Spiel 21: Die Verwandlung der Locke

Corey Locke (ohne Helm)

Corey Locke (ohne Helm)

Schon eigenartig, wenn man zum Fußball geht und dort friert wie ein Schneider. Und wenn man dann froh ist, zum Eishockey zu dürfen, weil es da so schön warm ist in der Halle. Man könnte jetzt den Klimawandel dafür verantwortlich machen – stimmt aber nicht, sonst wären es beim Fußball ja im November 20 Grad.

Man könnte auch den Wahnsinn des Arena-Hausmeisters dafür verantwortlich machen – oder wer hat an der Heizung gedreht? Vielleicht auch die siegestrunkenen Clubfans dafür verantwortlich machen, die es möglicherweise alle nicht mehr rechtzeitig auf die Toilette geschafft haben und deshalb über den Schritt ihrer durchnässten Hose die Arena aufheizen… wie dem auch sei: es war sehr warm beim Eishockey. Den Clubfans wird das gefallen haben, denn so konnten sie ihre AntiFü-Mützen abnehmen und sich mitten im Winter vielleicht für eine andere Sportart begeistern. Die Icetigers hätten  es verdient, wenn sie öfters kämen, das Spiel gegen die Eisbären war jedenfalls beste Werbung!

Die Fakten: Die Thomas Sabo Ice Tigers haben den Rekordmeister an diesem Sonntagabend überholt. Sie stehen damit auf Rang neun, zurück in den Play-Off-Rängen. Das, glaubt man Tray Tuomie, darf aber erst der Anfang sein. „Wir haben eine neue Mentalität“, sagte der Trainer. Auch Patrick Reimer meinte: „Wir dürfen nach dem nächsten kleinen Schritt heute nicht denken, dass wir schon etwas erreicht haben. Nein, wir müssen so weitermachen, um einen großen zu tun.“

Aus der Pressekonferenz, eins: „Erste Frage, Jeff, Du kennst Dich aus in Berlin: Wann wird Euer Flughafen endlich fertig?“ (Dippi)

Die Wende: War, das kann man jetzt nach zwei deutlich stärkeren Auftritten in Wolfsburg und zu Hause gegen die Eisbären sagen: die Länderspielpause. Seitdem die Mannschaft Tray Tuomie ein wenig anders kennengelernt hat, scheint der Schlendrian endlich vertrieben, die Aufs- und Abs ein Ende zu haben. Ein Gegentor bringt die Mannschaft neuerdings nicht mehr völlig aus dem Tritt, so dass noch Gegentor zwei, drei und vier in den nächsten zwanzig Sekunden fallen. Gekämpft wird jetzt über 60 Minuten, der Puck notfalls auch einmal mit den Zähnen versucht zu fangen (Jaspers), oder auch mal der Schläger weggeworfen und eine Pinola-Blutgrätsche im Mittelfeld ausgepackt (Reimer).

Aus der Mixed Zone, eins: „Was macht ihr so?“ – „Arbeiten.“ – „Ja, na klar, ihr und arbeiten…“ (Marco Nowak im Smalltalk mit den Journalisten)

The Good: Die Verteidigung ist – trotz des haarsträubenden Fehlers vor dem 0:1, als Marco Nowak 14 Sekunden vor Ablauf der Eriksson-Strafe aus irgendeinem Grund den Slot verlässt und damit die entscheidenden zwei Meter von Mark Bell entfernt steht, die dieser nutzt um (den ersten – nein, den zweiten – stimmt nicht!) den dritten Nachschuss endlich an Andi Jenike vorbei im Tor unterzubringen – ebenfalls seit der Länderspielpause deutlich stabiler geworden. Auch Marco Nowak, der sich sehr offensichtlich bemüht, erst einmal wieder die einfachen Dinge richtig zu machen und die schwierigen, sprich auch die Offensive,  auslässt,  macht nur noch zwei, drei schwere Fehler pro Spiel – die, dank der Steigerung der ersten Reihe, auch nicht mehr spielentscheidend sind.

Aus der Mixed Zone, zwei: „Das war heute verdammt wichtig für den Kopf, weil wir nie aufgehört haben zu arbeiten und uns auch nicht haben von einem Gegentor aus der Ruhe bringen lassen. Diese Arbeit, die uns zuletzt gefehlt hat, war heute über sechzig Minuten da.“ (Patrick Reimer)

The Bad: Corey Locke war zwei Drittel lang ein sehr geschmähter Mann auf der Pressetribüne. Es wurde sogar schon die Aussage des Sportdirektor umgedeutet, Locke mache seine Mitspieler besser. Joachim Meyer meinte, es könne ja sein, dass Jiranek meinte, dass jeder Mitspieler neben Locke automatisch besser aussehe, weil dieser so unfassbar schlecht ist. Bis zum Schlussdrittel schien diese Argumentation sehr schlüssig. Dann hielt Locke seine Kelle in den Jaspers-Querpass und besorgte das 2:1. Und dann, ja, dann spielte Corey Locke einen Uwe-Bein-Gedächtnispass in den Lauf von Jaspers – atemberaubend, einzigartig, überragend! Es war die Vorbereitung zum 3:1 – vorher hatte Locke übrigens noch die Scheibe erkämpft. So machte Locke einen Satz von unter dem Tisch auf den Zettel der Official Three Stars. Was allein deshalb schön war, dass man noch einmal das Publikum hören durfte, wie es seinen Nachnamen ruft. Nürnbergs Fans lieben offenbar Frisuren.

Aus der Pressekonferenz, zwei: „Wir waren uns zu jederzeit sicher, wir gewinnen das Spiel. Das ist unsere, weißschonwasichmein, neue Mentalität.“ (Tray Tuomie)

Aus der Pressekonferenz, drei: „Das hat Paddie nicht gesagt, das hat ihm Flo Keller oderwiederheißtweißschonwenichmein in den Mund gelegt.“ (Tray Tuomie, angesprochen auf die Aussage Reimers nach dem Wolfsburg-Spiel, einige Spieler müssten sich Gedanken machen über ihre kämpferische Einstellung)

And the Ugly: Evan Kaufmann bleibt weiter ein Schatten seiner selbst. Haarsträubende Fehlpässe, ausgelassene Schusschancen, Alibi-Zweikämpfe, vertändelte Möglichkeiten – wo ist der dynamische Kaufmann geblieben, der unnachahmlich den Buckel ausfährt, das Kinn über die Eisnabe legt und mit Schwung und wehendem Jersey ins Angriffsdrittel saust? Der Scheiben im Spielaufbau erkämpft, mit Connor James kongenial harmoniert, trifft, punktet? Und wo ist dieser Connor James, der unbequeme Wühler in den Ecken, der wendige Angreifer, der sich traut zu schießen, der scoret und ein kongenialer Partner von diesem Evan Kaufmann ist, den es nicht mehr gibt? Die beiden (und zwei Drittel lang Corey Locke) Zwerge bleiben ziemlich genau seit ihrer Vertragsverlängerung ein Rätsel.

Unsung 3 Stars: Ron McCool, der Twistman, hat es schon vergangene Woche hier hinein geschafft. Ihm wurde zum 55. Geburtstag gratuliert. Diesmal muss ich im Namen aller Eltern aber darum bitten, dass er fortan nicht mehr kleine Kinder dazu zwingt, es ihm gleich zu tun und ihren Oberkörper zum Dance zu entblößen. Ok, stimmt, es war ein netter Gag. Aber der Twistman muss ja morgen auch keine Entschuldigung wegen Erkältung an die Schulleitung irgendeiner Grundschule unterschreiben und eine Nacht mit hustendem Sohn verbringen. Ohnehin muss der Twistman in die Wechseljahre gekommen sein, oder wie erklären sich diese Hitzewallungen und der zwanghafte Drang sich darauf zu entblößen?

Yasin Ehliz: Ebenfalls gute Partie den Youngsters, schlich sich mehrfach vors Tor trotz des Wissens, dass es da manchmal weh tun kann. Sorgte mit Reimer und dem soliden, aber nicht herausstechenden Reinprecht für viel Druck in der Paradereihe, die endlich wieder zur Stärke der vergangenen Saison gefunden hat.

Fredrik Eriksson: Starke Partie bis auf wenige Fehler vom Schweden. Scheint sich wieder zu stabilisieren nach Wochen des Wahnsinns. Nur ein Stockfehler an der blauen Linie in Überzahl, in der anfänglichen Drangphase zu viel Eigensinn, als er sich durch die Berliner Abwehr schlängelte und den besser postierten Ehliz übersah – oder schlichtweg nicht anspielen wollte. Bereitete mit seinem klugen, schnellen Spiel in Überzahl das 2:1 durch Reimer vor. Auch sonst offensiv immer gefährlich.

Und sonst: Sollte Jeff Wittig noch einmal im Heimspiel gegen die Eisbären mit einer Dynamo-Mütze Zamboni fahren, gehört er geprintzed!

 

2 Kommentare in “Spiel 21: Die Verwandlung der Locke

  1. Hallo Herr Benesch,
    zunächst einmal vielen Dank an Sie und Herrn Böhm für Ihren stets informativen, humorvollen und unterhaltsamen Ice Tiger-BLOG. Sicher das Beste, was man „online“ hinsichtlich unserer Tigers geboten bekommt.
    Das oben zum Spiel bzw. zu den Einzelkritiken („Bad/Ugly/Good/Unsung three Stars“ – GENIAL!!!) geschriebene kann man m.E. fast alles so stehen lassen. Habe allerdings gerade Evan Kaufmann deutlich verbessert gesehen, besonders was seine kämpferische Einstellung betrifft. War in den Spielen vorher deutlich schlechter. Klar, insgesamt ist da noch reichlich Luft nach oben, was natürlich auch auf Connor James zutrifft.
    Eine „gute Partie“ unserer 42 (Yasin Ehliz) habe ich auch nicht so gesehen. Liegt meiner Meinung nach hauptsächlich an ihm, dass die erste Reihe noch nicht zu 100 Prozent in Schwung gekommen ist (auch wenn’s die Einzige ist die überhaupt regelmäßig punktet und -ich sags nur ungern!- Steven Reinprecht auch noch nicht in Top-Form spielt).

  2. hmmmm, ich war am sonntag furchtbar enttäuscht von der partie. schön und gut, wenn mir jetzt jeder versucht „arbeitssiege“ schön zu reden, aber diese mannschaft ist sicherlich nicht zusammengestellt, um sich dauerhaft über kampf und leidenschaft über der grasnarbe, respektive über dem playoff strich zu halten.

    fakt ist:
    – der trainer hat es bisher nicht geschafft, der mannschaft stabilität und konstanz bei zu bringen
    – die mannschaft wird von der individuellen klasse von einzelspielern (reinsprecht, reimer, eriksson) getragen
    – die mannschaft kann in entscheidenden momenten nicht „beschleunigen“ (fitness !?)
    – der erfrischende stil der vorsaison ist komplett verflogen

    ich glaube so langsam nicht mehr daran, das tuomie der mannschaft noch eine entscheidende richtungsänderung vermitteln kann. schade, aber vermutlich hat er sich zu sehr auf das sehr gute erste jahr verlassen …

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