Spiel 26: Interview, welches Interview?

Icetigers Nürnberg - Kölner Haie

Foto: Sportfoto Zink/MaWi

 

Ziemlich genau vor einer Woche habe ich eine eMail an Thomas Sabos Assistentin verfasst, mit der Bitte darum, das autorisierte Interview am Montag bis spätestens 20 Uhr zurück an die Redaktion zu senden. Besser noch wäre 18 Uhr, perfekt 16 Uhr. Um 6.33 Uhr hat sie geantwortet, um 11.31 Uhr war das Interview zurück in der Redaktion und gegen 14 Uhr samt Bild und Überschrift bearbeitet im Redaktionssystem. Vor drei Wochen hatte Christoph Benesch erstmals Kontakt bezüglich eines Interviews aufgenommen, aus verschiedenen Gründen hatte es bis zum 30. November nicht geklappt. Dann ging alles ganz schnell und unkompliziert. Thomas Sabo hatte etwas zu erzählen – und niemand anderes hat in Nürnberg das Recht, das in dieser Klarheit zu tun. Nun lässt sich wunderbar darüber streiten und nicht beweisen, ob und wie seine Aussagen das 4:3 gegen die Kölner Haie beeinflusst haben. Wenn dann, war dieser Einfluss ausschließlich positiv. Derart prächtig wurde man in der Arena bei freigelegter Eisfläche schon lange nicht mehr unterhalten.

Die Fakten: Die Thomas Sabo Ice Tigers haben ein weiteres Null-Punkte-Wochenende vermieden und das Unausweichliche hinausgezögert. Die Kölner Haie werden vorbeiziehen. Irgendwann in der zweiten Saisonhälfte. Diese Mannschaft ist viel zu tief und prominent besetzt, um ihre Zeit weiterhin in der Tabellennachbarschaft von Schwenningen, Augsburg und, tja, Berlin verbringen zu müssen. Mit dem 4:3 (0:0, 1:3, 2:0, 0:0, 1:0) nach Penalty-Schießen aber hat Nürnberg (26 Spiele/36 Punkte) seinen Vorsprung auf Köln (26/31) aber zunächst noch einmal ausbauen können.

Die Haie sind gerade einmal mit drei Spielern angetreten, die nicht mindestens 1,85 Meter lang sind. Zwei Drittel lang hatten die Ice Tigers das mit diesem schweren Jungs besetzte Karussell angeschoben, aber erst im Schlussdrittel wurde es Krupp, Ankert, vor allem aber den beiden alten Schweden so richtig schwindelig. Die Aufholjagd war auch ein Triumph von Tuomies System – für die Systemdiskussion muss ich aber auf die Vorschau gegen Berlin verweisen.

Konventionell statistisch ist das nicht zu belegen: 30:19, so lautete nach zwei Dritteln die Schussstatistik zu Gunsten der Ice Tigers. Aussagekräftig ist das kaum, weil die Ice Tigers Danny aus den Birken für den Großteil dieser Schüsse zu nahe gerückt oder die Schussversuche zu harm- und zu kraftlos waren. Die 19 Schüsse der Haie waren hingegen meist gefährlich – im Gegensatz zu den acht, die noch im Schlussdrittel gezählt worden sind. Gefühlt lautete das Schussverhältnis 15:0, tatsächlich nur 12:8. Erst in der Verlängerung stimmten die gefühlte und die tatsächliche Schussstatistik (4:0) und das Kräfteverhältnis überein.

Mit Ryan Jones hat diese Liga eine Attraktion mehr (nicht, dass sie neben den Vorruheständlern Metropolit, Reinprecht und Holmqvist noch besonders viele hätte). Einen besseren Spieler kann man als DEL-Klub kaum verpflichten. Höhepunkt: Jones blockt einen Eriksson-Schlagschuss, steht sofort wieder auf, der Puck kommt wieder zu Eriksson, weil Jones aber nicht mehr in der Schussbahn steht, hechtet er sich nach dem Schuss – mit ausgestrecktem linken Arm und seinem Kopf voran.

Und dann noch diese drei Fotos (von Roland Fengler):

Ice Tigers - Kölner HaieIce Tigers - Kölner Haiesabooo1

Sieht dieser Mann so aus, als würde er ernsthaft mit dem Gedanken spielen, dass Nürnberger Profi-Eishockey im Stich zu lassen? Thomas Sabo hat gelitten, gebangt, geklatscht, geschrien und gejubelt. Und wahrscheinlich hat er dieses Spiel wie jeder Eishockey-Fan mit reinem Herzen genossen.

Die Wende: Minute 54, Nürnberg führt 3:3. Das ist kein Fehler, sondern ein Gefühlszustand. Diesmal aber haben sich die Ice Tigers nicht wie in Krefeld, Wolfsburg und Schwenningen von diesem Gefühl übermannen lassen. Diesmal haben sich die Verteidiger – auch auf Anweisung von Tray Tuomie – zurückgezogen, nicht mehr an der blauen Linie gepincht. Sie waren nicht zufrieden mit diesem einen Punkt, wollten ihn aber auch nicht gleich wieder hergeben. Erst in der Verlängerung gingen sie dann wieder volles Risiko und belohnten sich mit einem rundum überzeugenden Penalty-Schießen selbst.

Aus der Mixed Zone, eins: „Ich freu mich meistens innerlich.“ (Leo Pföderl über seinen extrovertierten Nicht-Jubel nach dem 2:3. Dazu nur dieses Bild:

Sport-leo

dieses:

Sport-leo

dieses:

Sport-leo

Und eben jenes aktuelle Foto (wie alle Pföderl-Bilder von Sportfoto Zink/MaWi) aus dem Spiel gegen die Kölner Haie:

Icetigers Nürnberg - Kölner Haie

Halten wir fest: Leo Pföderl jubelt auf vielfältige Weise innerlich. Das hat aber natürlich überhaupt nichts damit zu tun, dass auch er hier:

Und dass sich junge Spieler wie Nowak, Schüle, Pföderl oder Ehliz langsam damit auseinandersetzen müssen, sich wirklich weiterzuentwickeln.

persönlich von Thomas Sabo erwähnt worden war.)

Mixed Zone, zwei: „Überhaupt nicht, ich habe das gar nicht gelesen.“ (Pföderl auf die Nachfrage, ob das nicht eventuell doch eine Reaktion auf das Interview war. Angeblich hat ihn nur sein Bruder darauf angesprochen, dabei aber nicht erwähnt, dass auch sein Name genannt worden war.)

The Good: Es war dann aber kaum ein Zufall, dass es der mit Connor James am härtesten kritisierte Evan Kaufmann war, der vor Pföderls Treffer den Puck mit einem krachenden zu Ende gefahrenen Check wieder erkämpft hatte. Sämtliche von Sabo explizit erwähnte Spieler waren auffällig. Kaufmann schoss fünfmal, James dreimal, Yasin Ehliz‘ Geniestreich machte das 3:3 möglich,  Marco Nowak ließ nur einmal Alexander Weiß ziehen (was das gewohnt bizarr entscheidende Schiedsrichterduo mit einer Strafe gegen Weiß ahndete) und überraschte ansonsten durch eine weitgehend fehlerfreie Vorstellung und Tim Schüle war zumindest im ersten Drittel Nürnbergs auffälligster Spieler. Steven Reinprecht hat danach behauptet, dass Eishockey-Spieler keine Zeitung lesen, vielleicht machen es manche aber doch heimlich.

The Bad: „Willkommen in der geilsten Stadt der Welt…“ Echt jetzt, Flo Kerschner? Wie ist das gemeint? Sexuell? Oder ernsthaft? Nürnberg ist wunderbar, aber geiler als Barcelona, San Francisco, Stockholm, Sydney, London, New York, Paris, Montreal, Berlin, Moskau, Helsinki, Rio de Janeiro, Prag und ungefähr 178 weitere Städte?

And the Ugly: Tray Tuomie redet oft von Professionalität, meint dabei aber nur selten, dass sich ein Eishockey-Profi ordentlich ernährt, früh ins Bett geht, pünktlich zum Training erscheint und sich immer die Hände wäscht, wenn er nach Hause kommt. Das setzt er ohnehin voraus. Professionell ist für Nürnbergs Cheftrainer vor allem, in Unterzahl nicht zu dritt des Gegners Tor zu bestürmen (einzig ein früher Treffer Connor James‘ hätte diesen Konter gerechtfertigt). Und professionell ist es auch nicht, auf einen anständigen Check von anständiger NHL-Härte mit einem beleidigten Crosscheck zu reagieren, danach beleidigt zur Bank zu schleichen, derweil noch mit dem Schiedsrichter zu diskutieren, damit einen Kölner Alleingang (durch Iggulden) zu ermöglichen und mit etwas Verzögerung das Kölner 3:1 (ebenfalls durch Iggulden). Tuomie war nach dieser Einlage stocksauer auf Derek Joslin, das hat er ihm in der Drittelpause auch vor versammelter Mannschaft gesagt. Wäre David Printz einsatzbereit gewesen (also nicht wie in München), hätte sich Joslin das dritte Drittel wahrscheinlich von der Bank aus ansehen dürfen.

Aus der Mixed Zone, drei: „Ich habe es dem Obi schon gesagt, wenn keine Chancen mehr da sind, dann muss man sich Gedanken machen. So lange sie da sind, macht man noch vieles richtig. Zum Glück habe ich den Yasin gehabt, der einen ganz tollen Pass gespielt hat, wo ich nur das leere Tor treffen musste.“ (Patrick Reimer über vergebene und genutzte Chancen. Unter Fußballberichterstattern und -analysten, derzeit vor allem unter Dortmunder Berichterstattern und Analysten, gilt die relative Anzahl von Großchancen übrigens als einzig relevanter Krisen-Indikator.)

Unsung three stars:

Jason Jaspers wird von einem Nürnberger Schlagschuss getroffen. Unter Schmerzen humpelt er zunächst ins eigenen Drittel, wirkt kurz von jeglichem Schmerz befreit, klärt eine kritische Situation und humpelt dann wieder mit schmerzverzerrter Miene zur Bank. Unbezahlbar, der Mann.

Vor dem Penalty-Schießen und während der Nürnberger Versuche hatte Andreas Jenike zwischen seinen Kollegen auf der Bank Platz genommen, einen kleinen Spleen leistet sich eben jeder ansonsten noch so umgängliche und intelligente Torhüter. Mit drei Gegentoren und einer Save Percentage von 88 Prozent schafft es ein Torhüter selten in die Three Stars, Jenike aber hatte einige Big Saves zum richtigen Zeitpunkt im Repertoire – nicht zuletzt beim Penalty-Schießen gegen James Johnson.

Marius Möchel war der einzige Spieler, den Thomas Sabo explizit positiv erwähnt hatte. Das führt nicht unbedingt dazu, dass man in der Kabine mit stehenden Ovationen willkommen geheißen wird. Möchel aber ist ein Blaumann-Eishockey-Profi – und die sind überall beliebt, bei Fans, Eignern, vor allem bei Teamkollegen. Auch gegen Köln zählte der echte Nürnberger wieder zu den besten Nürnbergern.

3 Kommentare in “Spiel 26: Interview, welches Interview?

  1. Danke für den tollen Bericht. Hat wieder sehr viel Spaß gemacht dies zu lesen.

    Unser Trainer (ist ja auch noch jung für einen Trainer) entwickelt sich derzeit weiter. Das war auch wieder in München zu erkennen. Als Tuomie Befürworter gefällt mir das natürlich. Auch die Rückendeckung von T. Sabo für unseren Trainer finde ich klasse.

    Deshalb geht mir die Systemdiskussion auf den Nerv. Nur weil manche Fans ständig den Trainer angehen und behaupten, das wir kein System haben, muss er sich dafür nicht rechtfertigen. Er versteht diese Dinge und wir haben ein System. Weil Spieler nun mal Fehler machen, sollte man die Kompetenz des Trainers nicht permanent in Frage stellen. Mal ganz ehrlich, welcher Fan erkennt beim Zuschauen die feinen Unterschiede zwischen einem 2-1-2, 1-1-3 one wing stay back, agressive overload usw. denn wirklich. Ich behaupte nur wenige, selbst wenn man dies in der Theorie schon mal gesehen hat. Ich nehme mich da auch nicht aus.

    Und was mir dann auch nicht gefällt. Wenn ich heute morgen in der Eishockey News lesen muss, dass die Ice Tigers bei L. Mitchell angefragt haben. Wieviel Wahrheit dran ist, kann ich nicht beurteilen (meistens ist an solchen Gerüchten schon etwas dran). Aber so etwas untergräbt die Autorität des Trainers und ist in der aktuellen Situation absolut überflüssig und kontraproduktiv. Nachdem der Platz sechs immer noch in Reichweite ist, sollten alle zusammen halten und daran arbeiten.

    So ein Spiel wie gestern braucht man auch mal, um eine Wende einzuleiten. Und so ist natürlich auch Vorfreude auf das Spiel gegen Berlin vorhanden.
    Viele Grüße, bis Mittwoch

  2. Ryan Jones wäre die perfekte Verpflichtung für die Ice Tigers gewesen. Ein echter Krieger mit Scoring-Touch. Das erste Tor geht zur Hälfte auf ihn, das zweite war sensationell.

    Starkes Comeback der Tigers, macht Lust auf Mittwoch.

  3. das eine sind starke leistungen wie am sonntag, das andere ist es diese leistungen konstant abzurufen …

    was mir zu denken gibt ist die eiszeit der ersten reihe, die gegen köln sicherlich „nördlich“ der 25 minuten war. das werden die nicht jede woche dauerhaft spielen können. aber vielleicht wächst ja das zarte pflänzchen mit jaspers-locke-james … die mannschaft würde das brauchen …

Kommentare geschlossen.