgendwann ein Ice Tiger mit der Nummer 19 leidenschaftlicher Eishockey spielen wird. Unter dem Dach der Arena ist noch viel Platz für sein Trikot – selbst wenn er seine Karriere irgendwann bei einem anderen Klub beenden muss.
„Mentalitätsmonster. Noch ein weiteres Jahr hat er auch ohne Sentimentalität verdient.“ (Flo)
„Der Mensch ist ein wandelnder Schmerz – den fragen sie nur, ob die Schmerzen erträglich sind, er nickt IMMER und schmeißt sich in den nächsten Schuss. Vor ihm kann ich nur immer wieder vor Bewunderung niederknien.“ (Bettina)
Wir: 2,50/Fans: 2,28

Evan Kaufmann

Man sieht das nicht auf den ersten Blick, aber Evan Kaufmann ist der unangenehmste Gegenspieler, den die Ice Tigers zu bieten haben. Und wenn die Punkte ausbleiben, ist da immer noch seine Laufbereitschaft. Nach eineinhalb schwachen Spielzeiten reichte das zuletzt aber zu Recht nicht mehr zu prominenter Eiszeit.
„Steht vor einem Wechsel zu Holiday on Ice. Körperlich noch überforderter als James, taucht in wichtigen Spielen ab.“ (Dominik)
Wir: 4,00/Fans: 3,38

Corey Locke

Immer unterhaltsam, meist für die Fans beider Teams. Potenziell gibt es in der DEL keinen talentierten Profi, tatsächlich aber auch keinen, der so nachlässig mit seinem Potenzial umgeht. In den Playoffs war Corey Locke Nürnbergs punktbester Spieler. Nürnbergs bester Spieler war er nicht.
„Note 1 bis 6. Damit ist eigentlich alles gesagt.“ (Norbert und Annalena)
„Schwerste Frage. Zu schwer für mich.“ (booker)
Wir: 3,50/Fans: 3,12

Marius Möchel

Zwischendurch sieht es immer mal so aus, als könnte Marius Möchel doch mehr sein, als der dampfende und schnaubende und ungemein beliebte Lokalmatador. Man kann sich sicher sein, dass er hart an der Vermehrung dieser Eindrücke arbeiten wird.
„Arbeitet, läuft und trifft gelegentlich sogar. Absolut solide.“ (Dominik)
Wir: 3,50/Fans: 2,77

Alexander Oblinger

Tja, was war das los? Wie kann es sein, dass man diesen großen Blonden mit dem schnellen Schuss spätestens mit Beginn der Playoffs überhaupt nicht mehr gesehen hat? Was ist aus dem Alexander Oblinger der ersten 20 Saisonspiele geworden? Ein solch torgefährlicher Power Forward kann doch nicht einfach verschwunden sein? Oder doch?
„Muss vor den Playoffs eine Familienpackung Valium gefrühstückt haben.“ (Dominik)
Wir: 4,00/Fans: 3,33

Leo Pföderl

Nürnberg hat es Tray Tuomie zu verdanken, dass sich Deutschlands talentiertester Torjäger schon in dieser Saison offenbart hat. Der ehemalige Trainer der Ice Tigers war es, der Leo Pföderl rechtzeitig das Phlegma ausgetrieben hat. Trotzdem: Eine solch dominate Vorstellung in den Playoffs war nicht vorherzusehen.
„Sehr gute Entwicklung – hoffentlich bleibt er lange hier.“ (Rote Feder)
Wir: 2,00/Fans: 1,86

Marco Pfleger

Allein Marco Pflegers Entwicklung bewies, wie wichtig die Kooperationen mit Zweitligisten für DEL-Klubs sind. In Frankfurt hat sich der spielintelligente und uneitle Marco Pfleger wertvolles Selbstvertrauen geholt.
„Potenzial nach oben da, lernte viel in Frankfurt.“ (blackhawk)
Wir: 3,50/Fans: 3,00

Patrick Reimer

Es gibt nur einen Patrick Reimer? Naja, eher nicht. Auch im dritten Jahr in Folge hat der Kapitän seinen Schläger in den Playoffs zu fest in den Händen gehalten, weil Reimer zu viel wollte, gelang ihm nur wenig. Weil das aber den Eindruck einer abermals herausragenden Saison nicht schmälern soll, haben wir Reimer zwei Noten gegeben: eine für herausragende 52 Spiele (und in Klammern eine für acht ineffektive Playoff-Spiele).
„Selbst wenn er für seine Verhältnisse schlecht spielt, ist er einer unserer besten Spieler. Gibt nie auf, hat einen sauguten Torriecher und sich in seine Kapitänsrolle eingefunden.“ (Kaddie)
Wir: 1,0 (Playoffs: 4,50)/Fans: 1,39 (3,28)

Steven Reinprecht

Im Sommer wird Steven Reinprecht 39 Jahre alt, Alter ist für diesen großen kanadischen Sportsmann aber nur eine Zahl (die immer erst dann Bedeutung erlangt, wenn sich die Gegner in den Playoffs auf ihn konzentrieren – daher auch hier eine differenzierte Note). Nürnberg darf sich glücklich schätzen, dass Reinprecht hier noch so viel Spaß an seinem Beruf hat.
„Es ist immer wieder eine Augenweide diesem genialen Spieler zuzsehen, wie einfach Eishockey sein kann. Er ist leider auch der Beweis dafür, wie weit Deutschlands Eishockey von der Weltspitze weg ist. Mit welcher Leichtigkeit dieser Mann Eishockey zelebrieren kann, ist schon sensationell. Leider kann er aber irgendwie keine Playoffs.“ (Ein Statistiker)
Wir: 1,0 (Playoffs: 3,00)/Fans: 1,32 (3,52)

1 Kommentar in “Das Zeugnis (vielen Dank an alle)

  1. Ist wirklich toll geworden, auch in der Zeitung. Fanke für die recht zahlreiche Übernahme meiner Kommentare auch wenn es eher die bissigen waren ;-).

    Wegen mir könnte die neue Saison schon ab Montag los gehen. Geht euch ja wahrscheinlich nicht anders. Muss ein tristes Leben sein als Sportjournalist so im Sommer. Rasenschach, Feldhockey, Handball, Leichtatlethik…. alles wenig verlockend aber ab September macht euer Beruf wieder richtig Spaß 😉

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